Interview mit Stefan Winter mit Tipps für die Tourenplanung

DAV-Experte nach Unglück an der Vertainspitze: "Lawinensituation momentan schwer einzuschätzen"

Am 1. November ereignete sich ein Lawinenunglück an der Vertainspitze (3545 m). Aus Sicht von DAV-Bergsportexperte Stefan Winter ist die Zeit zwischen Herbst und Winter für den Bergsport eine kritische: Die Bedingungen ändern sich schnell, der Unterschied zwischen den Verhältnissen im Tal und auf dem Berg sind immens, Lawinenlageberichte werden bislang nur für die Schweiz herausgegeben. Stefan Winter ordnet die Situation ein und gibt Tipps für Touren im Spätherbst und Frühwinter.

Blick auf die Nordwand der Vertainspitze.
© Adobestock

DAV-Bergsportexperte Stefan Winter zu aktuellen Verhältnissen

Stefan, wie sieht die aktuelle Situation in den Bergen aus?

Die aktuellen Bedingungen im Gebirge sind relativ gut, denn seit Montag, 3.11., baut sich ein Hoch auf, das bis Donnerstag hält. Das heißt, die Null-Grad-Grenze steigt an, in einer Höhe von etwa 2000 Metern herrschen aktuell null Grad. Wir haben aber auch den Neuschnee, den man berücksichtigen muss. Es liegen alpenweit in den Hochlagen, also über 2500 Metern Höhe, zwanzig bis achtzig Zentimeter Schnee. Hinzu kommt, dass das Tageslicht kürzer ist, die Hütten geschlossen sind und in der Folge die Tourenplanung einen viel höheren Stellenwert hat als bei schönem Wetter im Hochsommer.

Was hat es mit der Lawinensituation auf sich?

Wir alle haben den Unfall an der Vertainspitze mitbekommen, dort wurde ein Schneebrett ausgelöst. Die Lawinensituation ist momentan schwierig einzuschätzen, denn die Lawinenwarndienste geben noch keinen täglichen Bericht für die Ostalpen heraus. In der Schweiz schaut es anders aus, da kann man auf der Homepage vom SLF nachsehen und die dortige Situation zumindest etwas adaptieren und auf die Ostalpen übertragen. Ansonsten heißt es für Bergsteiger, eigenverantwortlich vor Ort zu entscheiden, ob dort, wo ich unterwegs bin, die Gefahr besteht, eine Lawine auszulösen? Wenn ich mir unsicher bin, sollte ich dieses Gebiet komplett meiden.

<p>Der grobe Routenverlauf durch die Nordwand der Vertainspitze. </p>

Der grobe Routenverlauf durch die Nordwand der Vertainspitze. 

© Google Earth

Wie kann man sich noch informieren über die aktuellen Bedingungen?

Zum einen über den Reiter "Aktuelle Bedingungen" auf alpenvereinaktiv.com. Man kann auch Webcams nutzen im Internet und sich ein Bild verschaffen, wie viel Schnee denn tatsächlich schon liegt. Oder versuchen, telefonisch jemanden vor Ort zu erreichen und nachzufragen, ob die gewünschte Tour geht oder man eben warten sollte auf besseres Wetter.

Wer jetzt im Frühwinter zum Wandern geht, braucht auf jeden Fall sehr gutes Schuhwerk, das heißt, ein Schaft muss dabei sein, ein tief eingeschnittenes Profil. Am besten hat man Gamaschen dabei, für den Fall, dass man auf Schnee trifft. Wer weiter oben unterwegs ist, sollte zur Sicherheit noch Grödel mitnehmen. Stöcke sind auch kein Fehler, um das Gleichgewicht zu unterstützen. Hinzu kommt warme Bekleidung, Mütze, Handschuhe, für die Sicherheit eine Rettungsdecke oder ein Biwaksack und eine Stirnlampe, falls man in die Dunkelheit geraten sollte. Zusätzlich sind ein geladenes Smartphone mit einer Powerbank sinnvoll.

Haben noch geöffnet: Hüttenziele für Herbst und Winter
Schutzhütten für die kalte Jahreszeit
Haben noch geöffnet: Hüttenziele für Herbst und Winter

In diesen Hütten könnt ihr bis November oder sogar noch länger einkehren.

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Kann ich jetzt noch auf hohe Gipfel steigen?

Wo kann man jetzt noch gut zum Wandern in die Berge gehen?

Zu empfehlen sind Touren, die südseitig gelegen sind, nicht höher als die Waldgrenze gehen, vielleicht noch eine geöffnete Hütte aufweisen und kein technisch anspruchsvolles Gelände aufweisen. Je weniger Bäume auf der Tour, umso höher ist die Chance, auf trockenen Wegen unterwegs zu sein. Ansonsten muss man berücksichtigen, dass es im Wald schattig ist und der Weg oftmals nass und mit Laub bedeckt. Manchmal kann man in den Morgenstunden sogar noch auf kleine Eisplatten treffen.

