Vitto, du wurdest in Florenz geboren und bist als Kind nach Kals gezogen. Wie hat dich das geprägt?
Ehrlich gesagt habe ich damals nicht viel mitentschieden. (lacht) Meine Eltern – mein Vater ist Forstwirt, meine Mutter Frisörin – haben beschlossen, dass sie nach Österreich ziehen wollen. Da ich von den Ausflügen in die Apenninen schon mit dem Bergvirus infiziert war, war ich nicht allzu unglücklich. Aber es war schon ein harter Weg. Ich konnte ja gar kein Deutsch – und dann noch der starke Dialekt. Das war eine richtige „Watschn“. Weg von Florenz und unserem kleinen Bauernhof mit Oliven. Aber ich habe mich durchgebissen.
Wann kommt noch das typisch italienische Temperament in dir zum Vorschein?
Geblieben ist vor allem das Verlangen, nach Italien zu fahren, und dass ich mit Gästen gerne in die Dolomiten gehe. Dort gefällt es mir immer sehr, vielleicht deshalb? Mit meinen Kindern spreche ich Italienisch, auch das ist mir wichtig. Aber was das Temperament angeht, fühle ich mich nicht als typischer Südländer. Geschrei und wilde Gestik gibt es bei mir nicht, dafür gutes Essen und guten Wein.
Hast du mal überlegt, mit deiner Familie zurückzuziehen?
Nein, nie. Italien bietet für Familien nicht so gute Rahmenbedingungen wie Österreich. Es gibt keine Kinder- oder Familienbeihilfe, schon gar nicht, wenn man wie ich selbstständig ist. Auch meine Eltern sind ein wichtiger Grund, weshalb ich mir die Rückkehr nicht vorstellen kann.

Die ALPIN-Redakteurin hat Vitto als sehr angenehmen Gesprächspartner erlebt. Bei der Glocknerwand-Überschreitung, die am Tag nach dem Gespräch stattfand, war sie beeindruckt von seiner Empathie als Bergführer.
Du hast vorhin erwähnt, dass du schon als Kind vom "Bergvirus" infiziert wurdest. Wo genau hat er dich erwischt?
Ein Schlüsselerlebnis war meine erste Glocknerbesteigung im Alter von zehn Jahren. Damals, 1998, war ich mit meinem Vater im Urlaub in Heiligenblut und er hat kurzerhand einen Bergführer gebucht, der uns hinaufgeführt hat. Ich war absolut fasziniert, denn ich hatte so etwas noch nie erlebt oder gesehen. Wie auch, ohne Instagram und Co. Ich war so begeistert von diesem Erlebnis und der Souveränität des Bergführers, dass ich mir vornahm: ‚Das will ich auch können.‘
Das ist dir gelungen. Du übst selbst seit 17 Jahren den Bergführerberuf aus. Was hat er dich über die Menschen gelehrt?
Ich lerne von jedem Gast etwas! Dass Bergführer ein sozialer Job ist, ist nicht jedem klar. Viele realisieren es erst, wenn sie einige Jahre im Beruf stehen. Es geht – natürlich – um die Skills am Berg, aber auch zentral um die Psychologie.
Mittlerweile liest man viele Berichte über Menschen, die am Berg blockiert sind. Woran liegt es aus deiner Sicht, dass sie nicht umkehren?
Mir kommt es so vor, als würden sich die Menschen nicht mehr so intensiv mit den Bergen und den Touren befassen, wie sie es müssten. Sie sind nicht besser vorbereitet als vor 20 Jahren, obwohl sie eigentlich viel mehr Möglichkeiten dazu hätten – vor allem digital! Als aktiver Bergretter in Matrei beobachte ich, dass die Vorbereitung nicht immer passt, die Ausrüstung aber top ist. Mich irritiert, dass sich viele an Apps klammern und nicht selbstkritisch Dinge hinterfragen und daraus eine entsprechende Handlung ableiten. Mir gibt das Rätsel auf.
"Am Großglockner ist in der Hauptsaison sicher alle zwei bis drei Tage ein Einsatz"@(zwischenHeadlineTag)>
Jetzt gerade sitzen wir an der Stüdlhütte unterhalb des Großglockner. Bei wie vielen Einsätzen warst du hier beteiligt?
Natürlich war ich hier schon im Einsatz. Denn meist rücken bei einem Notfall die Bergführer aus, die gerade auf den Hütten sind. Ich wurde schon oft von der Adlersruhe wegalarmiert. Am Großglockner ist in der Hauptsaison sicher alle zwei bis drei Tage ein Einsatz. Selten etwas Dramatisches, aber los ist immer etwas.
Auch mit Neuerungen! Du bist der Initiator des neuen Glocknerbiwaks.
