Legende Charly Wehrle im Interview: Fast 50 Jahre Hüttenwirt in den Alpen
Er war der legendäre Wirt auf der Oberreintalhütte, auf der Reintalangerhütte und zuletzt auf der Frederick-Simms-Hütte. Fast ein halbes Jahrhundert lang hat Charly Wehrle, geboren in Wangen im Allgäu, die Berghüttenkultur mitgeprägt. Als Typ, Charakter und Herzensmensch.

- Ein Abschied ohne Wehmut: Charly Wehrle blickt zurück
- Interview mit Charly Wehrle: "Meine Mission ist erfüllt"
- Charly Wehrle: Warum er Hüttenwirt und Bergmensch wurde
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Ein Abschied ohne Wehmut: Charly Wehrle blickt zurück
Es sind Momente, die man nicht vergisst: Der Morgenwind weht an diesem Morgen Ende August 2025 alpine Frische über die Terrasse der Simms-Hütte in den Lechtaler Alpen. Im verwaschenen Hemd sitzt mir Charly Wehrle gegenüber, das graue Haar gescheitelt, den Ellbogen auf den Tisch gestützt. Vom Tal rauscht der Bach herauf, "ein Rauschen wie vom Urknall, bei dem man komplett ins Philosophieren kommt", sagt er.
Wir unterhalten uns über eine Ära, die jetzt zu Ende geht. Seine Ära: Er war Wirt auf der Oberreintalhütte, der Reintalangerhütte und zuletzt auf der Simms-Hütte. Fast ein halbes Jahrhundert lang hat Charly Wehrle, geboren in Wangen im württembergischen Allgäu, die Berghüttenkultur mitgeprägt – als Typ, Charakter und Herzensmensch.

Für ein Filmprojekt in den Lechtaler Alpen hat Georg Bayerle am Ende des Sommers 2025 Charly Wehrle auf der Frederick-Simms-Hütte getroffen.
"Ja, und jetzt kommt dein Abschied von diesem Leben. Mit welchem Gefühl?", frage ich ihn. Charly schluckt, wendet den Blick nach unten, schaut mich an, blickt wieder nach unten, dann nach oben und sucht nach den richtigen Worten: "Also ich gehe wirklich ohne Wehmut", sagt er. "Denn ja, meine Mission ist irgendwie erfüllt." In seinen Augen schimmern dabei Tränen.
Für ein weiteres Interview hätte Charly am liebsten einen langen Spaziergang "irgendwo im Allgäu" gemacht, weil ihm auf einem Weg im Gespräch so viele Dinge einfallen. Aber es geht auch so. Und er beginnt gleich mit dem Ereignis, das für ihn wie "ein Becher Ambrosia", der mythische Trank der Götter, gewesen ist: die Oberreintalhütte.
Interview mit Charly Wehrle: "Meine Mission ist erfüllt"
Wie war das, Charly, als du als Ortsfremder ausgerechnet auf diese Hütte in der Herzkammer der Garmischer Kletterszene gekommen bist?
Ich weiß noch, damals, am 14. Mai 1979; diese Zweifel, die in mir waren, ob ich das alles schaffe als Nicht-Einheimischer. Voller Zweifel war ich und komischerweise wie ich dann oben war auf der Hütte, hat sich meine Nervosität irgendwie gelegt und immer mehr gelegt. Auf jeden Fall hab` ich das Gefühl gehabt, dass ich für diesen Beruf bestimmt bin. Kann ich nicht anders erklären.
Du hattest Erfahrung mit der Stuibenhütte, einer Selbstversorgerhütte des DAV Garmisch, die du im Winter bewartet hast.
Die war viel kleiner, mit weniger Leuten, aber trotzdem war es für mich schon eine Herausforderung, vier Monate ununterbrochen nur in der Schneewüste zu hocken. An Weihnachten waren eben lauter Junggesellen da und Leute, die irgendeinen Familienkrach hatten. Irgendwie waren da oben am Heiligen Abend alle versammelt, und das war ganz harmonisch. Ich hab' jedem eine Flasche Wein geschenkt, weil ich halt so happy war, dass ich jetzt da oben bin.
Da braucht es aber natürlich schon eine besondere Liebe zur Einfachheit und auch zu den Menschen. Auch dass du dich so direkt und unverstellt auf die Situation und diese ganz elementaren Dinge einlassen kannst.
Ja, es ist tatsächlich so. Ich lese gerade ein Buch von Albert Camus über das einfache Leben und es ist das einfache Leben, das mich so fasziniert hat. Das Leben auf der Hütte und auch das Klettern in einer schwierigen Wand, wo du nichts hast, außer ein trockenes T-Shirt und ´ne Flasche Wasser zum Trinken. Ja, mehr hab´ ich eigentlich gar nicht gebraucht. Die ganzen 43 Jahre hat mich das wohlwollend begleitet, diese Einstellung vom einfachen Leben.

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