Pioniertat vs. modernes Bergsteigen

Skiabfahrt am Everest: Kann man die Leistungen von Kammerlander und Bargiel vergleichen?

Beide haben sie am Everest mit Ski auf sehr unterschiedliche Weise Großes geleistet: der Südtiroler Hans Kammerlander im Jahr 1996 und der Pole Andrzej Bargiel im Herbst 2025. Aber: Kann man diese beiden Leistungen überhaupt überhaupt miteinander vergleichen, geschweige denn sie in Konkurrenz zueinander stellen?

Starke Abfahrten: Hans Kammerlander (li.) im Jahr 1996, Andrzej Bargiel 2025 (re.).
© Archiv Hans Kammerlander/Red Bull Content Pool

Anmerkung vorab: Zwei extrem starke Leistungen

Um es vorab festzuhalten: Der erfolgreiche Aufstieg plus eine daran anschließende Skiabfahrt vom höchsten Berg der Erde ohne Einsatz von Flaschensauerstoff ist eine mehr als beeindruckende Leistung. Diesen Fakt allein wird wohl niemand bestreiten. Das "Wie" einer solchen Unternehmung ist seit der geglückten Abfahrt von Andrzej Bargiel am 25. September 2025 allerdings Gegenstand zahlreicher Diskussionen.

Bereits auf unsere "Breaking News" auf alpin.de meldeten sich (v. a. via Social Media) zahlreiche User mit dem Hinweis, Hans Kammerlander habe 1996 die erste Skiabfahrt vom Everest geleistet. Das stimmt! Andere verwiesen auf den Slowenen Davorin Karnicar, der im Jahr 2000 in fünfeinhalb Stunden mit Skiern vom höchsten Punkt der Erde abgefahren war. Auch das ist korrekt, allerdings nutzte Karnicar nachweislich Flaschensauerstoff. Deshalb konzentriert sich dieser Beitrag auf Bargiel und Kammerlander.

Kammerlanders vs. Bargiel: Die harten Fakten im Überblick

Im Zentrum der Debatte steht der Blick ins "Kleingedruckte": Welche Abfahrt fand unter welchen Bedingungen statt? Wer musste wie oft unterbrechen? Wer verschaffte sich durch welche Technik diesen oder jenen Vorteil? Zwei dieser vielen Fragen nehmen in der Diskussion besonders viel Raum ein: Kann man ein historisches "Erstlingswerk" mit einem 30 Jahre später realisierten Projekt vergleichen? Und: Ist es objektiv möglich und sinnvoll, darüber zu hirnen, welche Leistung nun die "größere" ist? Spoiler-Alert: Nicht wirklich.

In den letzten 30 Jahren seit Kammerlanders Abfahrt haben sich zahlreiche externe Faktoren geändert: die Infrastruktur am Everest, Ausrüstung, Training, Technik (darunter Drohnen), Bekleidung, Akklimatisationsmöglichkeiten, Sponsoren … Allein diese veränderten Startbedingungen projizieren zahlreiche Fragenzeichen in den Raum. Je mehr man sich mit diesen auseinandersetzt, desto weniger sinnvoll scheint allerdings ein Vergleich. Hierzu der nachfolgende Blick auf die Fakten:

Hans Kammerlanders Skiabfahrt vom Everest am 24. Mai 1996:

  • Route: Aufstieg und Abfahrt via Everest-Nordseite bis ins vorgeschobene Basecamp (6500 m)

  • Zeit: Aufstieg und Abfahrt in insgesamt 23 Stunden und 50 Minuten

  • Unterstützung: Unsupported, Begleitung von ORF-Filmteam bis auf 7000, ein Liter Marschtee

  • O2: Kein Einsatz von Flaschensauerstoff

  • Technik: Alpinstil, keine Infrastruktur am Berg

  • Vollständige Abfahrt? Mehrfaches Abschnallen in Abfahrt aufgrund von Schneemangel

<p>Vergleichbar? Kammerlander (li.) im Jahr 1996, Andrzej Bargiel 2025 (re.).</p>

Vergleichbar? Kammerlander (li.) im Jahr 1996, Andrzej Bargiel 2025 (re.).

© Archiv Hans Kammerlander/Red Bull Content Pool

Andrzej Bargiels Skiabfahrt vom Everest am 25. September 2025:

  • Route: Aufstieg und Abfahrt via Everest-Südseite ins Basecamp (5300 m)

  • Zeit: Aufstieg und Abfahrt in insgesamt vier Tagen, vier Stunden und 15 Minuten (davon 16 Stunden in der Todeszone)

  • Unterstützung: Tomasz Gaj (Expeditionsleiter), Patrycja Jonetzko (Ärztin), Piotr Sadowski (Physiotherapeut), Jan Gasienica-Roj (Safety Manager), Dariusz Zaluski (Sport Support und Kameraführung), Maciej Sulima (Kamera), Bartek Bargiel (Drohnenpilot), Bartek Pawlikowski (Fotograf), Seven Summits Treks und das Team der Expedition Sherpas; Begleitung bis auf über 7000 Meter

