Stille Kämme, einsame Gipfel und abwechslungsreiche Pfade

Perfekt für den Bergherbst: Die Wildschönau in Tirol

Stille Kämme, einsame Gipfel und abwechslungsreiche Pfade locken Genießer in die Tiroler Wildschönau. Im Talschluss am Schönanger kommt auch die Kulinarik nicht zu kurz.

Blau leuchten die westlichen Ausläufer des Kaisergebirges in der Morgensonne: ein selten fotografierter Blickwinkel.
© Lubika Brechtel

Perfekt für den Bergherbst: Die Wildschönau in Tirol

"Diese Perspektive auf den Wilden Kaiser kenne ich noch gar nicht – was für eine Aussicht!" Monika ist begeistert vom Markbachjoch, von dem wir in diesen frühen Morgenstunden das Panorama ausnahmsweise einsam genießen dürfen. Unsere Blicke schweifen über Kufstein nach Osten ins Kaisergebirge, das im Morgenlicht blau schimmert. Noch ist der Tag jung und unsere Vorfreude groß, denn wir Freundinnen haben uns eine besondere Kammwanderung vorgenommen: Den neuen Höhenweg über mindestens vier Gipfel. Dank einer Variante sind es für uns sogar sieben! 

<p>Abkühlung muss sein: Monika vor dem steilen Anstieg aufs Feldalphorn.</p>

Abkühlung muss sein: Monika vor dem steilen Anstieg aufs Feldalphorn.

© Hannes Dabernig/Wildschönau Tourismus

Romantik am Berg: Ein Denkmal für die Liebe

Lange hatten wir beratschlagt und uns schließlich mit Unterstützung von Christine Silberberger vom Tourismusverband für den zertifizierten Höhenweg entschieden, der bei gutem Wetter Ausblicke ins Brixental, die Hohen Tauern und sogar zum Alpenhauptkamm preisgibt. Knappe 15 Kilometer und 760 Höhenmeter im Aufstieg erwarten uns mit Start an der Bergbahn. Die grünen Wiesen um uns herum verwandeln sich im Winter zum kleinen Familienskigebiet. 

Das zeigt sich auch in den Anfangsmetern der Tour: Wir passieren gerodete Hänge und im Sommerschlaf versunkene Schneekanonen. Doch davon sollte man sich nicht abschrecken lassen, denn schon nach wenigen Minuten sind wir völlig allein inmitten kaum berührter Natur. Kein Verkehrslärm aus dem Inntal, stattdessen Vogelgezwitscher und Bienensummen – so darf ein Wandertag starten! 

<p>Nix eintönig: Der Wildschönauer Höhenweg ist überall fotogen.</p>

Nix eintönig: Der Wildschönauer Höhenweg ist überall fotogen.

© Hannes Dabernig/Wildschönau Tourismus

In unserer Variante lassen wir die breite Forststraße zur bewirtschafteten Holzalm schon bald links liegen und freuen uns nach einem Abstecher zum Horlerstiegl – einer kleinen Kapelle am Weg, die einer unglücklichen Liebe zwischen einer Wildschönauerin und einem Brixentaler gewidmet ist – am Roßkopf über unseren ersten offiziellen Gipfel.

Christines Empfehlung folgend halten wir nach dem seltenen Ungarischen Enzian Ausschau, der in den Bergen der Wildschönau wächst, doch leider ohne Erfolg. Vielleicht liegt es auch einfach an uns, denn weder Monika noch ich sind versierte Botanikerinnen – und dann auch noch ins Gespräch vertieft. Selbst in die tiefste Plauderei versunken, kann man eines allerdings kaum verpassen: Fast mystisch schimmernde Moorteiche tauchen links und rechts vom Wanderweg auf. 

<p>Beeindruckend: Die Moorteiche am Höhenweg sind einzigartiger Lebensraum vieler Tier- und Pflanzenarten.</p>

Beeindruckend: Die Moorteiche am Höhenweg sind einzigartiger Lebensraum vieler Tier- und Pflanzenarten.

© Hannes Dabernig/Wildschönau Tourismus

Seltene Flora und Fauna: Was werden wir finden?

So dunkel ist das Wasser, dass man die Tiefe nicht erahnen kann. Während wir noch staunen, entdeckt Monika einen breiten Baumstumpf über zwei der Lacken. „Wetten, dass du dich nicht traust, hin- und zurückzubalancieren!“, neckt sie mich mit einem leichten Ellenbogenstoß. Na, und ob! Das lasse ich mir nicht zweimal sagen und schneller als sie schauen kann, bin ich drüben und wieder herüben – nur einmal wackle ich bedenklich, kann mich aber fangen. Als ich wieder am sicheren Ufer stehe, lässt sich Monika nicht lumpen und ich bekomme einen kleinen Applaus. Nachmachen will sie es mir dann aber doch nicht.

