Der Gasherbrum II, auch unter dem Namen K 4 bekannt, befindet sich in der pakistanischen Provinz Gilgit Baltistan nahe der Grenze zu China. Er liegt auf Platz 13 der höchsten Berge der Erde und ist der dritthöchste Gipfel des Gasherbrum-Massivs innerhalb des Karakorums.
Der Berg gilt als einer der technisch moderateren Achttausender – im Winter jedoch verwandelt auch er sich in ein Extremziel. Temperaturen von unter minus 40 Grad, starke Höhenwinde und kurze Wetterfenster machen die Besteigung extrem schwer. Hinzu kommen die logistischen Herausforderungen einer Winterexpedition im abgelegenen Karakorum.
So ist es nicht weiter erstaunlich, dass bis ins Jahr 2011 keine einzige Winterbesteigung des Gasherbum II gelungen war, obwohl der Berg bereits am 07. Juli 1956 erstmals vom österreichischen Expeditionsteam um Fritz Moravec, Josef Larch und Hans Willenpart bestiegen worden war. Ebenso war es bis zu diesem Zeitpunkt niemandem überhaupt geglückt, einen Achttausender im Karakorum im Winter zu besteigen. Auch an den anderen drei Achttausendern im Karakorum, K2, Broad Peak und Gasherbrum I war bis dahin keine Winterexpedition erfolgreich gewesen.
So gelang die erste Winterbesteigung des Gasherbrum II@(zwischenHeadlineTag)>
Im Winter 2011 versuchte eine Seilschaft, bestehend aus den erfahrenen Winterhöhenbergsteigern Simone Moro aus Italien, dem polnisch-kasachischen Bergsteiger Dennis Urubko sowie dem US-amerikanischen Bergsteiger und Fotograf Cory Richards, dies zu ändern und den Berg ohne Zuhilfenahme von Flaschensauerstoff und Trägern im Winter zu besteigen.
Das Trio nutzte am 30. Januar 2011 trotz anhaltend eisiger Temperaturen von Minus 46 Grad Celsius das erste kurze Wetterfenster, um das in 5.100 Metern Höhe gelegene Basislager am Gasherbrum II um 07:00 Uhr früh Ortszeit zu verlassen und aufzusteigen. Sie verbrachten die folgenden beiden Nächte in Camp 1 und Camp 2, das auf 6.500 Metern Höhe liegt.
Am 01. Februar stiegen Moro, Urubko und Richards bis auf eine Höhe von 6.900 Metern, wo sie Camp 3 einrichteten. Dort ruhten sie sich aus. Per SMS berichtete Moro: "Wir sind ein bisschen müde, aber es geht uns gut."
Nachts brachen die drei zur finalen Gipfeletappe auf. Am Mittwoch, den 02. Februar, um 11:28 Uhr Ortszeit war es dann so weit: Erstmals standen Bergsteiger im Winter auf dem Gipfel des Gasherbrum II in 8.035 Metern Höhe. Und das im ersten Anlauf! Während eines Satellitentelefonats vom Gipfel sagte Moro: "Es war sehr schwer, aber es geht uns Dreien gut."
Nach dem Gipfel stiegen die drei zum Camp 3 (6.900 m) ab und am 02. Februar bei starkem Sturm weiter ins Camp 1. Die schlechten Wetterbedingungen ließen den geplanten direkten Abstieg von Camp 3 ins Basislager nicht zu.
Glücklicherweise hatte das Team noch Ausrüstung in Camp 1 hinterlassen: ein VE 25 Zelt, ihre Schlafsäcke, Essensvorräte und Treibstoff, um auf ihren Kochern Getränke zuzubereiten.
Beim Abstieg kam es beinahe zur Katastrophe@(zwischenHeadlineTag)>
Beim weiteren Abstieg von Camp 1 ins Basecamp kam es beinahe zur großen Katastrophe. Ein Serac stürzte oberhalb des Trios in sich zusammen, eine Lawine bildete sich und rauschte über die drei hinweg. Moro kam glücklicherweise nicht in den Schneemassen zum Liegen. Er berichtet: "Ich band mich sofort aus und sah Corys orange Jacke. Ich grub ihn mit meinen Händen aus und machte mich dann daran, Denis auszubuddeln. Nach zwanzig Minuten stürzte Cory bei einer Sichtweite von gerade mal einem Meter in eine Gletscherspalte. Wir konnten ihn aber wieder herausziehen."
