Skibergsteigen bei Olympia 2026: Glanz mit Beigeschmack@(zwischenHeadlineTag)>
Herr Stierle, fangen wir mit Olympia an. Skibergsteigen im Sprintformat ist olympisch – ist das für Sie ein echter Meilenstein oder eher ein PR-taugliches Format, das mit dem eigentlichen Skibergsteigen nur noch bedingt zu tun hat?
Zunächst einmal ist es natürlich eine große Ehre für einen Sport, vom IOC ins Programm aufgenommen zu werden – selbst wenn das zunächst nur vorläufig ist. Das ist eine hohe Anerkennung. Für mich ist Skibergsteigen die Königsdisziplin im Alpinismus: Man muss Skifahren können, sich mit Verhältnissen, Lawinengefahr und Wetter auskennen, mit Steigeisen und Pickel umgehen können, oft auch klettern. Das ist eine großartige Sportart. Aber wir haben eben unterschiedliche Ausprägungen. Das, was man in Bormio gesehen hat, ist etwas anderes als das, was viele von uns unter Skibergsteigen verstehen.
Vor allem die künstlichen Treppen haben viele irritiert.
Ja, das war schon befremdlich. Wenn man da eine künstliche Treppe hochläuft, hat das mit dem Skibergsteigen, wie wir es kennen, nur noch wenig zu tun. Mit diesen Treppen habe ich persönlich ein Problem, weil das einfach künstlich ist und zu einem klassischen Skibergsteiger-Wettbewerb nicht passt.
Und trotzdem sagen Sie nicht: Das ist der falsche Weg?
Nein. Ich bin schon optimistisch, dass sich die Darstellung dieses Sports noch verändern wird. Es ist gut, dass die Sportart olympischen Glanz bekommen hat. Und ich kann mir gut vorstellen, dass sich das Format weiterentwickelt – vielleicht auch wieder ein Stück näher an das, woher der Sport eigentlich kommt. Im Wintersport ist gerade sehr viel in Bewegung, da wird an vielen Stellen experimentiert.
Der DAV steht für Berge, Ehrenamt, Naturschutz. Olympia liefert Stadionkulisse, Kunstschnee, Holztreppen, enges Format. Wie passt das zusammen?
Es passt dann zusammen, wenn die Wettkämpfe in einem naturverträglichen Rahmen stattfinden. Das ist für uns entscheidend. Wir achten sehr genau darauf, wo solche Wettbewerbe ausgetragen werden. Bei Veranstaltungen wie etwa am Jenner waren von Anfang an auch unsere Naturschutzexperten eingebunden, um zu prüfen, wo sensible Bereiche sind, ob es Konflikte mit Arten wie Schnee- oder Raufußhühnern geben könnte. Unser Grundsatz ist klar: Weltcups, Weltmeisterschaften oder Europameisterschaften sollen nur in Gelände stattfinden, das aus Sicht der Natur abgesichert ist. Dann ist das auch mit unseren Grundsätzen vereinbar.

Olympischer Wettbewerb im Skimountaineering: Schneller Wettkampf im Skistadion
Der DAV betreut inzwischen mehrere olympische Disziplinen. Gleichzeitig sind die Mittel begrenzt. Was bedeutet das konkret?
Wir betreuen inzwischen drei olympische Bereiche: Klettern, Skibergsteigen und Paraclimbing. Dafür haben wir zurzeit einen Etat von etwa drei Millionen Euro. Daran sieht man schon: Das ist ein enges Korsett. Wir können uns nur kleine Kader leisten, keine große Zahl von Bundestrainern, und wir haben insgesamt wenig Spielraum. Wir tun das Notwendige – von Wissenschaft über Ernährung bis Technik und Kondition –, aber üppig ist das alles nicht.
Hinzu kommt: Als sich abgezeichnet hat, dass Skibergsteigen olympisch wird, war uns wie beim Klettern weitere Förderung in Aussicht gestellt worden. Die kam dann nicht. Das war für mich sehr ernüchternd, weil wir dieses Geld dringend gebraucht hätten.
