Everest-Debatte: Furtenbach schaltet sich ein
Die Diskussion um mehr Sicherheit am Mount Everest nimmt weiter Fahrt auf. Nachdem der nepalesische Expeditionsleiter Gelje Sherpa nach der Rekordsaison 2026 mehrere Reformvorschläge vorgelegt hatte und ALPIN diese von den Himalaja-Experten Billi Bierling und Stefan Nestler einordnen ließ, hat sich auch Lukas Furtenbach in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (Bezahlinhalt) ausführlich zu Wort gemeldet.
Der Tiroler zählt zu den bekanntesten Expeditionsveranstaltern am Everest. Mit Furtenbach Adventures organisiert er seit Jahren kommerzielle Expeditionen auf den höchsten Berg der Erde und wurde zuletzt durch seine viel diskutierte siebentägige Everest-Expedition mit Xenon-Unterstützung bekannt.
Auslöser für Furtenbachs Wortmeldung ist unter anderem der Fall des nepalesischen High-Altitude-Workers Hillary Dawa Sherpa: Nach einem Absturz in eine Gletscherspalte auf rund 7500 Metern bereits für tot gehalten, kämpfte er sich nach sechs Tagen überraschend selbst ins Basislager zurück. Erst am selben Tag war ein Rettungshubschrauber zur Suche losgeschickt worden. Für Furtenbach ist dieser Fall symptomatisch und zeigt, was am Everest strukturell schiefläuft.
"Auch Kunden tragen Verantwortung am Everest"
Besonders deutlich kritisiert Furtenbach die Haltung mancher Bergsteiger, die Verantwortung für Zwischenfälle ausschließlich bei den Veranstaltern sehen. "Wenn ein Sherpa in Schwierigkeiten gerät, wenn ihm der Sauerstoff ausgeht oder er zurückbleibt, kann ich als Kunde nicht einfach weitergehen", sagt er der SZ. Auch Bergsteiger müssten dafür sorgen, dass Hilfe organisiert werde.
Damit greift Furtenbach einen Aspekt auf, der auch in den ALPIN-Gesprächen mit Bierling und Nestler immer wieder auftauchte: Mehr Sicherheit am Everest ist nicht allein eine Frage neuer Regeln, sondern auch von Eigenverantwortung.
Gleichzeitig warnt Furtenbach vor Maßnahmen, die vor allem für Schlagzeilen sorgen und fordert stattdessen verbindliche Sicherheitsstandards für alle Veranstalter: feste Verfahren, klare Checklisten, definierte Verantwortlichkeiten. Als Vorbild nennt er die Luftfahrt und die Intensivmedizin.
Den Vorschlag, Everest-Anwärter künftig nur mit einem zuvor in Nepal bestiegenen Siebentausender zuzulassen, hält er für wenig sinnvoll. Erfahrungen an Bergen wie dem Aconcagua oder der Ama Dablam seien bergsteigerisch gleichwertig. Ähnlich wie Gelje Sherpa spricht er sich stattdessen für eine internationale Mindestanforderung von rund 6500 Metern aus.

Fordert für Sherpas im Notfall dieselbe Versorgung wie für zahlende Kunden: Lukas Furtenbach.
Nicht die Zahl der Bergsteiger ist das Hauptproblem
Anders als viele Kritiker sieht Expeditionsunternehmer Furtenbach die Rekordzahlen am Everest nicht automatisch als Sicherheitsproblem. Mehr als 1000 Gipfelerfolge in einer Saison und über 270 Besteigungen an einem einzigen Tag seien für sich genommen noch kein Beweis dafür, dass der Berg seine Kapazitätsgrenzen erreicht habe.
"270 Menschen an einem Tag auf dem Everest sind kein Sicherheitsproblem. Man hat gesehen, dass an diesem Tag nichts Außergewöhnliches passiert ist", sagte Furtenbach im SZ-Interview.

Für Furtenbach nicht unbedingt ein Sicheheitsproblem: hohe Zahl an Bergsteigern auf dem Gipfel des Everest.
Aus seiner Sicht liegt das eigentliche Problem in der Verteilung der Gipfelversuche. In der Saison 2026 habe es insgesamt zwölf mögliche Gipfeltage gegeben. Statt die Teams besser auf diese Wetterfenster zu verteilen, würden viele Expeditionen jedoch dieselben Tage ansteuern. Hier sieht Furtenbach vor allem die nepalesischen Behörden in der Verantwortung.
Kritisch bewertet der Tiroler zudem das starre Saisonende am 29. Mai. Dadurch entstehe zusätzlicher Zeitdruck, obwohl in manchen Jahren auch Anfang Juni noch sichere Gipfelbesteigungen möglich wären. Auf der Nordseite des Everest in Tibet seien Teams teilweise noch deutlich später erfolgreich unterwegs.
"Wenn es um Menschenleben geht, darf man nicht anfangen zu rechnen."
Deutliche Kritik übt Furtenbach an den staatlichen Verbindungsoffizieren, die Expeditionen offiziell begleiten sollen, in der Praxis aber häufig gar nicht vor Ort seien. Im Fall Hillary Dawa Sherpa hätte ein anwesender Verbindungsoffizier aus seiner Sicht frühzeitig eine Such- und Rettungsaktion einleiten müssen
Beim Thema Lastendrohnen teilt Furtenbach die Position, die Billi Bierling bereits gegenüber ALPIN vertreten hatte: Drohnentransporte könnten die Zahl gefährlicher Einsätze für Sherpas im Khumbu-Eisbruch deutlich reduzieren. 2026 scheiterte ein erster größerer Versuch jedoch an temporären Flugverboten.
Darüber hinaus plädiert Furtenbach für eine permanente medizinische Station in Lager 2 auf rund 6400 Metern. Und er setzt einen klaren moralischen Marker: Sherpas müssen im Notfall dieselbe Versorgung erhalten wie zahlende Kunden. "Wenn es um ein Menschenleben geht, darf man nicht anfangen zu rechnen."




