Adam, du warst kürzlich in der Sächsischen Schweiz und hast dort "Vertreibung der letzten Idealisten" (XIIa/8c/5.14b) geklettert. Danach hast du gesagt, es sei eines der bedeutendsten Erlebnisse deiner Kletterkarriere gewesen. Das überrascht — gerade bei jemandem, der "Silence" (9c) geklettert hat. Was hat dich dort so fasziniert?
Ich klettere schon lange viel auf der tschechischen Seite der Sandsteinfelsen. Dort gibt es Gebiete wie Labák oder das Elbtal direkt an der Grenze — eher sportkletterorientiert, mit Chalk, steilen Linien und kraftvollen Bewegungen. Fantastisches Klettern. Ich sage immer: Man muss nicht extra nach Australien reisen, um außergewöhnliche Klettererlebnisse zu finden.
Was uns auf tschechischer Seite aber fehlt, sind diese riesigen, nahezu glatten Wände. In Sachsen stehen markante Türme und massive Wände, die über mehrere Seillängen hinweg von winzigen Griffen durchzogen sind. Und ehrlich gesagt: Das hat mich selbst nach all den Jahren und nach Routen wie "Silence" wirklich umgehauen.

Adam Ondra 2017 in einer der Cruxstellen von "Silence" (9c) in Flatanger, Norwegen.
Gilt das speziell für die beiden Routen, die du dort probiert hast?
Ja, absolut. Sowohl "Vertreibung der letzten Idealisten" als auch "Circus Maximus" sind in dieser Hinsicht einzigartig. Selbst wenn man Sandstein einmal ausklammert und an Granit oder Kalk denkt: Eine so lange, gleichmäßig anspruchsvolle Linie an einer senkrechten Wand ist unglaublich selten. Und gleichzeitig sind die Linien ästhetisch perfekt.
Ein zentrales Thema im Elbsandstein ist das Klettern ohne Magnesium. Hat dich das beeinflusst?
Definitiv. Wie viele starke Sandsteinkletterer aus Tschechien dachte ich immer: An der persönlichen Grenze ohne Chalk zu klettern, macht keinen Spaß. Bei uns hat man oft schräge Crimps und Sloper, ohne Magnesium wird das brutal.
Aber bei "Circus Maximus" oder "Vertreibung der letzten Idealisten" geht es viel mehr um präzises Crimpen auf positiven Leisten. Das funktioniert überraschend gut, selbst mit leicht verschwitzten Händen. Man muss einfach härter zupacken. Für mich hat das im Kopf plötzlich ganz neue Möglichkeiten eröffnet.
Heißt das: Du kommst zurück nach Sachsen?
Auf jeden Fall. "Circus Maximus" (XIIc?/9a?) würde ich unglaublich gern irgendwann Rotpunkt klettern. Die Route ist einfach zu gut.

