- "Bonus Track": Pou-Brüder eröffnen ihre bislang härteste Andenroute
- Über 1000 Meter Fels, Eis und Mixed: Schneesturm beim ersten Biwak
- Warum der Name "Bonus Track"?
- Zweite Neutour am Ranrapalca
- Die Route auf einen Blick
- Kletterschwierigkeiten: Was bedeutet WI7/M6/6c?
- Wer sind die Brüder Iker und Eneko Pou?
"Bonus Track": Pou-Brüder eröffnen ihre bislang härteste Andenroute
Drei Tage in der Wand, zwei äußerst unbequeme Biwaks und mehr als 1000 Meter anspruchsvolle Kletterei in Fels, Eis und Mixed: Eneko und Iker Pou haben gemeinsam mit dem Peruaner Micher Quito am Ranrapalca (6162 m) in der Cordillera Blanca eine neue Route eröffnet. "Bonus Track" ist mit WI7/M6/6c bewertet und nach Einschätzung der Pou-Brüder die härteste der bislang 22 Routen, die sie in der Region eröffnet haben.
Dabei war die Erstbegehung zunächst gar nicht mehr das große Ziel der Peru-Reise. Die beiden Basken hatten zuvor mit der Besteigung des 5947 Meter hohen Alpamayo einen lang gehegten Wunsch erfüllt. In den verbleibenden Tagen ihrer Expedition kehrten sie gemeinsam mit Quito noch einmal an den Ranrapalca zurück – einen Berg, den das Trio bereits gut kannte. 2023 hatten sie dort mit "Ya Pe Cholo" eine neue Linie eröffnet. Diesmal wurde es deutlich schwieriger.
Über 1000 Meter Fels, Eis und Mixed: Schneesturm beim ersten Biwak
"Bonus Track" zieht über 1060 Höhenmeter durch die Wand und kombiniert schwierige Eiskletterei bis WI7, Mixedpassagen bis M6 und Felskletterei bis 6c. Vor allem die anhaltenden Schwierigkeiten machten die Erstbegehung nach Angaben der Kletterer außergewöhnlich fordernd. Die Brüder beschreiben die Route als "extrem hart, ernst und ausgesetzt". Fels, Eis und Mixed wechselten sich ab, echte Rastmöglichkeiten habe es kaum gegeben.
Hinzu kam eine komplizierte Routenfindung. Immer wieder endeten mögliche Linien an nicht passierbaren Wandstellen. Trotz ihrer Erfahrung hätten sie fortwährend versucht, "das Puzzle zu lösen", berichten die Brüder ExplorersWeb. Mehrfach musste das Trio kurze Stücke abseilen und seitlich nach Risssystemen suchen, die einen Weiterweg ermöglichten. Das Trio war drei aufeinanderfolgende Tage in der Wand unterwegs. Bereits die erste Etappe dauerte rund zwölf Stunden. Als sie schließlich nach einem Platz für die Nacht suchten, gerieten sie in einen unerwarteten Schneesturm.
Ein komfortabler Biwakplatz war nicht zu finden. Schutz bot schließlich lediglich eine Felsspalte. Die Nacht hinterließ ihre Spuren: Kälte und Nässe setzten dem Team und der Ausrüstung zu. Trotzdem entschieden sich die drei am nächsten Morgen für den Weiterweg. Viel angenehmer wurde es in der folgenden Nacht nicht. Das zweite Biwak verbrachten die Alpinisten sitzend. Über den gesamten Vorstoß kamen sie nach eigenen Angaben pro Nacht teilweise lediglich auf drei bis vier Stunden Schlaf. Die täglichen Etappen dauerten hingegen zwischen acht und 13 Stunden.
Warum der Name "Bonus Track"?
Auch weiter oben ließ die Ernsthaftigkeit nicht nach. Am dritten Tag führte die Linie in Gelände unter großen Seracs. Mehr als drei Stunden verbrachte das Trio nach eigenen Angaben in diesem exponierten Bereich, bevor es sich dem Gipfelplateau näherte. Dort verschlechterte sich die Sicht. In dichtem Nebel und tiefem Schnee suchten die drei erschöpft den Weiterweg. Die Pou-Brüder berichten von einem ungewöhnlichen Moment auf knapp 6000 Metern: Ein Vogel sei plötzlich aufgetaucht und habe sie ein Stück in die richtige Richtung geführt.
Diese Episode lieferte schließlich den Namen der Route. Manchmal passierten unerklärliche Dinge, die einem "eine zusätzliche Chance" gäben, erklärten die Brüder – einen "Bonus Track" eben.
