- Verbier 100: Trailrunning zurück zu den Wurzeln
- Wie ein Trail-Klassentreffen unter Fremden
- Laufen zwischen Nebel, Singletrails und Gipfeln
- Trailrunning im Val de Bagnes: Ein langer Tag beginnt
- Trailrunning am Limit: Der lange Weg auf den Mont Rogneux
- Verbier Ultra: Ein Reset-Knopf abseits von Zeit und Platzierung
Verbier 100: Trailrunning zurück zu den Wurzeln
Die Autofahrt kenne ich mittlerweile auswendig. Nur wenige Tage, nachdem ich nach neun Tagen UTMB-Wahnsinn die Heimreise aus Chamonix angetreten habe, fahre ich dieselbe Strecke wieder zurück. Vorbei an denselben Ortsschildern, Kaffeestopps an derselben Tanke. Dieses Mal geht es im Kreisverkehr in Martigny nicht rechts die Serpentinen hoch zur französischen Grenze, sondern in Richtung Verbier.
Die Straßen wie auch das Tal werden enger. Mein Navi sagt, dass ich noch ein paar Kilometer weiterfahren muss. Irgendwann frage ich mich, ob ich ans Ende der Welt oder zumindest ans Ende der Schweiz fahre. Fast. Ich fahre tief hinein ins Val de Bagnes.

Kurz vor dem Start: Noch einmal die Ausrüstung checken, bevor es hinaus auf die Trails des Verbier Ultra geht.
In Bonatchiesse, einem Ort, bevor dann wirklich Schluss ist mit Straße und Zivilisation, habe ich mein Ziel erreicht. Der malerische Weiler mit einem Natur-Campingplatz, eingebettet in einen wunderschönen Lärchenwald auf 1600 Metern Höhe, ist das Basecamp des Verbier Ultra. Die nächsten drei Tage ist das Val de Bagnes Spielplatz des Verbier 100, kurz VU100, einem Rennen über drei Etappen: 100 Kilometer mit knapp 8000 Höhenmetern.
Zum Ende des Jahres wollte ich bewusst ein "anderes" Rennen laufen. Weg von Tausenden Teilnehmenden, riesigen Expos, Startwellen und Stau nach wenigen Metern. Ich wollte back to the roots, back to the basics. Der Verbier Ultra ist der Gegenentwurf. Hier laufen nur so viele Menschen mit, wie auf einer Hütte übernachten können.
Wie ein Trail-Klassentreffen unter Fremden
Der Verbier Ultra findet erst zum zweiten Mal statt. Gegründet haben ihn die zwei Freundinnen Fanny Girardin und Mandy Müller. Girardin, Ultraläuferin aus Kanada, wollte einerseits ein unvergleichliches Lauferlebnis schaffen, andererseits das Val de Bagnes für Trailrunner zugänglich machen.
Dass diese Veranstaltung mit viel Liebe zum Detail organisiert wird, wird schnell deutlich. Jeder Läufer, jede Läuferin wird herzlich empfangen. Es herrscht direkt eine Atmosphäre wie bei einem Trail-Klassentreffen. Nur dass man die Gruppe noch gar nicht kennt.
Dieses Jahr stehe ich mit 28 anderen Läuferinnen und Läufern an der imaginären Startlinie am Campingplatz. Schweizer, Deutsche, Norweger, Dänen, Franzosen, Engländer – es ist überraschend international für so ein kleines Event. Die erste Etappe nennen wir das "Warm-Up". Es ist der kürzeste Tag mit 20 Kilometern und knapp 2.000 Höhenmetern. Doch wenige hundert Meter nach dem Start merke ich: Das hier wird wirklich kein Spaziergang.

Morgenstimmung im Val de Bagnes: Die ersten Sonnenstrahlen erreichen die vergletscherten Gipfel.
Laufen zwischen Nebel, Singletrails und Gipfeln
Rein in den Nebel, raus aus dem Nebel. Steile Uphills, technische Downhills. Ich komme nicht so recht ins Laufen, auch weil die Landschaft so dermaßen schön ist und ich immer wieder stehen bleibe, um Fotos zu machen. Um eine Zeit oder eine Platzierung geht es hier nicht, zumindest für mich nicht.
Die erste und einzige Verpflegungsstation befindet sich an der Cabane Louvie neben dem gleichnamigen türkisblauen Gebirgssee. Ein älterer Herr notiert sich meine Startnummer, eine Frau fragt mich, ob ich etwas brauche. Ich packe mein Schulfranzösisch raus und unterhalte mich kurz mit ihnen. "Non, merci. C'est bien. Mais c'est dur."

