Fünf Tage "on the wild side"

Wild Trail Dolomiten: Auf wilden Wegen über dem Pragser Wildsee

Der Pragser Wildsee ist weltbekannt – und so richtig überlaufen. Doch drumherum liegen einsame Touren und Gipfel, die eine lokale Bergschule zu einer Traumrunde verbindet, inklusive kurzer Kletterpartien und luftiger Abseiler. Geschlafen wird in urigen Hütten, unter freiem Himmel oder im Zelt.

Wild Trail Dolomiten: Auf wilden Wegen über dem Pragser Wildsee
© Günter Kast

Wild Trail Dolomiten: Auf wilden Wegen über dem Pragser Wildsee

Kuhwiesenkopf, Kaserkopf, Hochalpen­kopf. Nie gehört? Zu wenig prominent? Erwin Steiner kennt sie alle. Der Bergführer ist hier im Pragser Tal aufgewachsen. Hat als Bub Vieh gehütet an den Flanken dieser nördlichsten Ausläufer der Dolomiten. Im unteren Teil passieren wir alte Höfe, deren Tote auch schon in Wintern vor Corona tiefgefroren aufgebahrt werden mussten, weil Friedhof und Pfarrer im Nachbartal waren, von wo aus die Besiedlung erfolgt war.

Erwin führt uns weglos über Grashänge bergan, bis sich der Blick zum Pustertal öffnet. Wir genießen die Stille: keine Menschen, keine Markierungen, keine bewirtschafteten Hütten. Den Anstieg zum 2414 Meter hohen Kaserkopf erleichtert eine kurze Ferrata mit neuen Stahlseilen, obwohl hier nur selten jemand herumturnt. Erwin deutet auf die erodierten Hänge. "Sie rutschen ab, weil sie nicht mehr beweidet werden. Das Gras wird lang und zieht im Frühjahr den Schnee mit, sodass sich Risse im Boden bilden."

Hoch über dem Pragser Wildsee, und weit weg vom Trubel

Vom Kaserkopf aus zieht sich der Weg über den Grat der Spitzköfel, vorbei an markanten und vom Umkippen bedrohten Felsköpfen, die sehr treffend "Besoffene Pragser" heißen. An der Kaseralm (1937 m) passt ein Mädchen auf die Kühe auf und verkauft nebenbei Getränke, falls sich jemand hierher verirrt. Es ist ein eher optimistisches Geschäftsmodell.

<p>Zu schön, um still zu ruhen: der idyllische Wildsee inmitten der Pragser Dolomiten.</p>

Zu schön, um still zu ruhen: der idyllische Wildsee inmitten der Pragser Dolomiten.

© Günter Kast

Durch dichten Wald kämpfen wir uns weiter nach unten. Wind- und Schneebruch haben aus den Stämmen überdimensio­nale Mikado-Stäbe gemacht, die wir überklettern oder umgehen. Wir kraxeln über einen letzten Weidezaun, dann sind wir im Talboden, auf knapp 1500 Meter Höhe. Ganz nah am See. An DEM See.

"Und am Ende der Straße steht ein Haus am See …", singt Peter Fox. Das ist tatsächlich auch am Pragser Wildsee so. Das Haus dort ist das ehemalige Grandhotel, in dem Erzherzog Franz Ferdinand einen ganzen Sommer mit seiner Familie verbrachte. Damals parkten vor der Herberge die Luxuskarossen des Hochadels aus der k.u.k.-Zeit. Später löste Franz Ferdinands Ermordung in Sarajevo den Ersten Weltkrieg aus. Plötzlich war der Brenner gesperrt, die Südtiroler mussten sich damit abfinden, nicht mehr Teil Österreichs, sondern Italiens zu sein.

<p>Da ist der Weg weg: über­aschendes Fußbad nach Platzregen jenseits der Grünwaldalm.</p>

Da ist der Weg weg: über­aschendes Fußbad nach Platzregen jenseits der Grünwaldalm.