Der weitere Abstieg war entsprechend hart. Glücklicherweise hatten die drei den Weg zurück ins Basecamp mit in den Schnee gesteckten Fahnen markiert. "Die Wegmarkierungen haben uns das Leben gerettet", sagt Moro. "Wir brauchten acht Stunden, um von Camp 1 ins Basecamp abzusteigen. Normalerweise hätten wir drei Stunden gebraucht. Aber nach sechs Tagen am Berg hatten wir einfach nicht mehr viel an Energie übrig"
Mit einer gehörigen Portion Demut sagte der völlig erschöpfte italienische Bergsteiger: "Heute war das Glück auf unserer Seite. In meinem Rucksack trug ich neben meiner Ausrüstung auch einen großen Sack mit Müll nach unten. Vielleicht wusste das der Berg zu schätzen und gewährte uns Gnade..." Der geschockte Richards ergänzte: "Wir sind sehr glücklich und sehr dankbar, am Leben zu sein."
Interview mit Simone Moro nach der ersten Winterbesteigung des Gasherbrum II @(zwischenHeadlineTag)>
Wenige Tage nach der Besteigung im Februar 2011 – das Team war noch im Basecamp – hatte alpin.de die Gelegenheit, mit Moro via Satellitenverbindung ein Interview zu führen:
alpin.de: Gratulation zu Eurem großartigen Erfolg am Gasherbrum II. Beim Abstieg seid Ihr in eine Lawine geraten, aber alles ist wohl gut ausgegangen. Wie geht es Euch?
Simone Moro: Der Abstieg war wesentlich aufregender und gefährlicher, als wir uns das gewünscht hatten. Aber Gott sei Dank sind wir mit einer Menge Glück am Leben geblieben, habe keine Erfrierungen erlitten und sind unverletzt.
alpin.de: Während des Aufstieges hat es dagegen scheinbar keine größeren Schwierigkeiten gegeben. Ihr habt es im ersten Versuch geschafft. Lief tatsächlich alles so glatt?
Simone Moro: Der Eindruck täuscht. Der Aufstieg war wesentlich schwieriger und komplizierter, als es vielleicht rüberkam. Wir waren einfach sehr stark und extrem motiviert. Wir hatten lediglich ein 36-Stunden-Fenster mit gutem Wetter. Das reicht nicht für den Aufstieg vom Basislager zum Gipfel und zurück. Daher sind wir zwei Tage vor dem angekündigten Wetterfenster gestartet und bis zu Lager II in stürmischem Wetter aufgestiegen.
Den Gipfel haben wir am 02. Februar um 11:30 Uhr vormittags erreicht, wenige Minuten bevor das Wetter sich verschlechterte. Dann begann das Abenteuer, den Rückweg bei schlechter Sicht, starkem Wind und aufkommender Dunkelheit zu finden…

Historisches Foto: Denis Urubko, Simone Moro und Cory Richards am Gipfel des Gasherbrum II (v. li.).
alpin.de: Wie fühlt es sich an, einen Meilenstein im Alpinismus gesetzt zu haben? Hast Du das schon richtig realisiert?
Simone Moro: Es ist wirklich großartig und etwas sehr Spezielles. Ich habe zwar davor schon zwei 8000er im Winter bestiegen, aber das war mein erster im Karakorum und das erste Mal überhaupt, dass ein 8000er im Karakorum bestiegen wurde.
Wendepunkt in der Geschichte des Winterhöhenbergsteigens im Karakorum@(zwischenHeadlineTag)>
Der Erfolg von 2011 markierte einen Wendepunkt. Nun wusste man, dass es möglich ist, Achttausender im Karakorum im Winter zu besteigen. Bereits ein Jahr später, im März 2012, gelang den polnischen Bergsteigern Adam Bielecki und Janusz Golab die erste Winterbesteigung des 8080 Meter hohen Gasherbrum I (Hidden Peak). Im Februar 2016 wurde auch der Nanga Parbat (8125 m) erstmals im Winter bestiegen. Wieder war Simone Moro - neben Alex Txikon und Ali Sadpara - mit von der Partie. Und am 16. Januar 2021 gelang schließlich zehn nepalesischen Bergsteigern die historische erste Winterbesteigung des K2, der als letztes großes ungelöstes Achttausender-Problem im Winter übrig geblieben war.






