- Trailrunning Transgrancanaria: Startschuss in der Dunkelheit
- Transgrancanaria Ultratrail: Inselquerung durch Schlamm und Sturm
- Grenzerfahrung Ultra-Trail: Kälte, Müdigkeit, mentale Tiefs
- Transgrancanaria: Ein magischer Sonnenmoment und die letzten 45 km
- 100 km geschafft: Schmerzen, Blasen & das Ziel vor Augen
- Erster 125 km Ultratrail: Emotionale Ziellinie in Maspalomas
Trailrunning Transgrancanaria: Startschuss in der Dunkelheit@(zwischenHeadlineTag)>
Es ist mitten in der Nacht. Ich stehe mit zig anderen Läuferinnen und Läufern am Berg. Es bewegt sich so gut wie nichts vorwärts. Die Schuhe stecken zentimeterdick im Schlamm, jeder Schritt ist ein Kraftakt.
Es ist steil, links von mir versuchen einige, schneller voranzukommen. Sie rutschen alle an mir vorbei. Auf der Seite, auf dem Bauch, auf dem Hintern. “Viel Spaß beim Wäsche waschen” denke ich mir, ramme meine Stöcke in den Boden und versuche, den Anstieg hochzukommen.
Ich schaue auf meine Pulsuhr. 135 Herzfrequenz, Zone 1. Wenn ich so langsam weiter komme, wird das eine ganz zähe Kiste, denke ich mir. Ich bin irgendwo zwischen Kilometer 20 und 30 beim Transgrancanaria. Der Klassiker auf den Kanaren zum Saisonbeginn der neuen Trailrunning-Saison. Wie Hannes Namberger, Deutschlands Top-Trailläufer nennt, ein Rennen “bei dem man mal dabei gewesen sein muss”. Ich bin dabei, mittendrin.

Neuer Rekord: Für den The North Face Transgrancanaria 2026 wurde die Marke von 5.000 Teilnehmern überschritten.
Einige Stunden vorher, um kurz vor Mitternacht, ertönt am Strand von Las Canteras in Las Palmas die Hymne der Insel. Das Lied kenne ich aus diversen Youtube-Videos, die ich mir im Vorfeld angeschaut habe und irgendwann nicht mehr anschauen konnte, weil ich zu nervös wurde. Jetzt am Start bin ich dagegen ziemlich ruhig - aber voller Vorfreude.
Monatelang habe ich mich vorbereitet, habe jede Trainingseinheit im Winter bei Wind und Wetter durchgezogen. Entweder in meiner Wahlheimat Garmisch-Partenkirchen, da oft wadentief im Schnee, oder in einem Nürnberger Fitnessstudio, wo ich weit und breit die Einzige war, die bei 15% Steigung auf dem Laufband stumpf ihre Intervalle abgelaufen ist.
Um 23:59 Uhr wird das Feuerwerk gezündet, wir schieben uns durch den Startbogen. Es geht los, los ins Unbekannte. Vor uns liegt eine Inselüberquerung - 125 Kilometer mit knapp 7000 Höhenmetern bis in den Süden nach Maspalomas.

