"Die Alpen sind keine unbegrenzte Ressource"

Streit um Speichersee im Längental: Alpenverbände fordern klare Grenzen

Im Tiroler Kühtai warnen die Alpenvereine aus Deutschland, Österreich und Südtirol vor einer zunehmenden Übernutzung der Alpen. Anlass ist der Bau eines neuen Speichersees im Längental.

Streit um Speichersee im Längental: Alpenverbände fordern klare Grenzen
© ÖAV/Peter Neuner-Knabl

Streit um Speichersee: Alpenverbände fordern klare Grenzen

Stauseen, Zufahrtsstraßen, Liftanlagen: Der Nutzungsdruck auf alpine Landschaften nimmt stetig zu. Die Alpenvereine aus Österreich, Deutschland und Südtirol sowie zehn weitere Naturschutzorganisationen, darunter WWF und BirdLife, machen in Kühtai (Tirol) auf Fehlentwicklungen aufmerksam. In einer breiten Allianz fordern sie mehr Verantwortung bei Energie- und Tourismusprojekten im Hochgebirge. Unberührte alpine Natur ist eine wertvolle Ressource, die es zu erhalten gilt. Die Politik müsse daher Beteiligungsrechte sichern und klare Grenzen für Bauvorhaben ziehen.

Der Ort Kühtai sei bewusst gewählt, erklärt Wolfgang Schnabl, Präsident des Österreichischen Alpenvereins. Nicht weil es darum gehe, eine Region an den Pranger zu stellen, sondern weil hier sichtbar wird, was viele alpine Landschaften zunehmend prägt – Skipisten, Lifte, Zufahrtsstraßen, Beschneiungsanlagen und Energieinfrastruktur. Im Hintergrund eine Großbaustelle: Mit Muldenkippern, Bulldozern und Baggern wird gerade am 113 Meter hohen Staudamm gebaut – für einen weiteren Speichersee im Längental.

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Die Baustelle Längental (Kühtai) im August 2022.

© DAV/Franz Güntner

"Die Energiewende ist notwendig, ebenso eine verantwortungsvolle Tourismusentwicklung. Beides darf jedoch kein Freibrief für Eingriffe in sensible Hochgebirgslandschaften sein. Der Nutzungsdruck wächst – umso dringlicher sind klare Leitplanken zum Schutz der letzten unberührten Ökosysteme", erklärt Schnabl. Gemeinsam mit dem Deutschen Alpenverein und dem Alpenverein Südtirol wurde zu dem Lokalaugenschein auf 2000 Metern Seehöhe geladen, wo sich eine internationale Allianz aus befreundeten alpinen Vereinen und Naturschutzorganisationen wie Naturfreunde, WWF, CAI, Club Arc Alpin, BirdLife, WET und vielen mehr eingefunden hat.

DAV-Präsident Stierle fragt: Wann ist es genug?

Ihre gemeinsame Botschaft lautet: Die Alpen sind keine unbegrenzte Ressource. Wer Bergnatur auch für kommende Generationen erhalten will, muss heute klare Grenzen ziehen. Denn ist Natur einmal verbaut, sei diese meist unwiederbringlich verloren. "Wir müssen also hinsehen und erkennen, was auf dem Spiel steht", sagt Roland Stierle, Präsident des Deutschen Alpenvereins: "Mit der Dortmunder Hütte sind wir hier seit den 1930er-Jahren präsent. Wir erleben unmittelbar, wie schwierig die Balance zwischen Nutzung und Schutz der Alpen geworden ist. Gerade weil auch wir Infrastruktur betreiben, sprechen wir nicht leichtfertig über Grenzen der Erschließung. Die entscheidende Frage lautet: Wann ist es genug?"

Was in Kühtai passiert, könnte schon bald auch im Tiroler Platzertal Realität werden, wo trotz vieler offener Risiken ein Stausee entstehen soll. Die anwesenden Organisationen warnen eindringlich davor, eines der größten noch weitgehend unberührten hochalpinen Moor- und Feuchtgebiete Österreichs zu opfern. "Mitten in der Klima- und Biodiversitätskrise sind solche Naturräume unverzichtbar", betont Marlis Knapp vom WWF: "Sie speichern Wasser, binden klimaschädliches CO2 und bieten seltenen Tier- und Pflanzenarten einen Rückzugsraum. Während europaweit Millionen in die Wiederherstellung von Mooren investiert werden, soll ausgerechnet das Platzertal zerstört werden. Das ist widersinnig."

Dass die Erschließungen in den Alpen ein kritisches Maß erreicht haben, sei kein rein österreichisches Phänomen, stellt der Präsident des Südtiroler Alpenvereins Georg Simeoni fest. Mehr denn je brauche es kritische Fürsprecher für die Natur, die allerdings von der Politik systematisch geschwächt würden: "In Italien, wie in Deutschland und Österreich wird es immer schwieriger, als Naturschutzorganisationen an Entscheidungsprozessen bei den verschiedensten Projekten aktiv mitzuarbeiten und Perspektiven einzubringen. Diese Entwicklung ist nicht nur ökologisch, sondern auch demokratiepolitisch bedenklich."

<p>Roland Stierle, Präsident des Deutschen Alpenvereins.</p>

Roland Stierle, Präsident des Deutschen Alpenvereins.

