Elias Hangweyrer, Jakob Ritzl und Maximilian Muck im Khumbu erfolgreich

Dreierseilschaft gelingt beeindruckende Erstbegehung im Himalaja

Drei Alpinisten mit einem Ziel: Eine neue Linie in der Nordwand des Sechstausenders Kongde Ri Shar (6093 m). Wie dieses Vorhaben trotz zahlreicher Rückschläge gelingt, berichtet Teammitglied Elias Hangweyrer.

Dreierseilschaft gelingt beeindruckende Erstbegehung im Himalaja
© Elias Hangweyrer

Warum gibt es im zentralen Teil der Headwall noch keine Linie?

An großen Namen, die bereits dieses Tal besucht haben, mangelt es nicht. Also was haben die gewusst, was wir nicht wissen? Sie sieht schon verdammt steil und abweisend aus. Vielleicht zu steil und abweisend, um auf fast 6000 m noch beklettert zu werden. Aber es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.

Ich meine, auf einem Foto eine Art Rampen- und Verschneidungssystem gesehen zu haben. Immer, wenn mich jemand fragt, wo wir da durchkommen wollen, stütze ich mich auf diese Vermutung, obwohl es wirklich nicht mehr ist als das. Die erste Begehung rung der legendäre Jeff Lowe mit David Breashears dieser imposanten Wand ab. Die letzte erfolgreiche Durchsteigung, von der wir hörten, gelang Ines Papert.

Sie kletterte mit ihrem Partner Cory Richards eine sehr imposante Linie im linken Wandteil. In guten Wintern bilden sich beeindruckende Eislinien in der Wand, eine davon verfolgte Ines, bis sie am Ostgrat einige hundert Meter unter dem Gipfel des Kongdr Ri Shar (Kwangde Shar) ausstieg und diesen bis zum Gipfel weiterkletterte.

Haben wir in dieser Wand echt einen Auftrag? Probieren wir's!

In einem Telefonat mit ihr sprach sie über ihre Erlebnisse in der Wand. Eisige Temperaturen, heulender Wind und weit und breit kein Biwak zu finden, auf dem man ein Zelt aufbauen könnte. Man, klingt das hart. Haben wir da echt einen Auftrag? Egal, probieren müssen wir’s.

Angekommen in dem lieblichen Städtchen Thame, läuft das Akklimatisieren zuerst etwas holprig. Getrieben von blinder Motivation steigen wir viel zu schnell auf und unser Freund Max zahlt den Preis dafür: Schwere Kopfschmerzen plagen ihn und zwingen uns im Endeffekt zu einer konventionellen Akklimatisationsstrategie. Im Endeffekt dauert es fast zwei Wochen, bis wir startklar sind.

Zumindest konnten wir in der Zwischenzeit schon mal ein Materialdepot unter der Wand errichten und die Wand etwas beobachten. Ein großer Vorteil ist für uns, dass keinerlei Gletscher oder Wächten über die Wand ragen, sodass wir sie als objektiv relativ sicher einschätzen. Vorerst. Als Max bereit ist Gas zu geben und das Wetter für über eine Woche stabil aussieht folgt der nächste herbe Rückschlag: Jakob ist krank.

Wir entscheiden uns noch einen Tag zu warten in der Hoffnung, dass es ihm dann besser geht. Als sein Zustand am nächsten Tag nicht besser ist, warten wir noch einen weiteren, und noch einen. Am dritten Tag entschließt Jakob, dass wir heute zusammenpacken und ohne ihn gehen sollen. In seiner Kollegialität möchte er uns nicht mehr warten lassen und riskieren, dass sich das Wetterfenster schließt.

Der erste Versuch zwischen grober Fehleinschätzung, Traum-Aussichten und genialer Kletterei

Schweren Herzens machen sich Max und ich zu zweit auf den Weg. Das Einzige, was jetzt noch schwerer ist als unsere Herzen, sind die Rucksäcke nach dem Materialdepot. Von dort sind es noch ungefähr 300 Hm zum Wandfuß, und wir spuren mit der ganzen Ausrüstung durch knietiefen, nassen Schnee. Am Wandfuß angekommen, legen wir uns ins Zelt und stellen einen Wecker für den nächsten Tag.