Das heißt auch: Der Druck auf die Athletinnen und Athleten ist groß.
Natürlich. Leistungsdruck gehört im Spitzensport dazu. In den Kader kommt nur, wer zu den Besten gehört. Aber wir versuchen, bei allem sportlichen Druck die zwischenmenschlichen Beziehungen intakt zu halten. Denn wenn der Leistungsdruck hoch ist, leidet darunter manchmal genau dieser Bereich. Das versuchen wir so gut wie möglich zu dämpfen und zu optimieren.
Wenn der Sprint olympisch bleibt: Verändert das den Nachwuchs oder sogar das Skitourengehen insgesamt?
Ich glaube nicht. Skitourengehen hat sich seit Corona ohnehin zum Massensport entwickelt. Da sind auch viele junge Leute unterwegs. Der Sprint ist eine sehr spezielle Ausprägung – ähnlich wie Speed beim Klettern. Das fasziniert manche, aber der klassische Skitourengeher wird sich davon vermutlich kaum beeinflussen lassen. Im Verein gilt: Spitze braucht Breite, Breite braucht Spitze – aber ich sehe da keine große Wechselwirkung.
Einer unserer Portalmanager hat den Sprint bei Olympia in einem Kommentar für alpin.de eine "Karikatur des Skibergsteigens" genannt.
Wenn man das in Bormio mit dieser Treppe gesehen hat, dann kann ich nachvollziehen, dass jemand so schreibt.
Vorwürfe, Verunsicherung, Vertrauenskrise – was ist los im Skimo Team Germany?@(zwischenHeadlineTag)>
Kommen wir zur zweiten Baustelle: den aktuellen Vorwürfen von Athleten und der Unruhe im Skimo Team Germany. Eure eigene Kommunikation spricht von Verunsicherung und einer Angstatmosphäre. Was ist da aus Ihrer Sicht gerade los?
Die Athleten haben Ende Februar eine sehr eindrückliche Mail geschrieben, danach gab es zwei Gespräche. Beim zweiten Gespräch hatten sie ausdrücklich auch um die Teilnahme von mir als Präsident gebeten. In diesem Gespräch haben sie ihre große Verunsicherung und auch ihre Angst geschildert. Das war sehr unangenehm. Uns war dann wichtig, das möglichst objektiv aufzunehmen und darzustellen. Wenn wir das selbst zusammenfassen oder ordnen, geraten wir schnell in den Verdacht, etwas zu manipulieren.
Deshalb haben wir den Weg über eine Rechtsanwaltskanzlei gewählt. Athleten, Betreuer, Trainer und auch die ärztliche Seite konnten dort ihre Sorgen schildern. Wir bekommen diese Hinweise anonymisiert zurück und nehmen sie als Grundlage für weitere Entscheidungen. Dieser Wunsch, sich zu äußern, kam eindeutig von den Betroffenen selbst.
In der öffentlichen Wahrnehmung wirkt es aber so, als müssten nun ausgerechnet jene Athleten die Folgen tragen, die Missstände angesprochen haben.
So würde ich das nicht sagen. Wir haben die drei Athleten, die Anzeige erstattet haben, ebenfalls unterstützt – ich war selbst dabei, als wir im Dezember mit ihnen gesprochen haben. Aber wir haben eben auch die Pflicht, die anderen Athleten, Betreuer und das Umfeld zu schützen und ernst zu nehmen, wenn sie sagen: Unter diesen Umständen können wir nicht gemeinsam trainieren oder gemeinsam zu Wettkämpfen fahren.
Die Verunsicherung, die die anderen Athleten spüren, wurde nach ihrer Darstellung durch die Handlungen und Aussagen dieser drei Athleten ausgelöst. Das heißt nicht, dass das eine das andere ausschließt. Beides muss ernst genommen werden.
Also gibt es aktuell ein massives Vertrauensproblem innerhalb der Mannschaft?