<p>Challenge accepted: Autorin Lubika beim Balanceakt über Moorteiche.</p>

Challenge accepted: Autorin Lubika beim Balanceakt über Moorteiche.

© Hannes Dabernig/Wildschönau Tourismus

Hinter der nächsten Kurve wartet eine weitere Überraschung: Eine Frau kommt uns mit einem Weidenkorb entgegen, darin bis obenhin: Pfifferlinge – und was für Prachtexemplare! Monika, die selbst eifrige Pilzsammlerin ist, beginnt sofort ein Gespräch mit der Einheimischen, die den ganzen Morgen auf der Jagd nach "Schwammerln" durchs umliegende Unterholz gekrochen ist, wie sie uns verrät.

Ihre erdverkrusteten Hände und kleine Zweige in der grauen Kurzhaarfrisur zeugen von der Suche. Nachdem wir die Ernte ausgiebig bewundert und inspiziert haben – Monika mit Sachkunde, ich mit Appetit –, zieht es uns weiter zum nächsten Gipfel: Über einen der wenigen kurzen Steilanstiege der Tour nähern wir uns dem Feldalphorn mit seinen 1923 Metern Höhe.

<p>Prächtig: Über so viele Pfifferlinge freut sich die fleißige Sammlerin zu Recht.</p>

Prächtig: Über so viele Pfifferlinge freut sich die fleißige Sammlerin zu Recht.

© Hannes Dabernig/Wildschönau Tourismus

Besuch beim Almöhi: Schaukäserei Schönanger

Was jetzt kommt, ist eine Überschreitung par excellence: Über mit Heidelbeerstauden gesäumte Hänge wandern wir über Schwaigberghorn, Breiteggern und Breit­eggspitze der Sonne entgegen. Wir fühlen uns wie im Hollywood-Epos Gladiator, als wir im Vorbeigehen durch hohe Grashalme streichen. Auf der letzten Erhebung rasten wir, bis die Uhr zum Aufbruch mahnt. "Sonst verpassen wir noch die Öffnungszeiten der Schaukäserei und den letzten Wanderbus", mahnt Monika.

Der fährt nämlich nur bis zum späten Nachmittag vom Talschluss zurück. Im Abstieg kommen mir Christines Worte vom Vortag in den Sinn: "Für Ausblick genießen und gemütlich am Berg­kreuz jausen muss Zeit sein, ein bissl sputen sollte man sich aber schon." Nicht lange und wir stehen am Gasthaus Schönanger und der Schaukäserei. 

<p>Käsemeister Johann Schönauer lebt seinen Beruf. Die Käserei Schönanger ist eine preisgekrönte Institution in der Wildschönau. </p>

Käsemeister Johann Schönauer lebt seinen Beruf. Die Käserei Schönanger ist eine preisgekrönte Institution in der Wildschönau. 

© Hannes Dabernig/Wildschönau Tourismus

Infos zur Schönageralm:

  • Mutige sollten unbedingt den Rübenschnaps Krautinger verkosten, der nur in der Wildschönau gebrannt wird. Alle anderen halten sich an den hervorragenden und mehrfach prämierten Käse. Von Juni bis September sind die Tiere auf der Alm, in dieser Zeit werden pro Tag über 2000 Liter Milch zu Käse und Almbutter verarbeitet. Verkostung und Verkauf inklusive. schoenangeralm.at

Kaser Johann, der mit seinem wilden Haar und dem langen grauen Bart genauso ausieht sieht, wie man sich einen Almöhi vorstellt, bietet uns zur Begrüßung eine einzigartige Spezialität des Tals an. Und nein, es ist nicht der Käse gemeint, obwohl auch die klare Flüssigkeit intensiv riecht. "Unseren Krautinger muss man probieren, wenn man hier zu Gast ist", erklärt er und reicht jeder von uns ein Stamperl.

Der Rübenschnaps mit dem einprägsamen Namen gilt als DIE Spezialität der Wildschönau; nur dort wird er gebrannt und gilt seit dem 18. Jahrhundert, als Kaiserin Maria Theresia das Brennrecht verlieh, als "Hausmittel, Lebenselixier und Medizin". Das verrät uns ein Blick auf die Webseite des Tals.

<p>Die kleine Kapelle neben der Schönangeralm ist Blickfang und Ruhepunkt.</p>

Die kleine Kapelle neben der Schönangeralm ist Blickfang und Ruhepunkt.

© Julian Castro/Österreichs Wanderdörfer

"Der Geruch ist einzigartig, der Geschmack auch. Entweder man mag ihn oder man mag ihn nicht", heißt es dort – und das trifft den Nagel auf den Kopf. Während Monika das Gebräu in einem Zug hinabstürzt, vergeht mir schon beim Riechen die Lust. Naja, was muss, das muss. Interessanter für meinen knurrenden Magen riecht der Käse. Zwischen zehn und zwölf Sorten stellt Johann Schön­auer her. 

