VDBS Bergzeit Evaluation Camp

Zwischen Nervosität und Können: Angehende Bergwanderführer im Praxistest

96 Bewerbungen, zwölf Plätze: Beim ersten VDBS Bergzeit Evaluation Camp Anfang Oktober auf der Rappenseehütte konnten angehende Bergwanderführer testen, wo sie vor dem offiziellen Kompetenztest stehen. Zwei Tage zwischen schnellen Beinen, nervösen Blicken und ehrlichem Feedback.

Bei der Prüfung muss im Schrofengelände und auch im Schotter jeder Tritt sitzen. 
© Roman Knopf

Auf dem Weg vom Wanderer zum Bergwanderführer

"Wenn ich sonst in den Bergen unterwegs bin, mache ich das für mich. Da denke ich nicht darüber nach: Mache ich das gerade richtig oder falsch?" Heute ist das anders. Drei erfahrene Bergführer beobachten jede Bewegung, dazu kommen Kameras, Fotografen und Medienvertreter. "Hier sind viele wachsame Augen von Bergsport-Profis auf einen gerichtet. Natürlich will man es dann besonders gut machen."

96 Bergsportlerinnen und Bergsportler hatten sich für zwölf Plätze beim ersten Evaluation Camp von VDBS und Bergzeit beworben. Auf der Rappenseehütte oberhalb von Oberstdorf sollten die ausgewählten Aspiranten zwei Tage lang möglichst realistisch erleben, was sie beim späteren Kompetenztest erwartet.

Unterstützt wurde das Camp von der Allgäu GmbH, Tourismus Oberstdorf und der DAV-Sektion Kempten. Eine vorgezogene Aufnahmeprüfung sollte das Wochenende ausdrücklich nicht sein. Vielmehr ging es um eine Standortbestimmung: "Wo stehe ich – und woran muss ich bis Oktober noch arbeiten?"

Hoch geht es bei fast allen schnell

Rund 1100 Höhenmeter liegen zwischen Tal und Rappenseehütte. Im Aufstieg auf Zeit, dem ersten Konditionstest, haben die meisten wenig Probleme. Interessanter wird es dort, wo das Gelände steiler, unübersichtlicher und technischer wird – und die Blicke der Bergführer genauer.

<p>Die Teilnehmer des VDBS Bergzeit Evaluation Camp 2026 auf der Rappenseehütte: 3 Bergführer, 12 Teilnehmer und Pressevertreter.</p>

Die Teilnehmer des VDBS Bergzeit Evaluation Camp 2026 auf der Rappenseehütte: 3 Bergführer, 12 Teilnehmer und Pressevertreter.

© Roman Knopf

Im Schrofengelände sollen die Aspiranten beim zweiten Testblock zeigen, dass sie sich ruhig, sicher und ökonomisch im schweren Gelände bewegen. Hände an den Fels, Gewicht verlagern, Fuß setzen, wieder lösen. Möglichst flüssig, möglichst selbstverständlich. Einer der Bergführer gibt dafür ein einfaches Bild mit: "Stellt euch eine Katze vor."

Unter Prüfungsdruck ist das leichter gesagt als getan. Bewegungen, über die man auf einer privaten Tour kaum nachdenken würde, fühlen sich plötzlich anders an, wenn drei Profis danebenstehen und bewerten. "Im Schrofengelände war ich ein bisschen angespannt", erzählt eine Teilnehmerin anschließend.

<p>Katzengleich und kontrolliert soll die Bewegung im Schrofengelände sein.</p>

Katzengleich und kontrolliert soll die Bewegung im Schrofengelände sein.

© Roman Knopf

Für den dritten Test geht es in die schottrigen Flanken oberhalb des Rappensees. Bei der Abfahrt durch loses Geröll verändert sich die Stimmung. Jetzt geht es darum, mit dem Untergrund zu arbeiten, statt gegen ihn anzukämpfen. „Ich war auch nervös, aber das macht ja richtig Spaß“, sagt die Aspirantin unten angekommen. Die Erleichterung ist ihr anzumerken.

<p>Unter dem wachsamen Auge des Prüfers: Abfahren im Schotter.</p>

Unter dem wachsamen Auge des Prüfers: Abfahren im Schotter.

© Roman Knopf

Beobachtet werden gehört dazu

Auch die Bergführer wissen, dass die Situation besonders ist. Sich von drei Ausbildern genau anschauen zu lassen, erzeugt bereits Druck. Wenn zusätzlich Presse und Kameras dabei sind, sei das "schon noch mal eine andere Nummer", heißt es später in der gemeinsamen Bilanz.

Trotzdem habe sich die Gruppe "wirklich mit allem reingeschmissen" und gezeigt, was sie kann. Genau darum geht es an diesem Wochenende: nicht möglichst makellos durch die Übungen zu kommen, sondern eigene Schwächen sichtbar zu machen, solange noch Zeit bleibt, daran zu arbeiten.