© Günter Kast

Soap-Fans in den Dolomiten, aber nur im Tal

Die Menschenmassen, die selbst jetzt in Coronazeiten den See belagern, scheinen sich weniger für Geschichte und mehr für Instagram-taugliche Fotos zu interessieren. "Wir hatten Tage mit einer fünfstelligen Besucherzahl", erzählt Erwin. Der Talschluss wurde zu einem Symbol des Übertourismus. Für private Pkw gilt ein Durchfahrverbot, wenn der Seeparkplatz voll belegt ist.

Was viele Deutsche nicht wissen: Den Menschenauflauf provoziert haben gar nicht so sehr die Influencer in den sozialen Medien. Es war vielmehr die TV-Serie "Un passo dal cielo", die in Italien ein Quotenhit war und hierzulande als "Die Bergpolizei – Ganz nah am Himmel" im BR lief. Zwischen 2010 und 2018 drehte die RAI fast 70 Sendungen im Pragser Tal. Seitdem strömen immer mehr Fans der Soap in die Dolomiten.

<p>Zu elegant, um nicht zu staunen: beim Übergang von der Kuh­wiesenspitze zum Kaserkopf.</p>

Zu elegant, um nicht zu staunen: beim Übergang von der Kuh­wiesenspitze zum Kaserkopf.

© Günter Kast

Erwin muss grinsen, wenn er an die Serie denkt. Denn ein bisschen ist auch er an dem Rummel schuld. Er half nicht nur mit, die Dreh­orte auszuwählen, sondern doubelte auch die Kletterszenen von Terence Hill, der die Hauptrolle des Försters Pietro spielt. "Als Pietros Ehefrau im Film abstürzen sollte, fuhren wir in einen Sexshop im Tal, um für die Szene eine Gummipuppe zu kaufen", erzählt der Bergführer, der sich inzwischen gegen weitere Drehs ausgesprochen hat, damit wieder ein bisschen Ruhe einkehrt am Lago di Braies.

<p>Wilder Winkel: Balanceakt am Gratkamm vor dem Großen Seekofel.</p>

Wilder Winkel: Balanceakt am Gratkamm vor dem Großen Seekofel.

© Günter Kast

Alles andere hätte auch nicht zu ihm gepasst. Denn das Motto seiner Bergschule Globo Alpin aus Toblach lautet nun einmal: "Wo alle sind, da fehlen wir." Die "Globos" scouten gern Neuland. Sie waren die Ersten, die den Selvaggio Blu auf Sardinien erkundet hatten, sie bieten ähnlich wilde Touren auf Kalymnos und jetzt eben auch in ihren Hausbergen an. "Wir möchten jene ansprechen, die Lust auf Unbekanntes haben und die wildesten und verstecktesten Winkel der Dolomiten kennenlernen wollen", erklärt Erwin das Konzept.

Der Dolomiten Wild Trail: Einsamkeit auf allen Gipfeln und Weltkriegsgeschichte

Am folgenden Tag wird es hinter der Grünwaldalm, einem beliebten Ausflugs­ziel der See-Touristen, weil nur 100 Meter höher, noch einsamer und wilder. Der Platzregen vom Vorabend hat den Bach anschwellen lassen, wir müssen Socken und Schuhe ausziehen. Weglos steigen wir ein Kar hinauf, das von Felsen begrenzt wird, die an das Opernhaus von Sydney erinnern.

An der Seitenbachscharte (2331 m) – die Sprachgrenze zum Ladinischen haben wir bereits passiert – empfängt uns wieder Regen und stürmischer Wind. Den nicht ganz einfachen Grat zur Jú de Sénes schenken wir uns deshalb und gönnen uns einen entspannten Abend auf der Sennes-Hochebene, die ein bisschen an Tibet denken lässt.

<p>Zu steil, um frei zu steigen: die kurze Ferrata am Kaserkopf.</p>

Zu steil, um frei zu steigen: die kurze Ferrata am Kaserkopf.

© Günter Kast

Jeden Tag gewöhnen wir uns besser an das Gehen im weglosen Gelände. Unangenehme Schuttpassagen sehen wir als Herausforderung, nicht als Problem. So erreichen wir die Senneser Karspitze, 2659 Meter hoch und selten besucht. Der Übergang zum Kleinen Seekofel erfordert Schwindelfreiheit, Erwin nimmt die nicht ganz so sicheren Kandidaten ans kurze Seil. Wieder stehen wir mutterseelenallein am Gipfel, auf 2750 Meter Höhe. Wieder schauen wir hinab auf DEN See, auf das Hotel mit seiner bewegten Geschichte.