Im Sommer können Besucher bei ihm Einblicke in die ­Käseherstellung und den Tagesablauf auf der Alm bekommen, verrät er, während er die einzelnen Sorten auf einer Holzplatte vor uns anrichtet. Himmlisch – schon beim ersten Bissen ist der Schnaps vergessen. Der Käse, dazu Butter und frisches Bauernbrot, mehr brauchen wir zwei Mädels heute nicht. So gut schmeckt die Brotzeit auch nur nach einem Tag an der frischen Luft. Nach der Verkostung verabschieden wir uns von Johann (natürlich nicht ohne Proviant), denn für den nächsten Tag haben wir noch einen Ausflug aufs Dach der Wildschönau vor: den Großen Beil.

Tirol von einer anderen Seite: Stippvisite nach Schottland

Früh am nächsten Morgen stehen wir wieder am Schönanger – voller Tatendrang, allerdings bei weniger feinen Wetterverhältnissen. Über Nacht haben sich Sonne, Wärme und blauer Himmel verabschiedet und Wolken, Wind und dem Frühherbst Platz gemacht. Wir genießen trotzdem die 1100 Höhenmeter zum Gipfel. Über den Kastensteig wandern wir mit Abstecher zum Gressenstein-Wasserfall hi­­nauf zum Glockhausstein, einer Ansammlung von Findlingen auf einer Lichtung. 

<p>Jause an der Gressenalm.</p>

Jause an der Gressenalm.

© Julian Castro/Österreichs Wanderdörfer

Eine Infotafel verrät, dass hier der Sage nach der Teufel einst seine Krallen am Fels gewetzt haben soll. Davon ist zumindest heute nichts mehr zu sehen. Über die unbewirtschaftete Gressenstein­alm wandern wir weiter und trauen unseren Augen kaum. "Sind wir in den schottischen Highlands gelandet?", entfährt es mir beim Anblick der zerklüfteten, von Flechten überzogenen Felslandschaft ringsum. 

Kurzum: Wir sind begeistert. Mit dem Gipfelanstieg lassen wir uns Zeit, setzen uns an die kleinen Lacken und freuen uns, dass wir auch diesen schönen Fleck heute für uns haben. Als wir am höchsten Punkt der Wildschönau auf 2309 Metern unsere Brotzeit mit Käse vom ­Schönanger ­auspacken, planen wir schon die nächste Bergfahrt – so lange sie nur genauso schön wird.

<p>Sind das die Tiroler Berge? Man könnte es am Großen Beil fast vergessen.</p>

Sind das die Tiroler Berge? Man könnte es am Großen Beil fast vergessen.

© Julian Castro/Österreichs Wanderdörfer

Infos und Tourentipps in der Wildschönau

Die Wildschönau, Teil von Österreichs Wanderdörfern, ist mit leichten bis mittelschweren Wanderungen fast noch ein Geheimtipp. Das Tal unweit von Kufstein schmückt sich mit einem mit dem Tiroler Bergwegegütesiegel ausgezeichneten Höhenweg. Für Trailliebhaber interessant ist die Höhenweg-Trophy, die am 11. Oktober 2025 zum dritten Mal stattfindet. 

Über den Wildschönauer Höhenweg:

  • Mittelschwere Ganztagswanderung, die vor allem aufgrund der Länge nicht zu unterschätzen ist. Gute Grundkondition und verlässliche Planung sind Voraussetzungen für die Tour.

  • Schwierigkeit: Mittelschwere Wanderung

  • Dauer und Höhenmeter: 6:45 Stunden, Aufstieg 1050 Hm, Abstieg 1345 Hm

  • Beste Zeit: Juni bis Oktober. 

  • Alle Infos zum Wildschönauer Höhenweg, inkl. gpx-Track findet ihr hier!

<p>Mit guten Freunden wandert es sich doch am besten!</p>

Mit guten Freunden wandert es sich doch am besten!

© Julian Castro/Österreichs Wanderdörfer

Bergtour auf den Großen Beil, 2309 m:

  • Wanderung auf den höchsten Gipfel der Wildschönau, bei der man sich fühlt wie in Schottland.

  • Schwierigkeit: Wanderung, mittel

  • Dauer und Höhenmeter: 7 Stunden,  Aufstieg 1110 Hm, Abstieg 1110 Hm

  • Beste Zeit: Juli bis Oktober.

  • Ausgangspunkt: Schönanger, 1180 m.

  • Route: Über die Forststraße, Kastensteig und vorbei am Gressenstein-Wasserfall bergan. Weiter vorbei am Glockhausstein zur Gressenalm und über einen beschilderten Steig zum Gipfel. Abstieg wie Aufstieg oder als Runde über die Forststraße.

Text von Lubika Brechtel

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