Wie wir die untersten steilen hundert Meter bis zum ersten Schneefeld angehen, wissen wir noch nicht genau. Ursprünglich wollten wir eine Schnee-Eis-Linie am linken Rand klettern, allgemein war es ein sehr trockener Winter und es befindet sich fast kein Eis in der Wand. Viel Kratzen also. Die Linie links erweist sich aber als zu dünn und plattig.

Am rechten Ende des Schneefelds ziehen vergraste Risse und Verschneidungen empor, sieht eigentlich ganz okay aus. Als ich mich auf den Weg in die erste Länge mache, bekomme ich sofort zu spüren, wie geschlossen der Fels hier ist. Lange Runouts zwischen zweifelhaften Zwischensicherungen werden uns die ganze Wand hindurch begleiten. Bereits nach den ersten 15 Metern frage ich mich, ob ich das wirklich klettern will.

<p>Die ersten Seillängen.</p>

Die ersten Seillängen.

© Elias Hangweyrer & Team

Hin und her, rauf und runter, bis ich irgendwo einen feinen Riss für einen Pecker finde und mich irgendwie zum Stand hochmogele. Puh, das war mal ein sportlicher Einstieg. Max kommt nach und fragt mich, ob ich eigentlich nicht ganz dicht bin, worauf ich erwidere, dass es ja nach oben besser aussieht. Grobe Fehleinschätzung: Zwei weitere Längen in ähnlicher Manier quäle ich mich bis zum ersten Schneefeld hinauf.

Endlich, jetzt mal ein bisschen leichteres Gelände. Wir packen die Seile ein und stapfen das Schneefeld hinauf, das uns zu einer schönen Eislänge führt, die Max schnell hinaufhuscht. Zwischen den bereits stark zurückgeschmolzenen Schneefeldern kommen immer wieder kleine plattige Stellen heraus, für die wir sicherheitshalber das Seil auspacken.

Am frühen Nachmittag erreichen wir eine Rippe, auf der problemlos ein Zelt Platz hat. So einen Biwakplatz kann man fast nicht verschmähen, nach etwas Grabarbeit haben wir eine luxuriöse Zeltplattform. Es ist erst knapp fünf, also reichlich Zeit zum Ausruhen. Am nächsten Morgen lassen wir uns noch kurz die Morgensonne ins Gesicht scheinen, bevor wir weiterklettern.

Die Sonne geht auf und taucht Everest, Lhotse und Ama Dablam in goldgelbes Licht. Ein unglaublicher Anblick. Unser Schlafsystem besteht aus zwei Matten, die wir mit Bandschlingen zusammenknoten, und einem Schlafsack, in den wir ein dünnes Inlet einzippen, damit wir zu zweit Platz darin haben. Grundsätzlich funktioniert das nicht schlecht, nur ist Max' Matte viel dicker als meine, was dazu führt, dass ständig einer entweder am Höhenversatz liegt oder am Runterrutschen ist.

<p>Am ersten Biwak.</p>

Am ersten Biwak.

© Elias Hangweyrer & Team

Wir queren ein kleines Schneefeld und ich mache mich an die nächste Länge: Ein von Rissen durchzogener Kamin, der sich zur Abwechslung recht gut absichern lässt. Dieser führt zu einer Querung unter einem brüchigen Dach. Leider ist der Schnee in der Querung sehr schlecht mit den Platten darunter verbunden und ich muss sehr vorsichtig sein, um nicht wegzurutschen und vielleicht einen der Blöcke über mir aus dem Dach reiße. Am Ende noch ein wackeliger Übersteiger auf eine dünne Eisspur und geschafft.

Den restlichen zweiten Tag arbeiten wir uns über Schneefelder und leichteres Mixed-Gelände bis knapp unter einen roten Wandteil. Es ist neblig und bei dieser Sicht ist es extrem schwierig, in so einer Wand die Orientierung nicht zu verlieren. Am späten Nachmittag stehen wir zwei Längen unter der Roten Wand. Aus Angst, am nächsten Schneeband keinen Biwakplatz mehr zu finden, entscheiden wir uns, in einer steilen Schneeflanke eine Plattform auszugraben.

