Was zählt noch als Rekord?

FKT am Everest: Diskussion um Sauerstoff-Einsatz und Hubschrauberflug

Was gilt am Everest noch als fairer Rekord? Tyler Andrews' missglückter Speedversuch löst Grundsatzfragen im Höhenbergsteigen aus.

FKT am Everest: Diskussion um Sauerstoff-Einsatz und Hubschrauberflug
© picture alliance / Visually

Der Versuch des US-amerikanischen Trailrunners Tyler Andrews, einen neuen Geschwindigkeitsrekord am Mount Everest aufzustellen, hat eine kontroverse Debatte innerhalb der Bergsteigerszene ausgelöst. Im Zentrum stehen Fragen nach dem Einsatz von zusätzlichem Sauerstoff, der Nutzung eines Rettungshelikopters und den Grenzen dessen, was im modernen Höhenbergsteigen noch als fairer Stil gilt.

Andrews hatte vor einigen Tagen versucht, eine neue Bestzeit für eine Besteigung aufzustellen. Nach eigenen Angaben setzte er jedoch oberhalb von Camp 2 zusätzlichen Sauerstoff ein, nachdem Wetterprognosen starke Winde am Gipfel vorhergesagt hatten. Trotz schwieriger Bedingungen erreichte er in hohem Tempo den Bereich des Balkons auf etwa 8400 Metern Höhe und lag zeitweise auf Rekordkurs.

Kurz vor dem Gipfel brach Andrews den Versuch allerdings ab. Seine Begleit-Sherpas hatten sich aufgrund der Windverhältnisse gegen einen weiteren Aufstieg entschieden. Damit fehlte Andrews nach eigenen Angaben die geplante Sicherheitsunterstützung sowie eine zusätzliche Sauerstoffflasche für den Abstieg. Er entschied sich schließlich wegen der hohen Erfrierungsgefahr zur Umkehr.

Für zusätzliche Diskussionen sorgte anschließend seine Rückkehr vom Berg: Andrews bestätigte später, dass er aufgrund von Sehproblemen oberhalb der Lhotseflanke per Helikopter von Camp 2 ausgeflogen wurde. Ein Expeditionsarzt habe dazu geraten, nachdem Symptome einer möglichen Schneeblindheit oder Hornhautverletzung aufgetreten seien. Andrews erklärte, er habe den Flug zunächst nicht öffentlich gemacht, da Helikoptereinsätze oberhalb des Basecamps am Everest ein sensibles Thema seien.

Welcher Ethik unterliegen Speedrekorde?

Genau diese Punkte führen nun zu intensiven Diskussionen über die Bewertung von Rekorden am Everest. Kritiker argumentieren, dass bereits die Möglichkeit, jederzeit auf zusätzlichen Sauerstoff zurückgreifen zu können, den Charakter einer Besteigung grundlegend verändere. Der katalanische Ausnahmebergsteiger Kilian Jornet erklärte dazu, dass nicht nur die physiologische Wirkung entscheidend sei, sondern auch die psychologische Sicherheit, im Notfall Atemmasken einsetzen zu können.

Auch Datenbanken und Chronisten des Himalaja-Bergsteigens wie die Himalayan Database stehen dadurch vor neuen Fragen. Bislang existieren keine klaren Kategorien für Speedversuche, bei denen Sauerstoff teilweise genutzt wird oder während derselben Saison zwischen Besteigungen mit und ohne Sauerstoff gewechselt wird. Gleichzeitig verweist der Fall auf eine Realität, die insbesondere am Everest seit Jahren bekannt ist:

Helikopter werden inzwischen regelmäßig oberhalb des Basecamps eingesetzt – sowohl für Rettungen als auch für Materialtransporte und teils für den Rücktransport erschöpfter Bergsteiger. Offiziell sind solche Flüge nur in Notfällen erlaubt, die Grenzen zwischen medizinischer Evakuierung und logistischer Unterstützung gelten jedoch zunehmend als unscharf.

Trotz der Diskussionen plant Andrews bereits einen neuen Rekordversuch. Während sich aktuell mehrere Speedbergsteiger, darunter Karl Egloff, und Expeditionsgruppen auf ein weiteres Wetterfenster vorbereiten, bleibt die Saison am Everest geprägt von Rekordandrang und einer immer intensiver geführten Debatte über Stil, Fairness und Kommerzialisierung im Höhenbergsteigen.

Ein ähnlicher Fall: Kristin Harilas Triple Crown

Zusätzliche Aufmerksamkeit richtet sich derzeit auch auf Kristin Harila. Die Norwegerin hat mit Erreichen des Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff das sogenannte "Triple Crown"-Projekt abgeschlossen. Dieses beinhaltet Nuptse, Lhotse und Mount Everest. Allerdings sorgte auch ihr Stil zuletzt für Diskussionen: 

Harila hatte am Lhotse Flaschensauerstoff verwendet. Damit stellt sich auch hier die Frage, wie viel dieser Erfolg "Wert ist". Kritiker argumentieren, dass der Einsatz von O2 an einem der Berge die körperliche Belastung und Regeneration im gesamten Projekt beeinflusse. Befürworter halten dagegen, dass jede Besteigung grundsätzlich separat bewertet werden müsse.

Text von Lubika Brechtel

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