Neue Studie aus der Schweiz

Folgen der Klimakrise in den Alpen: Erdbebengefahr am Montblanc

Die durch ein stabiles Hochdruckgebiet verursachte Hitzewelle der vergangenen Tage hat sich besonders in den Alpen bemerkbar gemacht. Während das Thermometer in Deutschland und Österreich auf bis zu 38 Grad geklettert war, wies auch die Nullgradgrenze mit über 5100 Metern einen weiteren Höchstwert auf. Ein Forschungsteam aus der Schweiz hat nun neue Erkenntnisse zum Zusammenhang von Klimakrise, Gletscherschmelze und Erdbebenwahrscheinlichkeit vorgestellt.

Folgen der Klimakrise in den Alpen: Extreme Erdbebengefahr am Montblanc
© IMAGO / Jan Eifert

04. Juli 2025 | Erdbebengefahr am Montblanc extrem erhöht

Nach Tagen schier endloser Hitze folgte nun die ersehnte Abkühlung, allerdings in Form heftiger Unwetter und Starkregen. Das machte sich besonders im Alpenraum bemerkbar, wo zuletzt einige Täler am Hauptkamm, darunter etwa das Gschnitztal, durch extreme Unwetter verwüstet worden waren. Teilweise hatten Menschen per Hubschrauber evakuiert werden müssen.

In der Schweiz war nur wenige Tage zuvor ein weiterer Temperaturhöchstwert gemessen worden: Die Nullgradgrenze lag zeitweilig auf über 5100 Metern. Das bedeutete auch für den "Höchsten" der Alpen, den Montblanc, auf 4806 Metern Plusgrade. Die dadurch stark vorangetriebene Gletscherschmelze in dem sensiblen hochalpinen Bereich hat laut einer neuen Studie aus der Schweiz Gravierendes zur Folge:

Infografik
© picture alliance / Jan Eifert | Jan Eifert

Durch das schnelle Abtauen des Eises auf und im Berg erhöht sich die Erdbebenwahrscheinlichkeit deutlich. Dem Team des Schweizerischen Erdbebendienst (SED), Forscherinnen und Forschern der ETH Zürich, des Bureau de Recherches Géologiques et Minières (BRGM) in Montpellier und des Instituts des Sciences de la Terre (Isterre) in Grenoble ist es erstmals gelungen, den direkten Zusammenhang zwischen Klimawandel und Erdbebengefahr nachzuweisen. 

15 Jahre lang hatte das Team den Bereich um die Grandes Jorasses (Montblancgebiet) untersucht. Die Erkenntnis: Besonders in den Herbstmonaten häufe sich die Aktivität im Boden, nachdem über die heißen Sommermonate Gletschereis und Permafrost abgetaut waren. Das entstehende Schmelzwasser suche sich durch die Gesteinsmassen seinen Weg unter die Berge, wodurch sich der sogenannte Porenwasserdruck verändere.

Anhand unterschiedlicher Modelle belegte das Team den eindeutigen Zusammenhang zwischen seismischer Aktivität und Druckveränderungen durch Schmelzwasser. Insgesamt habe sich das Risiko für Erdbeben dadurch um etwa das Hundertfache im Vergleich zum Jahr 2015 erhöht. Insbesondere die immer häufiger auftretenden Hitzewellen beeinflussen diese Schmelzwasserinfiltration, die wiederum den Porendruck im Gestein ansteigen lasse.

Dies wiederum hat unterirdische Spannungen zur Folge, die Erschütterungen des Bodens deutlich wahrscheinlicher machen. Laut der Studie ist dies bereits durch eine stark erhöhte Aktivität im untersuchten Montblancgebiet nachweisbar, messbaru. a. im Mont-Blanc-Tunnel.

<p>Die Einfahrt zum Mont-Blanc-Tunnel, wo die Forschenden Messungen durchführten.</p>

Die Einfahrt zum Mont-Blanc-Tunnel, wo die Forschenden Messungen durchführten.

© picture alliance / Hans Lucas | Capucine Veuillet

30. Juni 2025 | Erschreckend: Nullgradgrenze erneut auf über 5100 Metern

Fast 40 Grad in den Tälern, 12 am Matterhorn und sogar über null Grad am Montblanc: Das aktuelle Hochdruckgebiet über Europa hat es in sich. In den Schweizer Alpen erreichte die Nullgradgrenze am vergangenen Samstag (28. Juni 2025) einen erschreckenden Wert. Erst auf einer Höhe von über 5100 Metern knackten die Temperaturen den Gefrierpunkt.

Seit Messbeginn im Jahr 1954 war es in den Bergen noch nie heißer als jetzt. Das stellen auch die Experten der meteorologische Forschungsstation auf dem Colle Major (4750 m) fest: Dort wurden am Samstagmittag plus 1,4 Grad gemessen. Das übersteigt den dort gemessenen Negativwert vom August 2024. Damals hatte sich die Temperatur 33 Stunden über dem Gefrierpunkt gehalten.

