Gastbeitrag von Stefan Nestler

Mount Everest: Ein bisschen weniger Drama bitte!

Eigentlich sollte die Aufregung um den Mount Everest nicht mehr überraschen, weil sie nicht neu ist. Und doch ist Achttausender-Experte Stefan Nestler immer wieder erstaunt, wie schnell und umfassend die Medienlawine losrollt, sobald der Mount Everest ins Spiel kommt. Ein kritischer Gastbeitrag.

Mount Everest: Ein bisschen weniger Drama bitte!
© IMAGO / Pond5 Images

Auf abenteuer-berg.de informiert der Journalist Stefan Nestler regelmäßig differenziert und kritisch über das Geschehen an den Achttausendern. Im folgenden Text setzt er sich kritisch mit der Berichterstattung zum "Drama" am Mount Everest nach einem plötzlichen Wintereinbruch vor wenigen Tagen auseinander.

Mount Everest: Falsche oder irreführende Angaben

Die Medienlawine wäre nicht weiter tragisch, wenn die Beteiligten der Informationsbranche die Mühe machen würden, die Fakten erst einmal zu prüfen, bevor sie ihre Nachrichten-Filme, -Videos und Beiträge auf allen Kanälen heraushauen – versehen mit sensationsheischenden Schlagzeilen, flankiert von reißerischen Posts auf den sozialen Netzwerken. Am gestrigen Montag (Nestler meint hier den 06. Oktober, d. Red.) war es wieder einmal so weit.

"Tödliches Schnee-Drama am Everest", titelte beispielsweise die größte deutsche Boulevardzeitung – und ignorierte die Tatsache, dass der Tote aus den Bergen der chinesischen Provinz Qinghai, mehr als 1600 Kilometer Luftlinie nordöstlich des Mount Everest, vermeldet wurde. Jahrealte Bilder vom verschneiten vorgeschobenen Basislager auf der Everest-Nordseite mussten als Titelbilder für die Geschichte der eingeschneiten Trekkingtouristen herhalten. Videosequenzen von Bergsteigerschlangen im Gipfelbereich auf der nepalesischen Everest-Seite wurden eingespielt, um zu dokumentieren, wie überfüllt der Berg sei.

Auf die Wortwahl kommt es an: Bergwanderer, nicht Bergsteiger

Ich wurde von mehreren Medien für Interviews angefragt, in denen ich eigentlich kaum anderes tun konnte, als die Dinge wieder etwa zurechtzurücken: Nein, es waren keine Bergsteiger, sondern Trekkingtouristen. Nein, sie versuchten nicht, den Everest zu besteigen, sondern wanderten durch ein Tal auf der Ostseite des Bergs, um einen Blick auf ihn zu werfen. Ja, ein Meter Neuschnee an einem Tag im Oktober ist ungewöhnlich, aber nein, es ist kein erstmals auftretendes Wetterphänomen.

Ja, unter den Betroffenen waren offenkundig einige, die schlecht ausgerüstet loswanderten, aber nein, das bedeutet nicht, dass Trekkingtouren im Everest-Gebiet nicht verantwortbar sind. Ja, es ist durchaus logistisch kompliziert, wenn man mehrere hundert Bergtouristen aus einem verschneiten Tal holen muss. Aber nein, es ist nicht vergleichbar mit einer Rettung eines in Not geratenen Bergsteigers aus einer steilen Wand. Und nein, ich glaube nicht, dass es in einer Katastrophe endet, sondern bin überzeugt davon, dass die Sache glimpflich ausgeht.

Dass gleichzeitig in Nepal rund 40 Menschen bei Überschwemmungen und Erdrutschen ums Leben kamen, war den meisten allenfalls einen Satz wert, wenn überhaupt. Diese Information lenkte ja nur von den vermeintlich dramatischen Ereignissen auf der tibetischen Seite des Everest ab.

Was bleibt nach dem Drama übrig?

