Robert, du bist jetzt über 30 Jahre bei ALPIN. Wie hat das alles begonnen?
Ich war nicht von Anfang an fest angestellt, sondern zunächst freier Schlussredakteur. Das begann 1995, damals noch parallel zu meiner Arbeit beim Bergverlag Rother, wo ich als Lektor unter anderem die Alpenvereinsführer betreut habe.
Der Einstieg bei ALPIN ergab sich eher zufällig: Bei einem Treffen hat mich der damalige Chefredakteur Georg Schimke angesprochen, ob ich mir die Schlussredaktion vorstellen könnte. So bin ich drei Abende pro Woche nach Pöcking gefahren und habe dort die Hefte fertiggemacht. Seit dem 1. Juli 1998 bin ich dann fest in der Redaktion.
Erinnerst du dich an deine erste große Geschichte?
Ja, sehr gut sogar. Das war 1996 eine Reportage über eine Reise nach Bolivien, bei der wir mehrere Sechstausender bestiegen haben. Für mich war das etwas ganz Besonderes – nicht nur bergsteigerisch, sondern auch journalistisch. Plötzlich war ich nicht mehr nur Lektor, sondern konnte selbst Geschichten erzählen.
Wie sah die Arbeit damals im Vergleich zu heute aus?
Wenn man das mit heute vergleicht, war das fast eine andere Welt. Anfang der 90er wurde noch mit Schere und Kleber gearbeitet. Texte kamen als sogenannte "Fahnen", die man ausgeschnitten und ins Layout geklebt hat, mit Klebstoff, der ziemlich streng gerochen hat.
Später kam dann Software wie QuarkXPress, aber auch das war aus heutiger Sicht umständlich. Karten wurden teilweise noch von Hand gezeichnet und aquarelliert. Und recherchiert wurde vor allem telefonisch. Wir in der Redaktion mit den damaligen Redakteuren Clemens Kratzer und Olaf Perwitzschky haben wirklich den halben Tag am Telefon verbracht.
Heute läuft alles digital, viel schneller und effizienter. Gleichzeitig hat sich auch die Rolle verändert: Früher musste man vieles einfach wissen oder wissen, wo man nachschlägt. Heute ist Information jederzeit im Internet verfügbar.

Im Kletter-Gelände: Robert im Sandstein des Wadi Rum, Anfang der 2000er-Jahre fast noch ein exotisches Kletterziel.
Hat sich auch das Selbstverständnis von ALPIN verändert?
Definitiv. Ursprünglich war "Alpinismus", so hieß das Magazin ja früher, eher ein Fachorgan für ambitionierte Bergsteiger. Es ging um Expeditionen, Erstbesteigungen, um Dokumentation.
Heute ist ALPIN ein breiter aufgestelltes Magazin mit Geschichten zum Nachmachen. Themen wie Wandern, Skitour oder Klettersteig stehen stärker im Fokus. Gleichzeitig ist das Heft nicht mehr so nüchten, sondern emotionaler. Es geht mehr um Erleben, um Leidenschaft, um das Gefühl in den Bergen.
Ich finde auch, dass Berge früher mehr "konsumiert" wurden, ohne die Auswirkungen für die Umwelt zu berücksichtigen. Themen wie Nachhaltigkeit oder Klimawandel spielen heute eine viel größere Rolle als früher.

Mit einem Lächeln Richtung Gipfel: Das Karwendel war für Robert von Anfang an so etwas wie Bergheimat. Hier unterwegs zum Schönalmjoch im Rißbachtal.
Welche Entwicklungen im Bergsport hast du besonders intensiv erlebt?
Sehr nah begleitet habe ich die Entwicklung des Skitourengehens vom Nischensport für einige Enthusiasten hin zu einer populären alpinen Breitensportart – auch durch unsere ALPIN-Tiefschneetage, die ich von Anfang an mitgestaltet habe. Das war mit über 600 Teilnehmerinnen und Teilnehmern zeitweise das größte Skitouren-Event weltweit!
Persönlich lagen mir immer auch Hochtouren am Herzen. Gerade bei diesen Touren sieht man heute sehr deutlich die Auswirkungen des Klimawandels: Routen verändern sich, Zeitfenster verschieben sich, manches ist gar nicht mehr möglich.