Stimmt, dafür war ich Ideengeber –und war auch maßgeblich an der Umsetzung beteiligt. Das Biwak war wirklich eine wilde Bruchbude. Ganz schlimm.(lacht) Aber noch wilder ist der Zustieg. Im Sommer würde ich ganz davon abraten. Die Unterkunft ist für Nordwand-Aspiranten gedacht, also für den Winter.
Welche Tour hier ist deine liebste?
Es gibt viele sehr schöne Routen auf das Dach Österreichs. Viele davon habe ich bereits gemacht. Meine liebste ist wahrscheinlich meine eigene, die ich mit meinem guten Freund Matthias Wurzer erstbegangen habe: der „Südwandwächter.“ Die Linie gilt als die schwierigste Mixed-Route und führt über die Südwand zum Gipfel.
Du bist auch Buchautor. Aus deiner Feder stammt der Kletterführer Osttirol – wie aufwendig war das Projekt?
Angefangen hat alles mit dem Eiskletterführer Osttirol, den ich gemeinsam mit zwei anderen Bergführern 2017 veröffentlicht habe. Davor gab es nur einen Führer über die Lienzer Dolomiten, dabei hat Osttirol so viel mehr zu bieten! Deshalb habe ich beschlossen, alles zusammenzutragen – natürlich mit viel Unterstützung. Zwei bis drei Jahre haben die Buchprojekte jeweils gedauert. Ich war viel unterwegs, um mir die Touren anzusehen und zu klettern. Heute mit Familie könnte ich das gar nicht mehr realisieren. Und um so etwas halbherzig zu machen, bin ich zu perfektionistisch. Die Bücher waren Herzensprojekte.
Als studierter Geologe: Wie blickst du auf die Naturveränderungen in den Bergen?
Ich habe nur kurze Zeit als Geologe gearbeitet, danach bin ich voll ins Führen eingestiegen. Mich hat es nicht in eine 40-Stunden-Woche gezogen, ich wollte mir meine Zeit lieber selbst einteilen können. Deshalb bin ich auch nicht mehr in der Materie.
Also ist es auch abseits des Alpinismus kein Hobby geblieben?
Die letzten Jahre sind sicher meine drei Kinder mein größtes Hobby geworden.(lacht) Sie sind jetzt zweieinhalb, fünf und sieben Jahre alt und halten mich auf Trab. Ansonsten sind Erstbegehungen, also das Neuerschließen von Routen, sehr spannend für mich. Und seit ein paar Jahren habe ich auch das Paragliding für mich entdeckt.
Bist du auch viel mit den Kindern am Berg?
Ich versuche natürlich, ihnen meine Liebe zu den Bergen mitzugeben und sie mitzunehmen, wie es mein Vater damals mit mir gemacht hat. Heißt: Ich probiere mit ihnen die verschiedenen Disziplinen aus, aber alles ohne Zwang.
Blickst du manchmal wehmütig zurück auf deine "wilden" Jahre?
Ja, aber immer positiv. Was mich brutal beeindruckt hat, waren neben den alpinistischen Anfängen in den Westalpen meine ersten Reisen ins Yosemite. Natürlich auch Patagonien! Dann Pakistan, wo wir den Trango Tower besteigen konnten. Ich hatte viele wunderbare Erlebnisse, bei denen alles gepasst hat.
Vitto Messini über Risiko am Berg, @(zwischenHeadlineTag)>
Hast du früher überlegt, Profi zu werden?
Ja, tatsächlich. Heute bin ich aber froh über meine Entscheidung dagegen. Auch ein Eiskletterkurs für Anfänger oder eine leichte Skitour machen Spaß! Vor allem bereue ich nichts, wenn ich sehe, was man auf Social Media veranstalten müsste. Das wäre gar nichts für mich.
Wie hat sich dein Risikoverhalten heute im Vergleich zu damals verändert?
Wenn ich zurückschaue, war ich nie mit hohem Risiko am Berg unterwegs, sondern vorsichtig. Sicher bin auch ich mal in Touren eingestiegen, wo ich mir gedacht habe ‚Das machst du nie wieder‘. Ein wenig habe ich mich auch an Free Solo versucht, aber meine Angst war zu groß. Was sich rückblickend sehr verändert hat, ist mein Zeitmanagement.
Inwiefern?
Naja, ich habe keine Zeit mehr, weil daheim vier Menschen auf mich warten. (lacht) Und mit ihnen verbringe ich meine Freizeit heute am liebsten. Die Prioritäten sind andere geworden.
Also sind die Expeditionszeiten vorbei?