Startschuss: Um 23:59 Uhr gehts für die Trailläufer auf die ersten Metern der 125 Kilometer Distanz.
Transgrancanaria Ultratrail: Inselquerung durch Schlamm und Sturm@(zwischenHeadlineTag)>
Die vielen Regenfälle der vergangenen Wochen haben die Trails auf der Nordseite in ein einziges Schlammloch verwandelt. Es regnet immer wieder, der Wind pfeift einem um die Ohren, nach ein paar Kilometern geht es direkt durch einen Fluss.
Es soll nicht das letzte Mal bleiben, dass die Füße komplett nass werden. Nur wenige Abschnitte der Strecke sind laufbar. Geht es bergab, erinnert es eher an Skifahren als an Trailrunning. Zum Glück weiß ich nicht, wie das Wetter den Tag über werden soll - es hätte meine Laune nicht verbessert.
An der zweiten Verpflegungsstation in Teror, nach 31 Kilometern, wartet mein Coach Adrian auf mich. Erst muss er sich mein Gemeckere anhören, dann hat er eine gute Nachricht für mich: “Es gibt Kartoffeln.” “Geil, ich habe von Kartoffeln geträumt”, antworte ich und muss lachen. Einen viel deutscheren Satz gibt es wohl nicht. Ein paar Minuten später verabschiede ich mich, weiter geht es durch den Nieselregen in den Tag hinein.
Das Wetter ist weiterhin erbarmungslos, aber immerhin werden die Streckenverhältnisse etwas besser. Ich beginne, langsam Spaß zu haben. Kurz vor der fünften Verpflegungsstation in El Hornillo tauche ich ein in einen Dschungel, der mich an den Regenwald Perus erinnert.
Zwar ist der Downhill nicht gerade einfach zu laufen, aber immerhin bekomme ich erstmals die landschaftliche Schönheit Gran Canarias zu sehen. Eine warme Gemüsebrühe später geht es in den Anstieg Richtung Artenara. Dort komme ich um die Mittagszeit nach 70 Kilometern an. Neben Adrian sind jetzt noch weitere Freunde Teil meiner Supporter-Crew. Genau zum richtigen Zeitpunkt. Schlagartig verlassen mich meine Lebensgeister.
Grenzerfahrung Ultra-Trail: Kälte, Müdigkeit, mentale Tiefs @(zwischenHeadlineTag)>
Mir ist bitterkalt, ich zittere am ganzen Körper und kann nicht artikulieren, was ich gerade brauche. “Ich weiß gar nicht, wie ich das noch schaffen soll”, wimmere ich in die Runde. “Du setzt dich jetzt erstmal hin”, sagt Adrian, zieht mir die Schuhe aus und putzt meine völlig aufgeweichten Füße. Giulia legt mir zwei Jacken über und reibt mir meinen Rücken warm, Steffi öffnet eine Tupperdose mit Pasta und Sharon mischt mir ein neues Getränk zusammen.
Die Verpflegungsstation ist unter freiem Himmel, lang bleiben kann ich nicht, sonst kühle ich aus. Das Wetter verspricht keine Besserung. Bis zur nächsten VP in Tejeda, 13 Kilometer weiter "wird es nochmal richtig eklig. Da hatte es vorhin zwei Grad”, sagt Adrian. Nicht unbedingt die Motivationsrede, die ich in diesem Moment gebraucht habe - aber eben die Realität.
Ich wechsle T-Shirt und Regenjacke, ziehe eine Regenhose, Stirnband und Handschuhe an. Ausgestattet wie im tiefsten Winter verabschiede ich mich von meiner Crew und ziehe los. Ein paar Kilometer weiter werde ich mit einem Schlag brutal müde. Alle paar Schritte fallen mir die Augen zu, ich kann mich schwer konzentrieren, wach zu bleiben.
War bislang alles aushaltbar und soweit bekannt, stecke ich jetzt im ersten richtigen Ultra-Tief, und ich weiß nicht, wie ich da wieder rauskomme. Ich zwinge mich, ein Gel zu nehmen und meine Gummibärchen-Vorräte aufzuessen. Es wirkt. Ein paar Minuten später bin ich wieder wach. Bis zur nächsten Verpflegungsstation in Tejeda peitscht mir weiter der Sturm den Regen ins Gesicht.

Ein ständiges Auf und Ab: Isa weiß, derKopf ist im Ultra-Running der wichtigste Muskel!
Transgrancanaria: Ein magischer Sonnenmoment und die letzten 45 km@(zwischenHeadlineTag)>
Kurz vor Tejeda reißt dann endlich der Himmel auf. Zum ersten Mal an diesem Tag sehe ich die Sonne, es wird schlagartig warm. Aus der Ferne höre ich das Bimmeln der Glocken und “Isa”-Rufe. Da ist sie wieder, meine Support Crew! Die nächsten Minuten fühle ich mich wie eine Profi-Läuferin.
Giulia cremt mein Gesicht mit Sonnencreme ein, Steffi reibt mir meine Knie mit Teufelssalbe. Malte drückt mir ein Stück Pizza in die Hand, Sharon macht mir eine Fanta auf und stellt sie neben den Kaffee, den mir Max gebracht hat. Adrian packt in der Zeit meinen Rucksack neu. “Was macht die Gummibären-Situation?”, fragt er im schönsten Schwäbisch. “Ich habe alles brav aufgegessen, schau!”, antworte ich.

Da lacht das Läuferherz: Die lezten 45Kilometer des Transgrancanaria auf schönsten Trails im Sonnenschein.
Jedes Rad greift ins nächste, als hätten wir nie etwas anderes gemacht. Es ist für mich der schönste, magischste und glücklichste Moment des Tages. Jetzt ist es nur noch ein Marathon! “Nur” - Ultraläufer wissen nur zu gut, wie man sich selbst verarschen kann, wenn es um Distanzen geht. Aber in diesem Moment waren es wirklich “nur” noch 45 Kilometer.
Über den Roque Nublo, der natürlich in den Wolken kaum zu sehen ist, geht es zur nächsten Verpflegungsstation in El Garañón bei Kilometer 90. Zwischen den Wolken kann ich hier und da für wenige Sekunden einen Sonnenuntergang erahnen. Wie schön es doch gewesen wäre, ein bisschen was von der Insel zu sehen. Dafür ist es jetzt zu spät. Die Stirnlampe tritt zur zweiten Nachtschicht an.
100 km geschafft: Schmerzen, Blasen & das Ziel vor Augen@(zwischenHeadlineTag)>
Der Downhill nach El Garañón macht Spaß, mental wie auch muskulär bin ich richtig gut drauf. Dass der Matsch endlich weg ist, macht das Ganze einfacher. Die Strecke ist hervorragend markiert und Kilometer und Kilometer komme ich in der Dunkelheit voran. In El Garañón warten Adrian und Giulia auf mich. Ich sehe sie als Erstes und rufe ihnen entgegen. “Haaallo, hier bin ich”.
Beide schauen mich fassungslos an. Nach einem Blick in die Hütte weiß ich auch, warum. Es ist ein Gruselkabinett, müde und verbrauchte Gesichter starren leer durch den Raum. Viele steigen hier aus oder haben den Cut-Off der kürzeren Advanced-Strecke nicht geschafft. Ich hülle mich in eine Rettungsdecke, esse eine kleine Portion Pasta, trinke einen Tee und ziehe nach wenigen Minuten weiter.

