Monaco Velo Club

Tour de Gurkensaft: "One Day Transalp" in nur zehn Stunden

Jeder weiß: wer nicht mehr mithalten kann, wird "gedroppt", fallen gelassen. Diejenigen, die können, treten bei der "Survival of the Fittest"-Tour weiter. Zwischendrin essen wir alles: Sandwiches, Bananenbrote, Reiswürfel mit Erdnussbutter. Und wer mit Krämpfen kämpft, kriegt Gurkenwasser. Das hilft. Zur Wahrheit gehört aber auch, wer sich so quält, hat eine Tendenz zum Masochismus, zum Leiden. Wissenschaftler würden uns psychopathologische Auffälligkeiten bescheinigen. Geschafft haben es alle. Und nach dem Brutalo-Trip München-Meran gibt es ganz viel Wein, hausgemachte Spaghetti, Scampi und Steaks.

Tour de Gurkensaft: "One Day Transalp" in nur zehn Stunden-
© Bikedress/Monacoveloclub/Lyte.motiv

Geschlafen habe ich fast gar nicht. Normalerweise lege ich mich aufs Ohr, schlafe sofort ein. Heute bin ich schon um halb zehn im Bett, weil ich weiß, dass um vier mein Wecker klingelt. Es passiert aber nichts, liege glockenwach im Bett. Also mache ich mir einen heiße Milch mit Honig. Kein Effekt. Baldriantropfen? Für die Katz. Also höre ich den Podcast "Zeit Verbrechen". Nicht eine Folge, drei.

<p>Die letzten Minuten stehend, bevor die harte Rennradtour "One Day Transalp" beginnt. </p>

Die letzten Minuten stehend, bevor die harte Rennradtour "One Day Transalp" beginnt. 

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Um kurz vor zwei döse ich endlich weg. Es ist jedes Mal das gleiche. Immer, wenn ich an einer Rennradtour mit dem "Monaco Velo Club" (MVC) teilnehme, habe ich schon am Abend davor die Hosen voll. Natürlich weiß ich, dass ich einigermaßen fit bin. Natürlich weiß ich auch, dass ich die Brutalo-Tour schaffen werde. Was aber, wenn nicht? Die Gedanken treiben mich die halbe Nacht um.

<p>Nach einer schlaflosen Nacht zaubert die Vorfreude ein Lächeln ins Gesicht. </p>

Nach einer schlaflosen Nacht zaubert die Vorfreude ein Lächeln ins Gesicht. 

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Eine Stunde später sitze ich so hysterisch wie ein Eichhörnchen auf Koks auf meinem Carbon-Geschoss, fahre durchs menschenleere München. Wahrscheinlich bin ich wieder der Erste, der mit seinem blau-weißen "Gondoliere"-Trikot vor dem Bikedress ankommt. Nix da. Um kurz nach fünf sitzen schon fast zwei Dutzend Gondolieri da. Sie machen den Eindruck, als stünde ihr erster Arbeitstag in der Lagune von Venedig an.

Ansage vom Chef: "Go hard or go home"

Um kurz vor sechs steigt Heiko, der Veranstalter des Höllenritts, auf eine Bank. Er freue sich, dass er nun mit uns gleich in einem Rutsch über die Alpen fahren kann. "One Day Transalp", hat der pfiffige Zwei-Meter-Marketing-Mann unseren "Social Ride" getauft. Taufen muss er uns nicht, schon jetzt läuft uns der Angst-Schweiß herunter. Zwei Sachen, sagt der Chef des Bikedress in München, müsse er uns noch mitteilen.

"Wer es über die Alpen physisch oder psychisch nicht schafft, kann jederzeit abbrechen", erklärt er und fügt als kleinen Nachtrag noch hinzu, dass er oder sie dann aber schon selbst schauen müsse, wie man nach Hause komme. Schlimm, sich einzugestehen, es nicht gepackt zu haben, ist es nicht. Schlimm ist die Demütigung, die Hardcore-Tour nicht gepackt zu haben. Ganz nach Motto: "Go hard or go home". Oder wie es die Hardcore-Cyclisten nennen: "Drop on drop off".