![<p>Roberts neue Leidenschaft: Seit einem guten Jahrzehnt sucht er Mineralien in den Hohen Tauern.</p><!--[if !supportLineBreakNewLine]-->](https://derivates.alpin.de/image/fetch/w_660,h_480,c_fill,g_auto,q_auto:best/https%3A%2F%2Fmediadb.alpin.de%2Fcms%2FAlpinArticle%2F68%2F63668%2Frob-demmel-20260427130435.jpg)
Roberts neue Leidenschaft: Seit einem guten Jahrzehnt sucht er Mineralien in den Hohen Tauern.
Gibt es Highlights, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind?
Ein Highlight war für mich tatsächlich jedes fertige Heft. Ungefähr 330 Ausgaben habe ich mit betreut – später auch als Chef vom Dienst – und jedes Mal war es ein besonderer Moment, wenn alles rechtzeitig in die Druckerei ging. Auch die Zusammenarbeit mit unseren Autoren und Fotografen war für mich über all die Jahre immer ein großes Highlight – auch weil immer wieder neue Personen hinzukommen sind mit einem anderen, frischen Schreibstil und einem anderen fotografischen Blick auf die Berge.
Aber es gab auch stressige Situationen. Einmal fiel uns eine Titelgeschichte aus und wir mussten die ursprünglich für eine spätere Ausgabe geplante Titelgeschichte über den Dachstein vorziehen und innerhalb weniger Tage produzieren – inklusive Tourenrecherche vor Ort, Fotoshooting und Textproduktion.
Wir haben die achttägige Umrundung in Auszügen in drei Tagen durchgezogen, danach blieb kaum Zeit für die Umsetzung. Es waren noch drei Tage, um die Geschichte zu schreiben und zu layouten und die Bilder mussten auch noch rechtzeitig in die Redaktion kommen. Das ging damals eigentlich per Post. Um hier keine Zeit zu verlieren fuhr ich dem in der Steiermark beheimateten Fotografen Herbert Raffalt entgegen. Ort der konspirativen Bildübergabe war dann in der Früh um 07:00 Uhr eine Autobahnausfahrt an der A8. Diese Geschichte wurde wirklich mit heißer Nadel gestrickt, das war Arbeiten am Limit.
Gab es auch Erlebnisse, die dich persönlich geprägt haben?
Ja, mehrere. Besonders einschneidend war ein Lawinenunfall vor 15 Jahren, den ich selbst erlebt habe. Ich war mit Freunden für eine Skitour im Engadin verabredet, sie schon zur Hütte aufgestiegen. Ich bin nachts bei Vollmond alleine nachgekommen und wurde im Aufstieg von einer Lawine erfasst. Ich hatte großes Glück und konnte mich selbst befreien. Danach hat sich mein Risikobewusstsein komplett verändert. Ich bin seitdem deutlich vorsichtiger unterwegs.
Auch der Tod von Kollegen, etwa des Fotografen und Autors Ralf Gantzhorn, hat mich sehr beschäftigt. Ralf ist am 24. Juni 2020 beim Abseilen bei einer Klettertour in der Schweiz tödlich verunglückt und hinterließ Frau und Kinder. Solche Ereignisse führen einem die Risiken im Bergsport sehr deutlich und überaus schmerzhaft vor Augen.
Was wird dir im Ruhestand fehlen und was eher nicht?
Was mir sicher fehlen wird, ist der soziale Austausch. Auch wenn zuletzt viel im Homeoffice lief: Man ist ständig im Kontakt, telefoniert, arbeitet zusammen. Das fällt weg und diese soziale Komponente des Arbeitens wird mir sehr fehlen. Nicht vermissen werde ich die Heftschlussphase. Die war oft mit großem Druck verbunden.
Und was hast du dir für die Zeit danach vorgenommen?
Ich freue mich darauf, freier entscheiden zu können – zum Beispiel, wann ich in die Berge gehe. Nicht mehr nach Zeit, sondern nach Bedingungen.
Privat wird die Familie eine größere Rolle spielen, ich bin vor Kurzem Großvater geworden. Außerdem habe ich viele kleinere Projekte: Ich möchte mehr fischen gehen, mich um unser Grundstück kümmern und natürlich weiterhin in die Berge.
Ein paar bergsteigerische Ziele habe ich auch noch. Ich möchte an meiner Viertausender-Sammlung arbeiten, da bin ich bei 48 stecken geblieben, es ist also noch etwas zu tun. Vielleicht klappt es auch noch einmal mit einer Reise in die Anden und dort mit der Besteigung eines Sechstausenders!
