- Nach jahrzehntelangen Versuchen: Erstbesteigung des Jannu East
- Jannu East: Ein jahrzehntelang begehrtes Ziel
- Ein schmaler, überwächteter Grat zum Gipfel
- Jury lobt "perfekten Leichtgewichtsstil"
- Auch David Göttlers Nanga-Parbat-Expedition gewürdigt
- Die vier Gewinner der Piolets d’Or 2026 auf einen Blick
- Was sind die Piolets d’Or?
Nach jahrzehntelangen Versuchen: Erstbesteigung des Jannu East
Vier herausragende Alpin-Unternehmungen des Jahres 2025 werden mit einem Piolet d’Or 2026 ausgezeichnet. Eine davon ist die spektakuläre Erstbesteigung des 7460 Meter hohen Jannu East in Nepal: Den Franzosen Benjamin Védrines und Nicolas Jean gelang im vergangenen Oktober über die Nordwand und den Ostgrat, woran sich Alpinisten über Jahrzehnte die Zähne ausgebissen hatten. Ihre 2300 Meter lange Route "Le Sommet des Pieux" bewerteten sie mit M6 und WI5.
Neben Védrines und Jean werden Ethan Berman, Maarten van Haeren und Sebastián Pelletti für die Erstbegehung des Südostpfeilers am Ultar Sar (7388 m) ausgezeichnet. George Ponsonby und James Price erhalten einen Piolet d’Or für ihre neue Route durch die Nordwestwand des Aikache Chhok (6673 m), Bru Busom, Rubén Sanmartín und Marc Toralles für ihre große Überschreitung des Yerupajá Grande (6634 m) in Peru.
Die vier Unternehmungen stehen gleichberechtigt nebeneinander, eine Rangfolge gibt es bei den Piolets d’Or nicht. Die internationale Jury wählte sie aus der zuvor veröffentlichten "Big List" der bemerkenswertesten alpinen Leistungen des Jahres 2025 aus.
Jannu East: Ein jahrzehntelang begehrtes Ziel
Unter den vier ausgezeichneten Unternehmungen nimmt der Jannu East eine besondere Stellung ein. Der 7460 Meter hohe Gipfel im Himalaja ist über einen rund zwei Kilometer langen, schmalen Grat mit dem 7710 Meter hohen Hauptgipfel des Jannu verbunden. Obwohl sich der Ostgipfel vom Verbindungssattel aus nur relativ wenig erhebt, war seine Erstbesteigung jahrzehntelang ein begehrtes Ziel. Bereits 1991 erreichte ein Versuch in der Ostwand eine Höhe von mehr als 7000 Metern.
Ab 2022 versuchten sich amerikanische Alpinisten mehrfach an einer direkten Linie durch die steile und technisch anspruchsvolle Nordwand. Auch Védrines und Jean kannten den Berg bereits aus eigener Erfahrung. 2024 hatten sie gemeinsam mit Léo Billon eine weiter links gelegene Linie durch die Nordwand versucht, die den Ostgrat erreichen sollte. Auf etwa 6700 Metern mussten die Franzosen damals umkehren. Ein Jahr später kehrten Jean und Védrines zurück.
Ihr Unternehmen begann bereits Wochen vor dem entscheidenden Gipfelversuch. Anfang September 2025 richteten die beiden auf 4700 Metern ihr Basislager unterhalb der Nordwand ein. Zur Akklimatisation bestiegen sie zunächst einen rund 6000 Meter hohen Nebengipfel des Merra. Anschließend gelang ihnen quasi als Vorbereitung eine weitere bemerkenswerte Unternehmung: die Erstbesteigung des 6808 Meter hohen Anidesh Chuli.
Ein schmaler, überwächteter Grat zum Gipfel
Über dessen 1140 Meter langen Nordgrat erreichten sie den Gipfel in etwas mehr als sieben Stunden. Der zuvor ebenfalls erfolglos versuchte Berg wurde damit zum letzten größeren Test vor dem Jannu East. Dort setzten die Franzosen auf ihre Stärke: möglichst leicht und schnell durch technisch schwieriges Gelände in großer Höhe zu steigen. Am 12. Oktober 2025 erreichten sie ein Lager auf rund 5100 Metern am Gletscher unterhalb der Wand und präparierten die erste Seillänge. Dann ging es richtig los: 1100 Höhenmeter legten Védrines und Jean an einem einzigen Tag zurück.
Die Route führte durch steilen Schnee, über Eispassagen bis WI5 sowie eine heikle Mixed-Seillänge im Grad M6. Besonders anspruchsvoll: Große Teile der Wand boten nur schlechte Möglichkeiten für zuverlässige Sicherungen. Auf 6200 Metern bezogen die beiden ein Biwak. Von dort querten sie am folgenden Tag nach links und erreichten schließlich auf etwa 6900 Metern den Ostgrat.
Auch damit war die entscheidende Schwierigkeit noch nicht vorbei. Der Weiterweg führte über den schmalen und stark überwächteten Grat – ein Gelände, in dem nicht nur die technischen Schwierigkeiten, sondern vor allem die Routenwahl entscheidend waren. Am folgenden Tag erreichten Védrines und Jean schließlich den 7460 Meter hohen Jannu East und vollendeten damit dessen Erstbesteigung.