Ganz ausschließen will ich es nicht, aber in den nächsten Jahren wird es schwierig. Manchmal führen mich Reisen mit Gästen in die Ferne. Das ist zwar keine klassische Expedition, aber ich kann Neues erkunden.
Du engagierst dich im alpinen Ausbildungswesen. Was rätst du jungen Menschen, die Bergführer werden wollen?
Ich würde sie darauf hinweisen, dass es weniger um Leistung geht, als sie sich erhoffen. Bergführer ist ein sozialer Beruf. Dessen sollte man sich bewusst sein. Ich würde raten, den Beruf zu ergreifen, weil er schön und erfüllend ist. Aber es ist eben auch ein Handwerk, das erlernt werden muss. Nur ein guter Alpinist oder eine gute Alpinistin zu sein, reicht nicht aus. Man muss Allrounder sein. Alle alpinen Spielarten sind wichtig, vor allem das Bergsteigen. Denn das ist der Hauptfokus. Ich bin mittlerweile seit etwa sieben Jahren Ausbilder hier in Österreich. Vor diesem Hintergrund wage ich es, zu sagen, dass die Ausbildung in den letzten Jahren sehr an Qualität gewonnen hat.
Wie macht sich das bemerkbar?
Zum einen bei den Teilnehmern: Die bringen viel bessere Voraussetzungen mit, z. B. bei der Technik. Teilweise fehlt allerdings der bergsteigerische Hintergrund. Viele sind am Fels stark, kommen aber mehr vom Sportklettern als vom Alpinen. Das sind Beobachtungen, die mich als Ausbilder fordern und weiterbringen. Weil ich merke, dass wir das berücksichtigen und Inhalte auch mal überarbeiten müssen.
Mittlerweile haben wir ein Skript von Albert Leichtfried (zeigt mit den Händen die Dicke), damit könntest du jemanden erschlagen. Gewaltig. Eine Bibel, in der alles steht. Kein anderes Alpenland hat so ein Grundlagenwerk! Bei meiner Ausbildung vor 17 Jahren haben wir einen Zettel bekommen – das war’s. (lacht)
Du hast eine besondere Verbindung mit dem Eispark Osttirol. Was hat es damit auf sich?
Das ist eine lange Geschichte. Den Eispark habe ich vor elf Jahren gemeinsam mit Matthias Wurzer – wir sprachen schon über ihn – gegründet. Der Eispark ist mittlerweile eine richtige Institution geworden, was mich sehr freut! Damals habe ich mich bei den Behörden ziemlich reingehängt, um alle Genehmigungen zu erhalten. Matthias hat das Handwerkliche übernommen, z. B. das künstliche Bewässern der Felswände.
Um das Projekt zu realisieren, mussten wir einen Verein gründen, dessen Obmann ich bin. Heute sind wir etwa 20 Mitglieder, die den Eispark betreiben. Das Projekt ist zum Selbstläufer geworden und erfreut sich großer Beliebtheit. Das finde ich großartig, vor allem, weil es der erste behördlich genehmigte Eispark war. Auch unser Eiskletterfestival ist sehr beliebt. Das zeigt mir, wie sehr die Disziplin zum Trend geworden ist.
Letzte Frage: Was ist für dich am Berg unverhandelbar?
Mit einem Gast: Wenn meine Entscheidung infrage gestellt wird. Bei einem gleichwertigen Partner: Wenn im Alleingang Dinge beschlossen werden, die ich nicht mittragen kann. Also fachliche Differenzen. Ich muss aber ehrlich sagen, dass mir das bei Seilpartnern noch nie passiert ist. Dafür habe ich sie wohl intuitiv zu sorgfältig ausgewählt.
Vitto Messini im Steckbrief@(zwischenHeadlineTag)>
Mein voller Name lautet ... Vittorio Messini.
Geboren wurde ich am ... 24.06.1988 in Florenz, Italien.
Gelernt habe ich … Geologe und staatl. geprüfter Berg- und Skiführer.
Ich wohne in ... Karls am Großglockner.
Mit mir wohnen ... meine Frau und meine drei entzückenden Kinder.
Social Media-Follower habe ich ... ein paar.
Meine Website lautet ... vittorio-messini.com
Meine wichtigsten Erfolge sind:
Begehung des Nameless Tower über die berühmte "Eternal Flame"
Eine Erstbegehung am Shivling "Shivas Ice"
Mit Matthias Wurzer und Gabriel Tschurtschenthaler am Gipfel des Cerro Torre zu stehen nach Begehung der Ferrari-Route
Die Geburt meiner drei Kinder
Zahlreiche Begehungen in Fels und Eis
Gründung und Betreiben des Eispark Osttirol gemeinsam mit Matthias Wurzer








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