Fragen der Sicherheit vs. Kommerzialisierung

Rekordsaison am Everest: Gelje Sherpa fordert strengere Regeln

Mehr Gipfelerfolge, mehr Genehmigungen, mehr Einnahmen: Die Frühjahrssaison 2026 am Mount Everest war voller Superlative. Einer der bekanntesten Sherpas Nepals sieht die Entwicklung jedoch kritisch. Gelje Sherpa fordert nun eine Reihe von Maßnahmen, die den Everest sicherer machen und die Zahl der Bergsteiger besser kontrollieren sollen.

Schlägt Reformen für mehr Sicherheit am Everest vor: Gelje Sherpa (li.).
© Instagram /Gelje Sherpa

Die Everest-Saison 2026 war eine Saison der Superlative. Nach Angaben der nepalesischen Behörden erreichten in diesem Frühjahr mehr als 1000 Menschen den höchsten Punkt der Erde, so viele wie noch nie zuvor in einer einzigen Saison. Auch die Zahl der ausgestellten Besteigungsgenehmigungen erreichte mit 495 einen neuen Höchstwert. Alleine am 20. Mai wurden 274 erfolgreiche Gipfelbesteigungen an nur einem Tag registriert – ebenfalls ein Rekordwert. Zwei der Bergsteiger, die an diesem Tag den Gipfel erreichten, starben kurz nach Beginn ihres Abstiegs. 

Alleine durch Permit-Gebühren flossen insgesamt mehr als sieben Millionen US-Dollar in die Staatskasse. Hunderte einheimische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Expeditionsunternehmen finden durch den Everest-"Tourismus" eine vergleichsweise gut bezahlte Beschäftigung. Die Zahlen zeigen das Spannungsfeld, in dem sich das "Geschäftsmodell Everest-Besteigungen" bewegt: Auf der einen Seite steht seine enorme wirtschaftliche Bedeutung für Nepal, auf der anderen Seite die Frage, wie viele Menschen der höchste Berg der Erde verträgt und wie sich die Sicherheit aller Beteiligten verbessern lässt.

<p>Inzwischen ein gewohntes Bild: Bergsteiger in einer langen Schlange am Everest.</p>

Inzwischen ein gewohntes Bild: Bergsteiger in einer langen Schlange am Everest.

© picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Rizza Alee

Gelje Sherpa: "Jede Entscheidung fühlte sich wie ein Glücksspiel an"

Für Gelje Sherpa ist diese Diskussion keine theoretische, sondern eine ganz praktische, als Bergführer aber auch als Betreiber einer Expeditionsagentur.

Gelje Sherpa zählt zu den bekanntesten Höhenbergsteigern Nepals. Internationale Aufmerksamkeit erhielt er als jüngstes Mitglied jener zehn Nepalesen, denen 2021 die erste Winterbesteigung des K2 gelang. Inzwischen gibt er an, alle 14 Achttausender bestiegen zu haben. Bekannt wurde er zudem, als er 2023 am Everest einen erschöpften Bergsteiger über Stunden vom Berg trug. Gemeinsam mit seiner Partnerin, der britischen Höhenbergsteigerin Adriana Brownlee, managt er heute eine eigene Expeditionsagentur.

<p>Rettungsaktion 2023:  Gelje Sherpa trägt erschöpften Bergsteiger über Stunden vom Berg. </p>

Rettungsaktion 2023:  Gelje Sherpa trägt erschöpften Bergsteiger über Stunden vom Berg. 

© Gelje Sherpa/Instagram

Der Nepali bezeichnete die Frühjahrssaison 2026 als eine der schwierigsten seiner bisherigen Laufbahn – sowohl als Bergführer als auch als Betreiber seiner Expeditionsagentur. Der in diesem Jahr noch gefährlichere Khumbu-Eisbruch, instabile Wetterbedingungen und die hohe Zahl von Menschen am Berg hätten die Saison geprägt. "Jede Entscheidung fühlte sich wie ein Glücksspiel an“, schrieb er in einem Instagram-Beitrag. Sein Team habe die Herausforderungen gemeistert und alle Kunden hätten ihre Gipfelziele erreicht. Dennoch sehe er dringenden Handlungsbedarf.

