Kolumne "Ehrlich gesagt" I Ausgabe 23 - zum Thema #risikoamberg

Erika Dürr: "Haben wir das Risiko am Berg wirklich in der Hand?"

Erika Dürr ist Autorin, Bloggerin, Podcasterin ... und unsere ALPIN-Kolumnistin! Im Wechselspiel mit unserem zweiten Kolumnisten, David Göttler, dem Bergführer und einem der erfolgreichsten Höhenbergsteiger Deutschlands, bespricht sie aktuelle Themen des Bergsports. In dieser Ausgabe von "Ehrlich gesagt ..." beschäftigt sich Erika mit dem Thema Risiko am Berg.

Erika Dürr: "Haben wir das Risiko am Berg wirklich in der Hand?"
© pexels-riciardus

Erikas Meinung zum Thema Risiko im Bergsport

Ehrlich gesagt… frage ich mich immer wieder, ob wir das Risiko am Berg wirklich so in der Hand haben, wie es uns Praxis-Ausbildung und Theorie-Bücher vermitteln wollen? Oder (Achtung, das klingt jetzt sehr esoterisch) ob alles nicht einfach vorbestimmt ist?

Man muss sich nur einmal vor Augen führen, wie viele und welch erfahrene Profis schon tödlich verunglückt sind! Alles Menschen, die garantiert ein sehr fundiertes Risikomanagement pflegten wie zuletzt Laura Dahlmeier, Luis Stitzinger oder Hilaree Nelson. Ihr Tod wirkt auf mich fast unfair. Schließlich waren sie alle Persönlichkeiten, die ihr ganzes Leben den Bergen gewidmet haben. 

<p>Zu hohes Risiko? Die Ex-Biathletin und Alpinistin Laura Dahlmeier verunglückte letzten Juli in Pakistan.</p>

Zu hohes Risiko? Die Ex-Biathletin und Alpinistin Laura Dahlmeier verunglückte letzten Juli in Pakistan.

© picture alliance, Sven Simon

Sie alle besaßen ganz sicher eine starke Intuition sowie unendlich viel Erfahrung. Außerdem konnten sie sich notfalls auch dank ihrer körperlichen Fitness aus einer miesen Situation rausschaffen. Solch profunde Könner bleiben am Berg, während andere, viel weniger Erfahrene einfach nur Glück haben und weiterleben dürfen. 

Natürlich können wir einige Gefahren durch gute, defensive Planung reduzieren. Aber wir sind Menschen und damit nicht gefeit vor Irrtümern. Da können wir auch noch so viel vorausdenken. Wir machen Fehler und das in unterschiedlicher Ausprägung doch recht häufig.

Darum brauchen wir dann einfach Glück, was sich bei genauer Betrachtung bei jener Spielart, die wir so betreiben, ziemlich nach Russisch Roulette anfühlt. Gibt man sich diesem Gedanken jedoch völlig hin, entsteht zumindest in mir eine skurrile Ruhe: Weil so meine ständige Sorge um Risiko verfliegt. Alles wird ganz leicht, weil die Vorstellung mich auf wundersame Weise trägt, dass alles eh so kommt, wie es kommen soll. 

<p>Risiko 100% kalkulierbar? Nein! Aber mit dem richtigen Risikomanagement sicherer unterwegs. </p>

Risiko 100% kalkulierbar? Nein! Aber mit dem richtigen Risikomanagement sicherer unterwegs. 

© picture alliance, Mara Brandl

Ich glaube jene Leser:innen, die sich viel mit Angst und Risikominimierung beschäftigen, wissen, was ich meine. Bei dem aktuellen Winter und deren heimischen Verläufen in den letzten Jahren kommt mir dieser Gedanke permanent in den Sinn. Ja, die Lawinensituation in diesem Jahr ist extrem heikel und wird es wohl zukünftig auch immer öfter sein. 

Sich überhaupt ins Gelände zu begeben, ist per se gefährlich. Dort sieht man auf der einen Seite die defensiven, bestens ausgerüsteten Wintersportler, für die jede Hilfe zu spät kommt. Auf der anderen Seite konnten Freunde kürzlich bei Warnstufe 4 vier Skispuren in einem Allgäuer Nordhang ausmachen, die jeglicher Lawinenkunde schallend spotteten. Wie konnte dieser Hang nicht anreißen?! Vielleicht ist doch alles vorbestimmt?

Text von Erika Dürr

1 Kommentar

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Bruno

Sehr geehrte Frau Dürr, ich meine, die Frage hinsichtlich Determinismus und Indeterminismus, die jeden Menschen und sein Handeln betreffen, kann man nicht lösen. Ich selbst tendiere zu letzterem. Ein Beispiel, da sie auch den tragischen Tod von Fr. Dahlmeier erwähnten. Auf einer Wanderung fiel ungefähr 2 m vor mir ein Stein, 20x20 cm auf den Weg - oben rannten Steinböcke davon. Ein paar Sekunden früher die Wanderung gestartet und ich hätte anstelle meines Gedankenfachs diesen auf dem Hals getragen. Frau Dahlmeier wurde leider von einem Stein getroffen, der auch 10 cm hätte vorbeifligen können. Daher bin ich eher der Auffassung, daß man von einem reinen Zufall, von Schicksal reden kann.
Was die Berge anbelangt, ist es bekannt, daß dort der Grimme Schnitter hinter jeder Ecke lauert, sprich der Zufall oder der kleinste Fehler kann zu schlimmen Folgen führen, daher kann man schon mit Risikomanagement der Vorhersehung ein Schnippchen schlagen, aber Menschen machen Fehler, selbst die besten in ihrem Fach; ich meine das ist so, und glücklich der, der aus ihnen danach lernen kann.
Also ist es am besten, keinen großen Sinn hinter dem Ganzen zu suchen, sondern sich einfach zu freuen, Freude an der Sache zu haben, die man macht. Keine große Philosophie, ich weiß. Viele weitere unfallfreie Touren Ihnen und allen Lesern, Bruno