Zweite Neutour am Ranrapalca
Für Eneko und Iker Pou sowie Micher Quito ist es nicht die erste gemeinsame Unternehmung in der Cordillera Blanca. Neben "Ya Pe Cholo" am Ranrapalca waren sie unter anderem für "Puro Floro" am Nevado Copa gemeinsam unterwegs. Mehrere ihrer Unternehmungen in Peru fanden auch international Beachtung. "Bonus Track" sticht für die Pou-Brüder dennoch heraus. Unter ihren mittlerweile 22 eröffneten Routen in der Cordillera Blanca bewerten sie die neue Linie als die bislang schwierigste und ernsthafteste.
Dabei sei es weniger der Grad, der diese Einschätzung erklärt. Entscheidend ist vielmehr die Summe: mehr als ein Kilometer Wand, anhaltend schwierige Kletterei, anspruchsvolle Routenfindung, exponierte Biwaks, große Höhe und objektive Gefahren durch die Gletscherformationen oberhalb der Route.
Die Route auf einen Blick
Berg: Ranrapalca, 6162 m, in der Cordillera Blanca, Peru
Route: "Bonus Track"
Erstbegeher: Eneko Pou, Iker Pou, Micher Quito
Schwierigkeit: WI7/M6/6c Länge: 1060 m
Charakter: anspruchsvolle Eis-, Mixed- und Felskletterei
Stil: Alpinstil; Erstbegehung in drei aufeinanderfolgenden Tage in der Wand, zwei Biwaks
Besonderheiten: schwierige Routenfindung, teilweise notwendiges Zurück- und Abseilen, exponiertes Gelände unter Seracs
Kletterschwierigkeiten: Was bedeutet WI7/M6/6c?
Die drei Angaben stehen für die unterschiedlichen Anforderungen der Route. WI7 bezeichnet extrem schwierige und meist sehr steile Eiskletterei, bei der Eisqualität und Sicherungsmöglichkeiten eine entscheidende Rolle spielen. M6 beschreibt anspruchsvolle Mixedkletterei, also Passagen, in denen mit Steigeisen und Eisgeräten an Fels und Eis geklettert wird. 6c steht für die Schwierigkeit der reinen Felskletterei nach französischer Skala.
Wichtig: Die drei Grade bilden die Gesamternsthaftigkeit einer solchen Route nur eingeschränkt ab. Höhe, Länge, Wetter, objektive Gefahren, Rückzugsmöglichkeiten, Absicherung und Erschöpfung können eine hochalpine Erstbegehung nochmal erheblich anspruchsvoller machen, als die reinen Zahlen vermuten lassen.

Wer sind die Brüder Iker und Eneko Pou?
Eneko und Iker Pou gehören seit langem zu den bekanntesten spanischen Kletterern und Alpinisten. Die Brüder stammen aus Vitoria-Gasteiz im Baskenland: Eneko wurde 1974 geboren, Iker 1977. Schon als Kinder waren sie mit ihren Eltern in den Pyrenäen und Alpen unterwegs. Bekannt wurden die beiden vor allem durch die Kombination ihrer unterschiedlichen Stärken: Iker Pou kommt stärker aus dem Sportklettern (bis 9b) und sorgte unter anderem mit der dritten Wiederholung von Wolfgang Güllichs "Action Directe" für Aufsehen. Eneko entwickelte sich stärker zum Allround-Alpinisten, mit Erfahrung im Eis, an großen Wänden, auf Expeditionen und beim Steilwandskifahren.
Zu ihren bekanntesten gemeinsamen Unternehmungen zählt das Projekt "7 Walls, 7 Continents": Zwischen 2003 und 2007 kletterten sie anspruchsvolle große Wände auf allen sieben Kontinenten. Dazu gehörten unter anderem "El Niño" am El Capitan, "Eternal Flame" am Trango Tower und schließlich eine Erstbesteigung in der Antarktis. Einen weiteren Meilenstein setzte das Duo 2009 mit "Orbayu" am Picu Urriellu in den Picos de Europa, einer der schwierigsten Freikletterrouten ihrer Zeit (damaliger Vorschlag 9a, heute 8c).
Inzwischen liegt ein besonderer Schwerpunkt der Brüder auf Erstbegehungen in großen, abgelegenen Wänden – von Patagonien und dem Himalaja bis zur peruanischen Cordillera Blanca. Gerade dort sind die Pou-Brüder in den vergangenen Jahren immer wieder mit neuen Linien aufgefallen. "Bonus Track" ist nach ihren Angaben bereits die 22. Route, die sie in der Region eröffnet haben.






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