Jury lobt "perfekten Leichtgewichtsstil"
Der Abstieg wurde zur nächsten großen Aufgabe. Statt über eine einfachere Route abzusteigen, mussten die beiden ihre anspruchsvolle Aufstiegslinie wieder zurückverfolgen. Rund 50 Abseilmanöver sowie zusätzliche Passagen im Abklettern waren notwendig. Erst nach weiteren eineinhalb Tagen erreichten sie wieder den Fuß der Wand.
Genau diese Kombination überzeugte die internationale Jury. Sie hebt die anhaltend steile Kletterei, die wenigen zuverlässigen Sicherungsmöglichkeiten und die große technische Kompetenz hervor, die für die Begehung notwendig waren. Vor allem der Stil spielte eine entscheidende Rolle. Jean und Védrines hätten den Berg in einem, so die Jury, "perfekten Leichtgewichtsstil" bestiegen. Die Unternehmung stehe beispielhaft für das hohe athletische Niveau des modernen professionellen Alpinismus – an einem abgelegenen Berg, an dem ein Rückzug oder eine Rettung entsprechend schwierig ist.

Zwei der besten Alpinisten Frankreichs: Benjamin Védrines (li.) und Nicolas Jean (re.).
Auch David Göttlers Nanga-Parbat-Expedition gewürdigt
Eine direkte deutsche Beteiligung gibt es bei den vier Hauptpreisen nicht. Eine der prominentesten deutschen Höhenbergsteiger-Leistungen des Jahres spielt bei der Preisvergabe dennoch eine Rolle. Die Französin Tiphaine Dupérier erhält die "Special Mention for Female Mountaineering". Gewürdigt wirddabei ihre außergewöhnliche Unternehmung am Nanga Parbat: Gemeinsam mit ihrem langjährigen Partner Boris Langenstein und dem deutschen Alpinisten David Göttler gelang ihr 2025 die erste Begehung der Schell-Route im Alpinstil. Anschließend fuhren Dupérier und Langenstein vom Gipfel mit Ski ab.
Das Trio kannte die Route bereits. Schon 2024 hatten Göttler, Dupérier und Langenstein die Schell-Route auf der Rupal-Seite versucht, waren damals jedoch auf 7524 Metern umgekehrt. 2025 kehrten sie nach vorheriger Akklimatisation in Nepal zurück. Vom 21. bis 24. Juni gelang ihnen schließlich die erste Begehung der rund 3500 Meter langen Schell-Route im Alpinstil. Dupérier und Langenstein nahmen ihre Ski mit bis zum 8125 Meter hohen Gipfel.
Göttler hatte einen anderen Plan: Er wollte mit dem Gleitschirm absteigen. Direkt am Gipfel war es dafür allerdings zu windig. Deshalb begleitete er die beiden zunächst bis auf etwa 7700 Meter hinunter. Dort konnte er seinen Schirm starten und erreichte das Basislager laut Bericht innerhalb von rund einer halben Stunde. Dupérier und Langenstein setzten ihre Skiabfahrt fort. Wegen einer schneefreien Passage mussten sie die Ski kurz abschnallen, zudem war ein rund 30 Meter langes Abseilmanöver notwendig. Den überwiegenden Teil der gewaltigen Flanke bewältigten sie jedoch auf Ski. Für die beiden erfüllte sich damit ein Projekt, das sie sieben Jahre lang verfolgt hatten.
Die vier Gewinner der Piolets d’Or 2026 auf einen Blick
Jannu East (7460 m), Nepal: Nicolas Jean und Benjamin Védrines – Erstbesteigung über "Le Sommet des Pieux", 2300 m, M6/WI5.
Ultar Sar (7388 m), Pakistan: Ethan Berman, Maarten van Haeren und Sebastián Pelletti – Erstbegehung des 3100 Meter hohen Südostpfeilers über "Shooting the Moon", M5/WI4. Die Linie war zuvor über Jahrzehnte und bei zahlreichen Versuchen unbestiegen geblieben.
Aikache Chhok (6673 m), Pakistan: George Ponsonby und James Price – 3000 Meter durch die Nordwestwand über "Secrets, Shepherds, Sex and Serendipity", M7/A2+/AI5. Nach der Erstbegehung überschritten sie den Berg und stiegen über zuvor unbegangenes Gelände ab.
Yerupajá Grande (6634 m), Peru: Bru Busom, Rubén Sanmartín und Marc Toralles – "The Essence of Commitment", 1400 m, 6c+/M6+/95°, anschließend Überschreitung zum Yerupajá Sur und Abstieg über dessen Südostwand. Es war die erste vollständige Überschreitung des Berges von Osten.
Was sind die Piolets d’Or?
Der Piolet d’Or, der "Goldene Eispickel", gehört zu den bedeutendsten Auszeichnungen des internationalen Alpinismus. Anders als bei einem klassischen Wettbewerb werden die ausgezeichneten Unternehmungen nicht auf die Plätze eins bis vier gereiht. Bei der Bewertung zählen unter anderem technische Schwierigkeit, Innovationskraft, Stil, Eigenständigkeit, Commitment und Entdeckergeist. Gerade der Verzicht auf schwere Expeditionslogistik und ein möglichst selbstständiger, leichter Stil haben bei der Bewertung traditionell einen hohen Stellenwert.
2026 vergibt die Jury vier Hauptauszeichnungen. Zusätzlich erhält Tiphaine Dupérier die besondere Würdigung für Frauen im Alpinismus. Die Preisverleihung findet vom 21. bis 25. Oktober 2026 in Saint-Christophe-en-Oisans/La Bérarde in Frankreich statt.



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