<p>Los geht´s! </p>

Los geht´s! 

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Der Ausdruck kommt von Gruppenausfahrten, bei dem Pedaleure wie geistesgestört ballern. Schafft es eine oder einer nicht mehr mit der Gruppe mitzuhalten, wird er einfach "gedroppt", fallen gelassen. Das wusste bereits der britische Naturwissenschaftler Charles Darwin. Der Evolutionsforscher nannte es "Survival oft the Fittest" oder "Natural Selection", also natürliche Auslese.

Ich will also partout vermeiden, vom MVC-Geschwader einfach durchgereicht zu werden, damit sich die Geier an meinem 84-Kilo-Kadaver erlaben können. Passend dazu steht auf der Anmeldeseite von Heiko: "Ob Einzelkämpfer oder Rudeltiere, wir haben Events für alle Rad-Liebhaber."

Bereit für Schmerzen? 270 Kilometer und 3500 Höhenmeter in zehn Stunden!

Schwache Rudeltiere haben sich heute keine angemeldet. Schließlich ist das, was wir so machen, keine Kaffeefahrt zum Starnberger See. Die Route über den Walchensee, das Ötztal, rauf aufs Timmelsjoch und hinunter nach Burgstall bei Meran bedeuten 270 Kilometer und über 3500 Höhenmeter. Wie viele Tage eine Alpenüberquerung mit dem Fahrrad dauert, so schreibt der schwäbische Sporthändler "Bergfreunde" hänge vom Fitnessstand ab. "Zwischen vier und zehn Tage solltest Du einplanen", schreiben sie. Zehn Tage? Wir planen zehn Stunden ein.

<p>Geordnete Zweierreihe: Durch den Windschatten ergibt sich eine Wattersparnis von ca.<strong> </strong>30 Prozent. </p>

Geordnete Zweierreihe: Durch den Windschatten ergibt sich eine Wattersparnis von ca. 30 Prozent. 

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Das, was Heiko am Herzen liegt, ist, dass jede und jeder gesund am Abend im Hidalgo, einem grandiosen Restaurant in Burgstall bei Meran, ankommt. "Meine Botschaft daher an alle: DAS IST KEIN RENNEN!", mahnt der Mann von der Kanzel an seine Testosteron-Gemeinde. Wir sollen vor allem Spaß haben – und mit Herz und Hirn fahren. Das sei jetzt eher kein Wunsch, sondern eine Aufforderung. 

Heiko spricht aus Erfahrung, weil er bei einer Ausfahrt vor ein paar Jahren ein neues Mitglied den großen Django spielen wollte. Dem Bus auf der Valepp-Straße konnte er gerade noch ausweichen, dann schoss er mit Vollspeed über die Leitplanke ins Geröllfeld. Noch heute ist sein Helm in einer Vitrine in Heikos Laden zu bestaunen. In diesem steckt ein faustgroßer Stein. Dass er den Sturz ohne schwerwiegende Verletzungen überlebt hat, ist ein Wunder. Ohne Helm wäre er sicher nicht mehr aufgestanden, schließlich hätte der Stein im Hirn gesteckt. Game over.

<p>Alles&nbsp;fresh:&nbsp;Kurz&nbsp;nach&nbsp;München, im&nbsp;Alpenvorland,&nbsp;geht's&nbsp;noch&nbsp;nicht&nbsp;zur&nbsp;Sache.&nbsp;</p>

Alles fresh: Kurz nach München, im Alpenvorland, geht's noch nicht zur Sache. 

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50 Quäl-Dich-Aspiranten gehen in München an den Start

Zwei Minuten später klicken 96 Schuhe in die Pedale. Ich bin mit Heiko in der Gruppe, ebenso Peter Bensch, einem Oberarzt vom Klinikum Agatharied. Peter ist ein sehr guter Freund von mir und der beste Rennrad-Spezl, den man sich vorstellen kann. "Pack ma’s" ruft Heiko, dann reihen wir uns wie kleine Enten-Kinder, die mit ihrer Mami gleich über die Straßen gehen wollen, ein.