<p>Prüfungsrelevant: Auf- und Absteigen im Schrofenglände.</p>

Prüfungsrelevant: Auf- und Absteigen im Schrofenglände.

© Roman Knopf

Am Abend verschiebt sich die Perspektive

Nach dem Abendessen sitzen die zwölf Aspiranten auf den Matratzen und teilweise auf dem Boden des gut gefüllten Matratzenlagers. Der lange Tag steckt ihnen noch in den Knochen. Bergführer und Prüfer Christian Kerber steht mitten im Raum und erzählt frei aus seinem Bergführeralltag. Der staatlich geprüfte Berg- und Skiführer ist zugleich Sozialpädagoge und Coach.

Jetzt geht es nicht mehr um Bewegungsabläufe, sondern um die Frage, was passiert, wenn später nicht nur das eigene Können zählt. "Was machen die Menschen mit euch?", fragt Kerber in die Runde.

<p>Bergführer Thomas Steber erklärt: Darauf kommt es bei der Prüfung für den Bergwanderführer an.</p>

Bergführer Thomas Steber erklärt: Darauf kommt es bei der Prüfung für den Bergwanderführer an.

© Roman Knopf

Denn ein Bergwanderführer läuft nicht allein. Hinter ihm stehen möglicherweise zehn Gäste mit unterschiedlicher Kondition, Erfahrung, Motivation und Erwartungen. Schon die eigentlich einfache Frage "Ist das Tempo okay?" hält Kerber deshalb für wenig hilfreich. Wer gibt schon vor der gesamten Gruppe zu, dass alle anderen zu schnell sind?

Gute Führung beginnt deshalb beim Beobachten. Wer fällt zurück? Wer wird plötzlich still? Wer bewegt sich zunehmend unsicher, obwohl er behauptet, alles sei in Ordnung? Und irgendwann geht es auch darum, Entscheidungen zu treffen – wenn das Wetter kippt, eine Tour für die Gruppe zu schwierig wird oder eine Umkehr vernünftiger ist als der Gipfel.

Damit bekommt der Einblick in den Beruf des Bergwanderführers an diesem Abend noch einmal eine andere Dimension. Schnell aufsteigen und sich sicher im Gelände bewegen zu können ist die Grundlage. Andere Menschen sicher durch dieses Gelände und wieder nach Hause zu bringen ist die eigentliche Aufgabe.

<p>Gipfelerfolg: Am Hohen Licht.</p>

Gipfelerfolg: Am Hohen Licht.

© Roman Knopf

Hoch hinaus: der zweite Prüfungstag

Am nächsten Morgen stehen die Aspiranten erneut in den Bergschuhen. Gemeinsam mit den Bergführern geht es Richtung Hohes Licht oder Rappenseekopf. Der Prüfungscharakter rückt etwas in den Hintergrund, dafür gibt es unterwegs viele kleine Hinweise: Linienwahl, Bewegungsabläufe, Technik und Tipps für die verbleibenden Wochen bis zum Kompetenztest.

Zurück auf der Rappenseehütte folgt für jeden das persönliche Feedback. Wie war der Aufstieg? Wie sicher die Bewegung im Schrofengelände? Wie kontrolliert die Geröllabfahrt? Welche Stärken sind schon da, wo liegen noch Defizite?

<p>Abfahren im Schotter kann man für die Prüfung gut üben.</p>

Abfahren im Schotter kann man für die Prüfung gut üben.

© Roman Knopf

Eine Teilnehmerin erzählt anschließend, sie habe vor dem Camp "überhaupt keine Einschätzung" gehabt, wo sie im Vergleich zu den Anforderungen steht. Umso wichtiger sei die ausführliche Rückmeldung gewesen: "Ich glaube, dafür hat sich dieses Wochenende gelohnt."

Auch bei anderen deckt sich das eigene Gefühl erstaunlich gut mit dem Urteil der Bergführer. Unsicherheiten, die sie selbst im Parcours oder im Geröll gespürt hatten, tauchen auch im Feedback wieder auf. Für viele ist genau das der größte Gewinn: Sie fahren nicht nur mit einer Note nach Hause, sondern mit einer ziemlich konkreten Vorstellung davon, was sie noch trainieren müssen.

<p>VIelfältige Tipps und Tricks gab es immer wieder  unterwegs.</p>

VIelfältige Tipps und Tricks gab es immer wieder  unterwegs.

© Roman Knopf

Fokus: Wissen, wo man steht

Die größten Baustellen liegen dabei offenbar weniger in der Kondition als im technischen Gelände und im Umgang mit der Prüfungssituation. Im Schrofengelände heißt das vor allem: ruhig bleiben, dem eigenen Bewegungsgefühl vertrauen und sich nicht von den prüfenden Blicken aus dem Rhythmus bringen lassen.