Steile Anstiege gehören dazu: Auf den Trails im Val de Bagnes sammeln die Teilnehmenden ordentlich Höhenmeter.
Nach einem weiteren steilen Anstieg wartet eine lange Traverse. Unter mir liegt das lange Tal, während ich auf äußerst schmalen Singletrails laufe. Ein paar Wanderer kommen mir entgegen, ansonsten habe ich die Trails für mich allein. Endlich kann ich ein paar Kilometer am Stück laufen. Das Ziel rückt laut Uhr näher, doch ich sehe es nicht. Dann gibt der Nebel die Sicht auf die Cabane Mont Fort frei. Das Ziel der Etappe ist erreicht.
Die Läuferinnen und Läufer sitzen verteilt auf der großen Terrasse, genießen das Wetter und erholen sich von der ersten Etappe. Es gibt heiße Schokolade, selbstgemachten Apfelkuchen und Quiche. Die Cabane Mont Fort liegt auf 2.457 Metern, die Spätsommersonne scheint auf uns hinunter und die Anstrengungen des Tages machen sich bemerkbar.
Noch ungeduscht lege ich mich in die Kompressionsboots, kippe die Liege zurück und starre auf den Mont Blanc, der gegenüber thront. Schnell komme ich mit den anderen Läuferinnen und Läufern ins Gespräch. Beim Verbier Ultra sind alle Leistungs- und Erfahrungslevel vertreten. Auf der einen Seite sind da Trail-Rookies, die sich einer neuen Herausforderung stellen wollen.
Auf der anderen Seite sind Profis dabei – wie Nuria Picas. 2017 hat die heute 49-jährige Spanierin den UTMB gewonnen. Nächstes Jahr, zu ihrem runden Geburtstag, überlegt sie, wieder zu starten. "Das Training ist wirklich hart. Keine Ahnung, ob ich das nochmal so hinbekomme", sagt sie und lacht.
Trailrunning im Val de Bagnes: Ein langer Tag beginnt
Am nächsten Morgen schellt früh der Wecker. Ich bin ungewohnt nervös, obwohl die Distanz eigentlich mein Sweet-Spot ist. Über 41 Kilometer und 3.100 Höhenmeter führt die Etappe durch das Val de Bagnes. Ich kenne die Strecke nicht, aber alles, was ich weiß, ist: Es wird ein langer Tag. Was ich nicht weiß, ist, dass der Tag mir einiges abverlangen wird.
Es ist ein sternenklarer Himmel. Einzig die Stirnlampen, der Mond und die schneebedeckten Gipfel um uns herum erleuchten den Morgenhimmel. Durch das Skigebiet von Verbier laufen wir mit dem Mont Blanc im Rücken in den Sonnenaufgang hinein. Eine magische Atmosphäre, die das frühe Aufstehen immer wieder wettmacht. Ich fühle mich frisch, es rollt.

Noch vor Sonnenaufgang geht es los: Im Schein der Stirnlampen startet der lange zweite Renntag.
Die ersten zehn Kilometer sind flowig und eine willkommene Abwechslung zu den technischen Trails am Vortag. Als es die Sonne über den Berg schafft, fängt der Läufer vor mir, Tilman, an zu singen. "Here comes the sun" von den Beatles. Etwas kitschig – aber passend.
Ich laufe auf ihn auf und in diesem Moment schließen wir den unausgesprochenen Deal, uns bis zum Etappenziel nicht mehr zu trennen. Vor uns liegt der lange Downhill nach Le Châble. In kürzester Zeit laufen wir 2.000 Höhenmeter hinunter ins Tal. Das kostet so einige Körner.
Im Dorf werden wir von einer Gruppe Senioren begrüßt, die an der VP auf uns warten. "Schaut mal, da hoch müsst ihr jetzt", sagt ein Mann und zeigt auf den 3.100 Meter hohen Mont Rogneux in der Ferne, während er mir Cola in meinen Becher kippt. Ich schau auf meine Uhr. Gerade befinden wir uns auf 820 Metern Höhe.