Pizza, Pasta und Gummibärchen: Eine energiereiche Verpflegung ist das A und O auf Langdistanzen.
Zehn Kilometer bleibe ich kurz stehen. Meine Uhr springt auf 100 Kilometer. Ein Moment, der mich sehr glücklich macht. Willkommen im 100er Club, denke ich mir und erinnere mich an den Satz eines Freundes. “Du weißt schon, wie krass der letzte Downhill ist?”. Der Satz hat mich damals sauer gemacht. Nein, weiß ich nicht - woher auch?
Spulen wir vor, Kilometer 111. Es ist nach Mitternacht. Im Schneckentempo krieche ich den Downhill hinunter zur letzten Verpflegungsstation. Die Trails sind mittlerweile trocken, der Staub im Schuh schenkt mir fiese Blasen, jeder Schritt schmerzt extrem. Ich will weinen, doch in mir ist nichts mehr drin.
Ich versuche zu laufen, doch nach ein paar Metern muss ich wieder gehen. Mental ist es extrem schwierig, sich für die letzten Kilometer zusammenzureißen. Durch die letzte Verpflegungsstation in Ayagaures laufe ich wie im Autopilot. Ich quäle mich im Flussbett mit jedem Schritt. Das Ziel scheint unendlich weit entfernt. Eine Blase an der Ferse ist in der Zwischenzeit geplatzt, mein Fuß brennt für einige Minuten, sodass ich immer wieder stehen bleibe.

Aufgeben gibts nicht! Die beste, liebste, tollste Supporter-Crew, die man sich vorstellen kann.
Das Flussbett ist berühmt berüchtigt. Viele lose Steine, schwer zu laufen - nach der bereits absolvierten Distanz ein absoluter Killer für Geist und Körper. Nach einer gefühlt endlosen Phase des Selbstmitleids schaltet in meinem Kopf etwas um. Ich akzeptiere den Schmerz und fange wieder das Laufen an.
Es tut schließlich auch weh, wenn ich gehe. Laufend komme ich wenigstens schneller ins Ziel. Die ersten Meter beiße ich meine Zähne zusammen, fluche leise vor mich hin, doch nach ein paar Schritten wird es “besser”. Ich trampel diese Blasen einfach tot.
Erster 125 km Ultratrail: Emotionale Ziellinie in Maspalomas@(zwischenHeadlineTag)>
Der Moment, den ich monatelang visualisiert habe, der Zieleinlauf, ist nur noch wenige Minuten entfernt. Die Lichter des Sportplatzes sind schon zu sehen. Ich laufe und laufe und auf den letzten Metern tut plötzlich nichts mehr weh.
Dieses Ziel, das ich immer vor Augen hatte, ist nur noch eine Kurve entfernt. Ich kriege nicht mit, wie viele Leute im Zielbereich stehen, ganz weit weg höre ich den Moderator sagen “Isabella, all the way from Germany”. Dann ist irgendwie alles für eine kleine Ewigkeit still.
Ich stoppe meine Uhr. Nach 27 Stunden stehe ich am anderen Ende der Insel in Maspalomas im Ziel. Der erste dreistellige Ultra ist im Kasten. Ausgerechnet am Weltfrauentag schenke ich mir meinen größten sportlichen Erfolg selbst. Ich umarme meine Freunde und lasse mich fallen. Ich muss jetzt ganz dringend eines: raus aus diesen Schuhen. Das Wetter hat uns allen einiges abverlangt. 43% der Läuferinnen und Läufer sind nicht ins Ziel gekommen.
Keine vier Stunden später wache ich wieder auf. Seltsamerweise fühle ich mich körperlich ausgeruht. Mental bin ich noch in einer anderen Welt, irgendwo zwischen diesen gelaufenen 125 Kilometern. Es fühlt sich an wie ein großer Fiebertraum. Adrian fliegt wieder nach Hause, wir verabschieden uns. “Haben wir das wirklich gemacht?”, frage ich ihn. Er lacht. “Isa, das hast du ganz alleine gemacht.”






1 Kommentar
Kommentar schreibenSo ein toller und fesselnder Bericht. Herzlichen Glückwunsch, liebe Isa. Höchsten Respekt zu deiner Leistung und danke, dass du uns daran teilhaben lässt :)