"Reichweite statt Relevanz": Alexander Huber über Alex Honnolds Wolkenkratzer-Free-Solo@(zwischenHeadlineTag)>
Es ist ein Medienspektakel – keine Frage, schreibt Journalist Stefan Nestler auf seinem Blog abenteuer-berg.de. Wenn US-Topkletterer Alex Honnold in der Nacht von Freitag auf Samstag deutscher Zeit in Taiwan free solo, sprich im Alleingang und ohne jede Sicherung, den 509 Meter hohen Wolkenkratzer Taipei 101 hinaufklettert und Netflix das Ganze live streamt, wird Alexander Huber jedoch wahrscheinlich tief und fest schlafen.
"Die Besteigung des Taipei 101 wird dem Klettern keine neuen Erkenntnisse liefern, so gesehen ist die Aktion für uns als Kletterer nicht relevant", schrieb ihm der jüngere der beiden Huberbuam. "Aber natürlich wird es über Netflix eine sehr große Reichweite bekommen, und es steht Alex selbstverständlich zu, das zu machen." Huber hat in seiner langen Karriere selbst einige schwierige Touren Free Solo gemeistert – am Fels, nicht an Fassaden. Letzteres war öffentlichkeitswirksam bisher eigentlich dem Franzosen Alain Robert vorbehalten.

Der Taipei 101 ist das derzeit elfthöchste Gebäude der Welt. Von 2004 bis 2009 war er das höchste Gebäude der Welt.
Alex Honnold: Legendäres Free Solo am El Capitan@(zwischenHeadlineTag)>
Darauf weist auch Huber hin. "Mit hunderten erkletterten Gebäuden war und ist Alain Robert als ‚Human Spider‘ authentisch, bei Alex Honold denke ich eher, dass Reichweite zu generieren die Motivation ist." Er gehe nicht davon aus, so der 57-Jährige, dass das Fassadenklettern nun Honnolds "neue Berufung" werde.
Alex Honnold war 2017 auch über die Kletterszene hinaus weltweit bekannt geworden, als er als Erster ohne Seilsicherung in nur vier Stunden durch die 900 Meter hohe Granitwand des legendären El Capitan im Yosemite-Nationalpark in den USA geklettert war – auf der extrem herausfordernden Route "Freerider", die 1995 von Alexander Huber eröffnet worden war.
Der Dokumentarfilm "Free Solo" über Honnolds Aufstieg wurde 2019 mit einem Oscar ausgezeichnet und erreichte in den Kinos und später über Streaming-Dienste ein Millionenpublikum. Honnold gehört spätestens seit seinem Coup zu den Spitzenverdienern der Szene. Ein Drittel seiner Einnahmen steckt der Kletterer in seine eigene Stiftung. Die "Honnold Foundation" fördert weltweit private Solarenergie-Initiativen. Wie viel Netflix dem Kletterer für das Projekt an dem Wolkenkratzer in Taiwan zahlt, wurde nicht kommuniziert.

Extremes Zeitgeist-Phänomen: Potenziell tödliche Ereignisse live übertragen@(zwischenHeadlineTag)>
Die Live-Übertragung eines Ereignisses, das potentiell auch tödlich enden könnte, sorgt für Kritik. Netflix überschreite eine Grenze, weil bereits "das Konzept und das Setting voyeuristische Dynamiken fördern", zitiert Nestler Claudia Paganini. Die Philosophin und Theologin aus Österreich lehrt an der Universität Innsbruck, einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist Medienethik.
Das Risiko werde hier bewusst eingesetzt, um Aufmerksamkeit und Reichweite und damit auch den finanziellen Gewinn zu steigern. Damit liege die Verantwortung "nicht mehr in erster Linie beim Sportler, sondern bei den verbreitenden Medien". Zudem sei die Live-Übertragung vom Aufstieg Honnolds "geeignet, riskantes Verhalten zu normalisieren und Nachahmung zu befördern, selbst wenn man betont, dass hier ein Ausnahmeathlet handelt", warnt Paganini. "Insofern ist das geplante Vorhaben auch aus Sicht des Kinder- und Jugendschutzes sehr kritisch zu betrachten."
Bei einem solchen Live-Streaming fehle die redaktionelle Distanz, sagt Paganini: "Wenn es zu einem Unfall kommt, gibt es keine Möglichkeit mehr, Bilder zu prüfen, einzuordnen oder das Publikum und insbesondere auch die Angehörigen zu schützen." Honnold ist verheiratet und hat zwei kleine Töchter. Er klettere schon seit seiner Jugend und habe sich immer mit Risikomanagement beschäftigt, sagt er selbst. Seine Einstellung dazu habe sich nicht plötzlich dadurch verändert, dass er Kinder habe.
