Billi Bierling und Stefan Nestler zu Gelje Sherpas Forderungen

Das muss sich am Everest ändern: Was Experten fordern

Der nepalesische Höhenbergsteiger und Expeditionsleiter Gelje Sherpa hat nach der Rekordsaison 2026 weitreichende Reformen für den Mount Everest gefordert. Doch würden seine Vorschläge tatsächlich zu mehr Sicherheit am höchsten Berg der Erde führen? ALPIN hat zwei der renommiertesten deutschsprachigen Kenner der Himalaja-Szene befragt: Billi Bierling, Leiterin der Himalayan Database in Kathmandu, und den langjährigen Bergblogger (Abenteuer Berg) und Journalisten Stefan Nestler.

Inzwischen ein gewohntes Bild: Bergsteiger in einer langen Schlange am Everest.
© picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Rizza Alee

Gelje Sherpas Forderungen für Everest-Besteigungen

Mehr als 1000 Gipfelerfolge und 495 ausgestellte Permits: Die Frühjahrssaison 2026 am Everest hat neue Rekorde gesetzt. Für Gelje Sherpa, erfolgreicher 8000er-Besteiger und als Bergführer sowie Betreiber einer Expeditionsagentur am Everest, ist dies jedoch kein Anlass für Freude, sondern zum Handeln. In einem viel beachteten Instagram-Post fordert er strengere Regeln am höchsten Berg der Welt.

Zu Geljes Vorschlägen zählen:

  • Everest nur mit nachgewiesener Erfahrung an einem Berg über 6500 Meter 

  • Bessere Ausbildung und verbindliche Qualifikation für Sherpas, die Kunden führen 

  • Verpflichtende medizinische Untersuchungen im Basislager und in Lager 2 vor dem weiteren Aufstieg

  • Unabhängiges Rettungs- und Rangerteam in Camp 2 zur Kontrolle von Sicherheit, Personenaufkommen und Müll

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Das muss sich am Everest ändern: Was Experten fordern

Kaum jemand kennt die Realität am Everest so genau wie Billi Bierling und Stefan Nestler. Bierling lebt seit vielen Jahren in Nepal, hat selbst sechs Achttausender bestiegen und leitet die Himalayan Database – die von Elizabeth Hawley aufgebaute Datenbank gilt als weltweit wichtigste Dokumentation von Expeditionen, Gipfelerfolgen, Unfällen und Todesfällen im nepalesischen Himalaja.

Nestler berichtet seit Jahrzehnten über das Expeditionsbergsteigen in Himalaja und Karakorum, hat zahlreiche Expeditionen begleitet und zählt zu den profiliertesten Beobachtern der Everest-Szene. Beide begrüßen, dass Gelje Sherpa die Sicherheitsdebatte neu entfacht hat. Einfache Lösungen, das machen ihre Antworten deutlich, gibt es indes nicht.

Everest: "Jetzt ist die Zeit für neue Regeln"

Bierling unterstützt die grundsätzliche Stoßrichtung. "Ich denke, es ist jetzt an der Zeit, neue Regeln einzuführen", sagt sie auf Anfrage von ALPIN. Die Rekordzahlen ordnet sie kritisch ein: "Auch wenn 2026 wohl als Saison mit den meisten Gipfelerfolgen und prozentual den wenigsten Todesfällen in die Geschichte eingehen wird, sieht es hinter den Kulissen oft anders aus."

Viele erfolgreiche Rettungen hätten dazu beigetragen, dass die Bilanz vergleichsweise positiv ausfalle. Seit Jahren beobachte sie einen Trend zu immer unerfahreneren Kundinnen und Kunden sowie teilweise unzureichend ausgebildeten "High-Altitude-Workern", wie Bierling diejenigen nennt, die bezahlende Bergsteigerinnen und Bergsteiger in große Höhen und bis hin zum Gipfel begleiten.

Wer billig bucht, spart möglicherweise an der Sicherheit

Besonders kritisch sieht Bierling die zunehmende Konkurrenz günstiger Anbieter. Immer wieder treffe sie Aspiranten mit kaum vorhandener Bergerfahrung, die ihre Expedition bei Agenturen buchen, die deutlich unter dem üblichen Marktpreis liegen. "Wer heute ein Everest-Paket für 35.000 Dollar kauft, sollte sich bewusst sein, dass irgendwo gespart werden muss." Das könne die Betreuung, den zusätzlichen Sauerstoff oder die Unterstützung am Berg betreffen.

