Paul Guschlbauer ist Coach, Abenteurer und passionierter Gleitschirmpilot. Im Interview mit ALPIN spricht er über wegweisende Entscheidungen, seine Philosophie und warum die wichtigste Thermik manchmal im eigenen Kopf entsteht.
Paul Guschlbauer: Vom X-Alps-Athleten zum Abenteurer und Coach
ALPIN: Paul, Kaffee oder Tee?
Inzwischen Kaffee.
ALPIN: Früher Vogel oder Nachteule?
Ganz klar, Nachteule.
ALPIN: Chaos oder Plan?
Strukturiertes Chaos.
ALPIN: Was ist dein Lieblingsgeräusch, wenn du in der Luft bist?
Das Windgeräusch. Wobei ich natürlich auch gern höre, wenn das Variometer piepst und zeigt, dass es trägt.
ALPIN: Wann hattest du zuletzt richtig Angst?
Als mein Sohn ein gesundheitliches Problem hatte und ich mich absolut machtlos gefühlt habe. Wenn ich hingegen in der Natur unterwegs bin, fühle ich mich extrem wohl.
ALPIN: Gibt es etwas, worin du richtig schlecht bist?
Ballsport. Ich treffe einfach keinen Ball.
ALPIN: Womit bringt man dich sofort zum Lachen?
Mit völlig absurdem Blödsinn. Kurze Comedy-Clips oder Memes funktionieren bei mir ziemlich gut.
Warum gute Entscheidungen wichtiger sind als der Gipfel
ALPIN: Wie würden dich Familie und Freunde beschreiben?
Ehrgeizig, ausdauernd und hoffentlich auch ziemlich nett.
ALPIN: Und was würdest du selbst ergänzen?
Dass ich viel nachdenke und reflektiert bin. Genau deshalb interessieren mich Podcasts und Coachings: Ich möchte verstehen, wie andere Menschen die Welt erleben. Im Kern ähneln sich unsere Erfahrungen oft viel mehr, als man glaubt.
ALPIN: Wenn man dir zuhört, z. B. in deinem Podcast, hat man irgendwann das Gefühl, dass es dir gar nicht in erster Linie ums Fliegen geht.
Wahrscheinlich stimmt das sogar. Das Fliegen ist für mich eher das Medium. Eigentlich interessiert mich viel mehr die Frage, wie und warum Menschen Entscheidungen treffen. Beim Gleitschirmfliegen sieht man das unglaublich gut. Du kannst hervorragend trainiert sein, das beste Material besitzen und trotzdem im falschen Moment starten. Oder du erkennst genau den richtigen Zeitpunkt – und plötzlich übernimmt die Natur die Arbeit für dich.
ALPIN: Was meinst du damit?
Beim Hike & Fly geht es darum, aufmerksam zu sein. Wolken, Wind, Thermik und das eigene Gefühl liefern ständig Informationen. Gute Entscheidungen entstehen, wenn man den richtigen Moment erkennt, statt etwas mit Gewalt erzwingen zu wollen. Darüber spreche ich auch viel mit Gästen in meinem Podcast “Find your path”.
ALPIN: Das klingt mehr nach Philosophie als nach Flugsport.
Vielleicht ist es das inzwischen auch. Mich interessiert heute weniger, wie weit ich fliege, sondern auf welcher Grundlage ich Entscheidungen treffe. Kopf, Herz und Bauch sollten dieselbe Richtung kennen.
ALPIN: War das schon immer so?
Überhaupt nicht. Ich hatte eigentlich keinen Plan. Maschinenbau habe ich studiert, weil ich dachte, es sei die größte Herausforderung. Erst später wurde daraus der Weg zum Testpiloten. Sport war allerdings schon immer mein Leben. Mountainbike-Leistungssport hat mir eine enorme Ausdauerbasis verschafft. Aber erst im Studium kam dann das Gleitschirmfliegen – und plötzlich war da dieses Feuer.
Mein einziges Ziel war damals die Teilnahme an den Red Bull X-Alps. Mehr nicht. Über erste Projekte, Sponsoren und Kontakte entwickelte sich Schritt für Schritt alles Weitere. Das Verrückte war: Mit meiner ersten Teilnahme beim Wettkampf hatte ich mein großes Ziel bereits erreicht. Danach kam zunächst ein Loch. Erst Alaska, das Buschfliegen und neue Expeditionen gaben mir wieder eine neue Richtung.
