Vom norwegischen Flatanger bis in die Verdon-Schlucht

Von "Change" bis "B.I.G.": Das sind die härtesten Kletterrouten der Welt

Vom norwegischen Flatanger bis in die Verdon-Schlucht: Nur wenige Linien weltweit erreichen die obersten Grade der Schwierigkeitsskala zwischen 9b+ und 9c. Sie sind mehr als nur physische Herausforderungen. Sie sind Prüfsteine für mentale Stärke, Technik und jahrelange Hingabe. Adam Ondra, Alex Megos, Sébastien Bouin, Stefano Ghisolfi, Chris Sharma und Jakob Schubert haben mit ihren Erstbegehungen die Grenzen des Machbaren immer weiter verschoben. Ein Überblick über die härtesten Touren der Welt.

Adam Ondra, Sébastien Bouin und Jakob Schubert: die einzigen Kletterer, die bislang eine 9c bezwungen haben.
© Pavel Blažek. Lena Drapella, Johannes Mair

Die härtesten Kletterrouten der Welt: Die aktuelle Königsklasse: 9c

Die oberste Liga des Sportkletterns beginnt dort, wo der Fels senkrecht in die Überhänge kippt und jeder Griff zählt: im Bereich von 9b+ bis 9c. Nur eine Handvoll Kletterer hat bislang solche Linien gemeistert und jede dieser Touren erzählt eine eigene Geschichte aus Jahren des Ausprobierens, Scheiterns und Feinschleifens.

9c steht für das höchste derzeit bekannte Leistungsniveau im Sportklettern. Ein Grad, den bislang noch niemand wiederholt hat. Die erste und berühmteste 9c-Route ist "Silence" von Adam Ondra. Seitdem entstanden weitere extrem schwierige Projekte wie "DNA" und "B.I.G.", doch eine offizielle Bestätigung des Schwierigkeitsgrads steht durch Wiederholer noch aus.

Rotpunkt & Co: Diese 11 Kletterbegriffe solltet ihr kennen
Dschungel des Klettervokabulars
Rotpunkt & Co: Diese 11 Kletterbegriffe solltet ihr kennen

Habt ihr euch im Dschungel des Klettervokabulars auch schon das ein oder andere Mal verirrt? Mit dieser Übersicht passiert es euch nicht wieder

zur Galerie

Silence (9c) | Flatanger, Norwegen | Adam Ondra, 2017

Mit "Silence" eröffnete Adam Ondra 2017 einen neuen Schwierigkeitsgrad und kletterte als erster Mensch eine 9c. Die Linie in der Flatanger Cave in Norwegen gilt bis heute als die härteste bestätigte Sportkletterroute der Welt. Extrem komplexe Körperspannungs-Moves, ein invertierter Knieklemmer in der ersten Crux und mehr als 45 Meter Ausdauerarbeit machen sie zu einem Monument der Klettergeschichte. Bisher ist die Tour ohne Wiederholungen und gilt bis heute als das Nonplusultra des Sportkletterns.

DNA (9c) | Verdon-Schlucht, Frankreich | Sébastien Bouin, 2022

Bouins "DNA" verläuft an einer leicht überhängenden Kalkwand in der Verdon-Schlucht. Sie kombiniert winzige Leisten mit dynamischen Sprüngen und boulderartigen Sequenzen an Zangengriffen. Nach 150 Klettertagen und 250 Versuchen an der 50-Meter-Linie konnte Bouin sie im April 2022 erstmals durchsteigen. Bislang ist die Tour ohne Wiederholung und der Grad bleibt unbestätigt.

B.I.G. (9c) | Flatanger, Norwegen | Jakob Schubert, 2023

Im Sommer 2023 kletterte Jakob Schubert seine Version des Unmöglichen. "B.I.G." entstand aus dem "Project Big", einem seit Jahren diskutierten Mega-Projekt in der Flatanger Cave. Laut Schubert forderte die Route absolute Perfektion in jeder Bewegung. Die Live-Übertragung der Erstbegehung erforderte sechs Wochen Projektierungsarbeit. Der von dem Österreicher empfohlene Schwierigkeitsgrad 9c konnte bisher durch keinen anderen Kletterer bestätigt werden. 

Die Speerspitze des modernen Sportkletterns: 9b+

Mit 9b+ bewegt man sich bereits an der Grenze des derzeit technisch und körperlich Machbaren. Zahlreiche Routen in diesem Grad wurden wiederholt, wodurch der Schwierigkeitsgrad mittlerweile gut dokumentiert und anerkannt ist.