Ja, das ist ganz klar. Die Athleten sprechen eindeutig davon, dass sie Sorge vor Repressalien haben, davor, falsch zitiert zu werden, und sie wollen unter allen Umständen vermeiden, in einer hochsensiblen Wettkampfsituation aufeinanderzutreffen. Für uns ist entscheidend: Wenn Athleten sagen, sie können nicht zusammen trainieren und keinen gemeinsamen Wettkampf bestreiten, dann müssen wir handeln, um den Wettkampfbetrieb zu sichern.
Der Ausschluss war also keine Sanktion im eigentlichen Sinn?
Nein, das war eine vorläufige Maßnahme. Die Saison ist ohnehin bald beendet, dann wird man weitersehen. Uns ging es darum, in einer ohnehin angespannten Situation handlungsfähig zu bleiben.
Wie blicken Sie auf die Vorgeschichte? Es geht ja auch um Leistungstests 2023 und 2024, Vorwürfe, Prüfungen, Ombudsverfahren und jetzt ein Ermittlungsverfahren.
Bei diesen Leistungstests hatte man eine Hochschule eingebunden. Es ist ziemlich sicher, dass damals nicht alles optimal gelaufen ist. In zwei Teamgesprächen wurde das anschließend aufgearbeitet; in den Folgejahren gab es keine Beanstandungen mehr. Deshalb schien der Vorgang zunächst erledigt.
Als sich dann im vergangenen Jahr abzeichnete, dass die drei Athleten keinen Kaderplatz mehr bekommen sollten, haben sie sich ans Präsidium gewandt. Wir haben ihrem Wunsch entsprochen und das an eine neutrale Stelle gegeben – an einen Vertrauensanwalt des DOSB, den sich die drei Athleten selbst ausgesucht haben. Dort wurden beide Seiten angehört und es erfolgte eine Bewertung. Anfang Dezember lag das Ergebnis vor, und wir hatten dann aus meiner Sicht ein gutes, verträgliches Gespräch.
Wir haben eine Einigung erzielt, die der Anwalt der drei Athleten auch schriftlich bestätigt hat. Kernpunkt: Die drei Athleten können bei den kommenden Wettkämpfen auf eigene Kosten starten, auch wenn sie die Nominierungskriterien nicht erfüllt haben. Das haben sie dann auch in Anspruch genommen. Danach schien das Thema zunächst vom Tisch.
Und dann kam die Anzeige.
Genau. Wenige Tage nach der Entscheidung über Olympia und die Ersatzplätze wurde in Traunstein Anzeige erstattet, begleitet von einem großen medialen Echo. Das hat uns überrascht – vor allem der Zeitpunkt.
Wie geht der DAV damit um?
Wenn es strafrechtliche Relevanz gibt, dann muss das aufgeklärt werden. Da werden wir alles beitragen, was in unserer Hand steht. Wir haben nichts zu verschleiern. Gleichzeitig mussten wir auch auf die aktuelle Belastung im Team reagieren.
Was heißt das strukturell? Muss der DAV da grundlegend nachschärfen?
Ein so junger olympischer Verband wie wir hat jeden Tag Hausaufgaben. Aber wir fangen damit nicht erst jetzt an. Wir haben bereits vor etwa einem Jahr umfassende Maßnahmen beschlossen: eine hauptamtliche Vollzeit-Geschäftsführung für den olympischen Bereich, eine eigene Ombudsstelle und die stärkere Einbindung von Athletenvertretern in unsere Gremien. Das läuft alles bereits an.
Außerdem haben wir einen klaren Verhaltenskodex für Ehrenamt und Hauptamt. An dem gibt es nichts zu rütteln. Aber natürlich müssen wir dazulernen – im Umgang mit Profikadern, in Strukturen, in der Frage, wie man Leistungstests sinnvoll ins Training übersetzt. Andere Nationen sind uns da voraus. Insofern: Ja, wir haben Hausaufgaben. Jeden Tag.
Und sportlich – wie geht es nach Mailand weiter?
