"Habe so etwas noch nie gemacht"

Ohne Erfahrung Solo aufs Matterhorn? YouTuber erntet Kritik

Der vor allem über YouTube bekannt gewordene (3,2 Mio. Follower) ehemalige Sportkletterer Magnus Midtbø hat ein Video veröffentlicht, das nicht nur bei seinen Followern für kontroverse Diskussionen gesorgt hat. Der Creator dokumentierte filmisch seinen Solo-Aufstieg aufs Matterhorn, zuvor gab er freimütig zu "keine Ahnung vom Bergsteigen zu haben". Eine kritische Einordnung.

Ohne Erfahrung Solo aufs Matterhorn? YouTuber im Shitstorm
© YouTube/Magnus Midtbø

Ohne Erfahrung Solo aufs Matterhorn? YouTuber erntet Kritik

Dass das Matterhorn als erste Bergtour tendenziell ungeeignet ist, ist Erfahrenen auf den ersten Blick klar. Mehrere Statistiken listen den Berg aufgrund der Todeszahlen als einen der gefährlichsten weltweit. Weshalb sich der ehemalige Sportkletterer und YouTuber Magnus Midtbø dennoch ausgerechnet dieses Ziel ausgesucht hat, lässt sich wohl nur mit einem Grund erklären: Klicks. Oder?

Mit über 3,15 Millionen YouTube-Followern lohnt sich ein aufsehenerregendes Video tatsächlich durchaus, zwei Milionen Views erzielte das Video bislang, über 10.000 Kommentare wurden gepostet. Dass die Tour gefährlich ist und normalerweise mit Bergführer oder viel Erfahrung begangen wird, war Midtbø laut Aussagen in seinem Video bewusst. Mit einem von dem Norweger wie beiläufig geäußerten Satz "So etwas habe ich noch nie gemacht" (ob nun Wahrheit oder Behauptung), war ein Shitstorm eigentlich schon vorprogrammiert. Der folgte dann auch.

Er habe sich kurzfristig dazu entschlossen, sagt der 37-Jährige im Stream. "Ich habe noch nie Steigeisen benutzt und hätte das wahrscheinlich testen sollen, bevor ich hierher kam. Aber es war so eine spontane Idee." Ähnliche Sätze fallen laut Midtbøs Bericht auch, wenn er auf andere Bergsteiger trifft, die ihn (wohl aufgrund seiner teilweise im Video sichtbaren Unsicherheit) kritisch ansprechen. Den wiederholten Rat zur Umkehr wischt der Creator beiseite.

"Es ist wohl das erste Video, das ich etwas bereue"

Ab 4200 Metern kommen neben der Unsicherheit Höhenprobleme hinzu. Mangels Akklimatisierung im Vorfeld plagen den YouTuber bald starke Kopfschmerzen. Wieder entschließt er sich nicht zum Abbruch. Warum eigentlich nicht?

Schließlich erreicht er den Gipfel, zufrieden ist er nicht. "Auch wenn ich glücklich wirke und ein wenig feiere, geht es mir nicht wirklich gut", sagte er dort in die Kamera. Im Abstieg verlief er sich, verlor aufgrund von Erschöpfung und Höhenproblemen immer wieder die Orientierung. Schließlich brach er die Aufzeichnung ab. Midtbøs Fazit: "Es ist wohl das erste Video, das ich etwas bereue. [...] Ich möchte nicht, dass das jemand nachmacht." Gelöscht wurde der Beitrag bislang nicht.

Kritik von der Air Zermatt, Roger Schäli und aus der Bergsteiger-Community

In einem SRF-Bericht zeigte sich Anjan Truffer, Rettungschef bei Air Zermatt, kritisch."Solche Situationen sind brenzlig. Da kann auch einem guten Kletterer ein Unfall passieren", sagte er. YouTube-Follower könnten nicht zwischen Hobby-Bergsteiger und Profi unterscheiden, gefährliche Nachahmungen seien die Folge. Der Content unerfahrener und unreflektierter Influencer bereite Experten zunehmend Sorge. Nicht nur in der Schweiz werden Rettungseinsätze aufgrund von Selbstüberschätzung und Blockaden immer häufiger.

Auch Profi-Alpinist Roger Schäli kommt im Gespräch mit ALPIN zu einer klaren Einschätzung: "Ein guter Kletterer wie Magnus ist nicht automatisch ein guter Alpinist. Man kann Sportkletter-Skills nur bedingt auf alpine Touren übertragen. Social Media ist kein guter Motivator für solche Aktionen! Hinzu kommt, dass das Matterhorn aus Bergsteigersicht nicht noch mehr Werbung braucht, sondern weniger. Wir machen alle Fehler, Magnus hätte seine Einsicht am Ende aber klarer kommunizieren müssen. Ohne eine solche Einordnung ist das Video wirklich sehr heikel."