Change (9b+) | Flatanger, Norwegen | Adam Ondra, 2012

Die erste Route überhaupt im Grad 9b+. "Change" war Adam Ondras Meisterstück, eine 55 Meter lange Kombination aus zwei Seillängen mit Bouldersequenzen bis in den 8A-Bereich. Bei der Erstbegehung verzichtete Ondra auf den Einsatz eines Knee Pads, während spätere Wiederholer die Technik teilweise nutzten, um die Sequenzen zu stabilisieren. Dieser Unterschied sorgt in der Kletterszene bis heute für Diskussionen: Einige sehen das Knee Pad als legitimes Hilfsmittel, andere argumentieren, dass es die Schwierigkeit der Route beeinflusst. Alle Wiederholer haben trotz Kneepads den Grad von 9b+ bestätigt. 

2025 wiederholte der 25-Jährige Leo Bøe die Tour als erster Norweger - ein Meilenstein für die Szene des skandinavischen Landes.

In dieser Fotogalerie stellen wir euch euch die zehn geschichtsträchtigsten Kletterrouten der Welt vor:

La Dura Dura (9b+) | Oliana, Spanien | Adam Ondra, 2013

Kaum eine Route ist so berühmt wie "La Dura Dura". Ondra arbeitete monatelang Seite an Seite mit Chris Sharma an der Linie, bevor er sie im Februar 2013 erstmals durchstieg. Sharma folgte wenig später im März. Die Route gilt als Symbol für den sportlichen Fortschritt dieser Ära.

Vasil Vasil (9b+) | Sloup, Tschechien | Adam Ondra, 2013

Kurze, extrem explosive Bewegungen prägen diese Linie. Ondra benötigte über drei Jahre, um sie zu lösen: "In einem kurzen Moment war alles vorbei. Ein kurzer, aber lang erwarteter Moment."

Perfecto Mundo (9b+) | Margalef, Spanien | Alex Megos, 2018

Die überhängende Wand aus Kalk bietet winzige Löcher und kompromisslose Züge und wurde ursprünglich von Chris Sharma erschlossen. Megos kletterte sie 2018 nach langer Projektzeit als Erster und öffnete damit den Weg für weitere 9b+-Wiederholungen durch Stefano Ghisolfi.

Bibliographie (9b+) | Céüse, Frankreich | Alex Megos, 2020

In einer der schönsten Kletterwände Europas setzte Megos erneut Maßstäbe. Erst hielt er den Grad 9c für möglich, nach Wiederholungen durch Stefano Ghisolfi einigte sich die Szene auf 9b+.

Suprême Jumbo Love (9b+) | Clark Mountain, USA | Sébastien Bouin, 2022

Eine verlängerte Version von Sharmas legendärer Jumbo Love. Bouin fügte 20 Meter härtesten Kalk hinzu und erreichte so den Schwierigkeitsgrad 9b+. Eine Linie von fast 80 Metern Länge. Pure Ausdauerkletterei.

Zverinec (9b+) | Moravian Karst, Tschechien | Adam Ondra, 2022

Eine Kombination aus präzisen Mikroleisten und langen Spannzügen. Ondra beschreibt sie als "eine der härtesten Linien, die ich je gemacht habe".

Excalibur (9b+) | Arco, Italien | Stefano Ghisolfi, 2023

Ein massiver 40-Grad-Überhang aus grauem Kalk, technisch, kräftig und gnadenlos. Die Route wurde mittlerweile von Brooke Raboutou und Will Bosi wiederholt und im Grad bestätigt.

Wolf Kingdom (9b+) | Pic Saint-Loup, Frankreich | Sébastien Bouin, 2024

Im November 2024 gelang Sébastien Bouin die Erstbegehung der Route Wolf Kingdom. Laut Bouin handelt es sich um "eine der besten Linien, die ich je gebohrt habe". Die Route kombiniert zwei bereits extrem fordernde Abschnitte. Einen 9a-Einstieg, gefolgt von einem 9a+-Schlussabschnitt. Bouin hat über 50 Versuche im ersten Teil gebraucht.

Fazit: Das Ende der Skala?

Seit Adam Ondras "Change" 2012 hat sich der obere Schwierigkeitsbereich rasant entwickelt, von einer einzelnen 9b+zu mehreren 9c-Projekten. Ob die nächste Stufe, eine 9c+, überhaupt möglich ist, bleibt offen. Doch die Fortschritte der letzten Jahre zeigen: Die Grenzen des Machbaren verschieben sich stetig. Zug für Zug, Griff für Griff.

Test: Die besten Kletterschuhe 2025
10 Allround-Modelle im Test
Test: Die besten Kletterschuhe 2025

Kletterschuhe im Detail getestet: Hier unser Performance Tipp, Lange-­Routen-Tipp und Komfort-Tipp!

zum Test

Text von Robert Scheitzeneder

1 Kommentar

Kommentar schreiben
Gast

Adam Ondra konnte Perfecto Mundo bisher nicht klettern. Er hat in 2020 rund 40 Tage projektiert, ist dann aber ohne Erfolg wieder abgereist.