Rekord der Nullgradgrenze bei 5298 Metern

Bereits im Jahr 2023 hatte die Nullgradgrenze laut dem Wetterdienst Meteoschweiz einen zeitweilig Höchstwert erreicht: Null Grad hatte es erst auf 5298 Metern – der höchste gemessene Wert seit Beginn der Messungen. Was sich in hohen Lagen als lauwarm bemerkbar macht, bringt die Menschen in den Tälern an die Grenzen des Erträglichen. Teilweise haben einige Länder, etwa die französische Regierung, bereits Krisensitzungen zum Umgang mit der Hitzewelle einberufen.

In einigen Regionen Frankreichs waren am gestrigen Sonntag über 40 Grad gemessen worden, in Spanien kämpft man mit bis zu 46 Grad. Auch in Deutschland kündigte der Deutsche Wetterdienst (DWD) für die kommende Woche sengende Hitze bis zu 39 Grad an. Im Tal und besonders in den asphaltbedeckten Städten kaum aushaltbar. Doch ist die Lage in den Bergen besser?

Ist die Hitze in den Bergen wirklich erträglicher?

Zwar nehmen die Temperaturen mit der Höhe ab, doch die Gefahren nehmen zu. Zuletzt wurde im neuen Klima-Sachstandsbericht ein desaströses Zeugnis für Österreichs Bergwelt ausgestellt: Die befürchtete Drei-Grad-Grenze ist längst überschritten. Nicole Slupetzky vom ÖAV zeigte sich resiginiert: Sie wünsche sich, dass der neue Bericht ein Weckruf sei, glaube jedoch nicht daran.

<p>Sorgenkind: Die Neue Prager Hütte.</p>

Sorgenkind: Die Neue Prager Hütte.

© alpenvereinaktiv.com

Vor allem die Wirte hochalpiner Hütten beobachten die Entwicklungen mit Sorge. Wassermangel, Steinschläge und Rettungseinsätze sind nur drei Konsequenzen der Hitze im alpinen Raum. Versiegt das Wasser, müssen viele Schutzhäuser wie in den Vorjahren vorzeitig schließen. Prominentester Fall ist wohl die Neue Prager Hütte, die sogar im Winter (!) zeitweise nur wenige Tage öffnen konnte.

Aber auch die Hüttenfundamente werden im Zuge des tauenden Permafrosts zunehmend instabiler. So vermeldet etwa der SAC über die Studie "Hütten 2050", dass jede Dritte Schweizer Hütte mittlerweile auf potenziell instabilem Boden stehe. Zahlreiche Schutzhäuser sind darüber hinaus von möglichen Felsstürzen gefährdet. Ähnliches sehen auch Deutscher, Österreichischer und Südtiroler Alpenverein auf sich zukommen.

<p>Mit diesem Aufruf will der Verband der alpinen Vereine Österreichs Öffentlichkeit und Politik aktivieren.</p>

Mit diesem Aufruf will der Verband der alpinen Vereine Österreichs Öffentlichkeit und Politik aktivieren.

© ÖAV

Hütten werden schließen und Wege aufgelassen werden müssen

So wandte sich etwa der Verband der alpinen Vereine Österreichs mit einem dringenden Appell an die Öffentlichkeit: Ein finanzielles Rettungspaket in der Höhe von 95 Mio. Euro sei nötig, um Schutzhütten und Wanderwege am Berg weiterhin zu bewahren. Drei bis vier Hütten pro Jahr werden ansonsten im Durchschnitt von den alpinen Vereinen nicht mehr weitergeführt werden können.

Auch einzelne Wege, wie zuletzt im Birgkar am Hochkönig, werden gesperrt oder aufgelassen werden müssen. 272 alpine Schutzhütten und 50.000 km Wanderwege befinden sich in einer akuten Notlage. Sie drohen aus finanzieller Not und aufgrund zunehmender Extremwetterereignisse infolge der Klimakrise buchstäblich wegzubröckeln.

Ursache: Der menschengemachte Klimawandel

Bereits im Jahr 2023 wies der Schweizer Wetterdienst darauf hin, dass er zwei verschiedene Nullgradgrenzen ermittele: eine via Wetterballons in der freien Atmosphäre, die andere aus bodennahen Messungen an Messstationen. In der Wettervorhersage werde die Höhe der Nullgradgrenze der freien Atmosphäre angegeben. Die bodennahe Nullgradgrenze diene der Analyse der langjährigen Entwicklung, da qualitativ hochwertige Daten an Messstationen bis weit in die Vergangenheit zurück verfügbar seien.

Besonders in Frühling und Sommer sei dieser Anstieg um derzeit teilweise um über 100 m pro Jahrzehnt spürbar. Als Grund für die steigende Nullgradgrenze benennen die Fachleute den menschengemachten Klimawandel. Bis Mitte des 21. Jahrhunderts rechnen die Expertenmit einem weiteren Anstieg um 400 bis 650 m, wenn die Treibhausgasemissionen ungebremst zunehmen.

Text von Lubika Brechtel

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