- Simon Messner: "Heute kommt wieder Raum zurück, um zu träumen"
- "Der Blick auf das Risiko hat sich verändert"
- "Vom Bergbauernhof allein kann heute kaum noch jemand leben"
- "Bergsteigen auf diesem Niveau ist egoistisch"
- "Hatte nie das Gefühl, aus einem Schatten treten zu müssen"
- "Ich kann das nicht mehr verdrängen"
Simon Messner ist derzeit so präsent in den Medien wie lange nicht. Verantwortlich dafür ist zum einen die Dokumentation "Aus dem Schatten", die aktuell in ausgewählten Kinos läuft. Zum anderen rückt damit auch das Verhältnis zu seinem Vater Reinhold Messner erneut in den Fokus der Berichterstattung. Wir haben die Gelegenheit genutzt, Simon Messner am Rande eines Events der Marke SALEWA persönlich zu treffen.
Der Bergsportausrüster hatte Medienvertreter auf die Schwarzensteinhütte in den Zillertaler Alpen eingeladen, um die neue Ortles-Mountaineering-Kollektion für Herbst/Winter 2026 vorzustellen. Für ALPIN führte Holger Rupprecht das Gespräch. Seit vielen Jahren verfolgt er den Werdegang des Südtirolers – vom ambitionierten Alpinisten mit zahlreichen Erstbegehungen bis zu seinem heutigen Leben als Bergbauer und Familienvater.
Simon zeigt sich offen, reflektiert, authentisch und nahbar. Entstanden ist ein Gespräch über den Abschied vom Spitzenalpinismus, die Sehnsucht nach den Bergen, das Leben auf dem Bergbauernhof, den Film "Aus dem Schatten" – und darüber, wie die eigene Familie seinen Blick auf das Bergsteigen verändert hat.

Im Gespräch vor der Schwarzensteinhütte auf über 3000 Metern Höhe: Simon Messner mit Holger Rupprecht.
Simon Messner: "Heute kommt wieder Raum zurück, um zu träumen"
Simon, du hast Ende vergangenen Jahres angekündigt, dass die Zeit des Spitzenkletterns für dich – wenigstens vorübergehend – vorbei ist. Als Gründe nanntest Du Familie, Bauernhof und Deine Schulterverletzung. Inzwischen klingt es aber so, als würde es wieder etwas jucken. Wie sieht Dein aktueller Stand aus?
Es sind tatsächlich genau diese Punkte. Ganz vorne steht der Bauernhof. Ich habe völlig unterschätzt, was es bedeutet, einen Hof selbst zu führen. Obwohl ich wusste, dass viel Arbeit dahintersteckt, hatte ich wohl doch eine romantische Vorstellung davon. Aber ich konnte ihn nicht einfach verkaufen, das hätte mir das Herz gebrochen. Meine Frau und ich haben praktisch von frühmorgens bis spät am Abend gearbeitet – Tiere, Hausgäste, Putzen, Bewässern, Reparaturen. Da blieb im Kopf überhaupt kein Platz mehr fürs Klettern. Heute, nach viereinhalb oder fünf Jahren, ist vieles eingespielt. Dadurch kommt langsam auch wieder Raum zurück, um zu träumen.
Der zweite große Punkt war deine Schulter. Wie schwer war die Verletzung wirklich?
Es kamen mehrere Dinge zusammen: Die Bizepssehne war fast gerissen, Knorpelstrukturen waren beschädigt und etwa 20 Prozent des Knochenkopfs herausgesprengt. Eine Zeit lang war völlig offen, ob ich überhaupt jemals wieder uneingeschränkt klettern kann. Seit zehn Tagen (das Interview fand am 27. Juli 2026 statt, d. Red.) darf ich mit Zustimmung der Ärzte wieder klettern. Und ich merke: Es funktioniert.
War diese Zeit ohne Klettern nur schwer oder hatte sie auch etwas Gutes?
Wenn ich ehrlich bin: Sie war auch heilsam. Gerade viele Alpinisten sind unglaublich getrieben. Man hat ständig das Gefühl, hinaus zu müssen. Bei schönem Wetter am Hof zu bleiben, oder besser gesagt am Hof bleiben zu müssen, war eine völlig neue Erfahrung. Diese Pause hat mir gutgetan.
Du hast aber auch gesagt: "Das Klettern hat mir unheimlich gefehlt". Was genau daran?
Eigentlich das ganze Programm. In die Berge gehen ist so vielfältig. Im Winter Skitouren, Eisklettern oder Nordwände. Im Sommer alpine Touren, in den Übergangszeiten Sportklettern und Bouldern. Diese ganzen Aktivitäten von heute auf morgen nicht mehr machen zu können, war schwierig. Da habe ich sehr beißen müssen. Vor allem die Unsicherheit war schwer: Werde ich das jemals wieder können?
