"Neue Ära" (6c ED+)

Frauen-Team eröffnet anspruchsvolle Neutour in den Walliser Alpen

In einer Verletzungspause wuchs eine außergewöhnliche Idee: Die britische Alpinistin Fay Manners und die Französin Mathilde Badoual haben am Nordend in den Walliser Alpen eine anspruchsvolle Neutour eröffnet. Die Route "Neue Ära" steht sinnbildlich für den Wandel der Alpen durch den Gletscherschwund.

Frauen-Team eröffnet anspruchsvolle Neutour in den Walliser Alpen
© Sergio Muñoz

Verletzung wird zur Inspiration: Zwei Alpinistinnen eröffnen Neutour am Nordend

Die britische Alpinistin Fay Manners und ihre französische Seilpartnerin Mathilde Badoual haben am Nordend eine neue alpine Route eröffnet. Die rund 500 Meter lange Linie mit dem Namen "Neue Ära" führt durch die markante Nordwestwand des 4609 Meter hohen Gipfels und soll den veränderten Bedingungen im Hochgebirge Rechnung tragen. Die Idee entstand bereits im Sommer 2025. Nach einer Knöchelverletzung konnte Manners mehrere Wochen nicht klettern und verbrachte ihre Reha in Zermatt. Bei Wanderungen fiel ihr immer wieder die markante Nordwestwand des Nordends ins Auge. Schon damals fasste sie den Entschluss, im folgenden Jahr an dieser Wand eine neue Route zu eröffnen.

Im Zuge intensiver Recherchen beschäftigte sich Manners mit der Alpingeschichte des Berges. Die Erstbegehung der Nordwestwand gelang bereits 1933 dem Schweizer Bergführer Hugo Lehner gemeinsam mit seiner britischen Kundin Gladys-L Scott. Damals führte der Gletscher noch direkt an den Wandfuß, sodass die Route überwiegend über Schnee- und Eisfelder verlief. Eine zweite bedeutende Linie entstand 1976 durch ein tschechisches Team, das bereits mehr Felsgelände nutzte, nachdem sich der Gletscher deutlich zurückgezogen hatte.

<p>Zwei&nbsp;kleine&nbsp;Punkte&nbsp;in&nbsp;einer&nbsp;gigantischen&nbsp;Wand.</p>

Zwei kleine Punkte in einer gigantischen Wand.

© Sergio Muñoz

Heute präsentiert sich die Wand völlig verändert: Der Gletscherschwund hat den Zustieg erschwert, Schneefelder sind verschwunden und zahlreiche Passagen wurden instabil. Für Manners war klar, dass das Nordend eine moderne Linie verdient, die den aktuellen Verhältnissen entspricht und konsequent auf technische Felskletterei setzt. Gemeinsam mit Badoual startete sie Mitte Juni den Versuch. Nach einer Nacht am Wandfuß stiegen die beiden Alpinistinnen in die Route ein. Über steile Verschneidungen, feine Risssysteme, Platten und Kamine arbeiteten sie sich durch kompakten Gneis nach oben. 

Den Biwakplatz erreichten sie unterhalb eines markanten roten Felsturms, der bereits bei den Vorbereitungen ihre Aufmerksamkeit geweckt hatte. Am zweiten Tag gelang ihnen die Schlüsselpassage durch den sogenannten "Red Tower". Statt der früher vorhandenen Schneerinne nutzten sie durchgehende Risssysteme, die vollständig mit mobilen Sicherungsmitteln abgesichert werden konnten. Anschließend erreichten sie den klassischen Nordend-Grat und folgten diesem bis zum Gipfel.

<p>Die&nbsp;Seilschaft&nbsp;kam&nbsp;vollständig&nbsp;ohne&nbsp;Bohrhaken&nbsp;aus.</p>

Die Seilschaft kam vollständig ohne Bohrhaken aus.

© Sergio Muñoz

Kurz vor dem höchsten Punkt verschlechterte sich jedoch das Wetter schlagartig. Schneefall, dichter Nebel und schlechte Sicht machten sowohl den Gipfelanstieg als auch den Abstieg zu einer nervenaufreibenden Angelegenheit. Mehrfach brachen die beiden in verdeckte Gletscherspalten ein, ehe sie nach stundenlangem Abstieg in der Dunkelheit schließlich sicher die Hütte erreichten.

