Eine der letzten wilden Nordwände der Alpen: Alpinistentrio gelingt Durchstieg@(zwischenHeadlineTag)>
Am 6. März 2025 waren die drei Alpinisten in die Nordwand der 3237 Meter hohen Punta Pioda eingestiegen. Nach drei Nächten und vier Tagen konnte das Trio am Gipfel seinen Erfolg feiern. Die Nordwand des unbekannten Berges im Bergell (Graubünden) genießt nicht denselben legendären Ruf wie die sechs großen Nordwände der Alpen. Das hat den entschiedenen Vorteil, dass sie bis dato unbestiegen war.
Ein idealer Anlaufpunkt für Schüpbachs Langzeitprojekt der "letzten wilden (Nord-)Wände der Alpen". Die erste Nacht verbrachten die Alpinisten in einer Hütte unweit des Wandfußes, die beiden folgenden biwakierten sie in der Wand. Wie Silvan Schüpbach auf Instagram schreibt, stand der Durchstieg dieser "vergessenen Wand" schon lange auf seiner Wunschliste.
Nordwand-Durchstieg erste gemeinsame Tour@(zwischenHeadlineTag)>
In Roger Schäli und Filippo Sala fand Schüpbach die idealen Begleiter für diese große Unternehmung. Denn aushalten mussten sie einiges: Während der vier gemeinsamen Tage kämpfte das Trio mit Steinschlag, eisiger Kälte und (natürlich) äußerst fordernder Kletterei.
"Obwohl wir noch nie zu dritt zusammen geklettert sind, funktionierte das Team einwandfrei", schreiben die drei in einem Post. "Wir verbrachten vier Tage in der Wand und jede Seillänge war eine echte Herausforderung; lange und komplexe Seillängen, abwechselnd mit technischer Klettertechnik und freier Kletterei! Daran werden wir uns noch lange erinnern!"
Die Kletterer bewerteten ihre 700 Meter lange Route mit M8, A3, 70°. Mit der frisch erstbegangenen "Luce e Tenebre" hat die Granitwand nun einen ersten Anlaufpunkt für erfahrene und kletterstarke Bergsteiger.

Erlebnisbericht von Silvan Schüpbach@(zwischenHeadlineTag)>
Vom 6. – 9. März klettern Roger Schäli, Filippo Sala und ich den zentralen Teil der Punta-Pioda-Nordwand. Dieser sehr steile und kompakte Wandteil war noch nie geklettert worden und bietet extreme Schwierigkeiten. Ein weiterer Meilenstein meines Langzeitprojekts, die "vergessenen" Nordwände der Alpen zu erkunden. Die Nordwand der Punta Pioda (3237m) thront beeindruckend in der Mitte der Bergeller Sciora-Gruppe.
Kaum zu glauben, dass außer einer Route im rechten Teil, noch niemand diese Wandberührt hat. Diese Wand fasziniert mich schon seit ein paar Jahren, aber bei allen Anläufen kam etwas dazwischen. So auch in diesem Winter: Im Dezember konnte ich zwar mit Ines Papert den ersten Teil auskundschaften. Ende Dezember brach ich mir aber einen Fußknochen und wir mussten das Projekt auf Eis legen.
Am 5. März steigen wir endlich zur Sciorahütte auf, die Rucksäcke sind schwer aber die Motivation hoch. In der Hütte gibt es viel zu tun, Schnee schmelzen, den Kamin ausgraben und die Holzvorräte auffüllen. Am nächsten Morgen früh steigen wir ein. Im Dezember mussten wir im ersten Wandteil bereits einige, plattige Seillängen klettern, nun ist es ein einfaches Schneefeld und wir sind schnell unter der ersten, überhängenden Steilstufe. Wir schaffen an diesem Tag nur 4 Seillängen.
Der Fels ist brüchig und sandig, wir müssen leider viel Artif klettern. Ich versuche wenigstens im Nachstieg frei zu klettern, was mir mehr oder weniger gelingt. Wir fixieren unsere ersten Seillängen mit Seilen und kehren in die Hütte zurück. Obwohl wir unglaublich langsam waren, sind wir euphorisch, denn das erste Ziel, die große Schneerinne zu erreichen, haben wir geschafft. Am nächsten Morgen starten wir unseren Push, nun wollen wir in der Wand bleiben.