Stärkung auf der Hütte: Bei Kuchen und warmen Getränken sammeln die Läuferinnen und Läufer neue Energie.
Meine Gabe für schnelles Rechnen war schon immer begrenzt, dass wir noch über 2.000 Höhenmeter vor uns haben, wird mir aber direkt klar. "Der scheint so unendlich weit weg", sage ich zu Tilman. Wir füllen unsere Reserven auf und traben durch das Dorf. Die nächsten Kilometer kämpfe ich mich den Uphill hoch.
Es geht erst steil durch den Wald, dann mit fantastischer Fernsicht über einen Grat. Der Mont Rogneux will dennoch nicht näherkommen. Mit jedem Kilometer fühle ich mich schwächer. Ich erreiche einen Zustand, den ich schon länger nicht mehr hatte. Es ist ein Mix aus "Ich weiß, ich schaffe das" und "Wie zur Hölle soll ich das schaffen?".
Trailrunning am Limit: Der lange Weg auf den Mont Rogneux
Mittlerweile habe ich im Downhill starke Schmerzen im rechten Knie. Die Belastung der letzten Wochen inklusive eines 45-Kilometer-Rennens in den Brenta-Dolomiten macht sich bemerkbar. "Ich sag dir jetzt, was passiert", sage ich zu Tilman. "Ich werde kurz richtig heulen, mich damit anfreunden, dass ich nicht schneller vorankomme, und dann geht's weiter."
An der letzten Verpflegungsstation lasse ich meinen Tränen freien Lauf, nur um wenige Sekunden später wieder lachen zu müssen – den herzlichen Volunteers sei Dank. Es sei wirklich nicht mehr weit zum Gipfel, wird uns gesagt. Trailrunner hassen diesen Satz. Weit ist es nicht mehr, dafür umso anstrengender. Nach acht Stunden müssen wir noch auf den Mont Rogneux scramblen. Das Pitztal lässt grüßen.
Ich kratze meinen Rest an Konzentration zusammen. Tilman und ich lassen uns bewusst viel Zeit und erinnern uns an den Satz, den wir heute Morgen beim Race-Briefing gehört haben: "Lose five minutes of your life but not your life in five minutes."
Am Gipfel fallen Tilman und ich uns in die Arme. We did it, naja, zumindest bis zum Gipfel. Aus der Ferne sehen wir die Cabane Mont Fort, an der wir viele Stunden zuvor aufgebrochen sind. Wir sehen den langen Downhill, Le Châble im Tal, den langen Grat. Das sind wir alles gelaufen. Verrückt.

Magisch: Die ersten Sonnenstrahlen tauchen die umliegenden Berggipfel in goldenes Licht.
Die restlichen fünf Kilometer sind ein gut gelaunter Wandertag, bis wir nach zehn Stunden endlich an der Cabane Brunet ankommen. Wieder laufen mir ein paar Tränen über die Wangen. Dieses Mal vor Freude, dass ich mich durch einen weiteren harten Tag durchgekämpft habe. Wenige Minuten später liege ich auf einer Liege und lasse mich von einer Physiotherapeutin durchkneten. Es ist der absurdeste und gleichzeitig schönste Ort für eine Massage.
Verbier Ultra: Ein Reset-Knopf abseits von Zeit und Platzierung
Glücklicherweise habe ich gelernt, wann es heißt, eine Pause einzulegen. Die dritte Etappe lasse ich meinem Knie zuliebe ausfallen. Ein weiterer Zehn-Stunden-Wandertag kommt für mich nicht infrage. Mit dieser Entscheidung bin ich nicht allein. Das Feld ist merklich ausgedünnt. Dafür kommen die Tagesstarter des Bagnes Ultra Marathon hinzu.
Trotzdem habe ich für den letzten Tag einen Auftrag. Ich begleite einen der Fotografen. Wir wandern zum Lac Mauvoisin, genießen die unendliche Ruhe und warten auf die Läuferinnen und Läufer. Ich umarme meine neuen Freunde, die sichtbar abgekämpft an mir vorbeikommen. "Danke für die Umarmung, das hab ich jetzt gebraucht", sagt eine.

Was am Ende zählt: gemeinsame Erlebnisse, neue Freundschaften und eine gute Zeit in den Bergen.
Ein paar Stunden später sitze ich im Auto und fahre wieder die Autobahn entlang. Manchmal sind solche intensiven Tage in den Bergen für mich schwer zu verarbeiten. In kürzester Zeit sammelt man so viele neue Eindrücke. Trotz der Erschöpfung drückt der Verbier Ultra bei mir einen Reset-Knopf.
Drei Tage war ich nicht nur auf einsamen Trails in wunderschöner Landschaft unterwegs, ich bin auch zum Ursprung meines "Warum laufe ich eigentlich?" gekommen. Die Antwort ist – glücklicherweise – immer noch die gleiche: um eine gute Zeit in den Bergen zu haben – abseits von Pace, Zeit und Platzierungen. Der 3. Verbier Ultra findet vom 09.09. bis 11.09.2027 statt. Mehr Infos unter verbierultra.com.




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