Länger überleben unter Lawinen: Extremstudie mit dem "Safeback SBX"@(zwischenHeadlineTag)>
Das in Norwegen entwickelte System "Safeback SBX" pumpt nach der Verschüttung Sauerstoff vor das Gesicht. Dieser zusätzliche Luftstrom soll laut der in der Fachzeitschrift "JAMA" erschienenen Studie die Überlebensdauer von Lawinenopfern mindestens verdoppeln. Getestet wurde das System an 24 Freiwilligen, die sich im Winter 2023 in den Südtiroler Dolomiten unter Schnee begraben ließen. Und tatsächlich: Keine der mit dem Gerät ausgestatteten Personen musste wegen Atemnot abbrechen. Die Studienautoren sprechen von einer verlängerten Überlebensdauer von bis zu 35 Minuten, und das trotz ausgeatmetem Kohlendioxid.
"Lawinenopfer sterben meist an Ersticken", zitiert die APA (Austria Presse Agentur) Studienautor Frederik Eisendle von der Innsbrucker Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin. "Ein im Rucksack getragenes Gerät, das Luft aus dem Schnee ansaugt und zu Mund und Nase leitet, kann die Überlebenszeit verlängern." Dafür nutzt das "Safeback SBX" die Luftdurchlässigkeit des Schnees. Nach Aktivierung durch einen Griff an den Schultergurten wird sauerstoffreiche Luft hinter dem Rücken des Opfers aus dem Schnee angesaugt und anschließend mit einer elektrischen Pumpe zu den Atemwegen geleitet.
Der Hersteller aus Norwegen hatte sich mit der Bitte um einen unabhängigen Test zunächst an das Bozner Forschungsinstitut Eurac Research gewandt. Im März 2023 setzte das Team im Schnee auf 2000 Metern diesen Wunsch mit 24 Freiwilligen und unter strengen Sicherheitsbedingungen in die Tat um. Die 12 Frauen und 12 Männer im Alter zwischen 23 und 54 Jahren wurden mit engmaschiger Sauerstoffüberwachung über 50 Zentimeter tief unter einer geschlossenen Schneedecke vergraben.
Im besten Fall verdoppelte Überlebenszeit unter Lawine@(zwischenHeadlineTag)>
Die Hälfte der Skitourengeherinnen und -gehern war mit einem funktionstüchtigen System ausgestattet, die Kontrollgruppe trug ein "Placebo". Von den Teilnehmern ohne wirksames System brachen vier das Experiment vorzeitig aufgrund von Atemnot ab. Sieben von ihnen hielten etwa 6,4 Minuten Verschüttung aus, bis ihre Sauerstoffsättigung unter die Grenzmarke von 80 Prozent fiel und das Experiment abgebrochen wurde. Lediglich ein Teilnehmer der Kontrollgruppe stand die 35 Minuten bis zum Ende durch. Zur Einordung: Zwischen zehn bis maximal 15 Minuten dauert es im Durchschnitt, bis Lawinenopfer ersticken.
Die zwölf Personen mit "Safeback SBX" hatten laut Studie während der gesamten 35 Minuten simulierter Verschüttung keinerlei Atemprobleme. Auch der Sauerstoffgehalt blieb durchweg stabil. Nur ein Teilnehmer hatte das Experiment abbrechen müssen, hieß es seitens der Forscher, dies jedoch aus experimentunabhängigen Gründen. Die Resultate bezeichneten die Studienleiter als "bemerkenswert".
Was bedeuten die Erkenntnisse für den Ernstfall?@(zwischenHeadlineTag)>
Sollte sich das System in einer größerangelegten Untersuchung bewähren, wäre das eine Fortschritt in der Lawinenrettung. Fünfmal mehr Zeit für Suche, Sondieren und Ausgraben stünde damit für Rettungskräfte und Tourenpartner zur Verfügung. Zentrale Voraussetzungen für die Wirksamkeit sind jedoch a) die Möglichkeit zur Auslösung des Systems während/nach der Verschüttung und b) freie Atemwege.
Weitere Faktoren sind laut Studie Verschüttungstiefe, Schneedichte und der Druck auf den Brustkorb des Lawinenopfers. "Je tiefer jemand verschüttet wurde, desto schlechter die Werte", sagte Eisendle mit Verweis auf die Ergebnisse früherer Lawinenstudien. Zuverlässig simulieren lasse sich dies aus Sicherheitsgründen jedoch kaum. Er merkte jedoch an, dass die Schneedichte im Versuchszeitraum sehr hoch gewesen sei, d. h. das Gerät habe unter herausfordernden Bedingungen funktioniert.
"Es ist anzunehmen, dass das Gerät bei geringerer Schneedichte noch besser funktioniert", lautete die Folgerung des Experten. In Verbindung mit den bereits im Handel verfügbaren Lawinenairbag-Rucksäcken könne das System für zusätzliche Sicherheit auf Tour sorgen. Derzeit werde bereits an einer Verschmelzung beider Systeme gearbeitet. Eisendle hob besonders hervor, dass "kein Gerät eine sorgfältige Vorbereitung und die Prävention ersetzen" könne.
Sollte es zu einer "kritischen Verschüttung" kommen, könne "das System zusätzliche Zeit verschaffen und so die Überlebenschancen erhöhen". Dieser Einschätzung schließt sich auch ALPIN-Redakteur und staatl. geprüfter Skilehrer Andreas Erkens an: "Das größte Problem an Lawinenunfällen ist das Ersticken. Wenn es nun eine funktionierende Technologie gibt, die verlässlich mehr Zeit verschafft und sich auch in der Lawine auslösen ließe, wäre das ein echter Groundbreaker", sagte er. "Das beste System ist das, das ich nicht brauche."
Beteiligte an der Studie@(zwischenHeadlineTag)>
Insgesamt waren an der Studie Eurac Research, die Universität Bergen und das Universitätsklinikum Haukeland (Norwegen), die Norwegian Air Ambulance Foundation, der italienische Berg- und Höhlenrettungsdienst CNSAS, das Schweizer WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF, die deutsche Uniklinik Köln, die Universität Padua (Italien) und die Medizinische Universität Innsbruck beteiligt. Das System kann für einen Preis zwischen 600 und 850 Euro beim Hersteller erworben werden.





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