Anonymes Bekennerschreiben kursiert

Tourists go home: Bohrhaken im Trentino entfernt

Unbekannte haben im Trentio bewusst die Sicherungen in mehreren Kletterrouten entfernt. Damit erreicht der Protest gegen die zahlreichen Touristenströme in der Region ein neues Level. In einem anonymen Brief bekennt sich eine Gruppe Aktivisten zur Demontage – und kündigt weitere Aktionen an.

Tourists go home: Klettersteig-Sicherungen im Trentino entfernt
© Antonio Mervisan/Facebook

Tourists go home: Bohrhaken im Trentino entfernt

Die Geister, die ich rief: Im Treninto und dem angrenzenden Südtirol werden die Stimmen gegen die "einfallenden" Menschenmassen immer lauter. Das Wort "Overtourism" ist in aller Munde. Immer mehr Einheimische wehren sich gegen die horrenden Besucherzahlen – auch im Bergsportbereich. Nachdem bereits mehrfach der Schriftzug "Tourists go home" auch an beliebte Berg-Hotspots gesprüht wurde, ergriff eine Gruppe Aktivisten nun drastischere Maßnahmen.

<p>Einer der demontierten Haken im Klettergebiet.</p>

Einer der demontierten Haken im Klettergebiet.

© Facebook/Andrea Marchini

Im Etschtal entfernten sie Bohrhaken in mehreren Kletterrouten. Unter anderem wurden in "Via dei Boce" und "Mamma li Turchi" in einem Klettergarten bei Canale mehrere Sicherungen weggeflext oder unbrauchbar gemacht. Am Einstieg von "Mamma li Turchi" prangt zudem der Schriftzug "Climbers go home!". In einem Online-Portal beschreibt ein Kletterer die Schäden und warnt: "Der erste Haken ist umgeschlagen, die anderen und auch der Stand abgeflext. Auch in der zweiten Länge konnte ich keine Haken entdecken. Die Tour wurde anscheinend komplett demontiert."

Anonymes Bekennerschreiben auf Facebook

Bilder der zerstörten Sicherungen kursieren v. a. in den sozialen Medien. Über die Verursacher wird bereits rege spekuliert, ein anonymes Bekennerschreiben heizt die Debatte weiter an, dessen Unterzeichner nennen sich selbst die "Revolutionäre Einheimischenzelle". Dass auch im oberen Routenbereich Haken entfernt bzw. abgeflext wurden, lässt vermuten, dass die Täter selbst aus der Kletterszene stammen.

<p>Der "Bekennerbrief", der in den sozialen Medien kursiert.</p>

Der "Bekennerbrief", der in den sozialen Medien kursiert.

© Facebook/Andrea Marchini

In dem auf Italienisch verfassten Text äußern sich die Aktivisten kritisch zum Massentourismus in ihrer Region, der durch die starke Gastgewerbe-Lobby befördert werde. Zur Begründung der Demontage schreibt die Gruppe: "Wir wollen nicht, dass unsere Städte jedes Wochenende überfallen werden, aus diesem Grund üben wir den ersten einer langen Reihe von Anschlägen aus." Zudem fordert das Schreiben, die Bewerbung von Klettergebieten in der Region einzustellen.

Mit diesen Aktionen ist ein neues Level der Proteste gegen Massentourismus erreicht. Ob und wie die lokale Politik und Tourismusverbände reagieren werden, bleibt abzuwarten. Bereits beschlossene Maßnahmen wie die Betten-Deckelung in Südtirol scheinen angesichts dieser Aktionen nur mehr ein Tropfen auf dem heißen Stein. 

20 Kommentare

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Reinhold

Ich glaube erstmal, daß hier ein Problem hochgespielt wird, daß gar keines ist. Gerade das Klettergebiet Rivalta, Tessari, Rivoli Veronese, wird von Kletterern sicher nicht überflutet.
Und hier müßte erst mal geklärt werden, was ist "overtourismus", was hat dieses Phänomen mit den Kletterern und Kletterinnen zu tun die dort klettern.
In den achtziger Jahren wurde die Comici an der Nordwand der Grossen Zinne in regelmäßigen Abständen ausgenagelt oder im Kaiser Standplätze oder Abseilstellen zerstört.
Es waren meistens wenige, oder einzelne Locals, die halt meinten diese Routen gehören ihnen. Egoismus und Selbstherrlichkeit sind sicher auch hier die Triebfeder und der "overtourismus" nur vorgeschoben.

Gast

@Gustav Unterirdischer Kommentar. Die Alpen den Alpenbewohnern, die Nordsee den Niedersachsen und Holsteinern. Unglaublich.

Isolde

Ein sehr qualifiziertes Kommentar, Gustav. Sind Berge nicht für alle da?

