Bergsteigerdörfer in Bayern

Wandern und Graveln: Von Kreuth durch die Bayerischen Alpen nach Ramsau

Die Wanderschuhe sind noch nass, als wir aufs Gravel Bike steigen. Hinter uns liegen Hirschberg und Hirschberghaus, vor uns Forststraßen, Almen, Pässe und viele Kilometer bis Ramsau. Zu Fuß und auf zwei Rädern führt unsere Reise quer durch die Bayerischen Alpen – durch eine Landschaft, die wie gemacht ist für alle, die lieber unterwegs sind, als Sehenswürdigkeiten abzuhaken.

Berge in Flammen am Hirschberg.
© Till Gottbrath

Bergsteigerdorf Kreuth: Nachhaltigkeit statt Massentourismus

Gemächlich steigen wir von Kreuth über den Hirschberg-Trail hinauf in Richtung Hirschberghaus. Biker begegnen uns auf diesem "Shared Trail" heute nicht, denn es regnet keine Bindfäden, sondern Seile. Der Boden schmatzt, der Wald trieft. Unserer guten Laune tut das aber keinen Abbruch.

Kathrin und Dagmar sind absolut wetterfest. Nicht minder wetterfest sind unsere beiden Begleiter: Sepp Bierschneider, Bürgermeister von Kreuth, und Andreas Kimpfbeck von der Tegernseer Tal Tourismus GmbH. Ich kenne sie durch mein ehrenamtliches Engagement im Bergsteigerdorf Sachrang.

<p>ÖPNV-Anreise zum Start der Tour in Tegernsee.</p>

ÖPNV-Anreise zum Start der Tour in Tegernsee.

© Till Gottbrath

Unterwegs erzählen sie von Kreuth und ihrer Begeisterung für die Bergsteigerdorf-Initiative. Sepp erinnert sich: "2015 habe ich davon gelesen und sofort gedacht: Das passt zu Kreuth. 

Wir haben uns immer ein hohes Maß an Eigenständigkeit bewahrt und uns behutsam entwickelt." Er nahm Kontakt zum DAV auf und gewann nach und nach den Gemeinderat für die Idee.

Auch setze man schon immer auf Nachhaltigkeit. Seit 1990 wird das Warmbad mit Solarthermie beheizt, viele Höfe wirtschaften biologisch, und die lokale Wirtschaft ist von kleineren Betrieben geprägt. 

<p>Gemütlich ist anders: An der Schneefall­grenze gravelnd durch die Langenau.</p>

Gemütlich ist anders: An der Schneefall­grenze gravelnd durch die Langenau.

© Till Gottbrath

Andi ergänzt: "Außerdem leben wir Traditionen – in den Trachtenvereinen, den Waldfesten und besonders bei der Leonhardifahrt." Doch der Weg zum Bergsteigerdorf war nicht frei von Vorbehalten, weiß Sepp.

Manche befürchteten, die Initiative verhindere jede Weiterentwicklung, andere sorgten sich vor einem Ausverkauf der Gemeinde. "Das Thema ist und bleibt erklärungsbedürftig. Wir müssen unseren Bürgern immer wieder vermitteln, worum es geht. Das ist kein Selbstläufer."

Hirschberghaus: Hüttenstopp über dem Tegernseer Tal

Als wir den Grat unterhalb des Hirschberg-Vorgipfels erreichen, peitscht uns eiskalter Regen ins Gesicht. Auf den Gipfel verzichten wir also und steuern direkt das Hirschberghaus an. Lena und Michael, die die Hütte erst vor Kurzem übernommen haben und vor vier Wochen Eltern wurden, empfangen uns herzlich.

<p>Aufstieg im Regen zum Hirschberghaus.</p>

Aufstieg im Regen zum Hirschberghaus.

© Till Gottbrath

Draußen prasselt der Regen, drinnen knistert das Holzfeuer. Selbst gebackener Kirschstreuselkuchen duftet, der Kaffee dampft, die Regenkleidung tropft im Flur. Pure Hüttenromantik – und wir haben als einzige Gäste einen der beliebtesten Ausflugsberge Münchens für uns alleine!

Lena und Michael setzen auf einfache, regionale Küche statt auf eine große Speisekarte, WLAN oder Duschen. Dafür gibt es Herzlichkeit und gutes Essen aus Zutaten der Umgebung – ganz im Sinne der Bergsteigerdörfer. Sepp und Andi freuen sich, dass man hier endlich wieder übernachten kann.

<p>Leidenschaftliche Bergsteigerdörfler: Sepp Bier­schneider (l.) und Andreas Kimpfbeck.</p>

Leidenschaftliche Bergsteigerdörfler: Sepp Bier­schneider (l.) und Andreas Kimpfbeck.