Auch viele der User-Kommentare hinterfragen den Beitrag kritisch:

"Ich bin Bergsteiger und habe letztes Jahr mit einem Freund das Matterhorn bestiegen. [...] Tatsächlich halte ich es für ein Wunder, dass du nicht gefallen bist. Bitte, bitte, bitte, Magnus, belege Kurse, bevor du so einen Gipfel versuchst. [...] Es gibt Risiken, die man nicht beherrschen kann (wie Steinschlag beim Solo-Besteigen, Lawinen usw.), aber versuche es wenigstens, bei den Dingen, die du kontrollieren kannst", schrieb ein eher wohlmeinender Follower. 13.000 Likes erhielt der Kommentar.

"Ich glaube, dass du mit der Veröffentlichung solcher Videos zum wachsenden Problem unerfahrener Hochgebirgstouristen beiträgst, die nicht nur sich selbst, sondern auch alle um sie herum in Gefahr bringen. Ich denke, dieses Video sendet die falsche Botschaft. Mit deiner Zuschauerzahl könntest du ein großartiger Botschafter dafür sein, solche Besteigungen mit der nötigen Vorbereitung, Erfahrung und dem nötigen Respekt anzugehen", kommentierte ein Schweizer. Besser kann man es kaum formulieren.

Warum das Matterhorn über den Hörnligrat nicht anfängertauglich ist

Der Hörnligrat zählt zu den schwierigsten Normalwegen auf einen Viertausender. Einen leichten Zustieg gibt es nicht. Die permanente Ausgesetztheit, die schwierige Wegfindung, die Länge, die Höhe – der Gipfel ist nur lohnend, wenn man diesen Anforderungen gewachsen ist. Der Grat weist offiziell Schwierigkeiten bis III auf. Diese Angabe gilt aber nur für die optimale Route! Und die wird man fast nie erwischen. Deshalb sollte man einen alpinen IVer sicher beherrschen. Wichtig ist außerdem ein routinierter Umgang mit dem Seil – und Steigeisen.

Doku zur Einordung: Wie gefährlich ist das Matterhorn? Wer ist bereit für die Tour?

"NZZ Format" geht in einer aktuellen Doku der Frage nach, weshalb so viele Bergsteiger das Risiko am Matterhorn unterschätzen. Die Dokumentation gewährt Einblicke, indem sie Anjan Truffer, Bergführer und Rettungschef der Air Zermatt, in das hochgelegene Solvaybiwak begleitet. Der Film zeigt auch, wie die Hüttenwartin Edith Lehner auf der Hörnlihütte mit den Unglücken am Berg lebt. Und er folgt Bergsteigerin Meli Rüfenacht auf ihre Matterhorn-Besteigung – ein Jahr nachdem sie Zeugin eines tödlichen Absturzes wurde. 

Die Dokumentation beleuchtet nicht nur die physischen Gefahren des Alpinismus, sondern auch die psychologischen Folgen und die Kultur des Risikos. Wie gehen Hinterbliebene mit dem plötzlichen Verlust um? Welche Bewältigungsstrategien entwickeln Rettungskräfte, die mit Tod und Trauma konfrontiert sind? Und welche Rolle spielen soziale Medien, wenn immer mehr Menschen unvorbereitet den Aufstieg wagen? Zum Stream:

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Text von Lubika Brechtel

11 Kommentare

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Günter

Es gibt einige Leute, die gute Videos von ihren Touren machen, aber solche wo gesagt wird: ich hab keinerlei Bergerfahrung und bin auf Berg xy gestiegen schaue ich mir nicht an.

Bergsteiger

Wenn er das ausführlich dokumentiert hat, kann man daran vielleicht auch noch etwas lernen, die kritischen Situationen sind für andere vielleicht lehrreich, allerdings sollte er nicht so sehr betonen, keine Erfahrung zu haben, sonst könnten sich Leute berufen fühlen, die tatsächlich keine Erfahrung haben und auf den lebensrettenden Bergführer verzichten. Selbst Laura dahlmeier hätte am Laila peak einen benötigt. Aber grundsätzlich stehe ich diesen Dokumentationen positiv gegenüber, die hätte Laura sich auch mal anschauen sollen, da war auch Steinschlag ein Thema. Es sind auch teilweise die erfahrenen, die das Schicksal regelrecht herausfordern. Lauras ex-freund und ihr Onkel sind bei Lawinengefahr in extra steile Wände geklettert, der ex-freund weit entfernt von menschlichen Siedlungen ohne Kommunikationsmittel, der andere bei hohem Schnee, so das sich die Gefahren geradezu multipliziert haben. Die Dokumentation wird nichts ändern, die hazadeure kann man eh nicht abhalten und die anderen werden eher abgeschreckt oder nachdenklich gemacht. Aber Erfahrungen am Bildschirm sind meiner Meinung nach wichtig.