Wir schießen durch den Perlacher Forst, dann geht es weiter in die Pupplinger Au. Es ist mystisch. Nebel liegt über dem Isarkanal, die Sonne bricht wie bei einem Harry-Potter-Film durch die Moorlandschaft. Was aber noch viel schöner ist: Rennradfahrer sind ja keine normalen Sportler. Wir sind alles Styler, die Rennrad fahren. Und so rauschen wir der Isar entlang, die Beine frisch rasiert, die Ketten frisch geölt.

Der Sound, wenn fast 50 Rennräder im Freilauf morgens durch die bayerischen Wälder surren, klingt schöner als jede Oper. Dieser wird nur dann und wann unterbrochen, wenn ein Porsche zu uns aufschließt. Das Porsche Zentrum Olympiapark sponsort genauo wie Red Bull und das Brauhaus Tegernsee unsere Transalp. Sie alle wissen: Rennradfahrer ist das solventeste Klientel.

<p>Die Fittesten bestimmen vorne am Feld das Tempo. </p>

Die Fittesten bestimmen vorne am Feld das Tempo. 

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Immer wieder rochieren wir durch, immer wieder fahren wir den "belgischen Kreisel". Ich fahre dieses Mal gar nicht an der Spitze. Warum? Das liegt daran, dass ich vor Jahren mal am Timmelsjoch fast eingegangen wäre, fast aufgeben musste. Deswegen lasse ich lieber anderen den Vortritt. Wie geht aber der belgische Kreisel? Einer fährt ein paar Kilometer an der kräftezehrenden Spitze, lässt sich dann nach hinten fallen. "Das ist die beste Möglichkeit um als Gruppe schnell voranzukommen", erklärte Mike Kluge, der Franz Beckenbauer des Radsports, der als Fahrer und Trainer Weltmeister wurde.

Der Kreisel, so kluge Kluge, sei die effektivste Windschatten-Formation. Alle Fahrer würden dabei gleich viel arbeiten, nur der jeweils Führende sei für eine kurze Zeit dem Wind ausgesetzt. Weder Kluge – noch der Wind – haben die Rechnung ohne Heiko gemacht. Der fränkische Hüne, der gerade jeden Monat 2000 Kilometer runter reißt, ist die ultimative "Zugmaschine". Preist das "Lokomotiven-Magazin" noch die "preußische P8" als beste Dampflok der Welt an, so ist es für uns die "fränkische Dampflok H95".

<p>Wichtig&nbsp;auf&nbsp;langen&nbsp;Ausfahrten:&nbsp;Ab&nbsp;und zu&nbsp;aus&nbsp;dem&nbsp;Sattel,&nbsp;das&nbsp;beugt&nbsp;Sitzschmerzen&nbsp;vor!&nbsp;</p>

Wichtig auf langen Ausfahrten: Ab und zu aus dem Sattel, das beugt Sitzschmerzen vor! 

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Das Wichtigste am heutigen Tag: Bloß keinen Hungerast bekommen!

Heiko, unser 95 Kilogramm leichtes Dampfross, kurbelt besser und stetiger als jede Lok auf diesem Planeten. Ausruhen? Das gilt für alle – bis auf den Franken-Torpedo. "Je nach Windstärke und Geschwindigkeit bedeutet das Windschattenfahren eine Wattersparnis von 30 Prozent", erklärt Falk Nier, PR-Manager beim Profi-Rennrad Team Alpecin. Der Mann muss es wissen: Zu seinem Team gehört Straßen-Weltmeister Mathieu van der Poel. "Mathieu ist der beste Rennradfahrer der Welt, wenn es darum geht, ein Ein-Tages-Rennen wie Mailand-Sanremo zu gewinnen", so Falk.

