Alpinistinnen auf der Jagd nach gefrorenen Linien: Bericht von Anna Gomeringer@(zwischenHeadlineTag)>
Wir stehen mit dem Gesicht in der Sonne und schauen auf Harstad. Die Segel knattern immer wieder kurz, weil wir so nah am Wind segeln. Gleich endet eine Woche, in der wir uns immer wieder gefragt haben, wie viel Glück man auf einmal vertragen kann. Aber der Reihe nach. Ende Februar fahren wir, der DAV-Expedkader, mit dem Zug nach Nordnorwegen zum Eisklettern.
Nach turbulenten drei Tagen holen uns Gappe, unser Skipper, und Vitus, unser erster Maat, vom Bahnhof ab. Auf der Arctic Ice gibt es zum Abendessen gebackenen Fisch aus ihrem Fang – und Pläne für die nächsten Tage. Früh am Morgen setzen wir die Segel Richtung Grytøya – ein Geheimtipp von Sindre, der uns die Arctic Ice gechartert hat und sich bald als unentbehrlich erweist. Dort steht eine Wand, die sich anfühlt wie ein Kuchenbuffet. Zwischen den Linien können wir uns kaum entscheiden.
Vera, Steffi und Kathi mit Dörte, Raphaela und Alice, unserer Fotografin, wählen den Hauptfall (Galskap, WI5, 250m), finden hervorragendes Eis und können sich daran gewöhnen, dass man immer ein bisschen von dem dunkelblauen Meer und den verschneiten Bergen Senjas im Hintergrund abgelenkt ist. Fenja, Kristin und Anna versuchen sich an einer Linie, die laut Sindre seit sechzehn Jahren nicht gestanden hat.
"Noch immer hält das Wetter – nach vier durchgekletterten Tagen kaum zu glauben"@(zwischenHeadlineTag)>
Eine delikate Einstiegssäule und viel Wasser im Gesicht lenken sie fast zu sehr ab, um die Landschaft zu genießen. Es ist bereits dunkel, als Vitus sie bei heftigem Wellengang am blockigen Ufer abholt. Dabei versucht das Dinghi alles, um die vier abzuwerfen. Alle sind froh, als sie durch den dichten Schneefall auf das hell beleuchtete Boot zuschippern. Erst wird das Wasser aus den Schuhen gekippt, dann mit Service und Bier die erste Begehung von Sees Snart Sindre gefeiert (WI6, ca. 170 m).
Kurz nach dem späten Sonnenaufgang betreten Fenja und Kristin wieder festen Boden; um unseren Skipper in den Hauptfall mitzunehmen. Steffi und Kathi steigen währenddessen in ein elegantes Couloir (WI4, 420 m) an der Litjetussen-Hauptwand ein. Vom Boot aus verfolgen wir ihr zügiges Vorankommen im Nebel – und verpassen fast den Fisch, der an der Leine zappelt.
Noch immer hält das Wetter – nach vier durchgekletterten Tagen kaum zu glauben. Steffi, Kathi und Raphaela brechen erneut zur Hauptwand auf und erstbegehen die wild anmutende Linie Veien Videre (WI5, 380 m). Direkt rechts davon sind unser erster Maat und unser Skipper auf Landgang und begeben sich mit Sindres Package (WI4, 180 m) ebenfalls auf Neuland. Währenddessen übernimmt Sindre das Steuer und zaubert eine Wende nach der anderen in die Bucht.
Dörte, Kristin und Anna beobachten ihn aus ihren zahlreichen Eishöhlen. Sie haben sich noch einmal in die abgebrochene Linie vom Vortag gewagt, in der Hoffnung auch diese Erstbegehung auf einer anderen Linie zu beenden. Ein Fall wie tausend gestapelte Quallen, mit einem riesigen Kraken am oberen Ende. Dörte begibt sich in die Fangarme aus Eis und steigt dem Kraken (WI6, 200 m) auf den Kopf. Über ihr kreist ein Seeadler.
Wie viel Glück kann man eigentlich haben?@(zwischenHeadlineTag)>
Dann kommt der Schneesturm doch, vor ihm her segeln wir zum Møljefest. Bei reichlich Kabeljau, slowenischem Kräuterlikör und norwegischem Kartoffelschnaps feiern wir das unglaubliche Glück der vergangenen Tage. Am Ende spielt Vitus sogar ein Ständchen auf dem Piano. Wir biegen in den Hafen von Harstad ein. Die ein oder andere mit Wasser in den Augen – wegen des starken Windes natürlich.
Wir versuchen uns noch einmal das Glitzern der dunklen Wellen, das Leuchten der verschneiten Berge und das Knarzen der Seile einzuprägen. Dann heißt es Sees snart und tyssen tak. Die restliche Zeit verbringen wir bei Bardufoss und wiederholen dort einige wunderschöne Fälle. Unter anderem klettern Fenja und Steffi den 700 m langen Sordalen Skredbekken.
Es fühlt sich an wie ein Epilog zu unserem unglaublichen Abenteuer auf der Arctic Ice. Auf dem Heimweg haben wir drei Tage Zeit, um langsam zu beginnen, das Erlebte zu verarbeiten. Und immer wieder fragen wir uns: Wie viel Glück kann man eigentlich haben?
Die Hard Facts der Expedition@(zwischenHeadlineTag)>
Anreise und Abreise mit dem Zug, jeweils 3 Tage ab Narvik bis nach Hause.
7 Tage auf der Arctic Ice
3 Tage in Bardu
Teilnehmende: Dörte Pietron, Raphaela Haug, Alice Russolo, Vitus Wuhrer, Gašper Reberšak, Sindre Kvaale, Steffi Feistl, Vera Bakker, Kathi Huber, Fenja Köchl, Kristin Hinkelmann, Anna Gomeringer
Starke Ticklist: Erstbegehungen und Wiederholungen@(zwischenHeadlineTag)>
Claim der Autorin: Wir haben die Gegend rund um Grytoya ausgiebig recherchiert und sowohl beim Führerautor als auch bei anderen Personen Informationen eingeholt, uns ist dennoch keine Begehung der nachfolgenden Linien bekannt. Daher sprechen wir von Erstbegehungen. Über weitere Informationen sind wir dankbar.
Erstbegehungen der Expedition:
Couloir (WI4, 420 m), Steffi Feistl und Kathi Huber
Sees snart Sindre (WI6, 170 m), Fenja Köchl, Kristin Hinkelmann, Anna Gomeringer
Fin utsikt (WI5, 75 m), Kathi Huber und Steffi Feistl
Veien Videre, WI5, 380m, Steffi Feistl, Kathi Huber und Raphaela Haug
Sindres Package (WI 4, 180 m), Gašper Reberšak und Vitus Wuhrer
Kraken (WI6, 200 m), Dörte Pietron, Kristin Hinkelmann, Anna Gomeringer
Wiederholungen der Expedition:
Galskap (WI5, 250 m), Raphaela Haug, Dörte Pietron, Alice Russolo, Vera Bakker, Steffi Feistl, Kathi Huber, Fenja Köchl, Kristin Hinkelmann, Gappe
Fin utstikt (WI5, 75 m), Vera Bakker, Fenja Köchl und Alice Russolo
Sordalen Skredbekken (WI5, 700 m), Fenja Köchl und Steffi Feistl
Rubben (WI5, 400 m), Steffi Feistl, Fenja Köchl und Anna Gomeringer
Soylefossen (WI5, 180 m), Dörte Pietron, Raphaela Haug, Vera Bakker, Kristin Hinkelmann, Gašper Reberšak









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