Alex Honnold: "Das Projekt liegt in meiner Komfortzone"@(zwischenHeadlineTag)>
Das Klettern am Taipei 101 bereitet Honnold keine schlaflosen Nächte. "Ich denke, es liegt innerhalb meiner Komfortzone", wiegelte Alex kürzlich im Podcast von Jay Shetty ab. "Es geht also nicht so sehr darum, was wäre, wenn ich sterbe?" Alain Robert war an der Fassade des Wolkenkratzer in Taiwan bereits an Weihnachten 2004 hinaufgeklettert – entgegen seiner sonstigen Gewohnheit nicht free solo. Die Regierung des Inselstaats hatte ihn für diese Aktion engagiert, um für den damals neuen Taipei 101 zu werben, und auf der Seilsicherung bestanden.
Der inzwischen 63 Jahre alte "French Spiderman" ordnet das Hochhaus von der Schwierigkeit her im mittleren Bereich ein. Es komme vor allem darauf an, nicht die Konzentration zu verlieren, sagte Robert dem Magazin "Climbing": "Was es kompliziert macht, ist, dieselbe Bewegung immer und immer wieder zu wiederholen. Aber ansonsten macht man einfach einen Schritt nach dem anderen." Er sei sich sicher, dass der US-Amerikaner den Aufstieg "ganz leicht" schaffen werde.
"Die Leute werden dich auf die Spitze pushen", sagte Alain in Honnolds Podcast "Climbing Gold": "Niemand will, dass du abstürzt."
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12 Kommentare
Kommentar schreibenLt. New York Times bekommt er für die Aktion eine fette Millionengage. Für 1,5 Std. klettern in der Komfortzone. Da wäre er schön blöd, wenn er das nicht gemacht hätte.
Typisch Red Bull !!! ??
Spricht da Reinholdmessners Nachfolger oder der Neid ? Alex ist es wurscht ob seine Aktion irgendeine Bedeutung für die Kletter Welt hat. Er erfüllt sich damit einen Traum und damit hat es für ihn Bedeutung. Er macht das für sich und für niemanden anders. Er hatte bereits geplant dieses Gebäude vor dem EL Cap zu besteigen. Es wurde aber nie genehmigt. Es sei ihm gegönnt, dass er dafür Geld bekommt. Nichts ist schöner als wenn jemand von seiner Leidenschaft leben kann. Ja er riskiert sein Leben, aber das tut jeder Skispringer, Skirennfahrer oder Formel 1 Fahrer mehrmals im Jahr und da regt sich keiner auf.
@Julian D
Wie meinen? Das Ganze wird live übertragen und nicht als Aufzeichnung.
Dann könnten wir auch Autorennen und und Skisport nicht mehr live übertragen. Da stirbt auch immer mal wieder jemand. Gleichwohl Stichwort Jugendschutz sehr fragwürdig.
Ich war selbst Hochleistungskletterer und stürzte aus etwa 12 Metern ab.
Ich habe nur mit viel Glück überlebt – mit schweren Verletzungen, auch am Kopf, Hemiplegie und langfristigen Spätfolgen. Dass ich heute noch lebe, ist nicht selbstverständlich.
Gerade aus dieser Erfahrung heraus halte ich es für verantwortungslos, wenn Alex Honnold live einen Wolkenkratzer besteigt.
Würde so etwas still, ohne medialen Rummel und kommerzielle Inszenierung stattfinden, könnte ich es eher akzeptieren.
Als ehemaliger Lehrer sehe ich jedoch ein großes Problem darin, welche Signale hier gesendet werden.
Wir sollten unsere Kinder nicht zu solchen Extremrisiken animieren oder ihnen vermitteln, dass maximaler persönlicher Einsatz für Aufmerksamkeit und Unterhaltung normal oder erstrebenswert ist.
Andy
Für mich ist es faszinierend und abschreckend zu gleich. Es hat was, wo ich sage" ich schau es mir an" und auf der anderen Seite finde so eine Inszenierung, wo es im Falle eines Sturzes, zum Tode kommt, abstoßend... Was kommt als nächstes? Gladiatorenkämpfe ? Ich werde es nicht anschauen, da a) kein Netflix und b) mir meine Nachtruhe wichtiger ist....finde es als Vorbildfunktion für junge Menschen auch gefährlich
Der Honnold weiß selber ganz genau dass die Aktion ein Witz ist. Er wirds halt als extrem gut bezahlten Arbeitstag abhaken...
Warum sollte Alex Honnolds nicht dafür sorgen, dass mit einem kurzen Schwenk seine (Renten)Kasse gefüllt wird.
David Lama kam vom Wettkampfklettern zum Alpinismus und Wolfgang Güllich wurde über die Sendung "Wetter dass ..?" und als Double in "Cliffhanger" einem breiten Publikum (=Reichweite) bekannt. Den beiden hat zum Glück keiner davon abgeraten mal was anderes zu versuchen. Beim Klettern und im Alpinismus sollten die nächsten Generationen auch ihre Freiheiten haben, sich neu und anders zu entfalten. Alexander Huber ist auf dem besten Weg der Nachfolger von Reinhold Messner als Ratgeber in allen Belangen rund ums Klettern, die Berge und das Leben überhaupt zu werden. Die Alten werden das begrüßen, die Jungen erreicht er zum Glück mit seiner Schulmeisterei nicht.
Noch eine Redaktion, die nicht versteht, dass Livestreams nicht wirklich live sind…