<p>Seit 2016 in der Leitung der Himalayan Database: Billi Bierling.</p>

Seit 2016 in der Leitung der Himalayan Database: Billi Bierling.

© Picture Alliance

Reicht ein Sechstausender als Qualifikation?

Den Vorschlag einer verpflichtenden Vorerfahrung an Bergen über 6500 Meter halten beide Experten grundsätzlich für sinnvoll. Bierling verweist darauf, dass Bergsteiger dadurch zumindest grundlegende Fertigkeiten wie Steigeisentechnik, Selbstarretierung oder den Umgang mit Fixseilen erlernen könnten. Nestler sieht das ähnlich: "Wer schon einen 6500 Meter hohen Berg bestiegen hat, hat wenigstens einmal dünne Luft geatmet. Das macht ihn noch lange nicht zum Experten für große Höhe, ist aber besser als gar nichts." Beide sehen jedoch Probleme bei der praktischen Umsetzung und Kontrolle solcher Nachweise.

Das eigentliche Problem: Wer darf am Everest führen?

Am deutlichsten fällt die Kritik beim Thema Ausbildung aus. Bierling verweist darauf, dass am Matterhorn oder Mont Blanc niemand kommerziell Gäste führen darf, ohne eine anerkannte Bergführer-Ausbildung absolviert zu haben. Am Everest existieren solche Standards bislang nur eingeschränkt. "Auch wenn es derzeit etwa 75 ausgebildete nepalesische Bergführer gibt, deckt diese Zahl den Bedarf an High Altitude Workers in keinster Weise ab." 

Nestler sieht darin eines der zentralen Sicherheitsprobleme überhaupt: "Schon seit Jahren kämpfen die wenigen wirklichen Bergführer Nepals, die seriös ausgebildet wurden und dafür ein internationales Zertifikat erhalten haben, vergeblich um höhere Standards, damit sich jemand Guide nennen darf. Erst kürzlich wies der Supreme Court, das höchste Gericht Nepals, ihr Anliegen zurück."

<p>Seit vielen Jahren für seine fundierte Berichterstattung über das Höhenbergsteigen im Himalaja geschätzt: Stefan Nestler.</p>

Seit vielen Jahren für seine fundierte Berichterstattung über das Höhenbergsteigen im Himalaja geschätzt: Stefan Nestler.

© Stefan Nestler

Bringen medizinische Untersuchungen mehr Sicherheit?

Nicht alle Vorschläge Gelje Sherpa stoßen auf uneingeschränkte Zustimmung. Verpflichtende medizinische Untersuchungen in Lager 2 bewertet Nestler kritisch: "Wer soll diese Untersuchungen durchführen und nach welchen Kriterien soll das Okay für den Gipfelversuch erteilt werden?" Zudem bestehe die Gefahr einer trügerischen Sicherheit nach dem Motto: "Wenn die Sauerstoffsättigung im Blut den Wert X erreicht, kann ich bedenkenlos aufsteigen." Ähnliches gilt für das permanente Rettungsteam in Lager 2: Viele Notfälle ereignen sich deutlich höher in der Todeszone – dort stoßen auch professionelle Retter schnell an ihre Grenzen.

Der Elefant im Raum: Wie viele Permits sind zu viele?

Während Gelje Sherpa das Thema Permit-Begrenzung als Betreiber einer Expeditions-Agentur möglicherweise bewusst ausspart, hält Nestler eine Deckelung langfristig für unverzichtbar: "Viele Probleme am Everest entstehen erst durch die hohe Zahl der Menschen oder werden dadurch verschärft."

Bierling argumentiert, dass die absoluten Zahlen nicht zwangsläufig das Hauptproblem seien – häufig konzentrierten sich sämtliche Gipfelversuche auf wenige ideale Wettertage. "Dieses Jahr waren am 20. Mai 291 Menschen auf dem Gipfel, am 21. Mai waren es ’nur’ noch 191. Auch wenn es an solchen Tagen zu erheblichen Staus kommt – an der Hillary-Stufe gab es am 20.Mai bis zu drei Stunden Wartezeit – könnten solche Situationen bei gleicher Personenzahl durch bessere Regulierung möglicherweise reduziert werden." Eine bessere Steuerung und Verteilung der Aufstiege könne deshalb ebenso wirksam sein wie eine Reduzierung der Permits.