Beim Schotter fällt der Rat der Bergführer noch pragmatischer aus: geeignetes Gelände suchen und üben. „Abfahren, abfahren, abfahren.“

Zwei Aspiranten werden am Ende ausgewählt, auf ihrem weiteren Weg besonders begleitet zu werden: Julia und Paul haben in den zwei Tagen gepunktet und dürfen sich freuen: Einerseits haben sie bei bestandener Aufnahmeprüfung ihr Ticket für die Ausbildung gelöst. Zudem wird eines der Nachwuchstalente von Bergzeit unterstützt: mit 2000 Euro Ausbildungszuschuss und einem Ausrüstungsgutschein über weitere 2000 Euro.

<p>Julia und Paul, die zwei Besten aus dem VDBS Bergzeit Evaluation Camp: Auf sie wartet die offizielle Prüfung und die Chance auf 2.000 Euro Ausbildungszuschuss und ein 2.000 Euro Ausrüstungsgutschein von Bergzeit.</p>

Julia und Paul, die zwei Besten aus dem VDBS Bergzeit Evaluation Camp: Auf sie wartet die offizielle Prüfung und die Chance auf 2.000 Euro Ausbildungszuschuss und ein 2.000 Euro Ausrüstungsgutschein von Bergzeit.

© Roman Knopf

Doch auch für die anderen zwölf beziehungsweise die übrigen Teilnehmer des Camps liegt der eigentliche Wert des Wochenendes woanders. Einer der Bergführer fasst ihn so zusammen: "Der Kern ist, dass man sich selbst verorten kann: dass man weiß, wo man steht, wo die eigenen Stärken liegen und wo man sich noch verbessern kann."

Genau das wissen die Aspiranten nach zwei Tagen auf der Rappenseehütte ziemlich genau. Am 10./11. Oktober wird dann bei der offiziellen Aufnahmeprüfung wieder genau hingeschaut. Wir wünschen Julia und Paul und allen Aspiranten viel Glück!

<p>Abschließendes Feedback bevor es zurück ins Tal geht.</p>

Abschließendes Feedback bevor es zurück ins Tal geht.

© Roman Knopf

Text von Thomas Harrer

4 Kommentare

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Thomas vom ALPIN Team

@Manuel: Da bin ich durchaus bei dir. Die Social Skills werden in der Aufnahmeprüfung nicht abgefragt. Das war abends Thema eines interessanten Vortrags, der die Teilnehmer am Evaluation Camp schon mal auf das Thema gestoßen hat. Aber wie will man die Social Skills auch in einem solchen Prüfungsformat abprüfen? Da bräuchte man eine Prüfungswoche, um da einen Einblick zu bekommen....

Manuel

@Wilder Freiger hat schon recht. Ich bin selbst seit Jahren Bergwanderführer und mit Gruppen alpen- und europaweit unterwegs. Der Sichtungslehrgang des VDBS macht ja für Bergwanderführer nur deshalb Sinn weil nicht genug Plätze zur Verfügung stehen und deshalb "ausgesiebt" werden muss. Aufgrund des Könnens auszusieben ist aber nahezu sinnlos, jeder gut sportliche Mensch kann sich ja im Wandergelände zurechtfinden. Aussieben müsste man eher mit den socialskills, d.h. will ich überhaupt tagelang mit anfangs fremden Menschen unterwegs sein, will/kann ich meine eigenen Bedürfnisse hinten anstellen, bin ich empathisch, kann ich organisieren...
Bei einem Bergführerlehrgang muss natürlich zunächst das überdurchschnittliche Können abgeprüft werden, weil dieses nicht jeder hat. Als Bergwanderführer wirst Du Dich aber seltenst in steiles schwieriges Schrofengelände wagen, folgt eher aus Orientierungsproblemen :)
Ciao und happy Herbst

Thomas vom ALPIN Team

@Wilder Freiger: Preislich liegt der VDBS Bergwanderführer mit der Kombination aus Tiroler Bergwanderführer und UIMLA-Fortbildung über den Vorarlberger Bergführerverband gleich auf. Nur, dass du in Tirol selbst entscheiden kannst, ob du den UIMLA brauchst oder diesen vielleicht später machen willst.

Die Aufnahmeprüfung ist in Deutschland durchaus anspruchsvoller als bei den Tiroler Kollegen. Der VDBS hat für die Ausbildung einfach nicht die Kapazitäten wir der Tiroler Verband.

Wilder Freiger

Die Ausbildung zum Bergwanderführer ist in meinen Augen übertrieben schwer und teuer. Da wird auch viel Geld gemacht und gleichzeitig unnötig viel Druck aufgebaut. Ich bin selbst Bergwanderführer und habe die Ausbildung in Tirol gemacht. Diese war hochwertig, vor allem was die Erste Hilfe anging, aber hauptsächlich geprüft wurde Orientierung und zwar meist auf eine Art und in einem Gelände, wo man sowieso mit Kunden nicht unterwegs sein darf.