Der Start ist hektisch und wir räumen die Hütten nur notdürftig auf – gemäß Hüttenbuch war in diesem Winter niemand anders hier und wir rechnen nicht mit anderen Besuchern. Nach harter Arbeit erreichen wir mittags das Ende der Fixseile mit allem Material für drei Tage in der Wand. Filippo und Roger klettern weiter, ich richte das Biwak ein. Am Nachmittag beobachte ich zwei Bergsteiger, die zur Hütte kommen. "Ausgerechnet jetzt", denke ich mir, "wir hätten besser aufräumen sollen".
Andererseits, der ausgegrabene Kamin, der aufgefüllte Holzvorrat und das Wasser auf dem Herd sollte eine Entschädigung für die schlechte Ordnung sein, versuche ich mich zu beruhigen. Doch ich sollte mich täuschen: Als Filippo und Roger zurück ins Biwak kommen, werden wir bereits auf sozialen Medien angeprangert. Natürlich fühlen wir uns schuldig und wissen, dass wir einen Fehler gemacht haben. Niemand will die Unordnung von anderen Leuten aufräumen.
Trotzdem sind wir erstaunt, dass diese Vorwürfe – von einem uns gut bekannten Kollegen – nicht direkt zu uns gelangen, sondern wir für unseren Fehler öffentlich angeprangert werden. Ich versuche, den Kollegen telefonisch zu erreichen und möchte mich entschuldigen, doch dieser ist nicht erreichbar und so bleibt mir nur eine Entschuldigung per Whatsapp. Es folgt eine kalte Nacht voller Zweifel. Den Schwierigkeiten dieser Wand zu trotzen, ist eine Sache, gleichzeitig noch der Bösewicht zu sein, eine ganz andere.
Am nächsten Morgen sagen wir uns: "Jetzt erst Recht!" Tatsächlich weicht die Bedrückung dem Bedürfnis, nun alles zu geben und diese Route zu beenden. Zum Glück darf ich als erste Seillänge unseres dritten Tages gleich einen richtig fiesen, engen Kamin klettern, die perfekte Beschäftigung, um sich auf andere Gedanken zu bringen … Weiter oben klettere ich einen sehr steilen, diagonalen Riss, welcher uns zum letzten Biwakplatz bringen sollte.
Mit guten Vorsätzen klettere ich frei im Bereich M8, stecke Cams hinter riesige lose Schuppen und lasse mir Sand und Dreck in die Augen rieseln. Doch der gute Wille lässt rasch nach und ich wechsle auf Artif-Kletterei, was zwar sehr langsam, aber auch sicherer ist. Sehr gerne überlasse ich später den Vorstieg Roger, welcher uns mit dem letzten Tageslicht zum Biwakband führt. Der arme Filippo hätte heute Ruhetag, tatsächlich muss er aber die ganze Zeit überhängende Traversen Jumaren und Haulen … und kommt genau so müde wie wir anderen beiden ins Biwak.
Der vierte Tag erlöst uns von der kalten Nacht. Ich bin ziemlich erledigt und froh, dass Filippo die Initiative ergreift. Filippo führt uns mit einem Abseiler und durch eine Rinne auf den Normalweg. Schnell führt er uns durch das kombinierte Gelände auf den Gipfel und in die Sonne, endlich mal ein bisschen warm! Dieses großartige, entbehrungsreiche Abenteuer in wilden, unbekannten Bergen in unseren Alpen wird uns noch lange in Erinnerung bleiben.
Es war unsere erste gemeinsame Unternehmung und wir haben als Team super funktioniert. Wir wünschen uns in Zukunft, dass alle Bergsteigenden die Regeln für die Winterräume in den Hütten einhalten (auch wir selbst!) und dass man Konflikte im direkten Gespräch und nicht via soziale Medien lösen sollte






2 Kommentare
Kommentar schreibenEine herausragende Leistung!
Allerdings m.E. keine N-Wand, sondern eine W-Wand.
Die Route verläuft recht des bekannten NW-Pfeilers. Links des NW-Pfeilers gibt es eine NW-Wand-Route von 1980. Die N-Wand müsste noch weiter links liegen, aber dort verläuft der Verbindungsgrat zum nächsten Gipfel.
Das ist noch wahrer Alpinismus! Einfach schön auch noch von wilden Erstbegehungen in den Alpen zu lesen, anstatt von lächerlichen Geschwindigkeitsrekorden.
Gratulation und Hut ab!