Vom Denali bis zum letzten Gipfel in Peru
Gilbertson startete sein Projekt im Mai 2010 mit dem Denali in Alaska. Insgesamt erreichte er die höchsten Punkte von 35 Ländern in Nord-, Süd- und Mittelamerika sowie der Karibik. Lange Zeit schien der Abschluss des Projekts jedoch nicht absehbar. Besonders Venezuela und Guyana waren wegen politischer und logistischer Schwierigkeiten problematisch. Erst als sich die Einreisebedingungen nach Venezuela änderten, konnte Gilbertson seine letzten drei Gipfel in Angriff nehmen. Die Informationen stammen von ExplorersWeb, das mit Gilbertson über die Expedition und seine Messungen gesprochen hat.
Mount Roraima: Wo liegt der höchste Punkt Guyanas?
Eine besondere Herausforderung wartete auf Mount Roraima an der Grenze zwischen Venezuela, Brasilien und Guyana. Der markante Tepui mit seinem flachen Gipfelplateau gilt als einer der ungewöhnlichsten Berge Südamerikas. Problematisch war dabei nicht nur der Zugang. Lange war auch nicht eindeutig geklärt, wo genau der höchste Punkt Guyanas liegt. Gilbertson wollte deshalb nicht einfach einen vermeintlichen Gipfelpunkt besteigen, sondern die Frage vermessen.
Dafür nahm er umfangreiche Vermessungsausrüstung mit auf den Berg. Gemeinsam mit einem lokalen Führer erreichte er das Gipfelplateau und untersuchte mehrere mögliche Hochpunkte. Seine Messungen ergaben eine Höhe von 2805,8 m für den höchsten Punkt Guyanas. Gleichzeitig stellte er fest, dass dieser Punkt 51,6 m höher liegt als der bisher als Gipfel des Mount Roraima geltende Maverick Rock. Bei der Tour verletzte sich Gilbertson zudem an der Schulter. Nach einem Sturz renkte er sie nach eigenen Angaben selbst wieder ein und setzte die Tour fort.
Venezuelas höchster Berg: Pico Bolívar
Anschließend ging es zum Pico Bolívar, dem höchsten Punkt Venezuelas. Der Berg erreicht nach aktuellen Messungen der venezolanischen Behörden rund 4980 m.
Ursprünglich hatte Gilbertson eine viertägige Besteigung mit Unterstützung der Seilbahn geplant. Die Bahn war bei seiner Ankunft allerdings wegen Reparaturarbeiten außer Betrieb. Stattdessen musste die Gruppe den Berg auf einer sechstägigen Tour zu Fuß erreichen. Am Gipfel ging Gilbertson über eine Büste von Simón Bolívar hinaus zu dem dahinterliegenden höchsten Felsblock. Neue Höhenmessungen waren hier nach seinen Angaben nicht notwendig.
Huascarán Sur: Der letzte Gipfel
Für den letzten Landesgipfel hob sich Gilbertson den Huascarán Sur in Peru auf. Der Berg wurde 2017 mit 6.756,7 m vermessen. Die Bedingungen hatten sich seitdem jedoch verändert. Der Gletscherbereich des Huascarán ist von der Klimaerwärmung betroffen, unter anderem durch zunehmende Spaltenbildung.
Kurz vor Gilbertsons geplanter Besteigung ereignete sich zudem ein schwerer Unfall: Drei peruanische Bergsteiger verschwanden auf etwa 6.400 m in einer Gletscherspalte. Die Behörden empfahlen daraufhin, den Bereich zwischen Camp 1 und Camp 2 für 15 Tage nicht zu betreten. Eine offizielle Sperrung des Berges habe nach Gilbertsons Darstellung jedoch nicht bestanden. Gilbertson und seine Begleiter entschieden sich, die Expedition fortzusetzen. Sie boten den Angehörigen der Vermissten zugleich an, mit einer Drohne nach Hinweisen auf die Verunglückten zu suchen.
Nach einer fünftägigen Besteigung erreichte die Gruppe am 27. Juli 2026 den Gipfel. Auf dem Abstieg untersuchten sie mit einer Drohne auch die Unfallstelle. Die Gletscherspalte sei so tief gewesen, dass ihr Grund selbst aus der Luft nicht zu erkennen gewesen sei, berichtet Gilbertson.
Der Huascarán ist niedriger geworden
Nach seiner Rückkehr wertete Gilbertson die am Gipfel erhobenen Daten aus. Das Ergebnis: Der Huascarán Sur kam bei seiner Messung auf 6754,9 m. Verglichen mit der professionellen Vermessung von 2017 wäre der Gipfel damit innerhalb von knapp zehn Jahren um 1,8 m niedriger geworden. Gilbertson sieht darin eine weitere Folge der Veränderungen im Hochgebirge.
Auch in Kolumbien hatte er bereits deutliche Veränderungen festgestellt. Dort zeigte sich bei seinen Messungen, dass der Pico Cristóbal Colón seit einer historischen Vermessung deutlich an Höhe verloren hatte. Dadurch wurde der benachbarte Pico Bolívar zum höchsten Punkt des Landes.
35 Länder Nord-, Süd und Mittelamerikas: 35 höchste Punkte
Mit dem Huascarán Sur ist Gilbertsons 16 Jahre dauerndes Projekt abgeschlossen. Insgesamt hat er damit die höchsten Punkte aller 35 Länder Amerikas bestiegen. Spannend war dabei die ungewöhnliche Verbindung von Bergsteigen und Vermessung. Gilbertson wollte bei mehreren Gipfeln nicht nur den vermeintlich höchsten Punkt erreichen, sondern auch überprüfen, ob dieser tatsächlich der höchste Punkt des jeweiligen Landes ist.
Gleichzeitig zeigt seine Bilanz, wie stark sich die Zugänglichkeit einzelner Berge verändern kann. Während manche Landesgipfel durch politische Entwicklungen schwer erreichbar sind, verändern sich andere durch Gletscherschwund und instabiler werdende Routen.


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