Mit unserem mitgebrachten Hammock (quasi einem Stück Plane, das man mit Schnee füllt, um eine Fläche zu erzeugen) verbreitern wir unsere Plattform noch etwas und können dann ein Zelt aufstellen. Der dritte Tag beginnt ebenfalls wieder mit einem tollen Sonnenaufgang, zum Frühstück gibt’s dann eine absolut abgefahrene Länge. Zu Beginn muss man unter ein paar lockeren Schuppen nach rechts queren.

Danach folge ich einer dünnen Eisspur, bis diese endet oder zu dünn wird, um auf ihr zu klettern. Ein paar Meter weiter links führt eine weitere nach oben. An einem Pecker mache ich einen Pendelquergang in die nächste Eispur, die in ein großes Polesterolschneefeld übergeht. Eine absolut coole Länge.

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40 m weiter mache ich nochmal Stand direkt unter der Roten Wand, von hier aus ist der Weiterweg noch etwas unklar. Nach rechts zieht ein langes Schneefeld, darüber ein steiler Felsaufschwung, dann wieder ein Schneefeld, wieder ein Felsaufschwung und dann das letzte Schneefeld unter der Headwall, das wollen wir heute erreichen. Wir queren das Schneefeld und versuchen einen Weg durch den Felsriegel zu finden, der über uns thront.

Verdammt steil und kompakt sieht der aus. Wir queren immer weiter und weiter, bis wir am Ende des Schneefelds angekommen sind. Hier wirkt es, als wäre der Riegel, der uns vom nächsten Schneefeld trennt, am niedrigsten. Zwei horizontale Schuppen durchziehen die weißliche Wand über uns. "Ich glaube, jetzt ist Aiden angesagt", sage ich zu Max.

Die Schuppen sind nicht 100 % fest, aber sie halten mein Körpergewicht, als ich mich an ihnen hochziehe. Nach einigen Metern ist es dann vorbei mit dem technischen Klettern. Ich hole wieder meine Eisgeräte heraus und fange an, frei zu klettern, bis ich unter einer markanten S-förmigen Felsformation wieder Stand machen kann. Nur noch ein weiterer Felsriegel, dann stehen wir unter der Headwall.

Als Max am Stand ankommt, sagt er mir, wie anstrengend das Nachjumaren gerade war und dass er allgemein schon recht müde sei. Hilft nichts, hier können wir nicht biwakieren, wir müssen weiter. Erneut queren wir nach rechts, ich merke, wie die schlechten Schneeverhältnisse weiter an Max’ Kraftreserven zehren. Als wir bei einer Rampe ankommen, die uns auf das letzte Schneeband bringen soll, ist er bereits völlig ausgelaugt. Ich steige die Rampe mit einer kurzen heiklen Plattenstelle empor und baue Stand.

<p>Die Pendelquergänge haben es in sich.</p>

Die Pendelquergänge haben es in sich.

© Elias Hangweyrer & Team

Es ist bereits spät und wir ahnen noch nicht, wie weit wir wieder nach links unter die Headwall queren müssen. Doch die steilen Schneefelder geben keinen ordentlichen Platz zum Übernachten her und unter der Headwall versprechen wir uns einen guten Zeltplatz. Max ist wie ferngesteuert: Wir klettern Länge um Länge, kämpfen uns zurück in die Wandmitte, auf der Flucht vor der Dunkelheit. Schließlich, nach ewigem Dahinqueren, erreichen wir endlich den großen Block, den wir bereits mit dem Fernglas als Biwakplatz auserkoren haben.

Darüber finden wir unter einem Felddach direkt an der Wand einen 5-Sterne-Biwakplatz. Mit etwas Aufwand entsteht eine Kuhle, aus der man nicht einmal rausfallen könnte, wenn man es wollte. Doch Max ist am Ende. Wie es morgen weitergehen soll, können wir frühestens am Morgen besprechen.