In seinem Beitrag geht Gelje Sherpa auch auf die jüngste Erhöhung der Everest-Gebühren ein. Obwohl Nepal die Kosten für eine Besteigungsgenehmigung um 4.000 auf 11.000 US-Dollar angehoben hatte, waren in diesem Jahr mehr Permits verkauft worden als jemals zuvor. Gelje betont, dass er diese Erhöhung oder gar weitere nicht für das geeignete Mittel halte, die Situation am Everest zu verbessern.

Vier Vorschläge für mehr Sicherheit am Everest

Um die Situation am Everest zu verbessern, schlägt Gelje Sherpa vier konkrete Maßnahmen vor:

  • Erstens sollen Everest-Anwärter künftig nachweisen müssen, bereits einen Berg von mindestens 6500 Metern Höhe bestiegen zu haben. Dabei sollen ausdrücklich auch Berge außerhalb Nepals anerkannt werden, etwa der Aconcagua in Südamerika.

  • Zweitens fordert er verbindliche Qualifikationen für Sherpas, die Kunden am Everest führen. Wer Verantwortung für Gäste übernehme, müsse entsprechende Ausbildung und Erfahrung auch in großer Höhe und insbesondere im 1:1-Begleitverhältnis nachweisen können.

  • Drittens schlägt Gelje Sherpa verpflichtende medizinische Untersuchungen im Basislager und in Lager 2 vor. Jeder Bergsteiger muss sich dieser Untersuchung unterziehen, bevor er weiter aufsteigen darf. Finanziert werden könnten diese aus den Einnahmen der Besteigungsgenehmigungen.

  • Viertens fordert er ein unabhängiges Ranger- und Rettungsteam in Lager 2. Dieses soll Rettungseinsätze koordinieren, die Zahl der Personen am Berg überwachen und die Müllproblematik kontrollieren.

Gelje Sherpa adressiert seine Vorschläge auf Instagram an das nepalesische Tourimusministerium und endet eindrücklich:" Ich bitte nicht um diese Veränderungen, ich flehe darum!"

Infografik
© Instagram /Gelje Sherpa

Die Forderung nach einem Qualifikationsnachweis für Aspiranten vor einer Everest-Besteigung ist nicht neu und tauscht regelmäßig in politischen Debatten in Nepal auf. Bis dato steht im Raum, dass künftigen Besteigern vor Erteilung eines Permis abverlangt wird, einen Siebentausenders in Nepal bestiegen zu haben. Ob die Besteigung eines 6500 Meter hohen Berges bzw. eines Siebentausenders tatsächlich ein verlässlicher Nachweis für die Fähigkeiten an einem Achttausender ist, ist allerdings umstritten. 

Auch bei den geforderten Qualifikationen für Sherpas stellen sich praktische Fragen. International anerkannte Bergführer gibt es in Nepal bislang nur wenige. Nationale Zertifizierungen wären zwar denkbar, müssten aber transparent und unabhängig organisiert werden, um breite Akzeptanz zu finden.

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Die Debatte um Everest-Besteigungen dürfte weitergehen

Fest steht: Die Rekordsaison 2026 wird die Diskussion über den Everest weiter anheizen. Die Zahl der Besteiger steigt, die wirtschaftliche Bedeutung für Nepal wächst. Gleichzeitig nehmen die Herausforderungen für Organisatoren, Sherpas und Rettungskräfte zu. Gelje Sherpas Vorstoß dürfte der Diskussion über den Everest neue Impulse geben.

Dass der höchste Berg der Erde sicherer, sauberer und weniger überlaufen werden sollte, darüber herrscht in der Bergsteigerszene weitgehend Einigkeit. Viele würden strengere Regeln deshalb nicht nur aus Sicherheits- und Umweltgründen begrüßen, sondern auch aus Respekt vor dem Berg selbst. Ob Nepal jedoch Maßnahmen beschließt, die tatsächlich zu weniger Besteigungen führen, bleibt offen. Zu groß ist die wirtschaftliche Bedeutung des Everest-Tourismus für das Land.

