Felix Berg, Hervé Barmasse und Adam Bielecki erfolgreich

Beeindruckend: Dreierseilschaft eröffnet Route an nepalesischem Sechstausender

Und da soll noch einer sagen, der traditionelle Alpinismus sei vom Aussterben bedroht. Zum wiederholten Male beweist eine Erstbegehung das Gegenteil: Dem italienischen Spitzenalpinist Hervé Barmasse gelang am 19. Oktober 2025 gemeinsam mit dem Deutschen Felix Berg und dem Polen Adam Bielecki der erste Durchstieg der Südwand des Numbur (6958 m) im Alpinstil.

Felix Berg, Hervé Barmasse und Adam Bielecki haben eine Neutour am 6958 Meter hohen Numbur eröffnet.
© Hervé Barmasse

Von wegen Alpinstil adé: Felix Berg, Hervé Barmasse und Adam Bielecki am Numbur

Das Team erreichte am 19. Oktober den Gipfel des Numbur (6958 m) über die 1000 Meter hohe Südwand im Alpinstil, das heißt ohne Support, Sherpas, Hochlager, Fixseile und Flaschensauerstoff. Damit ist der Berg im nepalesischen Rolwaling-Tal in Nepal um eine Route reicher. Die Seilschaft bezifferte die Schwierigkeiten mit ED- bzw. VI, WI5 und M4. 

Nach einer eiskalten Biwaknacht auf 6900 Metern Höhe ohne Zelt oder Schlafsack und bei –25 °C bzw. Wind von bis zu 60 km/h konnte das Trio diesen großen Erfolg verbuchen. Felix Berg, Hervé Barmasse und Adam Bielecki entschieden sich für den sicher nicht ironisch gemeinten Namen "Nepali Ice SPA".

<p>Beeindruckende 1000 Meter kämpfte sich das Team die Wand hinauf.</p>

Beeindruckende 1000 Meter kämpfte sich das Team die Wand hinauf.

© Hervé Barmasse

Erlebnisbericht von Hervé Barmasse: "Bergsteigen lehrt uns: Es geht um den Kopf – immer um den Kopf"

"Es war ein wilder, unvorhersehbarer Aufstieg", beginnt Barmasse seine Schilderung des Aufstiegs. "Als wir den Fuß der Wand erreichten, ging es Adam nicht gut: Er musste sich übergeben, war schwach und völlig erschöpft. Er sah uns an und sagte, wir sollten ohne ihn weitergehen. Felix antwortete: 'Wir sind ein Team, lasst es uns gemeinsam versuchen. Wenn es nicht klappt, können wir ja in den nächsten Tagen wiederkommen und es erneut versuchen.' 'Danke, Jungs.' Adams Stimme durchschnitt die Luft, fest und entschlossen.

Im ersten Teil der Wand folgten wir der logischsten Linie, die das katalanische Team bereits 2016 versucht hatte. Der fantastische Aufstieg entfaltete sich durch eine Abfolge spektakulärer Eisfälle. Doch bald wich der Zauber einem Unbehagen: Eis und Steine begannen von oben herabzustürzen und gefährdeten unsere Sicherheit ernsthaft. Wir beschlossen, die von den Katalanen versuchte Linie aufzugeben und eine direktere, schwierigere und unsicherere Route zu wählen. Da traf mich durch pures Glück ein Stein an der Schulter statt am Kopf. Die Schmerzen waren stark, aber umzukehren wäre unter diesen Bedingungen noch riskanter gewesen. Wir gingen weiter.

<p>Im oberen Abschnitt der Numbur-Südwand.</p>

Im oberen Abschnitt der Numbur-Südwand.

© Hervé Barmasse

Von da an wurde die Route Meter für Meter immer interessanter, ästhetischer und unvorhersehbarer. Die Schwierigkeiten des Aufstiegs begeisterten uns, bis Klettern auf den letzten zweihundert Metern buchstäblich bedeutete, im weichen Schnee zu schwimmen, ohne jegliche Sicherung. Wir wurden langsamer, gingen Risiken ein, wohl wissend, dass ein falscher Schritt in wenigen Sekunden zum Wandfuß stürzen würde. Wir erreichten 6900 Meter. Von dort aus war es unmöglich, den Ruf des Gipfels zu ignorieren.

Doch es war spät. Wir bewegten uns unter einer Schneewechte hindurch und beschlossen zu biwakieren: ohne Zelt, ohne Schlafsack, ohne Essen. Adam hatte eine Notfallplane dabei, unter der wir Schutz suchten, saßen und Gesicht und Füße bedeckten. Zuerst scherzten wir und lachten zuversichtlich. Dann frischte der Wind auf, Böen erreichten 60 km/h, die Temperatur fiel schnell auf -25 °C. Stille breitete sich aus. Wir konzentrierten uns auf einen einzigen Gedanken: Überleben. Erfrierungen vermeiden, der Kälte trotzen, die Nacht überstehen. Für mich ohne Zweifel die schwierigste Nacht, seit ich mit dem Klettern begonnen habe.

<p> "Nepali Ice SPA" is born!</p>

"Nepali Ice SPA" is born!

© Hervé Barmasse

Die Stunden schienen endlos. Wir kuschelten uns aneinander, um uns zu wärmen. Adam hielt uns fest. Ab und zu machten Felix und ich einen Witz – Lachen wärmt ja bekanntlich das Herz. Im Morgengrauen sahen wir uns an: Wir lebten. Keine Erfrierungen. Uns ging es gut. Nun mussten wir uns entscheiden: Wollten wir das Ganze zu einem guten Versuch machen oder die erste alpine Besteigung der Südwand des Numbur schaffen? Bergsteigen lehrt uns: Es geht um den Kopf – immer um den Kopf.

Der Gipfel empfing uns. Wir waren glücklich. Es war ein 'Thriller'-Aufstieg, technisch grandios, menschlich tiefgreifend. Ein Erlebnis, bei dem wir stundenlang unsere Belastbarkeit und unsere Fähigkeit, Schmerz und Kälte zu ertragen, auf die Probe stellten. Technisch kann man für alles bereit sein. Aber für ein Abenteuer wie dieses ist man nie bereit genug. Am Ende bleibt das, was man in seinem Inneren fühlt: die Leidenschaft für das Leben und das Bewusstsein, dass die härtesten Anstiege den Gipfel zu einem Detail machen, während das Überleben gegen die Elemente die wahre Leistung ist."

<p>Felix Berg, Hervé Barmasse und Adam Bielecki in ihrem eiskalten Biwak.</p>

Felix Berg, Hervé Barmasse und Adam Bielecki in ihrem eiskalten Biwak.

© Hervé Barmasse

Über den Numbur

Der Numbur ist ein vergletscherter Berg im Rolwaling-Himal-Gebirge in Nepal. Der 6958 Meter hohe Berg liegt 43 Kilometer südwestlich des Mount Everest, an der Grenze der Gebiete Janakpur und Sagarmatha. Einer seiner östlichen Nachbarn ist der Berg Karyolung.

Die Erstbesteigung gelang einer japanischen Expedition im Frühjahr 1963 über den Südwestgrat. Hiroshi Matsuo (Japan) und Mingma Tshering Sherpa (Nepal) erreichten damals gemeinsam den Gipfel. Die letzte von Erfolg gekrönte offizielle Expedition (ebenfalls via Südwestgrat) erfolgte im Herbst 1991.

Text von Lubika Brechtel

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