Orientierung von Wettkämpfen zum Bouldern
Diesen Winter hast du dich intensiv dem Bouldern gewidmet und unter anderem "Fountain’s Edge", "The Lion’s Chair", "Celestite" und "Emotional Landscapes" im Grad 8C geflasht. Was hat dich daran gereizt?
Es war eine sehr willkommene Abwechslung. Ich hatte jahrelang extrem viel Energie in harte Sportkletterprojekte investiert — oft ohne den Erfolg, den ich mir erhofft hatte. Beim Flash-Bouldern gibt es zwar enormen Druck in diesem einen Versuch, aber es ist positiver Druck. Er zwingt mich dazu, sofort mein Bestes abzurufen.
Und gleichzeitig bleibt es spielerisch. Wenn ich an einem 8C-Boulder scheitere, kann ich zwei Tage später den nächsten probieren. In der Schweiz sind in den letzten Jahren unglaublich viele neue schwere Boulder entstanden, die ich vorher nie versucht hatte. Also dachte ich: gute Form, gutes Wetter — einfach hingehen und ausprobieren.
Parallel dazu hast du dich aus dem Wettkampfsport zurückgezogen. War das schwer?
Nein, überhaupt nicht. Ehrlich gesagt wäre ich wahrscheinlich schon früher ausgestiegen, wenn es die Olympischen Spiele nicht gegeben hätte. Durch das kombinierte Format in Paris musste ich einfach weitermachen. Aber ich fühle mich im Wettkampf-Bouldern inzwischen schlicht nicht mehr konkurrenzfähig.
Vor allem ist das spezifische Training sehr hart für meine Schultern. Die waren nie meine Stärke, und viele moderne Bewegungen belasten sie enorm. Die letzten Jahre bestanden eigentlich vor allem daraus, Verletzungen zu vermeiden. Ich hatte ständig Schmerzen in beiden Schultern. Jetzt, nach einem Jahr ohne Wettkampf, fühlen sie sich zum ersten Mal seit Langem wieder gesund an.
Bedeutet das auch: kein Olympia 2028 in Los Angeles?
Beim Lead lasse ich mir die Tür noch offen. Diese Saison werde ich ein paar Wettkämpfe klettern, einfach um zu sehen, wo ich stehe. Aber die Entscheidung ist schwierig. Es gibt draußen noch so viele Projekte, die mich reizen. Wenn ich mich komplett auf Olympia fokussiere und später merke, dass die Zeit für bestimmte Linien am Fels vorbei ist, dann wäre das ein echtes Risiko.
Bedeutet das auch, dass sich dein Blick aufs Klettern verändert hat? Du hast mit sechs Jahren zu klettern begonnen, warst als Teenager bereits Weltklasse und bist praktisch dein ganzes Leben im Leistungssport unterwegs. Verändert sich irgendwann die Beziehung zum Klettern?
Als Kind war Klettern einfach nur großartig. Und ich hatte Glück, noch zu einer Generation zu gehören, in der beides möglich war: viel draußen klettern und gleichzeitig Wettkämpfe machen.
Heute müssen sich junge Kletterer fast entscheiden. Wer im Wettkampf ganz vorne sein will, muss sich wahrscheinlich komplett darauf konzentrieren. Wenn ich heute 15 wäre, würde ich mich vermutlich eher fürs Felsklettern entscheiden.

Adam Ondra als Kind beim Klettern. Seine erste 9a gelang ihm bereits mit 13 Jahren.
Adam Ondra zum Umzug nach Arco und Klettern mit Sohn Hugo
Heute scheint dein Leben insgesamt etwas anders ausbalanciert zu sein. Welche Rolle spielt dabei deine Familie?
Eine sehr große. Es bedeutet mir viel, dass Iva versteht, was Klettern für mich ist. Das wäre schwierig, wenn sie gar keinen Bezug dazu hätte. Sie klettert inzwischen zwar nicht mehr auf Wettkampfniveau, aber immer noch mit großer Freude. Und bei Hugo werden wir sehen. Er ist gerne am Fels und probiert viel aus, aber natürlich ist er noch viel zu jung, um zu wissen, ob ihn das wirklich packt.
Hat Hugo auch verändert, wie du über Risiko und Projekte nachdenkst?
Definitiv. Vor allem bei der Planung. Ich überlege heute viel genauer, welche Projekte wirklich Sinn ergeben und wie lange ich dafür von zuhause weg wäre. Früher hätte ich vielleicht sofort gesagt: Okay, ich fliege ans andere Ende der Welt. Heute denke ich oft: fantastische Route — aber zu kompliziert, zu weit weg.
Ich versuche insgesamt vernünftiger zu sein. Auch beruflich arbeite ich inzwischen so wenig wie möglich, um möglichst viel Zeit fürs Klettern und für meine Familie zu haben. Gerade fühlt sich mein Leben ziemlich perfekt an. Das war übrigens auch einer der Gründe für unseren Umzug nach Arco: Weltklasse-Klettern direkt vor der Haustür und gleichzeitig möglichst viel Familienzeit.

Adam Ondra mit seiner Frau Iva und Sohn Hugo. Die Familie lebt heute im norditalienischen Arco.
Welchen Rat würdest du jungen Kletterern geben?
Es klingt nach einem Klischee, aber: Folge deiner Leidenschaft. Ich glaube, man wird nur wirklich gut in etwas, das einem wirklich etwas bedeutet.
Und was steht bei dir als Nächstes an?
In Arco beginnt jetzt der Sommer, also wird das harte Sportklettern erst einmal schwieriger. Im Moment trainiere ich hauptsächlich für die Wettkämpfe, die ich diese Saison noch machen werde. Und dann hoffe ich auf ein perfektes Herbstprojekt. Idealerweise wäre das eine schwere Linie hier in Arco, auf die ich mich komplett konzentrieren kann. Das Potenzial dafür gibt es definitiv.




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