Bis zu fünf Millimeter pro Woche: Felssturz am Hochvogel rückt näher
Der Hochvogel (2592 m) in den Allgäuer Alpen steht seit Jahren unter genauer Beobachtung. Ein gewaltiges Felspaket im Gipfelbereich bewegt sich langsam talwärts und könnte bald abbrechen. Nun gibt es laut BR24 neue Anzeichen dafür, dass die Entwicklung voranschreitet: Im Frühjahr registrierten Messgeräte Bewegungsraten von zeitweise bis zu fünf Millimetern pro Woche, im Juni brach ein etwa 2000 Kubikmeter großer Felsturm ab. Nach Einschätzung von Michael Krautblatter, Professor für Hangbewegungen an der Technischen Universität München (TUM), könnte damit der erwartete große Felsabbruch bereits begonnen haben.
Seit 2014 untersuchen Forschende der TUM die Bewegungen am Hochvogel. Mehr als 30 Sensoren machen den markanten Gipfel inzwischen zu einem der am intensivsten überwachten Berge Deutschlands. Zum Abschluss der diesjährigen Messsaison stieg Krautblatter mit einem fünfköpfigen Team erneut auf den Gipfel, um Messungen vorzunehmen und die Instrumente zu kontrollieren. Nicht alle hatten den Sommer überstanden: Ein Bewegungssensor war etwa durch einen Blitzschlag zerstört worden und musste ersetzt werden.
Neuer "Spalt 6" bewegt sich besonders stark
Gleichzeitig setzen die Forschenden Drohnen und Laserscanner ein. Aus den Messdaten entstehen hochauflösende 3D-Modelle, mit denen selbst kleine Veränderungen im Berg erfasst werden können. Besonders aufmerksam beobachten die Wissenschaftler inzwischen einen neuen Riss an der Südwestkante. Die Forscher bezeichnen ihn als "Spalt 6". Dort werden derzeit die größten Bewegungsraten gemessen.
Krautblatter geht davon aus, dass von diesem Bereich der erwartete große Felsabbruch ausgehen könnte. Deshalb soll dort ein weiterer seismischer Vibrationssensor installiert werden. Er registriert Erschütterungen und Schwingungen innerhalb des Gesteins und übermittelt die Daten unmittelbar an die Wissenschaftler. Die Hoffnung dahinter: Beschleunigen sich die Bewegungen und verändert sich gleichzeitig das seismische Signal des Berges, könnte sich der Zeitpunkt eines größeren Abbruchs zunehmend eingrenzen lassen.
Frühere TUM-Forschungen am Hochvogel zeigen bereits, dass sich Prozesse innerhalb des instabilen Felskörpers mit unterschiedlichen Messmethoden erfassen lassen. Dass der Hochvogel auseinanderbricht, ist kein neues Phänomen. Schon im 19. Jahrhundert beschrieb der Alpinist und Alpenerschließer Hermann von Barth den markanten Riss im Gipfelbereich. Damals soll die Kluft etwa schulterbreit gewesen sein.
Heute ist der Hauptspalt nach Angaben von BR24 stellenweise bis zu sechs Meter breit und rund 70 Meter tief. Auf der anderen Seite stehen einzelne Felspartien voneinander getrennt wie Zähne im Gipfelbereich. Warnschilder weisen Bergsteiger darauf hin, den instabilen Bereich nicht zu betreten. Die TUM hatte den Riss 2024 noch mit bis zu sechs Metern Breite, rund 35 Metern Länge und etwa 60 Metern Tiefe beschrieben.
Bis zu 400.000 Kubikmeter könnten abbrechen
Auch die Schätzungen zur möglichen Größe des Felssturzes wurden im Laufe der Forschung angepasst. Ältere wissenschaftliche Arbeiten gingen von einem instabilen Volumen von rund 260.000 Kubikmetern aus. Im aktuellen BR24-Bericht nennt Krautblatters Team eine Größenordnung von 250.000 bis 400.000 Kubikmetern. Zum Vergleich: Der Felsturm, der im Juni abbrach, hatte ein Volumen von rund 2000 Kubikmetern. Das mögliche Hauptereignis könnte also um ein Vielfaches größer ausfallen.
Wann es dazu kommt, lässt sich derzeit nicht vorhersagen. Krautblatter rechnet damit, dass sich der Zerfall noch über Jahre hinziehen kann. Entscheidend wird sein, ob die Sensoren eine weitere Beschleunigung registrieren. Wasser spielt dabei eine wichtige Rolle: TUM-Forschungen zeigen, dass Niederschlag während der schneefreien Monate die Bewegungen des instabilen Felskörpers beschleunigt. Die Reaktion erfolgt teilweise bereits wenige Stunden nach dem Regen und kann mehrere Tage anhalten. Auch Temperaturwechsel und Frost-Tau-Prozesse tragen zur Zerrüttung oberflächennaher Gesteinsbereiche bei.
Ein Freiluftlabor für Bergstürze
Für die Forschung bietet der Hochvogel eine seltene Gelegenheit: Der erwartete große Felssturz bedroht nach aktuellem Kenntnisstand keine Siedlung. Das instabile Felspaket wird in unbewohntes Gelände auf der Tiroler Seite abbrechen. Dadurch können Messverfahren unter realen Bedingungen erprobt werden, ohne dass gleichzeitig unmittelbar eine Ortschaft evakuiert werden müsste.
Die Erkenntnisse sollen später auch an anderen instabilen Bergen helfen, an denen Häuser, Straßen oder andere Infrastruktur gefährdet sind. Ziel ist letztlich ein Frühwarnsystem, das nicht nur feststellt, dass sich ein Hang bewegt, sondern anhand zunehmender Deformationen und weiterer Signale möglichst zuverlässig erkennt, wann ein kritischer Zustand erreicht wird. Dafür dient der Hochvogel der TUM seit Jahren als Referenzstandort.
Kann ich noch auf den Hochvogel steigen?
Der 2592 Meter hohe Hochvogel zählt zu den markantesten Gipfeln der Allgäuer Alpen und steht unmittelbar an der deutsch-österreichischen Grenze. Wichtig für Bergsteiger: Der traditionelle Bäumenheimer Weg von Hinterhornbach auf der Tiroler Seite ist seit 2014 wegen der zunehmenden Felsbewegungen gesperrt und würde auch im Bereich des erwarteten Felssturzes liegen. Der Normalweg von der bayerischen Seite ist dagegen weiterhin begehbar; auch die entsprechende Gipfelhälfte wird derzeit als sicher eingeschätzt. Die Warnungen und Absperrungen im Gipfelbereich müssen unbedingt beachtet werden.
Warum lässt sich der Felssturz nicht auf den Tag genau vorhersagen?
Eine Bewegung von mehreren Millimetern pro Woche klingt zunächst nach einer Art Countdown. So einfach funktioniert die Prognose eines Bergsturzes jedoch nicht. Entscheidend ist weniger die gemessene Geschwindigkeit als deren Entwicklung. Beschleunigt sich ein instabiler Felskörper zunehmend, können bestimmte Muster auf ein bevorstehendes Versagen hindeuten. Deshalb lässt sich aus den aktuell gemessenen fünf Millimetern pro Woche kein Datum ableiten. Nach Krautblatters Einschätzung kann sich der Zerfall weiterhin über Jahre erstrecken. Der Hochvogel bewegt sich dennoch schnell – für geologische Verhältnisse.



2 Kommentare
Kommentar schreibennein
Ist das Dorf Hinterhornbach in Gefahr? Ich war schon mehrere Mal dort im Urlaub.