Am Morgen des vierten Tages wollten wir ursprünglich bis 13:00 weiterklettern, um zumindest einmal einen relativ guten Blick in die Headwall zu werfen und entscheiden zu können, ob es Sinn macht, da ernsthaft zu versuchen, eine kletterbare Linie durchzufinden. Doch nach zwei Längen wird uns bewusst: Es geht nicht mehr. Max ist am Ende seiner Kräfte und der Weg nach unten ist noch lang.

100 M unterm Ausstieg machen wir uns bereit abzuseilen, ohne eine Ahnung zu haben, ob diese verflixte Headwall möglich sein könnte. Mit demselben Wissen wie vorher ziehen wir uns zurück. Uns bleibt einfach keine andere Wahl, auch wenn es schmerzhaft ist. Wenn sich in einer Zweierseilschaft 1100 m über dem Boden jemand verletzt, sitzen wir so richtig in der Scheiße, also runter.

Unten angekommen sind wir müde, enttäuscht und fast sicher, dass wir nicht noch einmal in diese Wand einsteigen werden. Trotzdem erfüllt uns eine tiefe Zufriedenheit mit dem, was wir bis dorthin erlebt haben. Noch nie haben wir es uns in einer Wand so besorgt und das über so lange Zeit.

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Zurück im Basecamp: Wie geht es weiter?

Nach unserer Rückkehr im BC versuchten wir in den darauffolgenden Schönwettertagen noch eine Linie am Kongde Ri Nup, die wir aber am ersten Tag nach acht Längen wegen gefährlichen Steinschlags aus der Headwall abbrachen. Wir standen vor einer schwierigen Entscheidung: Die Temperaturen waren mittlerweile so warm und die Wände so trocken, dass ein erneuter Versuch in der Linie am Kongde Ri, dieses Mal zu dritt, unrealistisch erschien. 

Wenn es nicht bald etwas Niederschlag gibt und die Temperaturen sinken, ist das einfach nicht mehr drin. Oder ein anderes Ziel suchen. Der Tengi Ragi Tau fiel uns noch ins Auge. Doch um für diesen Berg aber eine Permit zu bekommen, müsste einer von uns nach Kathmandu reisen, um es persönlich zu beantragen. Plötzlich kam die Nachricht, dass eine Schlechtwetterfront am Weg sei und der Kongde rückte wieder etwas näher in die Realität zurück. Doch wollen wir das wirklich?

Nach einigen Längen (speziell den ersten drei) war ich mir schon nach dem ersten Mal sicher, dass ich sie sicher nie wieder vorsteigen will. Und ich sehe nicht wirklich eine Alternative, dies zu umgehen. Ein Vorteil wäre zwar, dass wir dieses Mal zu dritt wären und somit der Nachsteiger-Rucksack etwas leichter wäre, macht die kletterei jedoch auch nicht leichter.

<p>Spaß an der Freude: die Techno-Länge.</p>

Spaß an der Freude: die Techno-Länge.

© Elias Hangweyrer & Team

Direkt nach unserer Rückkehr ins BC nach dem ersten Versuch machten wir Bekanntschaft mit einem Mann namens Funuru Sherpa. Er fragte uns in perfektem Englisch, was wir gemacht haben, weswegen wir so erledigt aussehen. Wir erklärten es ihm und er versteckte seine Begeisterung nicht. Er erzählte uns, dass er bereits mit Jimmy Chin im Yosemite war und für David Lama die Lunag-Ri-Expeditionen organisierte. 

Ein nettes Gespräch entwickelte sich, das er mit dem Satz abschloss: "The hardest part is done! You have to go and finish it!" Er hat recht, wir müssen es zumindest versuchen. Wenn ich mich nicht nochmal hoch traue, dann drehen wir eben früher um. Aber wir haben’s dann wenigstens versucht. Das anfänglich so gewünschte Schlechtwetter blieb länger als gehofft und wurde zur absoluten Geduldsprobe.

Wochenlang saßen wir im BC, sinnierten und warteten auf den richtigen Zeitpunkt, loszugehen. Wir wussten, dass dies unsere letzte Chance sein würde dieses Jahr, also wollten wir den perfekten Moment abpassen. Nicht zu früh, damit sich der neue Schnee setzen kann, und nicht zu spät, damit es nicht wieder zu warm wird. Am 11.05.2026 ist es dann soweit, wir machen uns auf den Weg zur Wand.