"Der Blick auf das Risiko hat sich verändert"
Du hast gesagt, du hast wieder Ideen. Bedeutet das, dass du bald wieder große Projekte angehst?
Ich fange erst einmal ganz ruhig an. Vielleicht bleibt es auch dabei. Was sich bei mir verändert hat, ist der Blick auf das Risiko. Irgendwann kann man nicht mehr verdrängen, dass Bergsteigen gefährlich ist. Als Alpinist blendet man das teilweise aus, sonst könnte man vieles wahrscheinlich gar nicht machen.
Mit der Geburt meiner Tochter hat bei mir ein richtiges Erwachen eingesetzt. Je häufiger man solche Touren macht, desto größer wird statistisch das Risiko. In meinem Umfeld sind inzwischen viele starke Kletterer tödlich verunglückt. Das ist es einfach nicht wert. Natürlich wird es weiterhin spannende Touren geben – aber wohl nicht mehr auf dieselbe Art wie früher.
Du hättest trotz Schulterverletzung zumindest wandern gehen können. Warst Du trotzdem in den Bergen?
Nein. Kein einziges Mal, obwohl ich weiß, wie schön auch wandern sein kann. Vielleicht hatte ich Angst, dass die Sehnsucht dann wieder zu groß wird. Wenn ich unter einer Wand stehe, kenne ich sofort ihre Geschichte, sehe die Linien – Risse, Verschneidungen, Kamine, Pfeiler – die Erstbegehungen und frage mich automatisch: Könnte ich das auch klettern? Deshalb habe ich mich bewusst ferngehalten.
Dabei musste ich oft an meinen Vater denken. Er hat nach den Achttausendern von einem Tag auf den anderen aufgehört. Als Bub habe ich mich immer gefragt: Wie kann jemand sein ganzes Leben dem Bergsteigen widmen – und es dann einfach beenden, und zwar komplett?
"Vom Bergbauernhof allein kann heute kaum noch jemand leben"
Wie sieht Euer Leben als Bergbauern heute konkret aus?
Wir haben zwei Höfe, den Unter- und den Oberortlhof am Eingang des Schnalstals. Den unteren mit Weinbau haben wir verpachtet. Unser Herzensprojekt ist der Oberortlhof direkt unterhalb von Schloss Juval auf rund 800 Metern Höhe – mit Pferden, Schweinen, Ziegen, einigen Schafen und Eseln. Dazu gibt es Wälder, Wiesen und Weiden. Sogar eine zugewachsene Alm ist dabei. Das ist allerdings auch der deutlich arbeitsintensivere Hof. Inzwischen unterstützt uns dort eine Pächterin. Das verschafft meiner Frau und mir wieder Luft – nicht zuletzt, weil man von einem Bergbauernhof allein heute kaum noch leben kann, im Gegenteil.
Wie viel Arbeit steckt trotzdem noch im Hof?
Sehr viel. Im Sommer ist allein die Bewässerung ein Riesenthema. Wir leben in einer der trockensten Regionen der Alpen. Ohne Wasser wäre hier alles Wüste. Das Wasser kommt über ein mehr als 500 Jahre altes Waal-System aus den Bergen. Solche Bewässerungssysteme findet man übrigens auch in Pakistan oder Peru. Das finde ich faszinierend.
Und die Landwirtschaft besteht längst nicht mehr nur aus Stallarbeit. Mindestens die Hälfte der Arbeit findet heute am Computer statt – Bürokratie, Verwaltung, Gästemeldungen. Früher war der Hof für uns beide deutlich mehr als ein Fulltime-Job. Inzwischen ist es entspannter geworden, langweilig aber sicher nicht.
Bereust Du den Schritt zum Bergbauern manchmal?
Überhaupt nicht. Es war teilweise unglaublich hart, aber meine Frau und ich sind uns einig: Wir haben in diesen fünf Jahren wahrscheinlich mehr gelernt als im ganzen Rest unseres Lebens.

Bei einer 7000er-Erstbesteigung im Karakorum 2023: Simon Messner (li.) und Martin Sieberer.
"Bergsteigen auf diesem Niveau ist egoistisch"
Früher warst Du wochen- oder gar monatelang auf Expeditionen unterwegs. Heute bestimmen Familie, Kind und Hof Deinen Alltag. Spürst Du manchmal einen Verlust? Fehlt Dir dieses alte Leben?
Vor dem ersten Kind kann man sich gar nicht vorstellen, wie sehr einen das verändert. Mir hätten das hundert Leute erzählen können – erleben muss man es selbst. Ich kenne heute nichts Schöneres als das Leben mit meiner Tochter. Deshalb ist das alles völlig in Ordnung. Trotzdem bleibt die Sehnsucht nach den Bergen und man muss lernen, zurückzustecken und an andere zu denken.
