Zwei 8000er fehlen noch: Anja Blacha am Lhotse
Die diesjährige Frühjahrssaison am Mount Everest und dem benachbarten Lhotse verläuft bislang deutlich zäher als in den Vorjahren. Schlechte Wetterbedingungen, Schneefall und Verzögerungen im Khumbu-Eisbruch bremsen zahlreiche internationale Expeditionen aus. Viele Teams sitzen im Basislager und warten auf stabile Bedingungen für den Gipfelaufstieg.
Besonders der Khumbu-Eisbruch, die zentrale Schlüsselpassage am Everest, sorgt für Probleme. Bereits vor einigen Wochen hatten gefährliche Eisformationen nahe der Aufstiegsroute die Arbeit der Icefall Doctors erschwert. Die Spezialteams aus Nepal sichern jedes Jahr den Weg durch den Eisbruch und installieren Fixseile bis in große Höhen. Durch die Verzögerungen geriet der Zeitplan vieler Expeditionen ins Wanken. Derzeit sorgt erneut ein Wetterumschwung für Probleme.
Schneefall und ungünstige Bedingungen verhindern weitere Arbeiten an den gesicherten Routen hinauf zu Everest- und Lhotse-Gipfel. Im Basislager wächst laut mehrerer Berichten deshalb die Nervosität unter der Rekordzahl an Bergsteigerinnen und Bergsteigern aus aller Welt. Unter den Wartenden befindet sich auch die deutsche Extrembergsteigerin Anja Blacha.
Die 35-Jährige verfolgt das Ziel, alle 14 Achttausender ohne zusätzlichen Sauerstoff zu besteigen. Dafür fehlen ihr nur noch zwei Gipfel: Lhotse (8.516 m) und Shishapangma (8.027 m). Letzgenannter Gipfel bleibt jedoch ein Unsicherheitsfaktor. China erteilte zuletzt erneut keine Genehmigungen für ausländische Expeditionen. Deshalb konzentriert sich Blacha nun vorerst auf den Lhotse in Nepal, dessen Route bis auf ca. 8000 Meter gemeinsam mit jener des Everest verläuft.
"Zur Akklimatisierung bin ich zunächst zweimal den Eisbruch bis 5.900 und 5.700 hoch und habe danach zwei Rotationen gemacht, eine auf 6.400, danach eine auf 7.100 Meter", schrieb sie auf ALPIN-Nachfrage.
"Wenn ich mich unter Druck setze, würde das nur die Risikobereitschaft steigern"
Die vergangenen Wochen nutzte die Alpinistin laut einem Bericht der NZZ vor allem zur Höhenanpassung. Während viele Expeditionen noch auf den Einstieg in den Eisbruch warten, verbrachte sie bereits mehrere Nächte in den Lagern oberhalb von 6000 und 7000 Metern Höhe. Unterstützt wird sie dabei nicht von Sherpas, sondern sie transportiert ihre Ausrüstung selbst. "Ohne Sherpa bin ich seit 2023 immer unterwegs, mit Ausnahme vom Cho Oyu, wo dies nicht erlaubt war – also auf 9 von 12 8000ern," schrieb sie ALPIN.
Blacha gilt in der Szene als analytisch und risikobewusst. Statt schnelle Gipfelerfolge zu erzwingen, setzt sie auf sorgfältige Vorbereitung und langfristige Planung. Öffentlichen Druck wolle sie bewusst vermeiden, erklärte sie dem Schweizer Medium. Zwar könnte sie als erste Deutsche sämtliche Achttausender ohne Flaschensauerstoff besteigen, wichtiger sei ihr jedoch ein kontrollierter und sicherer Stil am Berg.
Im Gespräch bezog Blacha Stellung bezüglich ihrer Ambition, als erste Deutsche alle 14 Achttausender zu erreichen: "Finanziell ist es viel besser, zu sagen: 'Ich war die erste Deutsche.' Aber darüber hinaus hat das keine Wichtigkeit. Wenn ich mich deshalb unter Druck setze, würde das nur die Risikobereitschaft steigern. Und das will ich nicht. Ich weiß, was ich will, und ich weiß, was ich kann und was ich nicht kann. Diese Erfahrung gibt mir Ruhe. Damit kann ich souverän umgehen".
Anja Blachas Achttausender-Erfolge
Anja Blacha ist inzwischen die erfolgreichst deutsche Höhenbergsteigerinnen. Die gebürtige Bielefelderin begann zunächst mit Expeditionen in Polarregionen und auf die Seven Summits, bevor sie sich zunehmend auf die Achttausender konzentrierte. International bekannt wurde sie 2020 mit einer Solodurchquerung der Antarktis bis zum Südpol – ohne externe Unterstützung. Zuvor hatte sie bereits als jüngste Deutsche die Seven Summits bestiegen und war 2019 die erste deutsche Frau auf dem K2.
Besonders bemerkenswert ist ihr Stil am Berg: Blacha verzichtet meist auf zusätzlichen Sauerstoff und häufig auch auf persönlichen Sherpa-Support. Viele ihrer Expeditionen absolviert sie bewusst möglichst eigenständig.
Anja Blachas bisherige Achttausender-Erfolge im Überblick:
2017: erster Everest-Gipfel über die Nordseite Tibets – damals noch mit Flaschensauerstoff
2019: Broad Peak und K2 ohne zusätzlichen Sauerstoff; am K2 als erste Deutsche
2023: Nanga Parbat, Gasherbrum I und Gasherbrum II ohne Sauerstoff; damit gelangen ihr alle fünf pakistanischen Achttausender ohne Atemhilfe
2024: Makalu, Kangchendzönga, Manaslu und Cho Oyu – ebenfalls ohne Flaschensauerstoff
2025: Annapurna, Dhaulagiri und schließlich auch Mount Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff
Mit ihrer Everest-Besteigung 2025 schrieb Blacha deutsche Alpingeschichte: Sie war die erste deutsche Frau überhaupt, die den höchsten Berg der Erde ohne Flaschensauerstoff erreichte. Weltweit gelang dies bislang nur sehr wenigen Frauen.
Aktuell fehlen ihr nur noch zwei Achttausender für die komplette Sammlung: der Lhotse in Nepal und die Shishapangma in Tibet. Sollte sie beide ebenfalls ohne zusätzlichen Sauerstoff besteigen, wäre sie die erste Deutsche mit diesem Erfolg. Weltweit haben das bislang nur zwei Frauen geschafft: Gerlinde Kaltenbrunner und Nives Meroi.


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