Und was bleibt nun von dieser Wetterepisode in der Everest-Region übrig, wenn wir all das dramatisierende Beiwerk beiseite lassen? Für mich eigentlich nur die Tatsache, dass selbst das Kama-Tal (manchmal auch Gama-Tal oder Kharma-Tal genannt) auf der Ostseite des Everest kein Geheimtipp mehr für eine Trekkingtour ist: Bei einer Konstellation wie jetzt – in der Ferienwoche anlässlich des Nationalfeiertags zur kommunistischen Staatsgründung am 1. Oktober 1949 – bilden sich in dem Tal lange Schlangen chinesischer Trekkingtouristen.

Seit Jahren lässt sich im Himalaya beobachten, dass Chinesinnen und Chinesen, die es sich leisten können, den Bergsport für sich entdeckt haben. Der Anteil chinesischer Teammitglieder an Expeditionen zu den Achttausendern ist deutlich angestiegen. Auch im Trekkingtourismus wird mittlerweile häufig chinesisch gesprochen. Und im Gegensatz zu ausländischen Bergtouristen, die vom guten Willen der chinesisch-tibetischen Behörden bei der Permit-Vergabe abhängig sind, haben chinesische Kunden keine Schwierigkeiten, nach Tibet zu reisen.

Trekking-Boom statt puristischem Alpinismus

Mit der einsamen Idylle des Kama-Tals dürfte es zu Stoßzeiten endgültig vorbei sein. Bereits 1921 hatten britische Bergsteiger, die nach Tibet kamen, um eine Aufstiegsroute auf den höchsten Berg der Erde zu erkunden, von der Schönheit des Tals geschwärmt. Unter ihnen war auch George Leigh Mallory, der 1924 unter mysteriösen Umständen am Nordostgrat des Everest verschwand und dessen Leiche erst 1999 gefunden wurde.

Einen Aufstieg durch die steile, lawinenträchtige Ostwand hielt Mallory nach dem ersten Blick vom Kama-Tal aus für fahrlässig. "Andere Männer, weniger weise, mögen diesen Weg versuchen, wenn sie möchten. Aber, mit Nachdruck, für uns ist das nichts", schrieb er in sein Expeditionstagebuch. Nur viermal wurde die Wand gemeistert. 1983 stiegen US-Bergsteiger unter Leitung von Carlos Buhler mit Flaschensauerstoff auf, 1988 eröffnete ein kleines internationales Team um den Briten Stephen Venables – ohne Atemmaske – eine weitere Route. 1992 wiederholte ein chilenisches, 1999 ein indisches Team die Route von Venables und Co. – mit Flaschensauerstoff.

Seit Jahren ist die Wand bergsteigerisch verwaist. Im Gegensatz zu den vielen chinesischen Trekkingtouristen, die einen Blick auf sie werfen.

Text von Stefan Nestler

2 Kommentare

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Bruno

Ich möchte mich auch bei dem Autor herzlich bedanken. Natürlich ist es immer schwer zu erahnen, wo die Wahrheit liegt, wenn man wie in diesem Fall nicht selbst vor Ort war und ist da bei Interesse auf die Nachrichtendienste angewiesen, was für alle Bereiche des Lebens gilt. Und nach dem Lesen dieses Artikels überkam mir ein Unwohlsein, da es in diesem Fall "nur" um einen Berg und Bergsteigen ging; ich möchte beinahe nicht wissen, wie es bei der Berichterstattung in anderen Bereichen aussieht.
Vielen Dank nochmal und auch in dem Sinne des Artikel - weiter so, Alpin.de, Bruno

Steffen

DANKE, DANKE, DANKE - diesen Unsinn kann man sich wirklich nicht mehr anhören oder ansehen. Halbwissen vollumfänglich verdreht und auch falsch verzapft. Hauptsache irgend etwas berichten und die Leute beschäftigen.
Das mit falsch oder veraltet eingespielten Bildern oder Videosequenzen ist mir in letzter Zeit bereits öfters in den Medienberichten, ja sogar bei den öffentlich-rechtlichen aufgefallen.