  • Technik: Teilweise Nutzung durch Fixseile bei Aufstieg und Abfahrt, Drohnenunterstützung im Khumbu-Eisbruch

  • O2: Kein Einsatz von Flaschensauerstoff

  • Vollständige Abfahrt? Ein Biwak in Camp II aufgrund von Nachteinbruch

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Vollständige Abfahrt? Das sagen die Experten

Die Leiterin der Himalayan Database, Billi Bierling, würdigt die Anstrengung beider Alpinisten: "Hans Kammerlanders Leistung war damals etwas Unglaubliches, er war ein Pionier. Ich ziehe aber auch vor Andrzej Bargiel meinen Hut. Es sind einfach zwei sehr unterschiedliche Leistungen in sehr unterschiedlichen Zeiten. Ob der eine jetzt die Ski zweimal abgeschnallt hat und der andere sich ausgeruht hat, finde ich nebensächlich." 

Zu einem ähnlichen Urteil gelangt Stefan Nestler, Journalist und Autor des Blogs abenteuer-berg.de: "Beides war unumgänglich, deshalb mindert es die Gesamtleistung nicht. Hans konnte den Schnee nicht herbeizaubern, eine Weiterfahrt Andrzejs im Dunkeln durch den Khumbu-Eisbruch wäre versuchtem Selbstmord gleichgekommen. [...] Ich neige dazu, beide Abfahren als großartige Leistungen anzusehen".

<p>Die Himalayan Database wird beide Skiabfahrten werten. Hier der Auszug über Hans Kammerlander 1996.</p>

Die Himalayan Database wird beide Skiabfahrten werten. Hier der Auszug über Hans Kammerlander 1996.

© Himalayan Database

Vergleich der Routen: Everest-Süd vs. Everest-Nord

Hans Kammerlanders Aufstieg und Abfahrt im Jahr 1996 erfolgten über die Everest-Nordseite, Bargiel wählte für seine Abfahrt im Herbst 2025 die Everest-Südroute. Was unterscheidet beide Wege auf den höchsten Berg der Erde?

Die Everest-Südroute:

  • Technisch leichter, aber länger und frequentierter

  • Oft wärmere Temperaturen und weniger Wind

  • Durchquerung des gefährlichen Khumbu-Eisbruchs

  • Insgesamt längere Route

  • Hubschrauber-Rettungen bis zu Camp 3

  • Statistisch gesehen mehr Todesfälle (aber auch mehr Bergsteiger)

Die Everest-Nordroute:

  • Technisch anspruchsvoll, aber kürzer

  • Meist kälter und windexponierter

  • Häufiger Stein- und Eisschlag

  • Insgesamt kürzer, z. B. durch Fahrstraße zum BC

  • Keine Hubschrauber-Rettungen möglich

Die Routen von Süden und Norden in der visuellen Gegenüberstellung:

Andere Zeiten verlangen andere Taten: Die junge Generation im Dilemma

Der 68-jährige Hans Kammerlander kann Andrzej Bargiels Abfahrt nur wenig abgewinnen. Gegenüber dem Standard äußerte er sich negativ über den "Red-Bull-Zirkus" und die von vielen Medien aufgegriffene Falschdarstellung, Bargiels Abfahrt vom Everest sei die erste überhaupt. Auch die Jagd nach Rekorden am höchsten Berg der Erde bezeichnete Kammerlander in diesem Zusammenhang als "Faschingsalpinismus". Kritisch beurteilte der Südtiroler Bargiels Support durch Drohneneinsatz im unteren Drittel der Abfahrt. Mit "Spitzenalpinismus" habe so etwas "überhaupt nichts zu tun", lautet sein Fazit. Zurecht?

Alpinisten zu früheren Zeiten hatten das Privileg von Exposition und Einsamkeit, Grenzverschiebungen waren leichter möglich. Die heutige Generation junger Bergsteigerinnen und Bergsteiger sitzt im medialen Glashaus mit dem Druck maximaler Beweispflicht. Mittlerweile ist es State of the Art, Expeditionen, Erfolge, Misserfolge und Reflexionen medial zu teilen. In Zeiten von Content Creation und bezahlten Collabs können Profibergsteiger deshalb leichter als zu früheren Zeiten vom Alpinismus leben und über ihre Kanäle direkt für sich selbst sprechen. Andererseits ist es für sie schwieriger geworden, Neues am Berg zu vollbringen.

Vieles wird deshalb über spektakuläre Videos und Bilder transportiert, so auch im Fall Bargiels: "Die heutige Macht der Bilder ist nicht wegzudiskutieren und lässt sich nicht zurückrudern", sagt auch Nestler. "Wer als Extrembergsteiger nicht auf Social Media präsent ist, wird nicht mehr wahrgenommen. Würden Messner oder Kammerlander heute bergsteigen, kämen sie viel leichter an Sponsoren als damals – und würden vielleicht auch manche Kröte schlucken, die ihnen in Sachen Vermarktung aufgedrückt würde. Damals konnten sie noch Pioniere sein, heute hätten sie es schwerer."