Die Route "Neue Ära" umfasst rund 500 Meter Kletterei an überwiegend festem Gneis. Sie verbindet moderne Trad-Kletterei mit klassischem Hochtourencharakter und endet bewusst auf dem historischen Gipfelgrat. Für Manners symbolisiert der Name nicht nur eine neue Kletterlinie, sondern auch den tiefgreifenden Wandel, den der Klimawandel und der Gletscherrückgang in den Alpen verursachen. Mit einem Augenzwinkern hoffen Manners und Badoual nun, dass die erste Wiederholung ihrer Route "ausnahmsweise" einem reinen Männerteam gelingt – nachdem Erstbegehungen im Alpinismus jahrzehntelang überwiegend Männern vorbehalten waren.

<p>Glückliches&nbsp;Team&nbsp;nach&nbsp;der&nbsp;Erstbegehung.</p>

Glückliches Team nach der Erstbegehung.

© Fay Manners

"Neue Ära" – Die Route auf einen Blick

  • Name: Neue Ära

  • Berg: Nordend (4609 m) im Monte-Rosa-Massiv

  • Lage: Nordwestwand mit Ausstieg über den Nordend-Gipfelgrat

  • Erstbegehung: 15./16. Juni 2026 durch Fay Manners und Mathilde Badoual

  • Charakter: Anspruchsvolle alpine Trad-Route mit Hochtourencharakter (6c ED+)

  • Kletterlänge: ca. 500 Meter

  • Absicherung: Ausschließlich mobile Sicherungsmittel (Clean Climbing/Trad), keine Bohrhaken

  • Felsqualität: Überwiegend kompakter Gneis mit Rissen, Verschneidungen, Platten und Kaminen

  • Ausrüstung: Satz Klemmkeile und Friends (Schwerpunkt kleine Größen), Doppelseile, Kletterschuhe; für den oberen Teil zusätzlich Steigeisen und Eispickel

  • Besonderheit: Die Route entstand als Antwort auf den starken Gletscherrückgang und nutzt eine konsequent auf moderne Felskletterei ausgelegte Linie, bevor sie auf den Nordend-Gipfelgrat trifft. Sie verbindet hochklassige Trad-Kletterei mit einer anspruchsvollen Hochtour.

<p>Das&nbsp;Topo&nbsp;der&nbsp;Tour&nbsp;und&nbsp;die&nbsp;weiteren&nbsp;historischen&nbsp;Linien.</p>

Das Topo der Tour und die weiteren historischen Linien.

© Sergio Muñoz

Das Nordend: Einer der höchsten Gipfel der Schweiz

Das Nordend ist mit 4609 Metern einer der höchsten Gipfel der Schweiz und befindet sich im Monte-Rosa-Massiv. Obwohl es häufig über den Normalweg zur Dufourspitze bestiegen wird, gilt insbesondere die Nordwestwand als selten begangen. Der starke Rückzug des Gornergletschers hat den Charakter der Zustiege und Kletterrouten in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert.

<p>Monte-Rosa-Massiv mit den Gipfeln Nordend und Dufourspitze vom Gornergletscher gesehen.</p>

Monte-Rosa-Massiv mit den Gipfeln Nordend und Dufourspitze vom Gornergletscher gesehen.

© picture alliance / Zoonar | Georg

Trad-Klettern im Hochgebirge: Eine alpinistische Herausforderung

Die Route "Neue Ära" wurde vollständig im Trad-Stil eröffnet. Anders als bei abgesicherten Sportkletterrouten werden dabei keine Bohrhaken gesetzt. Stattdessen sichern sich die Kletternden ausschließlich mit mobilen Sicherungsmitteln in natürlichen Felsspalten. Gerade im hochalpinen Gelände gilt dieser Stil als besonders anspruchsvoll, da neben der Klettertechnik auch Erfahrung bei der Routenfindung, der Platzierung und im Umgang mit Wetter- und Gletschergefahren gefragt ist.

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