Nichts für schwache Nerven

Für Experten: Die "Neue Welt" im Zugspitzmassiv

Wie Zuckerguss fließt der Schnee von der Zugspitze hinab in die Tiefe. "Neue Welt" nennt sich das steile Schneeband. Für Könner auf Ski ein süßer Sturzflug. Tiefenrausch garantiert! Sehr anspruchsvolle Freeride-Abfahrt mit bis über 45 Grad steilen Hängen, die unbedingt sicheren Firn verlangt. Bei Harsch und Vereisung gefährlich.

Für Experten: Die "Neue Welt" im Zugspitzmassiv
© Andreas Prielmeier

Der Spaß steht und fällt mit den Schneebedingungen

Fast 15 Jahre ist es her, dass ich hier oben an dieser Stelle gestanden bin – die Nerven sind mindestens genauso angespannt wie damals. Die harschige Schneedecke an der Einfahrt zur Neuen Welt zwingt uns zum Warten. Wir sitzen im Windschatten der alten Liftstation, bis der Schnee ein wenig auffirnt. Die späte Märzsonne hat bald Erbarmen. Vor ein paar Tagen haben wir vom Fernpass aus die Route mit dem Fernglas inspiziert. Von unten schien alles klar, doch von oben sieht alles wie immer ganz anders aus. Rechts oder links. Ein Blick auf die Karte bringt wenig Erhellendes. Das Gefühl sagt nach rechts! 

Der erste Hang ist mit 40 bis 45 Grad relativ steil, wird aber bald wieder flacher. Der Schnee ist jetzt leicht aufgefirnt. Perfekt, bei jedem Schwung spritzt der feuchte Schnee davon, bis die Kanten auf dem harten Schnee darunter fauchen. Der Spaß steht und fällt mit den Schneebedingungen. Sind die Hänge zu hart und ­eisig, wird’s schnell gefährlich. Und wer Tiefschnee sucht, wird nicht fündig, denn durch die zentrale Rinne, das Kanonenrohr, wüten den ganzen Winter Lawinen und pressen den Schnee zu einer betonharten Eiskruste. Der Firn, die Kraxlerei und wilde Abseilerei im Dekolleté von Deutschlands höchstem Berg machen den Reiz dieser Unternehmung aus.

<p>Oh wie schön: Skispaß in der Neuen Welt.</p>

Oh wie schön: Skispaß in der Neuen Welt.

© Andi Prielmeier

Wir surfen bis zum Felsband. Doch diesmal ist es deutlich höher als vermutet. Was sich uns in den Weg stellt, misst locker acht Meter. Ein amtlicher Cliff-Drop. Wir entscheiden uns für die Chicken-Variante und schnallen die Steigeisen an. Wirklich haarig ist das Abklettern nicht, doch ohne Steigeisen und Eispickel geht es auch nicht. Ralf rammt den Pickel in den Schnee und balanciert vorsichtig auf den Frontalzacken nach unten. Ich folge und setze behutsam Tritt für Tritt. Danach führt die Abfahrt über ein breites, langes Firnfeld weiter. 

Der Hang kippt nach vorne. Jetzt müssen wir die Kanten schon mit mehr Druck in den Schnee pressen – wir schwingen direkt auf einen imposanten Abbruch zu. Wie mit dem Messer abgeschnitten hört der Bergrücken hier auf, so scheint es. Ich stehe an der Abbruchkante und genieße den Ausblick. Eine Windböe fegt aus dem Tal herauf, zischt durch die Felsritzen, reißt Schneekristalle in die Luft und fällt mich an. Wir sind nur 40 Minuten von der Skipiste oben auf dem Zugspitzplatt entfernt – und doch wirkt es, als seien wir in einer ganz anderen Welt. Vielleicht liegt es an dieser besonderen Mischung aus Nervenkitzel, Kraftanstrengung, Gleitgefühl und Bestätigung, dass man kann, wenn man nur will. 

<p>Oh wie steil: die Abseilspaß in der Neuen Welt.</p>

Oh wie steil: die Abseilspaß in der Neuen Welt.

© Andi Prielmeier

Das Kanonenrohr macht seinem Namen alle Ehre: Eine enge, dunkle Rinne

"Ist das die Stelle?", ruft Ralf und reißt mich aus meinen Gedanken. Er deutet auf einen großen Felsbrocken, an dem ein Stahlseil befestigt ist. Man traversiert vom Felsbrocken zur Seite, dort ist ein fetter Stahlring im Berg verankert. Ralf rutscht am Drahtseil zum Ring rüber, wurstelt das Seil aus dem Rucksack und zieht es durch. Mit einer Drehung wuchtet er das Seilbündel über die Kante. Es rauscht in die Tiefe, entwirrt sich im Fallen, klatscht an Felsen – dann breitet sich wieder Stille aus. Ich fummle meinen Abseilachter ins Seil. Mein Pulsschlag stolpert, als ich mich nach hinten lehne, über den Abgrund. Das Doppelseil ruckt, als ich die dünnen Stränge langsam durch die Alu-Acht laufen lasse.