Gustav

Von Nichts kommt Nichts. Wegen mir gerne deutlich weniger aus Flachlandtirol in die Berge lassen. Den Ärger hast eigentlich fast ausschließlich mit Leuten aus Norddeutschland, die in den Bergen oft sehr unbeholfen unterwegs sind. Der Süddeutsche kann seine Tour abbrechen und an irgendeinem kommenden Wochenende es wiederholen, das ist für den Norddeutschen nahezu ausgeschlossen. Ich als Süddeutscher identifiziere mich mehr mit Schweizern oder Tirolern denn mit Mecklenburgern oder Niedersachsen. Wir sind Nachbarn, haben ähnlichen Dialekt, ähnliches Essen, Traditionen etc.

Bruno

Auch wenn ich der Penetranz bezichtigt werde, noch ein Beitrag zur Diskussion, und zwar zur Argumentation von Evelyne "grauenvoll, anmaßend und selbstherrlich zu "bestimmen", dass "nur sie" auf den Berg dürfen" (wer hat das geschrieben? Ich sehe das nirgends, aber egal). Hr. Huemmer hat das Argument bereits widerlegt, aber ein weiteres Beispiel: Ich war irgendwann auf dem Bietschhorn (3900 m), dort waren neben mir und meinem Bergkameraden weitere 2 Leute. Dann ließ ich mich aufs Kl.Matterhorn hochziehen, um eine Tour zu beginnen. Dort waren Hunderte Menschen, mehrere, wie ich sah, zwar mit modernen Kommunikationsmitteln ausgerüstet, welche sie auf ihr Gesicht und den im Gegensatz dazu herrlichen Hintergrund drehten, aber weniger mit Ausrüstungsgegenständen, welche diese Personen etwas weg vom Liftausgang gebracht hätten. Und darin liegt m.E. das Problem von Zermatt (etc. etc.), dessen Durchschreitung mehr Nerven fordert als der Gang auf der Karlsbrücke in Prag an Ostern. Bruno

Bruno

Viel Polemik, aber wo ist die Lösung? Beim Lesen der Beiträge über die mich sehr interessierende Thematik glaube ich verstanden zu haben, daß das Problem in "Geld durch Massentourismus (MT)" vs "Naturzerstörung durch MT" liegt. Ich bin überzeugt, daß dem Südtiroler nicht so sehr die wenigen Kletterer in der Nordwand einer der Zinnen stört, sondern die Folgen, die bspw. durch den Riesenparkplatz oben und die Rennbahn um diese 3 Hügel entstanden. Oder man stelle sich vor, die Bahn auf das Matterhorn (MH), von der es Pläne gibt, wäre durchgesetzt worden, Zermatt wäre heute schon eine Stadt mit Hotels für 100 Tsd. Tagesgästen, die der Region große Steuereinnahmen und Arbeitsplätze bringen würden. Aber wer würde dort noch hochklettern? Es gibt dazu ohne Ende Beispiele. Also was tun? Reklame unterbinden, Fotos von FB, Gangstagram und Tik-Tok mit ihren selbstverliebten Protagonisten zu verbieten geht ebenso wenig, wie der Reaktion von Alpin.de zu sagen, sie soll nichts mehr über Berge berichten, da Werbung. Ich sehe für die Berge und die traumhafte Natur nur eine Lösung, die ich schon skizziert habe. Hr. Huemmer hat diese im Prinzip richtig benannt. Bruno

Reinhard Huemmer

Dann halt wieder traditionell mit Hammer dabei und Haken setzen. Oder mit Klemmkeilen arbeiten. Solang die Aktvisten nicht die Kletterer aus der Wand schießen können sie machen was sie wollen.

Harald

Wem genau bringen denn die Touristen das Geld?
Den Hoteliers und Gastwirten ganz bestimmt. Den Seilbahnbetreibern und Geschäften, also den Unternehmern auch. Doch was hat der normalarbeitende Einheimische davon?
Nix.
Alles ist überteuert, Wohnungen nicht mehr leistbar, überfüllte Straßen, Stau ohne Ende, alle Parkplätze an den Ausgangspunkten der Bergtouren sind gebührenpflichtig und ganze Täler (siehe Pragsertal) werden wegen dem Andrang auch für einheimische gesperrt.

Ja der Tourismus ist super. Aber nur für einige wenige.

Die im Artikel beschriebene Protestaktion ist nicht der richtige Weg, allerdings kann ich die Wut dieser Personen auch gut verstehen.

Erwin

Leute setzt euch zusammen und sucht eine Lösung jeder für sich das ist keine Lösung

GerdDasPferd

Im Rosengarten ist mir die Praxis wohlvertraut. Da ist es ein netter Wettstreit zwischen zwischen Einbohrern und Ausschraubern. In ursprünglich Trad-Routen ist das auch ein anderer Diskurs.

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