Kurz vor Kriegsende hatte die SS Sonder- und Sippenhäftlinge von Dachau nach Südtirol verfrachtet, darunter Pastor Martin Niemöller, Angehörige des Hitler-Attentäters Graf von Stauffenberg, den österreichischen Ex-Kanzler, die früheren Ministerpräsidenten von Frankreich und Ungarn, den in Ungnade gefallenen Finanzier Hitlers Fritz Thyssen.

<p>Mobile Home: aussichtsreicher Zeltplatz an der Rossalm.</p>

Mobile Home: aussichtsreicher Zeltplatz an der Rossalm.

© Günter Kast

In den Fängen des brutalen SS-Untersturmführers Ernst Bader, Mitglied eines Exekutionstrupps der Gestapo, waren sie dem Tod geweiht. Doch die Wehrmacht nutzte die Wirren zu Kriegsende und befreite die Gefangenen. Als man sie nach all den Gefahren und Qualen am Pragser Wildsee einquartierte, fühlten sie sich wie im Himmel. Viele kehrten später an diesen Ort zurück.

Alles über die Dolomiten erfahrt ihr in unserer Bildergalerie:

Von der urigen Seekofelhütte auf die Hohe Gaisl (3146 m)

An der Seekofelhütte (2327 m) begegnen wir erstmals wieder Menschen in Rudelformation. Wir finden, sie sind ein bisschen zu laut. Aber vielleicht haben wir uns einfach schon zu sehr an die Stille gewöhnt? Also schnell weiter, zur Rossalm an der Nordseite der Hohen Gaisl, dem höchsten Berg der Pragser Dolomiten (3146 m). Martin Plankensteiner, unser zweiter Bergführer, bleibt dann doch einen Moment stehen, blickt nach Osten zu den Drei Zinnen, die sich erstmals ins Bild schieben.

Sein Verharren hat einen Grund. Auch er reüssierte schon als Schauspieler. In Reinhold Messners Film "Die Große Zinne" mimt er keinen Geringeren als Franz Innerkofler, einen der Erstbesteiger. An der Rossalm haben sich die letzten Tagesgäste längst an den Abstieg gemacht, als wir dort eintrudeln. Was für ein Platz! Was für ein Kraftort! Wirt Herbert "Hebs" Krautgasser empfängt uns wie alte Freunde, kümmert sich um die Erstversorgung mit Gerstensaft, während wir mit der Sondergenehmigung, die Globo Alpin organisiert hat, die Zelte aufbauen oder einfach die Isomatten auf der Terrasse ausrollen.

<p>Hotspot der Generation Instagram: Aber hoch oben am Übergang von der Senneser Karspitze zum Kleinen Seekofel ist vom Trubel am Pragser Wildsee nichts zu spüren.</p>

Hotspot der Generation Instagram: Aber hoch oben am Übergang von der Senneser Karspitze zum Kleinen Seekofel ist vom Trubel am Pragser Wildsee nichts zu spüren.

© Günter Kast

Lager oder Zimmer gibt es auf der Rossalm nicht und normalerweise darf hier niemand übernachten. So aber wird es ein denkwürdiger und feuchtfröhlicher Abend mit viel Enzian und lustigen Geschichten von Hebs, der bereits das 29. Jahr hier oben verbringt und noch immer unbändige Lust auf das Bergleben hat. Vor dem Schlafengehen sitzen wir lange vor dem Zelt und schauen in den Sternenhimmel. Der Wildsee ist dabei in Luftlinie gar nicht so weit weg.

Am nächsten Morgen blickt Erwin zur Kleinen Gaisl hinauf. Und zu dem riesigen Felssturz, der sich hier 2016 ereignete und der heute noch wie eine klaffende Wunde aussieht. "Ich war quasi ihr Letztbesteiger", flachst der Bergführer, was nicht ganz stimmt, denn der Gipfel mit dem Kreuz blieb damals verschont. Erwin verdankt dieses seltene Privileg der Tatsache, dass er die großen, eisgefüllten Risse als Erster entdeckt hatte, nachdem ihm die Geräusche dort oben verdächtig vorgekommen waren. "Der Permafrost taut auf, es wird künftig noch mehr solcher Ereignisse geben", prophezeit Erwin.