Als junger Mensch macht man das eher selten. Klettern und Bergsteigen auf einem gewissen Niveau sind egoistische Tätigkeiten. Man verfolgt sein eigenes Ziel. Was mir auch nicht bewusst war: wie sehr meine Mutter darunter gelitten hat, wenn ich unterwegs war. Das habe ich sehr verdrängt. Aber natürlich, ich bin ihr Kind, also das sehe ich erst jetzt mit anderen Augen.
Eine Aussage von Dir hat in den vergangenen Monaten hohe Wellen geschlagen. Du hast gesagt, Du möchtest es als Vater anders machen als Dein eigener Vater.
Ehrlich gesagt fand ich die Aufregung ziemlich übertrieben. Wer möchte es denn exakt so machen wie die eigenen Eltern? Mir ist einfach wichtig, möglichst viel Zeit mit meiner Tochter zu verbringen. Und ich möchte sie nicht in eine Richtung drängen. Wenn sie irgendwann selbst klettern oder bergsteigen möchte, würde ich ihr das sicher nicht verbieten oder sie sogar dafür bestrafen. Ich würde versuchen, sie zu begleiten, mit ihr gemeinsam in die Berge gehen und ihr möglichst viel mitzugeben. Irgendwann müssen Kinder dann ihren eigenen Weg gehen.
"Hatte nie das Gefühl, aus einem Schatten treten zu müssen"
Aktuell läuft "Aus dem Schatten" über Dich und Dein Leben im Kino. Erkennst Du Dich in diesem Film wieder?
Ich habe den Film bisher nur einmal gesehen, bei der Premiere in München. Das war sehr emotional, auch für meine Schwestern. Da floss die ein oder andere Träne. Der Film hat mich berührt und er hat seine Berechtigung. Er erzählt einen anderen Blick auf den Alpinismus, weniger heroisch. Das war mir wichtig. Ein großer Teil des Films bin vermutlich ich. Bei manchen Szenen sehe ich mich vielleicht weniger wieder – es ist eben nicht mein Film, sondern ein externer Blick auf einen Ausschnitt meines bisherigen Lebens.
Was sagt dein Umfeld dazu? Deine Frau, deine Familie – erkennen sie dich wieder?
Wir haben gar nicht so ausführlich darüber gesprochen. Was ich öfter gehört habe, war, dass es mutig gewesen sei, mich auf dieses Projekt einzulassen. Vielleicht stimmt das. Ich möchte mich nicht verstecken. Wir alle haben Zweifel und Themen, mit denen wir uns beschäftigen. Irgendwann muss man entscheiden, ob man sie für sich behält oder bereit ist, darüber zu sprechen.

Ab 02. Juli im Kino: "Simon Messner – Aus dem Schatten". Kinos und Termine: ausdemschatten.com.
Auch der Titel "Aus dem Schatten" wurde diskutiert. Warum war das nicht deine erste Wahl?
Ich hatte nie das Gefühl, aus einem Schatten treten zu müssen – und will das auch gar nicht. Gerade bei Reinhold Messner wäre das absurd. Er hat Unglaubliches geleistet, und ich war immer ein großer Fan. Aus seinem Schatten treten zu wollen, hieße in Konkurrenz zu ihm zu treten. Für mich war Klettern nie Konkurrenz, ich habe es immer als etwas Verbindendes empfunden. Deshalb hätte mir Schattenberge besser gefallen. Das lässt mehr Raum für Interpretation und passt auch zu den unbekannten Bergen, die mich schon immer fasziniert haben.
Du hast mehrfach gesagt, dass Du das Verhältnis zu Deinem Vater eigentlich nicht mehr öffentlich thematisieren möchtest. Warum hast Du Dich dann auf einen Film eingelassen, in dem dieses Thema dann doch eine recht große Rolle spielt?
Weil ich es weder leugnen kann noch will. Reinhold ist mein Vater und wird immer ein wichtiger Teil meines Lebens bleiben. Natürlich kann man sagen, dass er im Film vielleicht etwas zu präsent ist. Das war schließlich eine reine Produktionsentscheidung. Wie gesagt: Es ist nicht mein Film. Aber klar hat mich mein Vater geprägt und er gehört zu meiner Geschichte und zu meinem Leben dazu. Mir ist nur wichtig, dass Dinge nicht falsch dargestellt oder aus dem Zusammenhang gerissen werden.
"Ich kann das nicht mehr verdrängen"
Ein Moment im Film zeigt Dich genau in dem Augenblick, als Du im Autoradio vom tödlichen Unfall Laura Dahlmeiers erfährst. Hat Dich ihr Tod besonders getroffen?
