Rückkehr eines lange verschwundenen Alpenvogels
Der Bartgeier kehrt Schritt für Schritt in die deutschen Alpen zurück. Wie der Landesbund für Vogel- und Naturschutz in Bayern (LBV) mitteilt, sollen im Sommer 2026 erneut zwei junge Bartgeier im Nationalpark Berchtesgaden ausgewildert werden. Damit würde die Zahl der seit 2021 in Bayern freigelassenen Tiere auf zwölf steigen.
Die beiden Jungvögel kommen aus dem europäischen Erhaltungszuchtprogramm und stammen diesmal erstmals aus Zoos in Belgien und Frankreich. Für das Projekt ist das mehr als eine organisatorische Besonderheit: Die Wiederansiedlung des Bartgeiers in den Alpen funktioniert nur als internationales Netzwerk. In den vergangenen Jahren kamen die Jungvögel unter anderem aus Spanien, Finnland und Österreich nach Berchtesgaden.
Der Bartgeier wurde in den Alpen Anfang des 20. Jahrhunderts ausgerottet. In Bayern fehlte die Art rund 140 Jahre lang. Seit 1986 werden im Alpenraum wieder junge Bartgeier ausgewildert; in Deutschland startete das Projekt 2021 im Nationalpark Berchtesgaden.
Mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,90 Metern gehört der Bartgeier zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt. Trotz seiner Größe ist er kein Jäger großer Beutetiere, sondern ein spezialisierter Aasfresser. Im alpinen Ökosystem übernimmt er damit eine wichtige Rolle: Er verwertet Kadaverreste, vor allem Knochen, und trägt so zur natürlichen "Aufräumarbeit" im Gebirge bei.
Auswilderung wieder im Klausbachtal, aber ohne öffentliche Zurschaustellung
Wie in den Vorjahren sollen die noch nicht flugfähigen Jungvögel in eine Felsnische im Klausbachtal gebracht werden. Dort bleiben sie mehrere Wochen, bis sie selbstständig ausfliegen können. Das Team von LBV und Nationalpark überwacht die Tiere während dieser Zeit rund um die Uhr.
Der Nationalpark Berchtesgaden gilt für das Projekt als besonders geeignet: Das Schutzgebiet bietet störungsarme Felsbereiche, großräumige alpine Lebensräume und ein gutes natürliches Nahrungsangebot. Die Felsnische im Klausbachtal hat sich seit dem Start des Projekts als Auswilderungsort bewährt.
Eine Änderung gibt es 2026: Am Auswilderungstag soll erstmals auf eine öffentliche Präsentation der Jungvögel am Klausbachhaus verzichtet werden. Der Grund ist laut LBV eine möglichst stressfreie Ankunft und ein schneller Transport in die Felsnische. Beobachten lässt sich die Entwicklung der Tiere dennoch: Wie bisher soll eine Webcam Einblicke bis zum ersten Ausflug ermöglichen.
Ein Projekt mit langem Atem
Seit 2021 wurden im Nationalpark Berchtesgaden jedes Jahr junge Bartgeier freigelassen: Bavaria und Wally machten den Anfang, danach folgten Dagmar und Recka, Sisi und Nepomuk, Wiggerl und Vinzenz sowie 2025 Generl und Luisa.
Dass inzwischen wieder regelmäßig Bartgeier über den Berchtesgadener Alpen beobachtet werden, werten LBV und Nationalpark als Erfolg für den alpinen Artenschutz. Besonders wichtig bleibt jedoch die Entwicklung in den Ostalpen: Während sich Bartgeier in den West- und Zentralalpen seit 1997 wieder durch Freilandbruten vermehren, kommt die natürliche Reproduktion in den Ostalpen laut LBV noch langsam voran.
Spannende Anblicke für Bergsportler
Für Wanderer, Bergsteigerinnen und Skitourengeher gehört eine Bartgeier-Sichtung zu den eindrucksvollsten Naturerlebnissen in den Alpen. Die Vögel kreisen oft hoch über Felsflanken und Karen, nutzen Aufwinde entlang steiler Wände und können auf ihren Streifzügen große Distanzen zurücklegen.
Wichtig ist dabei: Abstand halten, besonders in der Nähe von Horsten, Felsnischen und markierten Schutzbereichen. Für den Erfolg solcher Projekte sind störungsarme Rückzugsräume entscheidend. Wer im Nationalpark Berchtesgaden unterwegs ist, sollte Sperrungen und Hinweise respektieren, auf den Wegen bleiben und Wildtiere nicht gezielt bedrängen oder verfolgen.



0 Kommentare
Kommentar schreiben