Der zweite und letzte Versuch gelingt: Edge of Patience is born

Während des ganzen Tages donnern Lawinen durch die Wand links neben uns herunter. Gut, dachten wir, Was jetzt runterkommt, kann uns später nicht mehr auf den Kopf fallen. Am Morgen des nächsten Tages starteten wir auf bekannter Linie wieder in die Wand. Ein weiterer Vorteil ist, dass wir die Wand bis zur Headwall nun bereits kennen.

Wir konnten außerdem unsere Ausrüstung noch etwas optimieren: weniger Essen, da man in der Höhe sowieso nicht so viel essen kann, dafür ein paar mehr Pecker und etwas weniger Haken. Wir planen vier Tage für die Wand, einen für den Abstieg und eventuell noch einen, falls etwas schief geht. Für den haben wir aber nur noch eine Trek’n Eat zu dritt eingeplant, falls es notwendig sein sollte.

Die ersten Längen sind nicht leichter geworden. Aber irgendwie finde ich noch einmal die Überzeugung, diese Linie wirklich klettern zu wollen, sodass ich mich bis zum ersten Schneefeld hochwürge. Das war jetzt wirklich das letzte Mal! Es ist mehr Schnee in der Wand und die plattigen Stellen, die wir beim ersten Versuch oft sichern mussten, sind jetzt mit Schnee bedeckt, sodass wir schneller vorankommen.

<p>Aufbruch vom dritten Biwak.</p>

Aufbruch vom dritten Biwak.

© Elias Hangweyrer & Team

Um 13 Uhr sind wir bereits am ersten Biwak und machen es uns gemütlich. Eigentlich hätten wir gerne das nächste Biwak übersprungen, jedoch sind die Schneeverhältnisse nicht optimal und wir kommen nicht sehr schnell voran. Glücklicherweise finden wir aber ganz in der Nähe der steilen Flanke, in der wir unser zweites Biwak hatten, einen großen Block, unter dem wir problemlos eine Plattform für ein Zelt hinbekommen.

Gott sei Dank, dass wir dieses Biwak nicht ausgelassen haben, denn der dritte Tag erweist sich wieder als ein lang und mühsam. Die ganze Wand ist zugepappt mit einer dünnen Schnee-Eis-Schicht, die sich zwar nicht klettern lässt, aber das Finden von Placements zum Absichern umso schwieriger macht. In der Pendellänge habe ich meine Probleme, einen Riss für den Pecker zu finden, auf dem ich den Quergang mache.

Die Techno-Länge geht dieses Mal auch nicht so leicht von der Hand: Ständig donnert Spindrift auf mich herunter, während ich mich hocharbeite. An diesem Punkt ist uns klar, dass es wieder eng wird, bei Tageslicht noch das Biwak zu erreichen. Wir klettern, so schnell es unsere schwindenden Kraftreserven zulassen und erneut erreichen wir das dritte Biwak erst nach Sonnenuntergang. Ziemlich ausgelaugt entscheiden wir uns für eine unkonventionelle Taktik.

<p>Bei der Querung in die Headwall.</p>

Bei der Querung in die Headwall.

© Elias Hangweyrer & Team

Wir werden morgen hier Pause machen; es hat keinen Sinn, gleich morgen weiterzuklettern. Und das Biwak bietet viel Platz, also warum nicht einen Tag hier verbringen und dafür unseren Proviant etwas strecken? Am Anfang des vierten Tages fragte ich mich, ob das wirklich sinnvoll ist. So ausgelaugt wie ich mich fühle, kann ich mir nicht vorstellen, dass ich morgen nochmal so richtig Gas geben kann. Und das wird nötig sein, wenn wir durch diese Headwall kommen wollen.

Doch unser Zustand verbessert sich im Laufe des Tages stark und auch wenn so ein Tag zu dritt auf 2 m² eine Geduldsprobe sein kann, klettern wir am fünften Tag frischer weiter als zuvor. Wir passieren den Punkt, an dem wir zuletzt den Rückzug antraten, ab hier also wieder Neuland! Auf einem Foto der Headwall fiel uns eine Ververschneidung im oberen Wandteil auf, bei der wir glauben, dass sie uns nach draußen führen könnte.