Ich kannte Laura nicht eng, aber wir haben uns ein paar Mal beim Eisklettern getroffen. Vor ihrer Pakistan-Reise hatte sie mich nach Informationen über einen Berg gefragt – allerdings nicht zum Laila Peak. Mich hat beeindruckt, dass sie nach ihrer Karriere im Spitzensport diesen Weg in den Alpinismus gegangen ist.
Ihr Tod hat wieder etwas in mir ausgelöst. Wieder war jemand gestorben, den ich kannte und der ein außergewöhnlich guter Bergsteiger war. Die Zahl der Menschen aus meinem Umfeld, die in den vergangenen Jahren nicht mehr vom Berg zurückgekommen sind, ist einfach zu groß geworden. Ich kann das nicht mehr leugnen, ich kann das nicht mehr verdrängen.
Wenn wir uns in fünf Jahren wieder treffen: Worauf hoffst Du dann zurückzublicken? Auf neue Erstbegehungen, einen funktionierenden Bauernhof oder einfach auf fünf gute Jahre als Vater?
Im Idealfall auf alles. Aber wahrscheinlich funktioniert das nicht. Meine Familie ist das Wichtigste. Und alles andere? Vielleicht wird es der Bauernhof sein, vielleicht das Klettern, vielleicht etwas ganz anderes. Ich bin offener geworden und laufe nicht mehr stur in eine Richtung. Das ist sehr befreiend. Es ist wie in den Bergen: Wenn die Kondition nicht reicht, dreht man um. Man kann übermorgen wieder losgehen. Und wenn die Richtung nicht stimmt, ändert man sie. Das ist kein Verlust.







10 Kommentare
Kommentar schreibenDer junge Mann tut mir ein wenig leid. Dieser Drang in die Öffentlichkeit ist schon etwas seltsam
Sein Vater hat ganz andere psychische Probleme. Man würde sich auch mal wünschen dass er bei der Nanga Parbat Geschichte reinen Tisch macht.
Er ist ein guter Junge mit dem Herz am rechten Fleck. Davon könnte sich der Reinhold ein paar Scheiben abschneiden.
Ich wünsche Simn, dass er bald wieder klettern kann wie früher und einfach mit Freude in die Berge geht. Dafür muss man nicht ans Limit. Und Profi-Kletterer ist er eh nicht / will er eh nicht.
Nichts ist wichtiger als für seine Kinder da zu sein.
Weiß nicht, ob ich das alles glauben kann. Bauern, die ich kenne, fliegen nicht viele Wochen im Jahr auf Expedition, drehen Filme, schreiben Kolumnen, geben Interviews etc etc
Ist ja ganz nett, was der SM so treibt aber an seinen Vater kommt er halt nich ran ...
Ich habe mir den Film nicht angeschaut, aber das Gesagte im Interview klingt wirklich vernünftig und überlegt. Vor allem die Erkenntnis, daß eine Tochter/ein Sohn den absoluten Vorrang vor Erreichen von Zielen hat, die immer nur persönlich und im Grunde genommen unbedeutend sind; ein Kind zu haben und es zu einem anständigen Menschen zu erziehen, ist sowieso eine weitaus schwerere - und schönere - Aufgabe als eine 11+ etc. zu klettern oder in 3 Stunden auf und ums Matterhorn, Eiger etc. zu rennen.
Dazu @Ray, Kinder geraten oftmals nach beiden Elternteilen, insofern vorhanden. Aber nach seinen "Hobbys" zu urteilen gerät er doch eher nach dem Vater, auch wenn dieser anfänglich berechtigte Einsprüche erhob. Und auch wenn der Reinhold ein alter Grantler ist, so erscheint er mir ebenfalls sehr angenehm und reflektiert. Gut, über Familienverhältnisse zu quaken hat eh einen faden Beigeschmack, vor allem, wenn man die betreffende Familie nicht kennt, daher lasse ich das besser.
Auf jeden Fall muß ich meine Einschätzung über den Herrn Sohnemann etwas revidieren, da öffentlich auszusprechen, daß "der Vater für mich gestorben ist", etwas peinliches an sich hat und mir auch der Filmname etwas zuwider war, gegen den er sich besser hätte wehren sollen, aber mit Familienschnulzen im TV kann man ja auch mehr verdienen, Bruno
Wünsche der Familie Messner alles Gute und dass sie wieder zusammefinden bevor es "zu spät" ist.
Ich gebe Hanspeter Eisendle Recht, der im aktuellen Film gesagt hat, Reinhold hat Simon das Klettern aus Sorge verbieten wollen, also letztlich aus Vaterliebe und nicht, weil er es ihm nicht gegönnt hat.
Gutes Interview. Ein sehr angenehmer, reflektierter Zeitgenosse. Scheint nach der Mutter zu kommen.