Deswegen mache ich das, was Falk sagt. Also stopfe ich Gels und Riegel in mich hinein. Denn am Ende des Tages werden wir 5000 bis 6000 Kalorien abgestrampelt haben. "Wir schaufeln auch den ganzen Tag", hat mir John Degenkolb mal erzählt. Der Frankfurter gewann wie van der Poel auch Paris-Roubaix. "Die Ernährungskette darf niemals unterbrochen werden", sagt er. Früher, so "Dege", gab es Rennfahrer, die noch ein halbes Dutzend Steaks sich zum Frühstück reingepfiffen haben oder fünf Teller Pasta am Abend verdrückt haben. 

<p>Kurze Trinkpause! Red Bull verleiht bekanntlich Flügel ... </p>

Kurze Trinkpause! Red Bull verleiht bekanntlich Flügel ... 

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Heute? Undenkbar. Was muss ich also machen? Degenkolb: "90 bis 120 Gramm Kohlenhydrate brauche ich im Rennen pro Stunde. Das sind in etwa zwei Riegel und eine Trinkflasche mit Kohlenhydrat-Zusätzen." Weil ich mich wie ein Kind über alles freue, weil alles so schön ist, vergesse ich natürlich das "Schaufeln".

Das merke ich erst, als wir den Kesselberg beim Walchensee hoch strampeln, dort den ersten Stopp machen. Also drücke ich mir gleich alles rein, was ich in die Finger bekomme: Bananen, Äpfel, Gels, Riegel. Gleichzeitig schütte ich mir zwei Liter Wasser in mich hinein. 

Rudi Altig, der 1966 die Straßen-WM gewann, klagte nach seiner Karriere stets darüber, dass ihm das Trinken madig gemacht wurde. Zu viel Wasser ließe die Beine schwer werden, hieß es. All diese Mythen sind jedoch überholt. Genauso wie die Geschichte des Italieners Alfredo Binda. Bindas Geheimrezept waren – kein Spaß – rohe Eier, die ihm Freunde überreichten. Er soll mehrere Dutzend Eier am Tag am Lenker aufgeklopft und ausgeschlürft haben.

<p>Mit&nbsp;voller&nbsp;Kraft&nbsp;voraus:&nbsp;das&nbsp;Timmelsjoch&nbsp;ruft!&nbsp;</p>

Mit voller Kraft voraus: das Timmelsjoch ruft! 

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Apropos Eierspeisen. Die Zeit vergeht wie im Flug. Bereits nach vier Stunden sind wir in Leutasch. Dort wartet Heikos Frau Eva zusammen mit den Töchtern Luca und Mia. Neben dem Obst gibt es nun hausgemachte Kekse und Sandwiches, Bananenbrot, Reiswürfel mit Marmelade und Erdnussbutter und eine bunte Mischung an Gummibärchen. 

Das mag bei Ernährungswissenschaftlern verpönt sein, ich halte mich jedoch an die Grundregel von Veronika Siflingfer-Lutz, die Chefköchin des Profi-Radteams Bora-Hansgrohe. Sie sagt: Man soll essen, was einem schmeckt. "Das ist bei Sportlern und Nichtsportlern gleich: wenn es mir nicht schmeckt, bin ich nicht glücklich und wenn ich nicht glücklich bin, bringe ich keine Leistung." Gesagt, getan.

Gurkenwasser gegen Krämpfe

Eine Handvoll süße Frösche und klebrige Schlümpfe in den Mund. Und weiter geht’s. Erst Richtung Walgau, dann durch Mittenwald. Knapp 175 Kilometer haben wir auf unseren High-Tech-GPS-Geräten, als wir in Längenfeld im Ötztal ankommen. Wir steigen von unseren Pferden, laufen breitbeinig (der Po tut schon so weh). Andere wie Max haben Krämpfe in den Beinen. "Was viele nicht wissen: auch Profis haben damit zu kämpfen", heißt es beim Sporternährungsanbieter "4 Endurance". Was dagegen immer helfe, sei eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr. 

<p>Max&nbsp;kann&nbsp;wieder&nbsp;lächeln:&nbsp;Krämpfe&nbsp;im&nbsp;Griff&nbsp;durch&nbsp;Gurkenwasser.</p>

Max kann wieder lächeln: Krämpfe im Griff durch Gurkenwasser.