Wer höher hinaus will, also über 2500 Meter und vielleicht noch einen Dreitausender ins Visier nehmen mag, muss man beachten, dass die Gletscher noch nicht komplett mit Schnee bedeckt sind. Das heißt: Es besteht Spaltensturzgefahr und man braucht alpine Erfahrung, alpine Kompetenz, also Fähigkeiten, Fertigkeiten: Wie gehe ich am Seil?, Wie nutze ich Eispickel, Steigeisen, Eisschrauben, um auch mal eine Vorsteigerin zu sichern oder einen Nachsteiger nachzuholen? etc. 

Wer dieses Können nicht hat, sollte in tieferen Regionen bleiben. Man muss auch bedenken, dass die Hütten schon geschlossen haben, das heißt wer auf hohe Gipfel steigen will, muss vom Tal aus starten, was entsprechend mehr Kondition und Fitness braucht. Oder übernachtet in einem Winterraum einer Alpenvereinshütte, den man dann bitte pfleglich behandelt, womit man sich die Anstiegshöhenmeter doch deutlich verkürzen und so ein Sicherheitspolster schaffen kann.

4 Kommentare

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Günter

Hallo,
ich bin verwundert ùber oben getroffene Aussage:
Manchmal kann man in den Morgenstunden sogar noch auf kleine Eisplatten treffen.
Ich war jetzt im Tessin auf via Alta vercasca unterwegs und bin ständig auf Eisplatten gestossen, die auch nachmittags noch gefroren waren und das sogar auf einer Höhe von 1500m.
Ich hab damit gerechnet und Steigeisen dabei und kamen auch mehrmals zum Einsatz.
Um die Jahreszeit sind Steigeisen ein Muss.

Klaus Hergesheimer

Grundsätzlich kann es in einem Forum nicht darum gehen, Schuldige auszumachen.

Die Opfer haben den höchsten Preis gezahlt. Mein Beileid gilt den Angehörigen. Schrecklich.

Hier kann es nur darum gehen, Fragen zu stellen und den Hergang zu analysieren, um für zukünftige (!) Touren daraus zu lernen.

- Eisschläuche wie an den Nordwänden der Vertainspitzes, des Ortlers oder Hochferners sind schwierig und gefährlich.
- Lawinenlageberichte sind dort nur begrenzt aussagekräftig.
- Es gab unter der Woche Neuschnee, aber am Sonntag rel. hohe Temperaturen. Ich selbst hatte mich für eine südseitige Tour in den Dolomiten entschieden.
- Fraglich, ob man bei Temperaturen über dem Gefrierpunkt überhaupt in eine solche Route einsteigen sollte.
- Es stellt sich die insbesondere Frage, warum 3 (!) Gruppen/Seilschaften noch so spät im Aufstieg unterwegs waren. Wann war der Aufbruch? Warum gab es keine Umkehrzeit, keinen Rückzug aus der Wand?

-> Es gab in der Nordwand der Vertainspitze bereits am 23.11.24 ein vergleichbares Unglück, als 2 Österreicher von einem Schneebrett, das sich 100 m unterm Gipfel gelöst hatte, mitgerissen worden waren. Einer der beiden Betroffen verstarb später im Krankenhaus. Quelle: RAI Bozen

Roland

Tom - du sagst es. die frage bleibt einfach offen. auch Feimhold Messner hat es ebenso formuliert: sicher experten in der wand, sonst steig ich da nicht ein. aber warum um 16“00? nordwände sind. on haus aus düster.. aber im november fast schon dunkel um 16:00.. ich wäre schon auf südseiten um diese zeit nicht mehr auf 3000 m unterwegs . auf normalerweise wohlgemerkt. wo bleibt nur der vernünftige alpine spürsinn der jetzigen bergsteigergeneration? ich verstehe es nicht! in all den jahrzehnten in den bergen hatte ich stets ehrfurcht und respekt vor den bergen und die touren entsprechend geplant und durchgeführt . daher ist auch alles gutgegangen. diese lawine wurde ja vermutlich durch die oberste seilschaft ausgelöst ..
tragisch ist und bleibt es allemal.

Tom

Die Einschätzung der Lawinensituation mag aktuell gerade nicht trivial sein. Letztendlich lässt sich aber aus der Windrichtung zum Zeitpunkt des Schneefalls und der folgenden Tage schon einiges ableiten.
Viel präsenter und eigentlich total vernachlässigt ist die Tatsache: Was machen 7 Personen um 16 Uhr noch in der Wand?
16 Uhr um diese Jahreszeit ist wie 19 Uhr im Sommer. Das soll nicht bedeuten, dass dies die Ursache des Unglücks ist aber Fragen stellen sich schon:
- Waren die Personen der Tour gewachsen
- War die Tour vernünftig geplant
- Warum wurde die Tour trotz Zeitverzögerung nicht abgebrochen.
Wenn man sich jetzt auf die Lawinensituation als schwer einzuschätzen fokusiert, bleibt viel Lessons Learned liegen, wozu man kein Profi sein muss um daraus zu lernen