5 Kommentare
Kommentar schreibenWerter Timo, falls Sie mich auch als "Hobby-Bergsteiger" in Ihrer geistreichen Kritik involviert haben, so muß ich mich entschieden in einem Punkt dagegen wehren! Ich habe nach Anschauen einiger Filme und nach Lesen von Artikeln, auch hier auf Alpin, wirklich absolut KEINE romantische Vorstellung vom Expeditionsbergsteigen!!!
Riesenküchen, welche ein Grandhotel vor Neid erblassen lassen, leere Beafeater-Flaschen en gros, die werbewirksam genutzt werden könnten (z.B. in Anlehnung an Apfel&Arzt: "ein Beefy am Abend ersetzt den Sherpa" oder etwas gestohlen "Vorsprung durch Beafeater", "Beafeater verleiht Flügel" etc. etc.) oder Wohnzelte, die den Werbestandard einer Möbelramschverkaufsstelle erfüllen ("Wohnst du noch oder lebst du schon"), dienen nicht dazu, romantische Vorstellungen vom modernen Expeditionsbergsteigen zu bekommen. Ich hoffe, ich habe Sie überzeugen können, daß Ihre Kritik an mir abprallt.
Und ob es früher besser oder gleich war? Wer weiß, vielleicht hatten auch Messner und Habeler 1978 bewußt auf Sauerstoff verzichten können, da sie von der stärkenden und wohltuenden Wirkung eines Beafeaters wußten. Aber das sind Spekulationen.
Ansonsten stimme ich Ihnen zu, der "kommerzielle Markt ist das fairere Instrument". Also ein Abenteuerspielplatz für die Reichen und Schönen dieser Welt, der Plebs darf dann den Müll aufräumen. Oder, da dies weniger mit dem Begriff "fair" zu tun hat, mit dem Zusatz - dann mit und in allen Konsequenzen! Bruno
Interessant was für eine romantische Vorstellung hier scheinbar einige vom Expeditionsbergsteigen haben. Dabei war dieses noch nie von einer "Speck, Schmalz & Schnaps Mentalität" geprägt, sondern bereits früh "medikamentisiert". Ebenso hat die vermeintlich böse Kommerzialisierung (Touristen sind übrigens immer nur die anderen, liebe Hobby-Bergsteiger) erst eine signifikante Verbesserung der Arbeitsbedingungen insb. der Sherpas ermöglicht. Zudem sollte man nicht vergessen, dass Höhenbergsteigen wie in den 70er nur ausgewählten Kreisen zugänglich war bzw. es zwar vermeintlich finanziell günstiger war (auch z.T. auf Kosten anderer), aber dafür eben auch nur ein Hobby für eine "Elite mit viel Vitamin-B". Da finde ich einen kommerziellen Markt unterm Strich das fairere Instrument.
Ich bin eben etwas erschrocken, in einem guten Bergsteigermagazin in einem Artikel solche gewissermaßen ungewöhnliche Begriffe gehäuft vorzufinden: "Xenon-Unterstützung", "Lastendrohnen", "Verbindungsoffizier", "medizinische Station in Lager 2", usw. usf. - das klingt alles nicht mehr so richtig nach "Bergsteigen", sondern eher wie Verrücktheiten aus dem Kultfim "The Rocky Horror Picture Show" mit Dr. Frank N. Furter, wobei jegliche Wortspielereien mit in dem Artikel genannten Personen rein zufällig sind... Wer weiß.
Ganz schlau bin ich aber nicht daraus geworden, aber ich gehe davon aus, daß dadurch bspw. die Lastendrohnen den an dieser Stelle benötigten Beafeater ohne Bruch nach oben bringen sollen, im Gegensatz zu den herumstolpernden Sherpas, die man dann nicht mehr zusätzlich schützen muß und ohne diesen Kostenpunkt ungeniert fett abkassieren kann.
Liebe geneigte Leser, ich weiß, mein Kommentar hat nichts mit Bergsteigen zu tun, aber die Gedankengänge dieses Herrn noch viel weniger. Ich bitte daher um Nachsicht, Bruno
Ich finde es unerträglich, wenn sich jemand wie Furtenbacher als Sicherheitspapst aufspielt.
Am besten rund um die 8000er alles den Furtenbacher organisieren und abkassieren lassen. Seine zahlungskräftigen Kunden akklimatisieren sich zuhause, fliegen für eine Woche ein und gleich weiter mit dem Hubschrauber ins Basislager. Mit Lastendrohnen für den Gepäcktransport ist gesichert, dass den einheimischen Trägern nichts passiert. Allerdings bleibt dann auch kein Einkommen für die lokale Bevölkerung. Egal, jeder, der gut bei Kasse ist, darf rauf, der Rest soll bitte daheim bleiben und zB auf die Kampenwand oder das Sonntagshorn gehen.