© Till Gottbrath

Später stürmt Lena aus der Küche: "Ihr müsst unbedingt raus – der Sonnenuntergang!" Tatsächlich bricht die Sonne unter der Wolkendecke hervor. Der Himmel scheint zu brennen, Berge flammen in dramatischem Licht, ein Anblick wie aus einer Wagner-Oper.

In der Nacht wache ich auf und lausche. Der Wind rüttelt zwar immer noch am Dach, aber der Regen prasselt nicht mehr gegen die Fenster. Am Morgen sehe ich, warum: Es schneit! Dagmar, Kathrin und ich entwickeln wenig Motivation aufzustehen, abzusteigen und mit dem Rad in Richtung Ramsau aufzubrechen.

Aber wir "müssen". Nach einem üppigen und herzhaften Frühstück schlittern wir durch zehn Zentimeter Neuschnee ins Tal. Weiter unten regnet es wieder heftig. Aber als wir Scharling erreichen, schickt der Wettergott ein paar Sonnenstrahlen.

<p>Nach Regen verwaist: die Sonnenterrasse des Hirschberghauses.</p>

Nach Regen verwaist: die Sonnenterrasse des Hirschberghauses.

© Till Gottbrath

Mit dem Gravel Bike zum Spitzsteinhaus

Sonne können wir gut gebrauchen, denn ab jetzt geht es per Gravel Bike weiter – zunächst entspannt durchs Landschaftsschutzgebiet Weißachau. Noch schnell einen Abstecher nach Wildbad Kreuth, bevor wir ins Sagenbachtal abzweigen, wo der Forstweg entlang des gleichnamigen Bachs sanft ansteigt. 

Daneben verläuft ein von der Tegernseer Tal Tourismus GmbH in Kooperation mit den Bayerischen Staatsforsten angelegter Mountainbike-Singletrail. Kurz vor der Langenau geht der Regen in Schnee über.

An schönen Wochenenden herrscht hier reger Bike-Verkehr, heute gehört das Tal nur uns. Der Weg von der Bayralm zur Brücke über die Bairache wird gerade ausgebaut. Anfangs noch fahrbar, verwandeln Bauarbeiten und Schlamm die Serpentinen bald in eine unumgängliche Tragepassage.

<p>Paradeplatz: Vom Spitzsteinhaus hat man herrliche Aussicht nach Süden auf das Kaisergebirge.</p>

Paradeplatz: Vom Spitzsteinhaus hat man herrliche Aussicht nach Süden auf das Kaisergebirge.

© Till Gottbrath

Gravel-Tour Richtung Ramsau: Durch Tirol und das Salzburger Land

Weiter geht es kurze Zeit später wieder per Bike, vorbei an der Erzherzog-Johann-Klause und ein Stück entlang der Brandenberger Ache, bevor der lange Anstieg zur Ackernalm beginnt. Es bleibt kalt und nass. 

Auf der Abfahrt nach Thiersee rollen wir endlich wieder auf Asphalt. Zwischen Landl und Vorderthiersee wartet der einzige Abschnitt dieser Tour ohne Radweg oder Alternative zur Bundesstraße. 

Und in Thiersee zeigt sich die Sonne dann endlich richtig – Wärme für Finger, Zehen und Seele! Wir rollen durch Kiefersfelden, Oberaudorf und Erl weiter. Die letzten 700 Höhenmeter zum umwerfend schön gelegenen Spitzsteinhaus kosten Kraft, doch Kaspressknödel, kalte Getränke und der Blick auf Kaisergebirge, Inntal und die verschneiten Zillertaler entschädigen.

<p>Die Ackernalm lockt nicht nur mit einer ­Einkehr, im Sommer wird hier auch gekäst.</p>

Die Ackernalm lockt nicht nur mit einer ­Einkehr, im Sommer wird hier auch gekäst.

© Till Gottbrath

Saalforsten: Wo Geschichte und Alpenlandschaft aufeinandertreffen

Am nächsten Tag führt die Route fast 70 Kilometer lang entspannt im Tal: durch Ritzgraben, Rettenschöss, Walchsee, Kössen, Erpfendorf, Waidring und Lofer bis nach Weißbach – meist auf Rad- und Forstwegen.

In Weißbach, auch ein Bergsteigerdorf, endet die entspannte Rollerei abrupt. Über eine schmale, teils extrem steile Straße pedalieren wir hinauf zum Hirschbichlpass. Sie ist für den öffentlichen Verkehr gesperrt und damit ein Paradies für Radfahrer.