Der schwere Rucksack zerrt nach hinten, die Ski wanken, meine klobigen Skistiefel schaben über den Fels, während ich an dem langen Doppelseil wie in einem Aufzug ins Erdgeschoß fahre. Das Seil reicht bis runter und setzt mich auf einer Steinterrasse ab. Vor uns liegt das Kanonenrohr, es macht seinem Namen alle Ehre: eine enge, dunkle Rinne, in die sich nie ein Sonnenstrahl verirrt. Firn? Fehlanzeige. Bockharter Schnee macht das Rohr zur Mutprobe. Die Aussicht auf die sonnigen Hänge weit unten gibt zwar Hoffnung, doch stürzen will und darf man hier auf keinen Fall. 

<p>Der Moment vor dem Abseiler.</p>

Der Moment vor dem Abseiler.

© Andi Prielmeier

Mit ganzer Kraft pressen wir die Skikanten in den Hang, lassen uns auch von den steinharten Lawinenbollern so wenig als möglich aus der Ruhe bringen, hüpfen über den kleinen Bergschrund am Ende der Rinne und schlittern aus dem Dunkeln hinaus ins Licht. Jetzt sind es leider nur noch eine Handvoll Schwünge durch sonnenweichen Firn, bis ein Latschenwald unsere Fahrt stoppt. Wir sind zurück in der alten Welt! Und wir schauen ehrfürchtig hoch, wo sich die Zugspitzwand dunkel bis hinauf in den Himmel wölbt. 

Wegen des miesen Winters endet der Schnee weit oben am Berg, und uns steht ein fast zweistündiger Fußmarsch durchs Latschengemüse bevor, bis wir im Dunkeln die Talstation der Ehrwalder Bergbahn erreichen. Es fühlt sich an, als wären wir weit, weit weg gewesen, eben in einer neuen Welt.

Toureninfos zur "Neuen Welt"

Die Neue Welt an der Südwestseite der Zugspitze zählt zu den Freeride-Klassikern der Region. Die alpinistische und skifahrerische Schwierigkeit der Tour darf auf gar keinen Fall unterschätzt werden, es kam schon zu so manchem Bergrettungseinsatz. Nur für Experten!

  • Schwierigkeit: Freeride, schwer

  • Dauer: 3 – 5 Stunden

  • Höhenmeter: 1840 Hm

  • Route: Das Auto an der Ehrwalder Zugspitzbahn (1228 m) parken, mit der Bahn zur Zugspitze hinauf (einfache Fahrt). Abfahrt zum Platt und mit den Schleppliften hinauf. Von dort ca. 150 Hm zur alten Bergstation am Schneefernerkopf aufsteigen. Dort beginnt die Abfahrt. Man folgt stets dem ausgeprägten Kar "Neue Welt" in rund 45 Grad steilem Gelände bis zur Abseilstelle, zu der ein fast 20 Meter langes Stahlseil führt, das mit Bohrhaken fixiert ist. Bei zu viel Schnee kann man über diese Haken zur Abseilstelle hinabsichern. Die Abseilstrecke führt dann 50 bis 60 Meter hinab in ein Kanonenrohr, an dessen Beginn es links unter den Felsen eine Gufel gibt, die einen vor Steinschlag aus der Wand durch andere Abseilende schützt. Diese Rinne führt (wenn aper, mit kleiner Felsstufe) auf die Holzer Wies, über die es weiter hinabgeht zurück nach Ehrwald.

<p>Neue Welt - Die Abfahrtsroute.</p>

Neue Welt - Die Abfahrtsroute.

© Bodenbender

Allgemeine Infos zu Ausrüstung und Co.

  • Info: Tiroler Zugspitzarena, zugspitzarena.com, hier findet ihr auch Kontakte zu passenden Bergführern für die Tour!

  • Anreise: Über A95 und B23 nach Garmisch-Partenkirchen und weiter nach Ehrwald zur Talstation der Tiroler Zugspitzbahn.

  • Beste Zeit: März – Mai

  • Talort: Ehrwald, 1000 m

  • Ausgangspunkt: P. 2836 am Nördlichen Schneeferner

  • Bergbahn: Tiroler Zugspitzbahn, aktuelle Fahrzeiten auf zugspitze.at

  • Literatur: Lorenzo Rieg, Marius Schwager, Lea Hartl: Powderguide Tirol, Tyrolia Verlag, 2012

  • Karte: AV-Karte, 1:25 000, Blätter 4/1 und 4/2, Wetterstein und Mieminger Gebirge West und Mitte

  • Ausrüstung: 2 x 60-m-Halbseil, Anseilgurt, Schraubkarabiner, Abseilgerät, Bandschlinge, Eispickel bzw. Eisgerät, Steigeisen, Helm, Skitourenausrüstung, Ski nicht zu breit (wg. Kantenhalt!).

Text von Andi Prielmeier

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