Was die Experten zusätzlich ändern würden

Beide Experten sehen über Gelje Sherpas Vorschläge hinaus weiteren Handlungsbedarf am Everest. Bierling spricht sich dabei dafür aus, Sherpas, Bergführer, Expeditionsleiter, Mediziner, Icefall Doctors und Behördenvertreter an einen Tisch zu bringen, um gemeinsam tragfähige Regeln für den Berg zu entwickeln. Zudem bewertet sie den Einsatz von Drohnen für Materialtransporte positiv. Dadurch könnten High-Altitude-Worker deutlich seltener durch den gefährlichen Khumbu-Eisbruch gehen müssen. 

Nestler plädiert vor allem für strengere Standards für Expeditionsanbieter. Aus seiner Sicht müssten Ausbildung, Ausrüstung, Sauerstoffversorgung und Notfallmanagement stärker kontrolliert werden. Anbieter, die Kunden oder Mitarbeiter fahrlässig gefährden, sollten mit Sanktionen bis hin zum Lizenzentzug rechnen müssen. Er kritisiert darüber hinaus finanzielle Anreize, die zu unnötigen Risiken führen könnten. Gipfelprämien für Climbing Sherpas sollten seiner Ansicht nach abgeschafft werden. Niemand dürfe sich gezwungen sehen, aus wirtschaftlichen Gründen Entscheidungen zu treffen, die die eigene Gesundheit oder das Leben gefährden.

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Viel los am Gipfel des Everest: Am 20. und 21. Mai erreichten Hunderte das Dach der Welt. Hier ein reines Frauenteam der Indo-Tibetan Border Police (ITBP).

© IMAGO / ANI News

Einig sind sich beide Experten bei einem Punkt: Mehr Sicherheit am Everest beginnt nicht erst bei neuen Regeln, sondern auch bei den Bergsteigern selbst. Wer den höchsten Berg der Erde besteigen will, sollte seine Fähigkeiten realistisch einschätzen und bereit sein, im Zweifel umzudrehen. 

Bierling apelliert genau hinzusehen, mit wem man das Vorhaben Everest angeht: "Wer mit einem günstigeren Anbieter unterwegs ist, sollte sich auch erkundigen, ob der High Altitude Worker, der ihn begleitet, bereits am Everest war oder über andere Hochgebirgserfahrung verfügt. Das ist manchmal nicht der Fall und dann haben wir Situationen, dass unerfahrene Aspiranten mit wenig erfahrenen High Altitude Workern den Everest besteigen."

Geld gegen Sicherheit?

Viele der diskutierten Maßnahmen wären technisch umsetzbar. Jedoch ist der Everest für das Land eine der wichtigsten Einnahmequellen. Allein die Permits brachten in diesem Frühjahr mehr als sieben Millionen US-Dollar ein. Die Einnahmen für am Expeditionsgeschehen beteiligten Nepali übersteigen diese Summe bei Weitem. Selbst günstige Everest-Angebote liegen heute oft zwischen 35.000 und 50.000 Dollar, hochwertige Unternehmen verlangen meist zwischen 70.000 und 100.000 Dollar oder mehr.

Hinzu kommen Löhne für Mitarbeitende bei den Expeditionsunternehmen, Einnahmen in Lodges und Hotels, Inlandsflüge nach Lukla, Helikopterflüge, Verpflegung, Ausrüstungsverleih undundund ... Der Everest dürfte Nepal inzwischen pro Jahr bis zu 100 Millionen US-Dollar direkte und indirekte Umsätze bescheren. Die entscheidende Frage lautet demnach, ob Nepal, das immer noch zu den ärmsten Ländern der Welt zählt, bereit ist, wirtschaftliche Interessen hinter Sicherheitsaspekte zurückzustellen.

Mount Everest: Erfolge und Tragödien
Aus der Besteigungsgeschichte des höchsten Bergs der Erde
Mount Everest: Erfolge und Tragödien

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Text von Holger Rupprecht

1 Kommentar

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AdiDoesUltra

Ich habe selbst zumindest 5x6.000er und einen 7.000er bestiegen, würde es mir jedoch im Leben noch nicht zutrauen, den Everest in Angriff zu nehmen. Sich allein auf den Sherpa/Guide/Porter zu verlassen und als Touri am Berg zu sein widerspricht sämtlicher Logik... Aber das Bild in den Basislagern spricht teils Bände. Mitm Daypack und zwei persönlichen Trägern unterwegs, Hauptsache das Makeup sitzt.
Natürlich sind nicht alle so, aber eben leider doch zu viele