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Und was ist, wenn die Muskeln schon wie wild zucken? Zusätzlich sollten die Muskeln gedehnt werden. Das wichtigste aber sei, sagt Ernährungsberater Valentin Goršek: Gurkensaft. Hä? Einer amerikanischen Studie zufolge würde die durchschnittliche Krampfdauer um fast die Hälfte verkürzt werden. Die Dosierung: ein Milliliter Gurkenwasser pro Kilogramm Körpergewicht. Woher dieser Effekt kommt, sei unklar. Womöglich ist es nur der saure Geschmack, der die Aktivität der Nervenzellen drosselt und krampflösend wirkt.

Also geht Max in Längenfeld in den MPreis, kauft sich ein Glas Gurken und futtert ein Dutzend. Danach kippt er sich das Gurkenwasser hinter die Binde. Zu diesem Zeitpunkt wusste Max noch nichts von der genauen Dosierung. Gleich nach ein paar Kurven lässt Max sich den Gurkensaft nochmal richtig durch den Kopf gehen. Auf deutsch: Er kotzt – also Gurken und Saft – wie ein Reiher auf die Straße, spült sich den Mund an einem Gebirgsbach aus, zischt weiter. Die Muskelkrämpfe? Wie weggezaubert. Allez, allez Max!

<p>Serpentine für Serpentine schlängelt sich die steile Passstraße den Berg hinauf. </p>

Serpentine für Serpentine schlängelt sich die steile Passstraße den Berg hinauf. 

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Wir sind eine Gruppe rollender Masochisten

Während wir uns auf den ersten 180 Kilometer uns alle noch wunderbar unterhielten, verstummten nun Richtung Timmelsjoch die Gespräche immer mehr. Jeder weiß: gleich tut’s richtig weh. Warum wir das machen? Eine Erklärung hat die Ultra-Cyclistin Jana Kesenheimer. Die Wissenschaftlerin der Universität Innsbruck hat eine Studie mit über 2300 Sportlern und Sportlerinnen durchgeführt. Und?

"Es gibt schon eine Tendenz zum Masochismus, eine klare Tendenz zum Leiden", sagt ausgerechnet die Frau, die beim "Transcontinental Race", dem härtesten Radrennen der Welt über 4000 Kilometer, bei den Frauen siegte. Sie sagt: Menschen, die oft an ihr Limit, oft an ihre Grenzen gehen, hätten psychopathologische Auffälligkeiten. Kesenheimer: "Damit meine ich die Häufung psychischer Erkrankungen, zum Beispiel eine Essstörung – so wie ich sie als Teenager hatte – oder depressive Phasen im Leben der Untersuchten."

<p>Oben&nbsp;am&nbsp;Timmelsjoch-Pass&nbsp;wartet&nbsp;der&nbsp;"One Day&nbsp;Transalp" -Veranstaler&nbsp;Heiko&nbsp;mit&nbsp;einer&nbsp;Überraschung.&nbsp;</p>

Oben am Timmelsjoch-Pass wartet der "One Day Transalp" -Veranstaler Heiko mit einer Überraschung. 

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Also quälen wir uns das Timmelsjoch, auf italienisch "Passo del Rombo", hoch. Die Truppe sprengt es bereits nach wenigen Sekunden. Jede und jeder solle einfach sein Tempo fahren, sagt Heiko. Peter und ich, die jedes Wochenende zusammen strampeln, fahren immer zusammen, habe wir doch die gleich starke Lunge. Normalerweise quatschen wir über Gott und die Welt, nun ist Sendepause. Wenn Peter mal eine Schwächephase hat, pushe ich ihn. Andersherum genauso. 

Zum Glück ist weit und breit niemand zu sehen. Denn eines gehört auch zur Wahrheit: so viele Gels und Riegel verträgt kein Magen. Peter furzt, ich muss ständig rülpsen. Wie ein Sinfonieorchester strampeln wir rülpsend, furzend und fluchend weiter. Vor allem verfluche ich Heiko. Der Schriftsteller Javier García Sánchez hat mal geschrieben, dass der "Col du Galibier" in Frankreich einem seine "Moral frisst", "Alpe d’Huez" einen komplett in "Stücke reißt". 