<p>Auf Abwegen: einsamer und spektakulärer Übergang über die Seitenbachscharte zur Senneshütte.</p>

Auf Abwegen: einsamer und spektakulärer Übergang über die Seitenbachscharte zur Senneshütte.

© Günter Kast

Heute ist der Berg friedlich gestimmt. Von Block zu Block hüpfen wir dem höchsten Punkt dieser Steinwüste entgegen. Ein Steinbock ist unser einziger Zuschauer. Vom Kreuz auf 2859 Metern schauen wir hinüber zur Hohen Gaisl, auf die einer der schwierigsten Normalwege der Dolomiten führt. Nein, das wäre nichts. Uns reicht schon der lange Abstieg zur Malga Ra Stua, zuerst über ausgesetztes Schrofengelände, später über alte und von Latschen überwucherte Jägersteige. Jeder Schritt muss sitzen, Konzentration braucht es da, und zwar über die vollen 1200 Höhenmeter.

Unten, im Süden, sehen wir Cortina, wo die Schönen und Reichen gerade Passegiata machen, die Tofane, das Skigebiet. Menschen sehen wir indes nicht, nur Pfifferlinge und Steinpilze, die wir der Wirtin des Berggasthofs mitbringen. Morgen wird es noch einmal hinauf­gehen, zu Gipfeln, deren Namen wir noch nie gehört haben, die Castel de Ra Valbones oder Croda de R’Ancona heißen. Wir werden abseilen, uns sicher im zweiten Grad bewegen müssen. Jetzt aber freuen wir uns erst einmal auf Polenta, Pasta und Hirschgulasch. Wir wissen ja: Am Ende der Straße steht ein Haus … diesmal ohne See.

<p>Hausherr der Rossalm: Herbert Krautgasser (rechts) übernimmt zuverlässig die Erstversorgung der neuen Gäste.</p>

Hausherr der Rossalm: Herbert Krautgasser (rechts) übernimmt zuverlässig die Erstversorgung der neuen Gäste.

© Günter Kast

Alle Infos zum Dolomiten Wild Trail auf einen Blick

Was für eine tolle Runde: eine knappe Woche fernab der ausgetretenen Wege und der Besucherströme! Auf einsamen Pfaden geht es auf Gipfel ohne große Namen, aber mit großer Aussicht. Geschlafen wird in urigen Hütten, unter freiem Himmel oder im Zelt.

Der Wild Trail durch die Pragser Dolomiten

  • Wirkliches Kletterkönnen ist nicht notwendig, sicheres Gehen in Schutt, Schrofen und in weg­losem Gelände aber schon. Die Kletterschwierigkeiten überschreiten nie den II. Grad – wenn nötig, holt der Bergführer das Seil aus dem Rucksack. Pro Tag sind maximal 1300 Höhenmeter zu meistern.

  • BESTE ZEIT Juli bis September.

  • AUSGANGSPUNKT Toblach, 1241 m.

  • BERGFÜHRER  Globo Alpin, Bahnhofstraße 3, I-39034 Toblach, Tel. +39 0474 976139, globoalpin.com

    Die Durchquerung mit sechs Nächten und fünf Tourentagen kostet rund 1445 Euro (Stand 2024). Den geplanten Wegverlauf erhalten die Teilnehmer erst mit der Anmeldung.

  • ALPIN-TIPP Wer jetzt schon ein paar konkrete Vorschläge für Tagestouren zu großen und aussichtsreichen Gipfeln entlang der geheimen Durchquerung sucht, wird in unseren Touren­karten fündig.

<p>So sieht Einsamkeit aus: Beim Aufstieg zur Kleinen Gaisl.</p>

So sieht Einsamkeit aus: Beim Aufstieg zur Kleinen Gaisl.

© Günter Kast

Text von Günter Kast

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