Fazit: Man kann, muss und sollte beide Leistungen nicht vergleichen

Setzt man sich vertieft mit beiden Abfahrten und der Thematik "früherer vs. heutiger Alpinismus" auseinander, kann man sich dem Eindruck einer "Erbsenzählerei" nur schwer entziehen. Einerseits ist es wichtig, die "hard facts" alpinistischer Projekte zu benennen und (ggf. kritisch) gegenüberzustellen. Gleichzeitig ist es ebenso wichtig, jede Leistung im Kontext ihrer Zeit zu sehen und vor diesem Hintergrund zu beurteilen.

Tut man das nicht, schafft man eine Konkurrenz, wo keine besteht. Man kann, muss und sollte Hans Kammerlanders und Andrzej Bargiels Skiabfahrten deshalb nebeneinander und nicht gegeneinanderstellen. Von einem Vergleich zwischen "Äpfeln und Birnen" spricht auch Stefan Nestler. Und fügt an: "Die Bedingungen am Everest können sich innerhalb von Minuten ändern und sowieso jeden Vergleich ad absurdum führen."

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Text von Lubika Brechtel

8 Kommentare

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Walli

Kammerlander war und bleibt der Erste.
Das ganze Drumherum von Bargirl mit Drohnen u.s.w.ist nur ätzend

Wolfgang

Schon alleine dass Red Bull und Bargiel mit Worten der Superlative "World first" auf Youtube und Social Media um sich werfen, macht mich persönlich unglaublich sauer. Nicht weil ich Kammerlander super geil oder sympathisch finde, sondern weil er tatsächlich world first war, egal wie man es dreht und wendet... es mag Unterschiede geben, aber wer sich die World First Krone 30 Jahre nach Erstbefahrung aufsetzen will, der soll einfach wieder verschwinden und im Base camp mit seiner Drohne und Verpflegung kuscheln.

Ortwin

Man sollte Kammerlander gerecht werden und ihn gebührend würdigen. Betrachtet man den sportlichen Faktor (Arbeit/Zeit): haushoch vorne. Er musste alleine entscheiden bei viel schlechterem Wissen (keine Drohnenübersicht, kein großes Team) - das war viel belastender. Das Material von damals war auch deutlich schwieriger zu handhaben. Red Bull hat schöne Bilder produziert, keine Frage. Bargiel ist wirklich gut, keine Frage. Leider wurde die Tat mit Fake News gepusht. Immerhin kann man die schwierigere Leistung von Kammerlander jetzt besser verstehen.

merlin

Ich kann nicht verstehen, wie man hier irgendetwas relativieren soll. Kammerlander war 96 komplett alleine am Berg, ist vom Nordsattel ab alleine durch die Nacht auf den Gipfel gestiegen. Allein diese Leistung wäre heute immer noch erwähnenswert. Dazu ist er vollkommen ohne Sicherheitsnetz das Norton Coloir hinab, bis es für ihn objektiv zu gefährlich wurd (der urpsüngliche Plan war, bis zum Rongbuk Gletscher abzufahren). Bargiel hatte an keine Zeitpunk seiner Unternehmung einen ähnlichen Grad an Exposition. Was das mental für einen Unterschied macht, wei jeder, der nur mal in den Alpen auf einen höheren Berg komplett alleine in der Nacht unterwegs war. Dazu kommt unbekanntes Gelände ohne die Möglichkeit, sich vorher viele Information geben zu können. Und selbst die rein technische Leistung muss höher eingeschätzt werden: weniger ausgreiftes, schwereres Material, viel weniger Verpflegung (!), viel größere hm/h Leistung vor allem in der Todeszone. Es gibt hier keine Frage, wer die größere Leistung erbracht hat. Und wenn Bargiel es hätte wirklich wissen wollen, hätte er es gemacht wie Kammerlander. Skitechnisch ist übrigens der Stunt von Morrison höher einzuschätzen im Vergleich zu beiden Leistungen von Bargiel und Kammerlander.

Bernhard

Einfach mal zurückerinnern welche Tourenski wir vor 30 Jahren benutzt haben. Da war es nicht mit etwas Hinternwackeln getan um die Richtung zu ändern wie mit den heutigen leichten und taillierten Skiern. Ein paar wg. fehlender Schneeauflage nicht gefahrene Meter als Maßstab für eine "vollständige" Abfahrt zu nehmen, ist einfach nur lächerlich, passt aber in die Zeit. Hans Kammerlanders Leistung der Erstbefahrung steht außer Frage. Extremskifahrer wie Heini Holzer haben schon gewußt warum sie sich nicht dem Druck von Sponsoren und der Erwartungshaltung der Medien sowie deren Lesern/Zuschauern aussetzen.

SNOWBOARDER

Wen jemand ganz einfach fragt: Wer ist als erster Mensch den Mt.Everest runtergefahren. Muss die Antwort sein: Hans K.

Tanja

Die Leistung von Beiden ist toll, aber die Aussage von Bargiel und RedBull, dass dies die 1. Abfahrt vom Everest gewesen sei, ist schlichtweg falsch.

mtk

Ein wirklich gelungener und sachlicher Artikel zu diesen beiden Abfahrten. Gerne weiter so!