Drahtige Biker ziehen an uns vorbei. Auch Kathrin kurbelt alles hinauf, meine Beine sind müde. Als Dagmar schieben muss, begleite ich sie, vorgeblich aus Höflichkeit, tatsächlich kann ich aber nicht anders.

<p>Aufgespielt: musikalische ­Abwechslung im Traditionswirtshaus Auzinger am Hintersee.</p>

Aufgespielt: musikalische ­Abwechslung im Traditionswirtshaus Auzinger am Hintersee.

© Till Gottbrath

Kurz vor der Weißbach-Brücke verlassen wir den Asphalt nach Südwesten, um die steilste Passage zu umfahren. Plötzlich steht wie versprochen Rudi Fendt vor uns. Rudi, ursprünglich Lehrer, war bis gestern noch zweiter Bürgermeister von Ramsau, ab heute sei er Rentner, sagt er. "Aber um das Thema Bergsteigerdorf will ich mich auch weiterhin kümmern. Das ist mein Ding", fährt er fort.

Wer ihn mit seinem schnittigen E-Mountainbike sieht, nimmt ihm den Bergmenschen sofort ab. Drahtig schaut er aus, nicht nur fit auf dem Bike, sondern ebenso mit den Wanderschuhen, dem Kletterseil oder den Tourenski. Eh klar, dass er sich auch bei der örtlichen Bergwacht engagiert.

Er begrüßt uns herzlich. Von dieser Sekunde an wird unsere anstrengende Kurbelei zur unterhaltsamen Sightseeing- und Listening-Tour. Wobei die Kommunikation ziemlich einseitig verläuft: E-Bike-Rudi redet, wir hecheln und hören.

<p>Abfahrt von der Bindalm mit Blick auf die Reiteralm.</p>

Abfahrt von der Bindalm mit Blick auf die Reiteralm.

© Till Gottbrath

In Sachen Begeisterung für seine Heimat und die Bergsteigerdorf-Idee steht er Sepp und Andi aus Kreuth in nichts nach. So erfahren wir, dass wir gerade durch die Saalforsten radeln – ein bayerisches Forstgebiet auf österreichischem Boden.

Grundlage ist die Salinenkonvention von 1829: Bayern darf hier bis heute Holz schlagen für die Reichenhaller Salinen, dafür dürfen die Halleiner Knappen unter der Grenze hindurch Salz auf bayerischem Gebiet abbauen.

<p>Blick auf die Kirche von Ramsau.</p>

Blick auf die Kirche von Ramsau.

© Till Gottbrath

Hintersee: Natur erleben statt Attraktionen sammeln

Kurz nach der Passhöhe erreichen wir die Grenze. Der Alpengasthof, einst Zollhaus, wirkt einladend, im renovierten Bergheim könnte man übernachten. Danach machen wir einen Abstecher zur Bindalm mit ihren drei denkmalgeschützten Kasern und dem sensationellen Blick auf die "Ramsauer Dolomiten", die Reiteralm.

Rudi hat einen Tisch im Auzinger reserviert, einer Traditionswirtschaft nahe des kitschig-schönen Hintersees. Gut so – Magen und Beine sind leer. Zum Glück rollen wir das letzte Stück nur noch bergab – mit bis zu 30 Prozent Gefälle … Ein Hoch auf die Scheibenbremsen!

Am nächsten Tag regnet es einmal mehr "Seile". Statt einer großen Tour spazieren wir mit zwei Rangerinnen zur Ragertalm. Die Beobachtungsplätze von Adlern und Bartgeiern sind heute leider reine Informationsorte. Am spannendsten finde ich die Aas-Station. Hier bleibt ein Tierkadaver bewusst liegen.

"Zersetzungsprozesse sind im ökologischen Kreislauf extrem wichtig", erklärt eine Rangerin. "Tierkadaver sind die nährstoffreichste Form toter organischer Materie." Und die geruchsintensivste. 

<p>Unterwegs an der Schärtenspitze.</p>

Unterwegs an der Schärtenspitze.

© Till Gottbrath

Ramsau und Hintersee: Ankommen im Berchtesgadener Land

Später sitzen wir mit Rudi bei Kaffee und Kuchen und sprechen über Ramsau. "Wir waren das erste deutsche Bergsteigerdorf", erinnert er sich. "Wir leben diese Philosophie eigentlich schon immer."

Mit einem Grinsen denkt er zurück an die Anfänge: "Viele dachten zuerst: 'Ob das was wird?' Dann: 'Gar nicht so schlecht.' Und schließlich: 'Das ist super, das hab ich von Anfang an gewusst!' Insgesamt ist der Skeptizismus dem Stolz gewichen." Entscheidend sei ohnehin, dass die Einheimischen hinter der Idee stünden und sich einig seien, wohin die Reise gehe.