© DAV/Tobias Hase

Vier zentrale Forderungen der Naturschutzverbände

Die Alpenvereine und Naturschutzorganisationen verlangen einen verantwortungsvollen Umgang zum Schutz unberührter Naturräume. Diese sind die Lebensgrundlage kommender Generationen. Mit vier Forderungen wenden sie sich in Kühtai an die Öffentlichkeit:

  • Platzertal erhalten. Der größte hochalpine Moor- und Feuchtgebietskomplex ist durch ein Kraftwerksprojekt bedroht. Ökologisch wäre der Verlust nicht vertretbar.

  • Alternativen ernsthaft prüfen. Bestehende technische Räume müssen zuerst effizienter genutzt werden, bevor naturnahe Hochtäler verbaut werden. Großprojekte im Hochgebirge dürfen nicht isoliert betrachtet werden, sondern müssen in ihrer gesamten Wirkung geprüft werden – gemeinsam mit bestehenden Speichern, Wasserableitungen, touristischer Infrastruktur, Zufahrten und den zunehmenden Risiken des Klimawandels.

  • Beteiligungsrechte sichern. Natur braucht eine starke Stimme – und demokratische Verfahren brauchen kritische Beteiligung. Wenn Umweltorganisationen und unabhängigen Umweltinstanzen Rechte genommen werden, schwächt das den Naturschutz und die demokratische Kontrolle.

  • Klare Leitplanken zugunsten des Naturschutzes. Die Energiewende ist notwendig. Sie darf aber nicht auf Kosten unberührter Naturräume vorangetrieben werden. Beschleunigte Verfahren, vereinfachte Genehmigungen und gelockerte Schutzbestimmungen dürfen nicht dazu führen, dass sich die Grenzen immer weiter zulasten der Natur verschieben.

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Das bedrohte Platzertal.

© DAV/Franz Güntner

4 Kommentare

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Jürgen

@Julian: warum die Klimareligion die gerade brandaktuellen Fakten, Stichwort Rücknahme des Extremszenarios rcp8.5 des IPCC nicht anspricht und somit bewusst verleugnet, das kann sich jeder selbst ausmalen.

Elisabeth

Bin absolut gegen jeden Bau ,muss alles Kaputt gemacht werden in den Bergen,das macht mich sehr sehr traurig ,man kann ja nicht mehr in Berge ,war 40 Jahre Wandern aber jetzt ,nein danke,die Schotterhalten von den Baggern ,es muss alles kaputt gehen bevor ihr zum Denken kommt. es macht mich sehr sehr traurig

Wilder Freiger

Ich schließe mich Julian an und möchte noch ergänzen, dass der Neubau von Wasserkraftwerken in Österreich nicht deshalb gemacht wird, weil die Tiroler oder Salzburger zu wenig Strom hätten, sondern die dortigen Energiekonzerne wollen bei den deutschen Fehlern - manche nennen das auch Absicht - bezüglich der Stromerzeugung kräftig mitverdienen. Vereinfacht gesagt läuft es nämlich so: Wenn in Deutschland zu viel Strom produziert wird (sonniger, windiger Tag), kaufen den die Österreicher für lau (oder - haha - bekommen sogar noch Geld dafür, dass sie den Strom abnehmen). Damit kann dann Wasser in Pumpspeicher-Werken hochgepumpt werden. Und wenn in Deutschland Dunkelflaute ist, gehen die Schleusen auf und die Deutschen dürfen den Strom dann exorbitant teuer einkaufen. Das ist ein schönes Geschäftsmodell und die Energieerzeuger dürfen sich dann noch ein grünes Leiberl umhängen und so tun als seien sie "Ökos".
Und Julian: Ja, auf den Osten setze ich auch einige Hoffnung ohne mir aber zu viel zu erwarten.

Julian

Joa, das ist halt das übliche wenn Anhänger der Klimareligion an ihre Grenzen kommen. Der Strom kommt aus der Steckdose wie Strauß mal sagte (natürlich ironisch). Kernkraft muss weg, Gaskraft muss weg, Kohle muss weg - also eigentlich fast alles was Grundlast fähig und sehr viel Strom produziert.

Bleibt übrig Sonne und Wind, die an einem Standort für sich alleine bekanntlich nur sehr wenig produzieren und bei Dunkelflaute komplett versagen.

Ach so, ja stimmt, da gibts ja noch die Wasserkraft, ebenso erneuerbar und an einem einzigen Standort ein Produzent von viel Strommenge.

Aber klar, gegen die einzige verbleibende Quelle aus Erneuerbar und ohne Dunkelflauten Fehlfunktion muss natürlich auch gewerttert werden.

Am Ende bleibt eben nichts mehr übrig, entweder Kernkraft und Gas oder eben Neubau von Wasserkraftwerken. OHNE ALLE diese drei Stromquellen gibt es eben keinen Grundlaststrom mehr und auch keine einzelnen, großen Strommengen Erzeuger.

Schlagen wir doch mal den Österreichern vor, einfach 50 neue Windmühlen je Alpenregion zu bauen. Da freut sich das Ötztal, das Montafon, Obertauern etc. pp. Da sieht großartig aus wenn man zukünftig die Wildspitze ausschließlich mit sehr schönen 20 Windmühlen im Panorama bekommt.

Aber bald wird dem ganzen Fehlhandeln ein Ende gesetzt, ab dem 6. September geht's endlich los mit der Reparatur der Fehlentscheidungen in Ostdeutschland :-)