ALPIN: Gab es Entscheidungen, die dein Leben besonders verändert haben?
Die größte war sicher, meinen sicheren Job zu kündigen und komplett auf das Leben als Athlet zu setzen. Später war es ähnlich, als ich entschied, nicht mehr selbst bei den Red Bull X-Alps zu starten. Nach vielen Jahren wird so etwas Teil der eigenen Identität.
Paul Guschlbauer: "Kopf, Herz und Bauch sollten in dieselbe Richtung zeigen"
ALPIN: Wie hast du dich neu erfunden?
Ganz entscheidend war die Gründung meiner Marke “Wanderbird”. Die verkörpert meine Philosophie. Beim Hike & Fly bereitet das Wandern das Fliegen vor – und das Fliegen den nächsten Anstieg. Es geht darum, im richtigen Moment zu handeln. Wir verbringen unglaublich viel Zeit im Kopf. Mich interessiert aber: Wie geht es mir gerade? Was passiert um mich herum? Gute Entscheidungen entstehen aus der Kombination von Wahrnehmung, Erfahrung und Gefühl. Ich glaube, Kopf, Herz und Bauch sollten in dieselbe Richtung zeigen. Wenn diese Ebenen kongruent sind, werden Entscheidungen leichter.
Viele Bergunfälle entstehen aus meiner Sicht deshalb, weil Menschen nur auf einen Faktor schauen – etwa auf eine Wetter-App oder darauf, was andere gemacht haben. Entscheidend ist aber, die Situation ständig neu zu bewerten und auch ehrlich wahrzunehmen, wie es einem selbst gerade geht. Umdrehen ist dann keine Niederlage, sondern eine gute Entscheidung.
ALPIN: Welche Rolle spielt dabei das Ego?
Das Ego entsteht im Kopf. Problematisch wird es, wenn das Bild, das wir von uns selbst haben, nicht mehr zur Realität passt. Deshalb möchte ich als ausgebildeter Coach Menschen helfen, bewusster Entscheidungen zu treffen. Den Boom zum Wandern und zum Hike & Fly sehe ich grundsätzlich positiv. Wer rausgeht (und fliegt), entwickelt zwangsläufig ein Gespür für die Natur. Natürlich braucht es dafür Infrastruktur und Ausbildung, aber vor allem Selbstverantwortung. Mehr Sicherheit entsteht nicht durch mehr Geländer oder Technik, sondern durch bessere Selbsteinschätzung und mehr Wissen. Moderne Ausrüstung ersetzt keine Erfahrung.
ALPIN: Wie hat Familie deinen Blick verändert?
Total. Früher war die nächste Expedition das große Ziel. Heute empfinde ich Familie als mindestens genauso große Herausforderung. Beruf, Kinder und Projekte unter einen Hut zu bringen, fordert mich oft mehr als manche Expedition. Identität darf sich verändern. Irgendwann war ich nicht nur jemand, der bei den X-Alps startet – ich war X-Alps- und Red Bull Athlet. Sich davon zu lösen, war zunächst schwierig, am Ende aber unglaublich befreiend.
ALPIN: Mit wem feierst du heute deine Erfolge?
Erfolge teile ich heute zuerst mit meiner Familie. Auch Social Media nutze ich nicht mehr für Likes, sondern um Menschen einen Mehrwert zu geben. Mein Leitsatz lautet: 'Find your path.' Jeder muss seinen eigenen Weg finden – nicht den, den andere erwarten. Gute Entscheidungen entstehen aus Ehrlichkeit sich selbst gegenüber und aus einem wachen Blick auf die Umgebung. Heute reizen mich weniger spektakuläre Rekorde als Abenteuer, die Menschen verbinden. Formate wie das Wanderbird Adventure sollen genau das ermöglichen: hinausgehen, offen sein und unterwegs echte Begegnungen erleben.
ALPIN: Woran würdest du in zehn Jahren merken, dass dein Weg der richtige war?
Wenn ich sagen kann, dass ich meinen eigenen Entscheidungen vertraut habe. Nicht jede wird richtig gewesen sein. Aber ich hoffe, sie waren immer ehrlich.






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