Jetzt wird erst einmal die Saison abgeschlossen. Danach beginnt im Sommer der neue Aufbau. Die finanziellen Verhältnisse bleiben vorerst eng, auch wenn wir hoffen, dass sich in der Spitzensportförderung etwas verbessert. Und dann geht es darum, Jahr für Jahr die Meisterschaften, Weltcups, Europa- und Weltmeisterschaften bestmöglich zu bestreiten – und sich so gut wie möglich auf das vorzubereiten, was als Nächstes kommt. Denn nach Olympia ist vor Olympia.





5 Kommentare
Kommentar schreibenMan muss sich das mal vor Augen führen: Der DAV unterstützt die Durchführung von Großveranstaltungen im alpinen Raum, wohlwissend, dass dies nicht im Einklang mit der eigenen Klimastrategie steht. Um nun doch einigermaßen glaubwürdig aufzutreten, beschäftigt der DAV Naturschutzexperten, die genau das verhindern sollen, was Großveranstaltungen in Wirklichkeit sind: Sie sind nämlich alles andere als Umwelt- bzw. Klima-Freundlich.
Ich kann diesen Widerspruch nicht mehr in Worte fassen, weil die Lösung eigentlich ganz einfach ist: Gemäß dem Motto des DAV "Vermeiden vor Reduzieren vor Kompensieren" sollte man diese Veranstaltungen erst gar nicht stattfinden lassen und sich aus dem Spitzensport komplett raushalten.
Ein weiterer Vorteil: Man spart sich damit auch die Anwaltskosten, die bei dem beschriebenen Disput innerhalb des Skimo-Teams entstehen. Zu befürchten ist nämlich, dass diese Kosten aus dem Topf der Mitglieder-Beiträge beglichen werden.
Eine bittere Enttäuschung für diejenigen, die glauben, mit ihrem DAV-Mitgliedsbeitrag, einen sinnvollen Beitrag zum Natur- Umwelt- oder Klimaschutz beizutragen.
Skibergsteigen ist eher so Abfall;-) Das hat nichts mit dem was der Name verspricht zu tun. Auf viel zu leichten Latten Treppen hochsteigen, um dann im Anfängerstyle eine Trainingshang Abfahrt runter zu eiern...was hat das mit Sport zu tun?
Wofür? Für die Quote und für die Kohle der Funktionäre. Wenn diese nicht stimmt wird das schnell wieder abgeschafft.
Schade der der DAV so tief gesunken ist. Dafür zahlen alle Mitglieder, ob sie wollen oder nicht.
Wie negativ hat sich der DAV mit entwickelt? Der DAV ist ein Verein für Bergsteiger, Kletterer, Wanderer und andere Gruppen, die gerne ihre Zeit in den Bergen verbringen. Was soll das jetzt mit den olympischen Disziplinen? Muss das sein? Das Skibergsteigen bei Olympia war ja wohl eher eine peinliche Aktion. Selten so einen Schmarren gesehen. Auch das Klettern, bei dem man wirklich Bouldern mit Leadklettern und Speed zusammengeworfen hatte. Ein blödsinniges Format. Jetzt ja etwas verbessert. Warum zur Hölle macht man über Olympia Werbung für unseren Bergsport? Reicht es nicht, dass bereits viel zu viele Menschen Kletterfelsen nutzen, man in Klettersteigen anstehen muss, Skitourengeher Tag und Nacht in den entlegensten Winkeln unterwegs sind!? Wäre die geniale Versicherung nicht, wäre ich schon weg vom DAV.
„ junger olympischer Verband“
So sieht der Vorsitzende des größten Deutschen Breitensport- und Naturschutzvereins sich also? Da mache ich mir ernsthaft Sorgen um die Alpinisten im Deutschen Alpenverein. Ist das überhaupt mit der Satzung vereinbar und wollen die Mitglieder das wirklich?
Was soll das jetzt sein? Dilettantische Vereinsmeierei oder offene Therapiegruppe? Man weiss es nicht... es ist auch nicht annähernd so unterhaltsam wie mancher medial ausgetragener Streit nach Beziehungsende. Aber bestimmt irgenwie ein "strukturelles Problem". Ich weiss zwar nicht genau, was das sein soll, aber es klingt wichtig und scheint immer zu passen...