Von dem letzten bekannten Stand quere ich noch etwa 25 m nach links. Ich versuche die Querung so gut wie möglich abzusichern, da es heute Jakob ist, der mit seinen Kraftreserven kämpft. Die Querung führt mich an den Anfang einer "Eisspur", wenn man sie so nennen will. Es ist eine senkrechte bis überhängende Verschneidung, in der etwas Eis und Schnee klebt. Ich betrachte sie skeptisch, sie führt direkt an den Anfang der Verschneidung. Doch ist das echt kletterbar? Und vor allem absicherbar?

<p>Nochmal alles geben in der Ausstiegslänge.</p>

Nochmal alles geben in der Ausstiegslänge.

© Elias Hangweyrer & Team

Fast zehn Minuten betrachte ich die Länge genauestens, bis ich das Gefühl habe, genug Absicherungspunkte gefunden zu haben. Das Eis ist von extrem schlechter Qualität. Immer wieder muss man nach Punkten suchen, an denen das Schnee-Eis-Gemisch noch genug Festigkeit besitzt, dass die Eisgeräte Halt finden. Glücklicherweise lässt sich immer wieder daneben im Fels eine Sicherung anbringen. Ansonsten wäre ich auf jeden Fall bereit gewesen, 30 m unter der vielversprechenden Verschneidung umzudrehen.

Schließlich komme ich zur letzten überhängenden Eisstufe vor der Verschneidung. Ich platziere einen letzten Cam, atme durch und klettere mit höchster Vorsicht über die steilen hauchdünnen Glasuren. In so steiler Kletterei merke ich so richtig die Höhe. Nach einer Passage mit ein paar wirklich schweren Zügen, muss ich fast panisch nach Luft ringen. Mit letztem Atem erreiche ich ein kleines Plateau unter der Verschneidung und baue einen Stand.

Die Momente, in denen man am Stand auf seine Partner wartet, sind normalerweise die, in denen man kurz Zeit hat, in der Hitze des Gefechts Ruhe einkehren zu lassen und die unglaubliche Schönheit und Exponiertheit seiner Umgebung auf sich wirken zu lassen. Nicht dieses Mal. Mein Blick weicht nicht von der Verschneidung über mir. Voller Hoffnung und Unruhe betrachte ich jeden Meter und frage mich, ob das unser Passo nach draußen sein wird. Nur noch knapp 80 m trennen uns vom Ausstieg, irgendwie muss das jetzt gehen.

Die ersten 50 m gehen nicht schlecht. Ich muss zwar einmal nach unten, um mir wieder Material zu holen, sogenanntes Backcleanen. Jedoch lässt sie sich gut in einer Mischung aus technischer und freier Kletterei hinaufkommen. Obwohl wir auf 6000 m sind, ziehe ich immer wieder die Handschuhe aus zum Klettern, da die Verschneidung fast komplett trocken ist. Nur noch 25 m und die sehen aus, als hätten sie es in sich. Fuck, das sieht richtig schwer aus, wie soll ich da hochkommen?

<p>Verschneidung in der Headwall.</p>

Verschneidung in der Headwall.

© Elias Hangweyrer & Team

Ein letztes Mal hole ich ein Foto der Headwall heraus und entdecke ein dünnes Schneeband, das man eventuell nach rechts ausqueren könnte, um nach anderen Möglichkeiten zu suchen. Nach kurzer Querung entdecke ich, was aussieht wie die Rückseite des Verschneidungskamins und mit ihren großen Flakes halbwegs kletterbar wirkt. Die ersten 5 m Aiden und dann Handschuhe weg und über die Felsschuppen rausklettern. Ja, das muss es sein!