Mensch

Die Einteilung ohne Erfahrung und kritische Einordnung ist falsch gewähnt. Der Artikel ist eine Kritik eine Einordnung würde nicht nur auf die negativen Aspekte eingehen und wissenschaftliche und rationale Punkte beinhalten. Ihr schreibt außerdem das der Gipfel wirklich nicht mehr werbung braucht, sorry aber welcher braucht das schon? Und was macht Ihr wenn er nur auf Klicks aus ist mit dieser Einordnung? Nicht falsch verstehen, ich verstehe warum das Video Kritik erhält, denke aber die art und weise wie das passiert und gerade hier wo ich mir doch etwas mehr professionelle Blickwinkel gewünscht hätte ist genauso verwerflich, wie das Video selbst

Bubbkes

>[der] ehemalige Sportkletterer Magnus Midtbø
"Sportklettern" ist eine Art von Klettern! Der Mann macht immer noch Sportklettern, nur nicht mehr in Internationalen Wettbewerben.

Also man hört nicht auf "Sportkletterer" zu sein, es sei denn man sucht sich ein anderes Hobby. Ich glaub ihr meint "ehemalige professionelle Sportkletterer". Wobei das wohl auch falsch wäre, weil ja immer noch Geld damit macht.

Daniel

Der Mann war A-Jugend-WELTMEISTER im Klettern und begibt sich auf seinem YouTube-Kanal in allerlei abenteuerliche Situationen ... viel mehr will ich dann auch nicht dazu sagen.

Matthias K.

Aus meiner Sicht hat er alles richtig gemacht: er hat - wieder einmal- über Youtube hinaus - die volle mediale Aufmerksamkeit erlangt.
Und die Dramaturgie in dem Video gehört natürlich zur Inszenierung dazu. Man darf auch nicht vergessen, dass sein Solo mit Alex H. das meistgesehenste Video von ihm ist, daher ist eine erneute Solotour natürlich die logische Konsequenz, um Klicks zu erhalten. Aus meiner Sicht hat er alles im Griff gehabt, der ist doch nicht blöd und steigt einfach so in eine Tour ein...

Was ich viel schlimmer finde, ist die die Tatsache, dass man anscheinend dem durchschnittlichen Socialmedia-Zuschauer sämtliche eigene Kompetenzen absprechen muss.
Mal ehrlich, wie hoch ist der prozentuale Anteil an Leuten, die aufgrund eines Videos und ohne Bergerfahrung versuchen, das Matterhorn zu besteigen ?
Und die zunehmende allgemeine Empörung ist wirklich beängstigend.

Die bisherigen anderen Kommentare finde ich bisher sehr treffend.






Ingo

@Alois Absolut deiner Meinung. Magnus ist ein Top-Athlet und Kult. Verfolge seine Videos schon seit Jahren. Es gibt nichts, was der noch nicht gemacht hat. Und was der macht, macht der richtig. Er ist ein Spitzenkletterer und spielt konditionell in der höchsten Liga mit. Sicherlich gabs in dem Video Szenen überm bodenlosen Abgrund und geschnauft hat er wegen der fehlenden Höhenanpassung auch. Gefährdet hat er bei seiner Begehung niemanden. (Ich höre schon das Geschrei "Und was ist mit den Bergrettern, die ihn im Falle eines Unfalls da rausholen müssen.) Und ja, Eisklettern kann er auch. Seht euch sein Video Itried the Woman's World Championships final an. Ist zwar nicht das Matterhorn aber Steigeisen trägt er da schon. Die ganze Sache wird hier wieder unheimlich aufgebauscht. Nehmt einfach mal eure erhobenen Zeigefinger runter und macht euch mal locker. Ich freue mich schon auf das nächste Magnus Video.