Frische-Kick: Mobile Espresso-Maschine am Timmelsjoch-Pass

Und Octave Lapize, ein Rennfahrer, soll 1910 bei der "Tour de France" nach der ersten Überquerung des "Col du Tourmalet" ihr "elenden Mörder" Richtung Veranstalter geschrien haben. Das will ich ihm auch an den Kopf werfen, wenn ich Heiko gleich sehe. Mein Plan geht gnadenlos in die Hose. "Haaaaaaaaasi", schreit er, als ich oben Fix und Foxi ankomme. Heiko steht da wie ein Barista einer Bar mitten in Mailand. Vor ihm: seine Espresso-Maschine. 

<p>Kaffee und Eis: wichtige Stärkung für den müden Körper. </p>

Kaffee und Eis: wichtige Stärkung für den müden Körper. 

© Bikedress/Monacoveloclub/Lyte.motiv

"Den Affogato hast Du dir echt verdient", sagt er liebevoll zu mir. Ist Heiko eine Fatamorgana? Heiko hat doch tatsächlich eine Kaffeemaschine mitsamt Vanilleeis mit auf die Hochalpenstraße geschleppt? Ich fühle mich wie im siebten Himmel. Vor allem liebe ich Heiko. Bussi!

Für mich war dort oben klar: schneller als ich kann kein Mensch auf dieser Welt den Pass hochgefahren sein! Als ich dann aber meine Zeit mit denen eines Rennradprofis wie dem Berchtesgadener Toni Palzers vergleiche, stelle ich fest, dass er mehr als doppelt so schnell ist wie ich. Okay, Palzers Sauerstoff-Aufnahmekapazität, der VO2max-Wert, liegt bei 92 Milliliter. Der Wert gilt als Gradmesser der aeroben Leistungsfähigkeit. "Der liebe Herrgott hat mir eine massive Pump‘n geschenkt", erklärt Toni. 

Ich solle mir jedoch keine Gedanken machen, versichert mir der Red Bull-Profi. So ein Wert sei nur wie ein Bikini: man sehe zwar viel, aber eben nicht alles. Ich stufe Palzers Herz als echte Wettkampf-Manipulation ein. Dafür kann er nicht schreiben. Pah! Dann geht es abwärts. Wir gondolieren mit unseren weiß-blauen Trikots den über 30 Kilometer langen Pass herunter. Es ist ein Traum.

<p>Am&nbsp;Timmelsjoch&nbsp;gibt&nbsp;es&nbsp;für&nbsp;die&nbsp;50&nbsp;tapferen&nbsp;"Transalper"&nbsp;auf&nbsp;2.474&nbsp;Metern<strong>&nbsp;</strong>eine&nbsp;Verpflegungsstation.&nbsp;</p>

Am Timmelsjoch gibt es für die 50 tapferen "Transalper" auf 2.474 Metern eine Verpflegungsstation. 

© Bikedress/Monacoveloclub/Lyte.motiv

Rechts zeigt sich das Passeiertal von seiner schönsten Seite, die Sonne brennt herunter – wir fühlen uns alle wie kleine Tom Pidcocks. Der Engländer fuhr die wohl spektakulärste Abfahrt in der Historie der Tour de France, gewann 2022 die Königsetappe nach Alp d‘Huez. Der Unterschied zu uns Hobby-Kraxlern? Pidcock wiegt 58 Kilo. Das Durchschnittsgewicht bei uns liegt wahrscheinlich bei 84, 85 Kilo. Wir sind aber dafür deutlich größer als der 1,70 Meter Mini-Pidcock. Siehste!

Verschwitzt, müde, glücklich: Am Ziel angelangt

Nach 263 Kilometern haben wir es dann geschafft. Wir sind angekommen in den Hidalgo Suites, einem Appartement-Hotel. 6307 Kalorien haben wir in den mehr als zehn Stunden verbrannt. Was gibt es also besseres als im Hidalgo, was übersetzt "spanischer Edelmann" bedeutet, einzuchecken. 