Mitten in der Länge auf einer großen Schuppe stehend, fragt mich Max vom Stand aus, ob es nicht leichter wäre, die Steigeisen hier kurz auszuziehen. Ich denke nach und sage dann verlegen: "Ich hoffe, dass ich gleich mal am Schnee bin, dann brauch ich sie sowieso wieder." Ein paar Meter später rufe ich runter, während mir ein letzter Schwall Spindrift ins Gesicht hämmert: "Ich glaub, ich bin gleich draußen!"

Als ich mich die letzten Meter hinausringe und das erste Mal den Pickel ins Ausstiegsschneefeld schlage, kann ich nichts anderes tun als vor Freude zu schreien! Meine Freudensschreie werden von unten erwidert und jeder weiß Bescheid: Wir haben es geschafft! Am Ausstieg fallen wir uns in die Arme und können es nicht glauben, was wir da gerade gemacht haben. Fast exakt auf der geplanten Linie sind wir durch diese Wand geklettert. Fünf Tage hat sie uns nun festgehalten und bis zum Schluss war nicht klar, ob wir einen Weg hinaus finden würden.

<p>Gruppenfoto nach dem Ausstieg.</p>

Gruppenfoto nach dem Ausstieg.

© Elias Hangweyrer & Team

Grande Finale: Nur noch auf den Gipfel

Oben angekommen, bleibt uns die Wahl, ob links am Kongde Ri Shar oder rechts auf den Kongde Ri zu gehen. In unserem Zustand wollen wir einfach den leichter zu erreichenden Gipfel wählen und entscheiden uns für den Kongde Ri. Eine lange Schneeflanke zieht an seiner Rückseite empor. Die Sicht verschlechtert sich, wie so oft zu dieser Tageszeit. Beinahe unser ganzes Material lassen wir beim Zelt. Am Ausstieg und Ende der Schneeflanke erkennen wir zu unserem Bedauern, dass wir 100 m neben dem eigentlichen Gipfel sind.

Es ist bereits 18 Uhr, wir sind müde und wollen nicht riskieren, alles im Dunkeln abklettern zu müssen. Also kehren wir um zum Zelt. Die ganze schlaflose Nacht über plagt mich der Gedanke, nicht ganz am Gipfel gewesen zu sein. Und am nächsten Morgen um 5 Uhr entscheide ich mich, es noch auf den Shar zu versuchen, bevor wir abseilen. Jake und Mäx sind nicht schwer zu überzeugen, auch sie wollen die Tour bis zum Gipfel vervollständigen.

Das Gelände erweist sich zum ersten Mal als leichter als erwartet und zwei Stunden später stehen wir zu dritt am Gipfel! Für eine Zeit sitzen wir nur da, reden nicht, schauen nur, versuchen diesen unvergesslichen Moment in uns aufzunehmen und noch nicht an die bevorstehende Abseilfahrt zu denken. Die erwies sich als nicht so unproblematisch.

Viermal blieb uns das Seil hängen, zweimal mussten wir es abschneiden. Am Ende blieb von unseren zwei 60-m-Seilen nur noch ein 33-m-Seilstück übrig. Am Weg vom Wandfuß zurück in die Lodge machten uns die schweren Rucksäcke noch einmal so richtig zu schaffen. Glücklicherweise kamen uns vor dem letzten Gegenanstieg noch die Lodgebesitzerin mit zwei Bekannten entgegen und trugen tatsächlich unsere Rucksäcke zurück, wo wir anschließend köstlich versorgt wurden.

Fragt man uns in den darauffolgenden Tagen, wie die Erstbegehung war, ist die Antwort klar: brutal! Noch nie mussten wir so ans Limit und darüber hinaus gehen, um eine Route zu beenden. Oft war der Gedanke des Umkehrens in unseren Köpfen, einfach nicht mehr frieren, hungern und leiden. So einfach wäre es manchmal gewesen, abzubrechen. Der Durchstieg war angesichts der geringen Erfolgschancen nicht immer in unseren Köpfen. Wir wollten einfach das Gefühl haben, alles gegeben zu haben. Und das haben wir!

<p>Topo der Route "Edge of Patience" (2500 m, M7+, A2, AI6, R).</p>

Topo der Route "Edge of Patience" (2500 m, M7+, A2, AI6, R).

© Elias Hangweyrer & Team

Text von Elias Hangweyrer

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