Der Start ist um Mitternacht. Zwei Stunden Schlaf, vielleicht. Dann steht man vor dem Tiroler Landestheater, Stirnlampe auf dem Kopf, Musik, Stimmen, dieses nervöse Knistern in der Luft. Alle tun so, als wäre das normal. Ist es natürlich nicht. Der K85, offiziell "Heart of the Alps Ultra", gehört zum Innsbruck Alpine Trailrun Festival und führt über 86,8 Kilometer und rund 3.880 Höhenmeter einmal rund um Innsbruck. Start und Ziel liegen mitten in der Stadt, die Strecke zieht sich als Loop durch die umliegenden Berge – technisch anspruchsvoll, abwechslungsreich, und nichts, was man nebenbei macht.

Kurz nach Mitternacht zieht sich eine Kette aus Stirnlampen durch den Wald oberhalb von Innsbruck.
Die ersten Meter fühlen sich leicht an. Zu leicht. Adrenalin trägt, die Stadt schläft, wir laufen. Mein Bruder neben mir, beide mit diesem leicht übermotivierten Plan: Wenn schon wieder starten, dann bitte gleich doppelt so weit wie letztes Jahr. K42 war einmal. Die ersten Kilometer verlaufen noch gemeinsam mit den Läufer:innen der längeren Distanz K110, vorbei am Alpenzoo und hinauf Richtung Kranebitten.
Erster Anstieg, erste Zweifel
Nach der ersten Verpflegungsstation kippt die Stimmung. Der erste lange Anstieg mit 1000 Höhenmetern in Richtung Mutterer Alm kommt und mit ihm die erste ehrliche Frage: "Warum genau machen wir das hier?" Schritt für Schritt nach oben, im Dunkeln. Der Körper ist wach, der Kopf hängt noch irgendwo im Bett. Kurz vor der Verpflegungsstation an der Mutterer Alm dann der Moment, der alles wieder geradezieht. Sonnenaufgang. Einfach Licht, das langsam kommt. Und plötzlich wirkt das Ganze wieder halbwegs sinnvoll. 30 Kilometer sind da gelaufen. Ein Drittel. Nicht mehr. Man rechnet kurz, lässt es dann wieder bleiben.
Was stärker reinhaut als die Aussicht, ist eine andere Erkenntnis: Mein Training war … nennen wir es ski-lastig. Während andere Intervalle geballert haben, war ich eher im Tiefschnee für ALPIN unterwegs (ALPIN-Tiefschneetage, Skitest Nauders). Fühlt sich jetzt im Knie ziemlich konkret an. Klassisches Runner’s Knee. Sagt sich leicht – fühlt sich aber ganz anders an.
Bergauf geht noch. Bergab wird’s schwierig. Also: laufen, humpeln, wieder laufen. Mein Bruder ist entsprechend unterfordert mit zwei funktionierenden Knien und nutzt die Zeit sinnvoll: zum Motivieren, zum Warten, zum Nicht-genervt-sein. Zumindest wirkt es so. Was hilft: die Strecke. Der K85 gilt als technisch anspruchsvoll, mit ständig wechselnden Untergründen und Passagen. Von flowigen Trails bis hin zu steileren, alpinen Abschnitten. Wer hier bestehen will, muss sich seine Kräfte gut einteilen.
In der Nacht haben wir noch gefroren und uns über warme Bouillon an den Verpflegungsstationen gefreut. Mittlerweile das Gegenteil: Sonne, Hitze und dieser unstillbare Durst nach Cola. Zucker, Koffein, alles rein. Kurz vor Kilometer 50 passiert etwas Unerwartetes. Das Knie funktioniert wieder. Einfach so. Ein paar Downhills gehen plötzlich laufend. Für ein paar Minuten fühlt sich das Ganze fast leicht an. Fast. Dazu kommen die Läufer:innen vom K65. Frisch, schnell, gut gelaunt. Man hängt sich dran, lässt sich ziehen. Bis zum Bergisel, wo es Kaiserschmarrn gibt und kurzzeitig sowas wie Euphorie. Hält nicht lange.

Zwischen Bouillon, Cola und Kaiserschmarrn wird die Verpflegungsstation kurz zum wichtigsten Ort des Tages.
Schmerz wird zum Begleiter
Danach macht das Knie endgültig dicht. Die letzten rund 30 Kilometer werden zur anderen Disziplin. Nicht mehr Laufen, eher Fortbewegen. Der Kampf verlagert sich nach innen – weniger Beine, mehr Kopf. Die Strecke führt inzwischen vorbei am Herzsee über Aldrans und weiter nach Hall in Tirol, wo Zuschauer:innen an der Strecke stehen, klatschen, Namen rufen, auch wenn sie einen gar nicht kennen. Andere Läufer:innen reden plötzlich miteinander. Kurze Sätze, ehrlicher als alles davor. "Geht schon." – "Muss ja."
Die letzten zwölf Kilometer ziehen sich. Zweieinhalb Stunden. Irgendwann schließen sich zwei andere mit ähnlichen Knieproblemen an, auch nicht mehr ganz rund unterwegs. Eine kleine Gruppe, die einfach nur noch ankommen will. Und dann irgendwann: Ziel. Kein Sprint, kein großes Finish. Eher ein Ankommen im besten Sinne. Müde, kaputt, aber ziemlich klar im Kopf. 86 Kilometer, 3.800 Höhenmeter, einmal rund um Innsbruck und am Ende genau das, was man gesucht hat, auch wenn man es am Start noch nicht so genau benennen konnte.
War es vernünftig? Sicher nicht. Aber darum geht’s ja auch nicht.
Was bleibt, ist eine Mischung aus Leere, Erleichterung und dem sicheren Wissen, das nie wieder machen zu wollen. Zumindest für ein paar Tage.



2 Kommentare
Kommentar schreibenSchöner Bericht, tausend Mal besser als diese heroischen Selbstinszenierungen auf Instagram oder Youtube... ( oder im "Trail"-Magazin). Und gut durchgezogen, Glückwunsch :)
Gerne mehr solcher ehrlichen Berichte.
Sehr cooler Bericht Robert! Ohne Selbstoptimierungs-Gelaber, Heldeninszenierung und Event-PR, dafür authentisch, emotional und witzig. Chapeau!