Das Haus lebt vor allem mit und durch Christine, die es leitet. Wann immer man es betritt, sie ist schon da. Wenn man Fragen hat: Die Frau, die in ihrem eleganten Kleid so aussieht, als würde sie eine hippe Mode-Agentur in Mailand leiten, weiß einfach alles. Vergessen Sie Google! Es gibt Christine.

<p>Am&nbsp;Ziel: Nach&nbsp;der&nbsp;anstrengenden Zehn-Stunden-Fahrt ist&nbsp;die&nbsp;Freude&nbsp;groß,&nbsp;endlich&nbsp;aus&nbsp;dem&nbsp;Sattel&nbsp;zu&nbsp;steigen.&nbsp;</p>

Am Ziel: Nach der anstrengenden Zehn-Stunden-Fahrt ist die Freude groß, endlich aus dem Sattel zu steigen. 

© Bikedress/Monacoveloclub/Lyte.motiv

Das Essen ist im Hidalgo dafür bekannt, dass es köstliche Steaks aus Argentinien, Japan und Neuseeland gibt, erklärt Claudia, die Restaurantleiterin, die angeblich das "zarteste und kostbarste Fleisch der Welt" serviert. Wir starten, nachdem wir frisch geduscht sind, mit dem Gericht, weswegen ganz Südtirol nach Burgstall kommt: Mit Käse und Sahne überbackene Crespelle, also Pfannkuchen, mit Radicchio und Pinienkernen. "Die richtige Bombe nach einer Zehn-Stunden-Fahrt", scherzt Claudia. 

Uns reicht das natürlich nicht aus, weswegen wir gleich noch die gratinierten Zucchiniblüten mit Büffelmozzarella und Stracchino bestellen, ebenso Tagliatelle – natürlich hausgemacht – allo Scoglio, also mit Miesmuscheln, Tintenfisch und Scampi. Dann geht die große Fleisch-Verkostung "Quattro Assaggi die Manzo" weiter: Ein Südtiroler "Dry Aged Beef", ein „Black Angus aus Uruguy, ein "Ocean Beef" aus Neuseeland – dazu gegrilltes Gemüse, Reis und Rosmarinkartoffeln.

<p>Durchatmen:&nbsp;6307 Kalorien&nbsp;sind&nbsp;verbrannt&nbsp;und&nbsp;wollen&nbsp;abends&nbsp;im&nbsp;"Hildago-Restaurant"&nbsp;aufgefüllt&nbsp;werden.&nbsp;</p>

Durchatmen: 6307 Kalorien sind verbrannt und wollen abends im "Hildago-Restaurant" aufgefüllt werden. 

© Bikedress/Monacoveloclub/Lyte.motiv

Als Dessert beschließen wir ebenfalls alles zu nehmen: Zitronensorbet mit Wodka und Prosecco, den geeisten Fior di latte-Baileys-Schaum mit Zartbitter-Schokolade-Praline und Mandelkeks-Crema sowie das warme Schokoladentörtchen mit zart schmelzendem Kern und hausgemachtem Vanilleeis. 

Den Cashewnuss-Limetten-Cheesecake auf weichem Kokos-Keks mit Himbeersauce ordern wir nach, ebenso die Creme vom Arabica-Kaffee auf Amaretto-Krokant in Ganache von weißer. Nach der ganzen leckeren Völlerei habe ich dann das nächste Problem: Geschlafen habe ich wieder nicht, liege glockenwach im Bett. Später träume ich von Grappa, Gurken und der nächsten Gruppenausfahrt …

The End.

Text von Andreas Haslauer

2 Kommentare

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Wolf Zacharias

Auf den Punkt gebracht! Danke für die Perfekte Beschreibung des perfekten Tages!

Michi

Schöner Artikel zu einem Event, das ich aus Erfahrung nur empfehlen kann. Schreiben kann der Hasi und natürlich auch Radfahren. Sportliche Grüße von der Nordseeküste.