<p>Traditionelle Leonhardifahrt: ein großes Fest in Kreuth.</p>

Traditionelle Leonhardifahrt: ein großes Fest in Kreuth.

© Der Tegernsee, Stefanie Pfeiler.

Nachhaltiger Tourismus: Warum weniger in den Alpen mehr ist

An Gästen mangelt es Ramsau nicht. "Unser größtes Problem ist die Besucherlenkung", weiß Rudi. An schönen Tagen gebe es Staus, überfüllte Parkplätze und volle Hütten. 

Auf der Watzmann-Überschreitung seien an einem Tag fast 500 Menschen gezählt worden. Deshalb investiere die Gemeinde stark in den öffentlichen Nahverkehr. "Ohne Auto ist es vor Ort sogar einfacher."

Sorgen bereitet ihm dagegen der Instagram- und Tourenportal-Tourismus. "Das lockt Menschen an, die den Anforderungen vieler Touren nicht gewachsen sind." Deshalb beschäftigt der Nationalpark sogar zwei digitale Rangerinnen, die im Internet irreführende Inhalte aufspüren und auch entsprechend korrigieren (lassen).

Für Rudi muss das Prädikat "Bergsteigerdorf" vor allem nach innen wirken: "Nachhaltigkeit ist unser Schwerpunkt. Wir dürfen unsere Seele nicht verkaufen und müssen uns – ich liebe dieses Wort – enkelgerecht verhalten. Weniger ist eben manchmal mehr."

Bergsteigerdörfer: Die wichtigsten Fakten auf einen Blick

  • Gründung: Die Initiative wurde 2008 ins Leben gerufen.

  • Träger: Gemeinschaftsprojekt der Alpenvereine aus Österreich, Deutschland, Südtirol, Italien, Slowenien und der Schweiz.

  • Mitglieder: Aktuell gehören 43 Bergsteigerdörfer zur Initiative.

  • Deutsche Bergsteigerdörfer: Die deutschen Bergsteigerdörfer sind Kreuth, Ramsau, Sachrang und Schleching.

  • Ziel: Förderung eines nachhaltigen, naturverträglichen Alpentourismus und Erhalt lebenswerter Bergregionen.

  • Aufnahmekriterien: Voraussetzung sind unter anderem eine intakte Natur- und Kulturlandschaft, attraktive Bergsportmöglichkeiten, eine kleinstrukturierte touristische Infrastruktur sowie eine gute Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

  • Bewusst ausgeschlossen: Große Skigebiete, Hotelanlagen und stark befahrene Verkehrsachsen passen nicht zum Konzept.

  • Grundlage: Die Initiative orientiert sich an der Alpenkonvention und deren Zielen für eine nachhaltige Entwicklung des Alpenraums.

  • Verpflichtung: Die Auszeichnung als Bergsteigerdorf ist mit einer langfristigen Selbstverpflichtung verbunden.

  • Schwerpunkte: Naturschutz, regionale Wertschöpfung, respektvoller Umgang mit der Bergwelt sowie Eigenverantwortung von Gästen und Einheimischen.

  • Leitgedanken: "Genuss statt Konsum" und "Ruhe statt Hektik".

  • Zusammenarbeit: Die Bergsteigerdörfer tauschen Erfahrungen aus und entwickeln gemeinsam Lösungen für die Zukunft des naturverträglichen Alpintourismus.

<p>Übersicht über die Bergsteigerdörfer in den Alpen</p>

Übersicht über die Bergsteigerdörfer in den Alpen

© Bergsteiger Dörfer

Wie wird man Bergsteigerdorf?

  • Klare Voraussetzungen: Bergsteigerdörfer müssen hohe Natur- und Landschaftsqualität, einen dörflichen Charakter, eine bergsportgerechte touristische Infrastruktur sowie eine geringe Verkehrsbelastung aufweisen.

  • Verbindliche Verpflichtungen: Mitgliedsorte setzen sich für den Schutz von Natur und Landschaft, eine nachhaltige Dorfentwicklung, umweltfreundliche Mobilität, hohe Tourismusqualität und eine enge Zusammenarbeit der lokalen Akteure ein.

  • Gemeinsames Ziel: Bergsteigerdörfer sollen Vorbilder für nachhaltigen Alpintourismus sein – mit regionaler Wertschöpfung, gelebter Bau- und Dorfkultur sowie einem verantwortungsvollen Umgang mit dem alpinen Lebensraum.

Text von Till Gottbrath

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