Zum Abschluss: Was möchtest du den Leserinnen und Lesern mitgeben?
Vor allem, dass die Berge nichts Selbstverständliches sind. Sie sind ein wertvolles Gut, das wir schützen müssen. Ich würde mir wünschen, dass wir bewusster unterwegs sind: weniger oft, dafür intensiver. Vielleicht auch mal länger bleiben, statt nur schnell rauf und runter. Weniger ist oft mehr – gerade in den Bergen.
![Abenteuer in den Bergen: Robert Demmel (re.) in den frühen 90er-Jahren auf Expedition in der bolivianischen Cordillera Real.<br><br><!--[if !supportLineBreakNewLine]--><!--[endif]-->](https://derivates.alpin.de/image/fetch/w_1200,h_600,c_fill,g_auto,q_auto:best/https%3A%2F%2Fmediadb.alpin.de%2Fcms%2FAlpinArticle%2F68%2F63668%2Finterview-robert-demmel-20260414175308.png)


1 Kommentar
Kommentar schreibenDas Schlusswort
"Vor allem, dass die Berge nichts Selbstverständliches sind. Sie sind ein wertvolles Gut, das wir schützen müssen. Ich würde mir wünschen, dass wir bewusster unterwegs sind: weniger oft, dafür intensiver. Vielleicht auch mal länger bleiben, statt nur schnell rauf und runter. Weniger ist oft mehr – gerade in den Bergen."
klingt wie ein Vermächtnis von Herrn Demmel, womit sich ALPIN und die Lesenden für mindestens ein Jahr heft- und webportalfüllend auseinandersetzen können.
Für mich sind die Berge natürlich selbstverständlich, wie auch der Rest der Natur, wo auch immer (z.B. in den Städten), der nicht weniger schützenswert ist. Ebenso selbstverständlich ist der Facettenreichtum der menschlichen Natur und Kultur. Die Bergwelt für vergleichsweise besonders schützenwert zu erklären, ist jedenfalls ein interessanter Ansatz, über den man diskutieren kann.
Laut Autorenbeschreibung in seinem schönen Buch "AUSTRIA ALPIN - Große Gipfel in Österreich" (3. Auflage 2021) ist Herr Demmel seit über dreißig [30] Jahren als Reisender und Schreibender in Sachen Bergsport unterwegs, bevorzugt in den österreichischen Alpen.
Dagegen bin ich (aus München, das täglich von Touristen geflutet wird, worüber ich mich aber zu Recht nicht aufrege, weil die Menschen halt so sind), der 2023 als 50-Jähriger mit dem Berggehen angefangen hat, seit nunmehr fast drei [3] Jahren in Sachen Bergsport unterwegs, bevorzugt an Watzmann, Kalter, Alpspitze, Zugspitze, Wiesbachhorn und Glockner, und zwar immer als Tagestour ohne Hüttenübernachtung, immer mit dem Auto, immer schnell und intensiv, immer bewusst und fast immer allein, das ganze Jahr über, wenn möglich, jedes Wochenende, oft zweimal.
Mein Bergverhalten ist zugegeben egozentrisch, keine Frage.
Aber muss ich mich jetzt wegen meines Bergstils wirklich schlecht fühlen, wie ich es dem Schlusswort von Herrn Demmel und den Wünschen der Alpenvereine und Naturschutzverbände entnehmen könnte?
Zusatzinformationen:
Ich fahre jeden Werktag bei grundsätzlich fast jedem Wetter mehrere Kilometer mit dem Rad zur Arbeit in die Münchner Innenstadt, vorbei an sich hinein- und hinausstauenden Autos, ich fliege nie, mache nie Urlaub neben meinen Bergtouren, habe Europa noch nie verlassen, war also weder in Nepal, wie gefühlt jeder Zweite, noch in den Anden, nicht einmal in den Westalpen. Dazu maße ich es mir an, den Müll anderer Leute vom Berg mit runter zu tragen und dort keinen eigenen zu hinterlassen.
Ich wette, dass mindestens die Hälfte der proaktiven Umweltschützer/-schutzverfechter einen übleren ökologischen Fußabdruck haben als ich.
Es gäbe noch viel zu sagen ...