Text von Holger Rupprecht

4 Kommentare

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Bruno

@Silbernen - ich stimme bis auf kleine Ausnahmen Ihrer Zusammenfassung zu, mit der Anmerkung, daß man in Ihrem ersten Satz auch anstelle von Everest "Zugspitze", "Matterhorn" oder "Mont Blanc" setzen könnte.
ABER... Was würden Sie in Konsequenz Ihrer (rhetorischen) Frage "Was sich am Berg ändern muß" der nepalesischen Regierung raten? Was danach den Tausenden Leuten in Nepal, die in dieser Unterhaltungsindustrie (um Bergsteigen geht es schon lange nicht mehr) direkt und indirekt beschäftigt sind?
Und haben Sie die 4 Forderungen von Gelje Sherpa gelesen? Der fordert darin beim besten Willen nicht, daß der Massentourismus aufhört (würde sich ja auch ins eigene Knie schießen), sondern - vollkommen berechtigt - höhere Sicherheitsstandards. Weiterhin lässt er auch den sog. "Umweltschutz" aus, natürlich tragen die gern gegen viel Dollars weiterhin für die Beafeater-Fraktion deren Ware nach oben und tragen die leeren Flaschen dann im Rahmen des Lohns auch wieder nach unten.
Mit Ihren radikalen Forderungen, denen ich, wie geschrieben zustimme, wäre der gute Mann also auch nicht ganz einverstanden.
Bruno
PS Ich muß immer bei diesen Artikeln über das Foto von E. Hillary und T. Norgay lachen, als würden sie nicht über ihr Geschafftes grinsen, sondern über die Kasper, die heute den Everest bevölkern.

Falk

Nur noch Zweier Seilschaften im Alpinstil zulassen, die alles selbst organisieren. Dann klappt der Laden. Geld haben heute viele, das spielt keine Rolle.

Silbernen

Der Mount Everest ist vom Symbol für extremen Pioniergeist zu einem Schauplatz des kommerziellen Massentourismus geworden. Die aktuelle Situation wirft massive ethische, ökologische und menschliche Fragen auf:
?Die Kommerzialisierung der Natur: Der Berg wird an „Möchtegern-Bergsteiger“ veräußert, die weder die physische noch die psychische Qualifikation für den Hochalpinismus mitbringen. Der Respekt vor der Natur und den Gefahren des Berges geht verloren, da sich viele darauf verlassen, Fehler mit Geld, Technik (wie Hubschraubern) oder fremder Hilfe auszubügeln.
?Ausbeutung der Sherpas: Die einheimischen Bergführer tragen die Hauptlast dieses Booms. Sie riskieren unentwegt ihr Leben, schleppen unendliche Lasten in die Lager, retten erschöpfte Touristen und stehen am Ende dennoch im Schatten des Erfolgs anderer.
?Die ökologische Schande (Vermüllung): Tonnen von Müll – darunter Zelte, Plastik, Sauerstoffflaschen und Fäkalien – verbleiben auf dem Berg. Dass die Sherpas diesen Müll unter Lebensgefahr wieder einsammeln müssen, ist ein ethisches Desaster.
?Das Dilemma der Regierung: Nepal befindet sich in einer wirtschaftlichen Zwickmühle. Das Land ist dringend auf die Millionen-Einnahmen aus den Expeditionsgebühren angewiesen, weshalb ein hartes Durchgreifen oder eine strenge Limitierung der Genehmigungen bisher ausbleiben.
?Was sich am Berg ändern muss:
?Strenge Qualifikationsnachweise: Nur noch Bergsteigerinnen und Bergsteiger, die sich zuvor nachweislich an anderen schwierigen Gipfeln (z. B. 7.000ern) qualifiziert haben und in der Lage sind, den Berg aus eigener Kraft und eigenem Können zu bewältigen, sollten eine Genehmigung erhalten.
?Konsequente Müll-Gesetze: Es muss eine strikte, gesetzlich erzwungene Pflicht gelten, dass jegliche Ausrüstung (Zelte, Proviant, Sauerstoffflaschen) restlos wieder mit vom Berg genommen wird – auch aus Respekt vor den dort Verunglückten.
?Schluss mit dem Massentourismus: Ein Ende des Geschäftsmodells, bei dem sich jeder ohne Alpinismus-Erfahrung den Gipfel „kaufen“ kann. Hochalpinismus muss wieder als der hochgradig schwierige und exklusive Sport behandelt werden, der er ist.
?Fazit: Strich drunter – der Everest braucht einen radikalen Wandel weg vom profitgetriebenen Tourismus und zurück zu Respekt, Eigenverantwortung und echtem alpinistischen Können.

Daniel

Einfach den Einsatz von Fixseilen nur noch an kritischen Stellen zulassen, dann trennt sich die Spreu vom Weizen.