Alois

@ mattusch: Ich hatte mir das Video angeschaut, möglicherweise nicht genau genug, kann sein, und ich hatte - als auch winter-/hochalpin einigermaßen Erfahrener - den Eindruck, dass er technisch sicher genug unterwegs war, auch mit Steigeisen, und er schien mir der Tour konditionell jedenfalls gewachsen. Ich schaue mir das Video aber noch mal in Ruhe an, vor allem in der Hinsicht, ob er unmittelbar andere durch sein Tun gefährdet hat. Mir erschien das, was er von sich gab und das, was ich sah überhaupt nicht stimmig, das passte für mich nicht. Ich glaube, er hat hier bewusst eine Dramaturgie aufgebaut - könnte freilich aber alles so gewesen sein, wie er es sagte. Dass er das Video besonders für Klicks und damit Geld hochgeladen hat, halte ich für nicht unwahrscheinlich. Der Mann ist halt geschäftstüchtig. Ob das moralisch verwerflich ist, kann jeder nach seinem Lebensbild beantworten, ich meine nicht. Nicht er klickt, das Publikum klickt. Der Mann erfüllt für mich keine Vorbildfunktion, zumindest nicht in Bezug auf die einschlägige Tour; ich würde ihn daher z.B. nicht mitverantwortlich machen, wenn jemand seinetwegen als Ungeübter die Tour entsprechend nachmacht und verunglückt, was nie geschehen möge. Ihm Verantwortlosigkeit zuzuschreiben, weil er seine "Dummheit" veröffentlich hat, kann ich zwar verstehen; man kann aber insoweit auch eine andere Perspektive einnehmen; ich lerne nicht nur aus eigenen Fehlern, sondern auch von Fehlern anderer Leute, zumal wenn diese sich entsprechend dazu äußern, einerlei ob ehrlich oder geflunkert selbstkritisch oder ob das Fehlverhalten echt oder gespielt war. Mag sein, dass Magnus hier fahrlässig gehandelt und er das währenddessen oder im Nachhinein gemerkt hat; vielleicht ändert das was bei ihm für künftige Aktionen. So, mehr gibt's dazu meinesteils nicht beizutragen, außer dass ich allen eine gute und unfallfreie Zeit in den Bergen wünsche; ich empfinde es als Privileg, jedes Wochenende Touren gehen zu können und bin dankbar dafür.

mattusch

@Alois: ich weiss nicht, ob du das Video von Magnus gesehen hast. Ich vermute mal nicht. Das Magnus auf der Tour alles im Griff hatte, davon kann wirklich keine Rede sein. Er hatte schlicht Glück, dass er es gut überstanden hatte. Was die Eigenverantwortung der Menschen betrifft, stimme ich mit dir überein. Aber dann muss man auch klar konkludieren, dass es Magnus mit diesem Video wahrscheinlich nur um Klicks und Geld gegangen ist. Denn er hätte seine „Dummheit“ im Nachhinein schlicht nicht veröffentlichen müssen, wenn er verantwortungsvoll ist. Nur meine Meinung:)

Alois

@ Bruno, guter Kommentar! Manche werden deinen fast philosophischen Satz "Grundsätzlich ist es besser, etwas zu machen als nicht zu machen" zerpflücken, weil sie nicht zwischen den Worten lesen können bzw. wollen.
Die Aufregung um Magnus Midtbø ist leider zeitgemäß und v.a. grotesk. Er ruft weder explizit noch implizit zum Nachmachen auf. Jeder Youtuber hat im Übrigen das Recht, sein Geltungsbedürfnis und seinen Narzissmus auszuleben und eine Show abzuliefern. Jeder Mensch, der so etwas konsumiert, hat das für sich selbst einzuordnen und, falls er es nachmachen will, 100%ig allein zu verantworten. Und es ist vollkommen egal, wie viel Märchen und Schauspielerrei bei seiner kritisierten Tour drin steckt. Sein Video ist kein Lehrfilm. Dass er ohne Erfahrung da rauf ist, muss man ihm nicht abnehmen; dass er es so darstellt, muss man ihm nicht übel nehmen.
Das Matterhorn ist bekanntermaßen klettertechnisch unschwierig. Magnus, der wohl als Spitzensportler einzustufen ist, ist offensichtlich sicher mit seinen Steigeisen unterwegs gewesen, und konditionell hatte er genau so offensichtlich kein Problem. Mit anderen Worten, er hatte alles im Griff.
Die angeblich kritische Äußerung von Anjan Truffer, der sich zurecht zurückgenommen ausgedrückt hat, ist ein sehr allgemeiner Hinweis, nicht mehr; selbstverständlich wäre es ihm lieber, wenn sich jeder einen Bergführer nehmen würde, was ich auch befürworte; die Tour ist dann einfach entspannter.
Ich bin übrigens weder Fan noch Follower von Magnus.
Habe die Ehre. Alois

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